{"id":1273,"date":"2023-03-08T17:19:38","date_gmt":"2023-03-08T17:19:38","guid":{"rendered":"https:\/\/peterpodehl.com\/?page_id=1273"},"modified":"2023-04-05T15:48:05","modified_gmt":"2023-04-05T15:48:05","slug":"moglichkeiten-das-stuck-teil-2","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/webaid.it\/?page_id=1273","title":{"rendered":"M\u00f6glichkeiten &#8211; Das St\u00fcck &#8211; Teil 2"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-text-align-center\">***<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=452\">Zur\u00fcck zu Teil  1 <\/a><\/p>\n\n\n\n<p><strong>XIV<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>(<em>Geht bei geschlossenem Podestvorhang \u00fcber die B\u00fchne zu einem Telefon, hebt ab und w\u00e4hlt.<\/em>) Hallo, Fr\u00e4ulein?<br>&#8211;<br>Ja, Fr\u00e4ulein, bitte verbinden Sie mich mit dem Publikum im {Name des jeweiligen Theaters oder Raumes, in dem gespielt wird}.<br>&#8211;<br>Wie? Nein, nicht das Publikum von gestern. Das interessiert mich nicht. Ich m\u00f6chte mit den Zuschauern sprechen, die jetzt im {Name des Theaters} sitzen.<br>&#8211;<br>Doch, doch, Sie k\u00f6nnen st\u00f6ren. Auf meine Verantwortung.<\/p>\n\n\n\n<p>Danke.<\/p>\n\n\n\n<p>Hallo?! Ah, mein liebes Publikum. Hier spricht Ihr W\u00fcrfelbechermann. Guten Abend und &#8211; gute Pause w\u00fcnsche ich gehabt zu haben. Ich bin froh, dass ich Sie telefonisch erreicht habe. Ich bin Ihnen dadurch sehr verbunden. Von Zeit zu Zeit telefoniere ich n\u00e4mlich leidenschaftlich gerne, &#8211; ich habe den H\u00f6rer so gern in der Hand. Ja, stellen Sie sich mal vor: Fr\u00fcher, da gabs \u00fcberhaupt noch kein Telefon. Na, das m\u00fcssen Zeiten gewesen sein! Naja, die Leute von damals, die kannten gar nicht die Vorteile, die so&#8217;n Telefonieren mit sich bringt. Naja, ich kann doch zum Beispiel meinem Gespr\u00e4chspartner die Zunge rausstrecken, und der merkt das nicht. Mit Ihnen, mein liebes Publikum, w\u00fcrde ich mir das nat\u00fcrlich nicht erlauben. Nein, bestimmt nicht. Ehrenwort. Also wirklich&#8230; Aber bei Lieschen habe ich das neulich gemacht. Naja, die hat mich aber auch so gequ\u00e4lt, ich sollte ihr ein Liebesgest\u00e4ndnis machen. Und da habe ich ihr gesagt: &#8220;Aber Lieschen, du wei\u00dft doch, wie sehr ich dich liebe!&#8221; (<em>Streckt mit der letzten Silbe lang die Zunge heraus.<\/em>) Ja, Sie lachen, aber eigentlich war das ziemlich h\u00e4sslich. Ich meine, selbst wenn es sich zum Auseinandergehen neigt, &#8211; und das tut es bestimmt -, sollte man&#8230; Naja, haben Sie Bekannte in der Pause getroffen? Wissen Sie, was mir passiert ist? Ich sitze am Radio und h\u00f6re Sportnachrichten, &#8211; wer kommt da angelaufen? Lieschen! Ausgerechnet. War ziemlich unerfreulich. Bin schon wieder bei Lieschen. Ja, ich habe auf {Name zweier Rennpferde, die am selben oder am Vortag der Auff\u00fchrung gestartet sind} gesetzt, aber die Ergebnisse kamen noch nicht durch. \u00dcbrigens ist mir eine sehr h\u00fcbsche Antwort eingefallen auf die Frage: Was ist der Mensch? &#8211; Die Frucht der Pause&#8230; Also, ich meine nicht etwa, der Mensch sei die Frucht der Pause&#8230; Nein, das scheint mir ein bisschen abwegig. Nein, die Frucht der Pause ist es, dass mir eine Antwort eingefallen ist. Das ist eigentlich paradox, nicht? Denn das Wesen der Pause ist doch gerade Unfruchtbarkeit. Naja. Nun wollen wir mal unser Plaudermin\u00fctchen beenden und wieder ein bisschen w\u00fcrfeln. Sonst ist auch die Leitung zu Ihnen, mein liebes W\u00fcrfelbecherpublikum &#8211; ich erlaubte mir, Sie so zu nennen, ausnahmsweise, &#8211; so lange besetzt. (<em>Bleibt am Apparat.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">***<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><\/p>\n\n\n\n<p><strong>XV &#8211;&nbsp; Am Museum<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\/ Der obere Rand eines \u00fcbernat\u00fcrlich gro\u00dfen Papierkorbes, mit einer T\u00fcr darin. \/<\/p>\n\n\n\n<p><strong>XV, 1<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>EMPORE<br>(<em>Kommt und m\u00fcht sich, eine Pauke zur T\u00fcr zu schleppen.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>(S<em>teht noch am Telefon. Sieht Empore.<\/em>) Hallo?! Ja, ich muss aufh\u00f6ren. Empore ist da. Also. Auf Wiedersehen. Auf Wiederh\u00f6ren &#8211; vielmehr: &#8230; Jedenfalls: Auf Wieder! Bis gleich. (<em>Legt auf, rennt auf das Podest und greift zu.<\/em>) Moment.<\/p>\n\n\n\n<p>EMPORE<br>(<em>Erschrickt ein wenig bei seinem Anblick.<\/em>) Du &#8211; bist wieder da?&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>Ja.<\/p>\n\n\n\n<p>EMPORE<br>Und willst mir helfen?<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>Ja. Wohin soll sie denn?<\/p>\n\n\n\n<p>BEIDE<br>(<em>Fassen die Pauke an.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>EMPORE<br>Hier, zur T\u00fcr.<\/p>\n\n\n\n<p>BEIDE<br>(<em>Stellen die Pauke vor die T\u00fcr.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>EMPORE<br>(<em>Nach einer kleinen Pause:<\/em>) Dass du heute kommst &#8230;. Was hast du gemacht?<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>Pause.<\/p>\n\n\n\n<p>EMPORE<br>Hast du Lieschen gesehen?<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>Ja, denk mal! Ausgerechnet! Die lief mir direkt in die Arme.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>EMPORE<br>Dann hattest du gewiss die Arme ausgebreitet.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>Nein. Wieso? Ach, das mit Lieschen ist nicht so einfach. Wir haben viel durchgemacht miteinander, und uns recht und schlecht geplagt.<\/p>\n\n\n\n<p>EMPORE<br>Recht und gut w\u00e4re besser. Mit Leben und Liebe plagt man sich nicht, man macht sie nicht durch. Das ist doch viel zu kostbar, um einfach bis zum Tode abgelebt und abgeliebt zu werden. Wir d\u00fcrfen doch nicht so abgen\u00fctzt ins Grab steigen.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>Wenn du nur deinen Mund aufmachst, wei\u00df ich, dass etwas Kluges dabei herauskommen wird. Du brauchst es eigentlich gar nicht mehr auszusprechen.<\/p>\n\n\n\n<p>EMPORE<br>Also hattest du gar keine richtige Pause?<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>Ach, wann kommen wir Abendl\u00e4ndler des 20. Jahrhunderts schon mal zu einer richtigen Pause? Wir besch\u00e4ftigen uns doch haupts\u00e4chlich mit Fortschritt!<\/p>\n\n\n\n<p>EMPORE<br>Heute wird das Ministerium f\u00fcr Geldabschaffung abgeschafft. Ich werde frei.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>Hoffentlich kann ich mich auch frei machen.<\/p>\n\n\n\n<p>EMPORE<br>Die Pauke habe ich f\u00fcr Hellsinn besorgt.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>Ja, ich wei\u00df, von dem Bauern. Hellsinn wird sich freuen.<\/p>\n\n\n\n<p>EMPORE<br>Und: &#8211; Was ist der Mensch?<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>Ach so, ja. (<em>Ziemlich zuversichtlich:<\/em>) Mir ist was eingefallen. Pass auf: Die Pessimisten sagen: ein Gott, der will, aber nicht kann, und die Optimisten: ein Tier, das kann, aber nicht will.<\/p>\n\n\n\n<p>EMPORE<br>Was? Das verstehe ich nicht.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>Wieso? Das ist doch ganz einfach. Pass auf:&nbsp; &#8211;<\/p>\n\n\n\n<p>EMPORE<br>Nein, das kannst du mir nicht&nbsp; e r k l \u00e4 r e n. So eine verspielte Antwort, die schmei\u00dfen wir hier in den Papierkorb.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>Ja, ich wollte dich die ganze Zeit schon fragen: Was ist das f\u00fcr ein Monstrum?<\/p>\n\n\n\n<p>EMPORE<br>Unser Museum.&nbsp; Es hat die Form eines Riesenpapierkorbs. Es liegt unter der Erde, weil wir f\u00fcr sowas keine Luft bebauen wollten. Da schmei\u00dfen wir alles rein, was wir nicht mehr brauchen k\u00f6nnen: Nebelideen, alte Patente, falsche Gef\u00fchle, B\u00fccher von Dichtern, die leichtfertig die Ehe gebrochen haben, unl\u00f6sbare Probleme&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>In das Museum m\u00f6chte ich mal rein.<\/p>\n\n\n\n<p>EMPORE<br>Ich werde fragen, ob du das darfst. Es ist eine kleine Aufl\u00f6sungsfeierlichkeit des Ministeriums da unten.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>Ich hatte noch eine Antwort: Der Mensch ist die Frucht der Pause.<\/p>\n\n\n\n<p>EMPORE<br>(<em>Nach einem kurzen Nachdenken:<\/em>) Ja, sch\u00f6n. (<em>K\u00fcsst ihn leicht.<\/em>) Danke. Unseren Kindern geben wir eine einfachere Antwort.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>Finde ich die da unten im Papierkorb?<\/p>\n\n\n\n<p>EMPORE<br>Oh nein, die liegt hier auf der Stra\u00dfe. Da spielen die Kinder damit. Und wehe dem, der sie je in den Papierkorb schmei\u00dfen sollte.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>Ich habe auf euren Stra\u00dfen nicht gespielt. Sag mir eure Antwort.<\/p>\n\n\n\n<p>EMPORE<br>Der Mensch ist die H\u00e4lfte eines Liebespaares.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>Reizend!<\/p>\n\n\n\n<p>EMPORE<br>Was hat das mit Reizung zu tun?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>XV, 2<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>HELLSINN<br>(<em>Kommt.<\/em>) Empore. (<em>Zum W\u00fcrfelbechermann<\/em>): Was willst du denn schon wieder hier?<\/p>\n\n\n\n<p>EMPORE<br>Er m\u00f6chte gerne mal in den Papierkorb.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>Ja, wenn ich bitten d\u00fcrfte.<\/p>\n\n\n\n<p>HELLSINN<br>Nein, das k\u00f6nnen wir nicht gestatten. Stell dir mal vor, wenn jeder da aus der Vergangenheit kommen w\u00fcrde. (<em>Zu Empore:<\/em>) Nun komm, es ist schon wieder viel zu sp\u00e4t. (<em>Geht zur T\u00fcr. Die Pauke ist im Weg. M\u00fcrrisch:<\/em>) Was soll denn die Pauke hier direkt vor der T\u00fcr?! (<em>G<\/em>e<em>ht in den Papierkorb.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>EMPORE<br>Das kann ja heiter werden! (<em>Zum W\u00fcrfelbechermann:<\/em>) Warte. (<em>Geht in den Papierkorb.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>Wie stehe ich da? Wie &#8216;ne H\u00e4lfte&#8230; wie &#8216;ne schlechtere H\u00e4lfte.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>XV, 3<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>DER ZIEMLICH SERI\u00d6SE HERR<br>(<em>Kommt.<\/em>) W\u00fcrfelbechermann, welche Zukunft ist das hier?<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>Die bessere.<\/p>\n\n\n\n<p>DER ZIEMLICH SERI\u00d6SE HERR<br>Gro\u00dfartig. Da wird doch wohl mal Jemand kommen.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>Anzunehmen. Keine Zukunft ohne Menschen. Sagen Sie &#8230;&nbsp; Ich h\u00e4tte eine Frage: Was ist der Mensch?<\/p>\n\n\n\n<p>DER ZIEMLICH SERI\u00d6SE HERR<br>(<em>Lacht.<\/em>) Wissen Sie eine Antwort nach zweitausend Jahren?<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>Ja, die H\u00e4lfte eines Liebespaares.<\/p>\n\n\n\n<p>DER ZIEMLICH SERI\u00d6SE HERR<br>Ist ja reizend. Reizend formuliert. Echt weiblich. Haben Sie sicher von einer Frau. Ist nat\u00fcrlich Quatsch, aber reizend.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>Das k\u00f6nnen Sie Ihrer Frau erz\u00e4hlen.<\/p>\n\n\n\n<p>DER ZIEMLICH SERI\u00d6SE HERR<\/p>\n\n\n\n<p>(<em>Witzig:<\/em>) Nee, die glaubt mir das nicht. (<em>Lacht.<\/em>) Ja, ich werde mal mein Gedicht eben durchsprechen. (<em>Schnurrt &#8220;Edel sei der Mensch&#8221; ab, unterbricht sich:<\/em>) Wie banal ein Gedicht von Goethe klingt, wenn man es nur mal so repetitierenderweise durchspricht. (<em>Schnurrt weiter.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p><strong>XV, 4<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>FRAU HELLSINN<br>(<em>Kommt aus dem Papierkorb.<\/em>) Ach, diese Luft da unten.<\/p>\n\n\n\n<p>DER ZIEMLICH SERI\u00d6SE HERR<br>(<em>Ist verstummt und verbeugt sich nun vor jedem der Herauskommenden.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>HELLSINN<br>(<em>Kommt.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>FRAU HELLSINN<br>Na, findest du es hier nicht sch\u00f6ner?<\/p>\n\n\n\n<p>HELLSINN<br>Ach, mir ist das egal. Meinetwegen brauchte \u00fcberhaupt keine Feier zu sein. (<em>Die Pauke st\u00f6rt.<\/em>) Diese d\u00e4mliche Pauke.<\/p>\n\n\n\n<p>REDNER<br>(<em>Kommt aus dem Papierkorb.<\/em>) Nat\u00fcrlich ist es hier viel sch\u00f6ner. Im Papierkorb kommt man sich so weggeschmissen vor.<\/p>\n\n\n\n<p>EMPORE<br>(<em>Kommt ebenfalls wieder. Schnell zum W\u00fcrfelbechermann. w\u00e4hrend die anderen sich gruppieren.<\/em>) Schnell! Dass Hellsinn es nicht sieht. Ich hole dich wieder raus.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>Danke. (<em>Verschwindet im Papierkorb.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>REDNER<br>In dieser sch\u00f6neren Luft m\u00f6chte ich aber nun doch dem ganz kleinen Kreis eine Rede halten. Ich glaube, der \u00c4ther hat diese Rede n\u00f6tig.<\/p>\n\n\n\n<p>DER ZIEMLICH SERI\u00d6SE HERR<br>(<em>Tritt entschlossen, wenn auch devot vor.<\/em>) Es w\u00fcrde passen&#8230; Darf ich vielleicht erst einmal? Kleine k\u00fcnstlerische Umrahmung kann nie schaden. (<em>Rezitiert.<\/em>)&nbsp;<br>Edel sei der Mensch,<br>Hilfreich und gut. &#8211;<\/p>\n\n\n\n<p>FRAU HELLSINN<br>Was soll denn das?<\/p>\n\n\n\n<p>DER ZIEMLICH SERI\u00d6SE HERR<br>(<em>Indigniert:<\/em>) Ich muss mich doch sehr wundern. (<em>F\u00e4ngt wieder an:<\/em>)<br>Edel sei der Mensch,<br>Hilfreich und gut. &#8211;<\/p>\n\n\n\n<p>EMPORE<br>Sei doch ruhig! Was hast du denn?<\/p>\n\n\n\n<p>DER ZIEMLICH SERI\u00d6SE HERR<br>(<em>Bereits entschieden beleidigt:<\/em>) Du? Sie? \u00c4h&#8230; Das ist doch Goethe!<\/p>\n\n\n\n<p>EMPORE<br>Naja, das wissen wir. Aber das passt doch gar nicht hier her!<\/p>\n\n\n\n<p>DER ZIEMLICH SERI\u00d6SE HERR<br>Aber ich bitte Sie: Keine Feier ohne Goethe!<\/p>\n\n\n\n<p>REDNER<br>Uns passt er aber trotzdem nicht. Bitte geh oder sei still.<\/p>\n\n\n\n<p>DER ZIEMLICH SERI\u00d6SE HERR<br>Merkw\u00fcrdig famili\u00e4rer Ton. (<em>Geht.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p><strong>XV, 5<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>REDNER<br>Mein lieber ganz kleiner Kreis. Wir pflegen sonst keine Reden zu halten, wenn Minister abgesetzt werden. Es ist eigentlich nie ein entsprechender Anlass vorhanden. Meist hat eine Ehe nicht zuvor den liebevollen Weg beschritten, oder es ist sonst etwas Unrechtes geschehen. Aber heute haben wir es immerhin auf einen Redner und drei Zuh\u00f6rer gebracht. Wohl noch nie ist ein Minister mit solchen Ehren abgesetzt worden.<\/p>\n\n\n\n<p>HELLSINN<br>Komm, mach schnell. Das ist doch alles Unsinn.<\/p>\n\n\n\n<p>REDNER<br>Gut, wenn du meinst&#8230; Ich will mich in meiner Rede ganz nach den W\u00fcnschen meiner Zuh\u00f6rer richten. Feiern wir etwas anderes, etwas weniger Pers\u00f6nliches. Die kleine Gemeinde findet sich am Rande&nbsp; des Papierkorbs. Das Geld f\u00fcllt nicht mehr Taschen, Gehirne und Kontob\u00fccher. Jenseits des Randes, im Papierkorbkellermuseum f\u00fcllt es einige Glask\u00e4sten. Ich erinnere mich nicht, je einen bedeutungsvolleren Gegenstand in die Glask\u00e4sten des Papierkorbs versenkt zu haben.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>XV, 6<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>(<em>Erscheint ein wenig aufgeregt und verst\u00f6rt mit einem Museumsglaskasten in der T\u00fcr.<\/em>) Hier, da habt ihr eine Sache unter Glas, die ich miterlebe. Ich konnte damit nicht allein bleiben. In den Glask\u00e4sten da unten liegt \u00fcberall meine Leiche, &#8211; wie Schneewittchen. (<em>Stellt den Glaskasten hin und erkl\u00e4rt, wie ein Lehrer vor der Klasse:<\/em>) Es ist alles genau grafisch dargestellt, statistisch und historisch nachgewiesen. Moment, &#8211; da m\u00fcsste ich ja auch sehen k\u00f6nnen, wo das hinf\u00fchrt&#8230;? (<em>Verfolgt mit dem Finger auf der Glasscheibe.<\/em>) Hier! So&#8230; Was? Wie ist denn das m\u00f6glich geworden? Ach so&#8230;, na das h\u00e4tte ich nicht gedacht. Das kann ich mir gar nicht vorstellen. (<em>Schaut seinen Finger an.<\/em>) Staub gewischt wird nicht in eurem Papierkorb. Hier, &#8211; ich habe Staub auf den Fingern, der bei euch auf meiner Gegenwart liegt. Ich w\u00fcnschte, Sie k\u00f6nnten sehen, wie wir uns um diesen Fall erhitzen: Da wird gelogen, geschrieen, gejubelt, gesch\u00e4umt, auch geschossen und gestorben &#8211; Und oft weinen die Frauen&#8230; Und nun ist es Papierkorbinhalt, mit Staub und kleinen Zettelchen versehen. (<em>Sieht wieder in den Kasten.<\/em>)&nbsp; Moment mal! Ihr habt was vergessen. Eure Historiker sind nachl\u00e4ssig. Hier, &#8211; wenn hier die Menschen &#8220;Ja&#8221; gesagt h\u00e4tten, als man ihnen das Paradies versprach, dann w\u00e4re es ganz anders gekommen, &#8211; viel schlimmer. Ja, dann g\u00e4be es euch \u00fcberhaupt nicht! Ihr verdankt euer Leben unserem &#8220;Nein&#8221;! Hier wollten die Barbaren ihre Standarte aufpflanzen. Ihr habt die andere M\u00f6glichkeit vergessen. Wollt ihr sie sehen?<\/p>\n\n\n\n<p>HELLSINN<br>(<em>Etwas leichtfertig:<\/em>) Du kannst wohl zaubern? Her mit der Barbarei!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>XV, 7<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>F\u00dcHRER<br>(<em>Steht in einem gespenstischen Lichtkegel vor der kleinen Gemeinde und h\u00e4lt eine Rede:<\/em>) Ich fordere daher die uneingeschr\u00e4nkte Militarisierung des Friedens und die Verstaatlichung der Anarchie. Vor allen Dingen aber fordere ich die r\u00fccksichtslose Bek\u00e4mpfung des Schleichhandels mit Geist. Und wenn eine gr\u00f6\u00dfenwahnsinnige Clique glaubt, mit Gott gegen uns k\u00e4mpfen zu k\u00f6nnen, dann werden wir nicht davor zur\u00fcckschrecken, auch die letzten noch erlaubten Reste Gottes zu liquidieren. (<em>Verschwindet im erl\u00f6schenden Licht.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p><strong>XV, 8<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>REDNER<br>Und ich sage nun: Hellsinn, weg mit dieser Barbarei! Und der gr\u00f6\u00dfte Dank aller Menschen an dich, der du das Geld ermordet, &#8211; liquidiert hast!<\/p>\n\n\n\n<p>EMPORE<br>Und dank dem W\u00fcrfelbechermann, als er &#8220;Nein&#8221; sagte, als man ihm das Paradies der H\u00f6lle schenken wollte.<\/p>\n\n\n\n<p>REDNER<br>Ich wollte eigentlich noch viel sagen, aber &#8211;<\/p>\n\n\n\n<p>HELLSINN<br>Menschenskind! Nun h\u00f6rt doch blo\u00df mal auf.<\/p>\n\n\n\n<p>EMPORE<\/p>\n\n\n\n<p>(<em>Stellt sich vor die kleine Gemeinde.<\/em>) Nein. Ich muss noch drei Worte sage. Hellsinn! Du siehst nicht froh aus, wie nach getaner gro\u00dfer Arbeit.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>HELLSINN<br>Ich bin auch nicht froh. Du wei\u00dft ganz genau, &#8211;<\/p>\n\n\n\n<p>EMPORE<br>(<em>Schnell:<\/em>) Ja, &#8211; ich wei\u00df. Wir wollen so nicht auseinander gehen. Die anderen kennen deinen Ehebericht. Ich &#8211; kenne deine Ehe. Und ich bin gl\u00fccklich, &#8211;<\/p>\n\n\n\n<p>HELLSINN<br>Wenn du nur gl\u00fccklich bist!<\/p>\n\n\n\n<p>EMPORE<br>(<em>Zunehmend irritiert:<\/em>) Hellsinn, ich bitte dich! Ich bin gl\u00fccklich, dass&#8230; Ich schenke dir etwas, das dich freuen wird: eine Pauke. M\u00f6ge sie dich wieder ins rechte Gleis pauken, und dich so frei machen, dass &#8211;<\/p>\n\n\n\n<p>HELLSINN<br>Was soll ich denn mit der Pauke? Was hast du dir dabei gedacht?<\/p>\n\n\n\n<p>EMPORE:&nbsp;<br>(<em>Traurig:<\/em>) Ich dachte&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>REDNER<br>(<em>Versucht einzulenken:<\/em>) Ich denke, wir beenden nun unsere kleine Feierlichkeit. Frei von den Geldern der Erde m\u00f6ge die Musik dich wieder umgeben.<\/p>\n\n\n\n<p>HELLSINN<br>(<em>Steht auf.<\/em>) So. Jetzt halte ich eine Rede! Das ist alles Quatsch! Ich macht sch\u00f6ne Worte wie in einem Jungfernverein. Glaubt ihr denn wirklich, mit einer kleinen Heiterkeit k\u00f6nnt ihr mir helfen? Ihr mir helfen? Mit Reden und Pauken? Ich will auch gar nicht eure Hilfe! Ich f\u00fchle mich sauwohl. Der Redner, den dieser komische Knirps da gezaubert hat, &#8211; das war doch noch ein Kerl! Der liebt bestimmt die Frau, die ihm Spa\u00df macht und nimmt nicht ununterbrochen R\u00fccksicht. Der redet auch nicht drumrum. Und ich tu&#8217;s auch nicht mehr. Hier: Ich schmei\u00dfe euch meine Wahrheit vor die F\u00fc\u00dfe: Ich liebe Empore! Ich liebe Empore. Mehr als fr\u00fcher, mehr als meine Frau. Alles andere ist mir egal. Ich will nicht mehr edel sein, und immerzu bereit und&#8230; Meine Frau ist mir egal, meine Kinder sind mir egal. Ich liebe Empore. (<em>Geht zu ihr.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>EMPORE<br>Komm mir nicht zu nahe.<\/p>\n\n\n\n<p>REDNER<br>(<em>Hat aus seiner Tasche ein schwarz-wei\u00dfes Kreuz geholt, das er an Hellsinns Brust befestigt.<\/em>) Ich verhafte dich mit dem Friedensstrafkreuz. Du wei\u00dft, was es dir auferlegt. Die Gemeinschaft st\u00f6\u00dft dich aus und auf dich selbst zur\u00fcck. Empore wird dir dieses Kreuz abnehmen, wenn du sie darum bittest, wenn du dich ent-schuldet hast. Man wird &#8220;Sie&#8221; zu dir sagen. (<em>Geht.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>HELLSINN<br>(<em>Zu seiner Frau:<\/em>) Entschuldige, aber &#8230; sieh mal &#8211;<\/p>\n\n\n\n<p>FRAU HELLSINN<br>(<em>Mit \u00dcberwindung:<\/em>) Ich sehe nichts an Ihnen. (<em>Geht.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>EMPORE:<br>(<em>Zu Hellsinn:<\/em>) Sie werden mich bald bitten, Ihnen das (<em>Deutet auf das Kreuz.<\/em>) abzunehmen, nicht wahr? Komm, W\u00fcrfelbechermann. (<em>Will gehen.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>(<em>Will ihr folgen.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>HELLSINN<br>(<em>Geht ihnen nach.<\/em>) Ich komme auch mit, Empore.<\/p>\n\n\n\n<p>EMPORE<br>Sie wissen, dass Sie mir mit diesem Kreuz nicht folgen d\u00fcrfen. Es sei denn, um mich zu bitten, es Ihnen abzunehmen. Aber so weit kann es noch nicht sein.<\/p>\n\n\n\n<p>HELLSINN<br>Ich wei\u00df schon, was das Kreuz mir auferlegt. Ich gehe auch nicht dir nach, sondern dem W\u00fcrfelbechermann. Und da er dir folgt, schlage ich dem Kreuz ein Schnippchen! Denkt doch nicht, dass es so leicht sei, Hellsinn zu bestrafen.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>Es ist sehr leicht, Herr Minister. Ich werde Empore nicht folgen. (<em>Geht nach der anderen Seite.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>HELLSINN<br>(<em>Bleibt verdutzt stehen. Dann geht er zur Pauke.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>DIE DREI<br>(<em>Bilden ein gro\u00dfes Dreieck.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>EMPORE<br>(Traurig:) Wirst du Lieschen sehen?<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>Ich wei\u00df nicht. Es gibt viele M\u00f6glichkeiten. (<em>Geht.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>EMPORE<br>Komm wieder&#8230; (<em>Zu Hellsinn:<\/em>) Was meinst du: Ob er Lieschen sehen wird?<\/p>\n\n\n\n<p>HELLSINN<br>(<em>Erstaunt, dass sie ihn anspricht:<\/em>)&nbsp; M i c h&nbsp; fragst du?<\/p>\n\n\n\n<p>EMPORE<br>(<em>Mit leisem L\u00e4cheln:<\/em>) Ja, entschuldige, du kannst es ja gar nicht wissen&#8230;.<\/p>\n\n\n\n<p>HELLSINN<br>Es scheint dich ja sehr zu interessieren?!<\/p>\n\n\n\n<p>EMPORE<br>(<em>Schaut ihn erschrocken an:<\/em>) Ja. (<em>Geht schnell weg.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>HELLSINN<br>(<em>Setzt sich auf die Pauke und schaut ihr nach.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>\/Vorhang zu. Umbau.\/<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">***<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><\/p>\n\n\n\n<p><strong>XVI<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>(<em>Kommt vor das Podest. Humorig:<\/em>) Nun finde ich mich besonders edel. Ich habe in einer Zeit, in der ich noch gar nicht lebe, ein Opfer gebracht. Und ich w\u00e4re kein Mensch, wenn ich dabei nicht selbstvoll an den Lohn gedacht h\u00e4tte! Die sind mir doch nun verpflichtet. Ich kn\u00fcpft ein Band. Bande kn\u00fcpfen ist vorteilhaft.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>DER ZIEMLICH SERI\u00d6SE HERR<br>(<em>Kommt. Ziemlich entr\u00fcstet:<\/em>) H\u00f6ren Sie mal! Was soll denn das?!<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>Was?<\/p>\n\n\n\n<p>DER ZIEMLICH SERI\u00d6SE HERR<br>Na, ich komme ja nicht zu Potte mit meinem Gedicht. Nirgends l\u00e4sst man mich zu Ende kommen. Was ist denn das f\u00fcr ein Theater, wo man nicht mal Goethe rezitieren darf?!<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>Ja, ich wei\u00df auch nicht was das f\u00fcr &#8211;<\/p>\n\n\n\n<p>DER ZIEMLICH SERI\u00d6SE HERR<br>Also, ich bitte Sie, Ihren ganzen W\u00fcrfelbechereinfluss einzusetzen, dass ich mal zu ende rezitieren darf. Egal wo. Und wenn ich Goethe in der negativen Zukunft beenden muss. (<em>Emp\u00f6rt sich noch einmal:<\/em>) Es ist ja gradezu ein Skandal, eine Kulturschande, wie Goethe in Zukunft behandelt wird. (<em>Geht.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>Mensch, ich habe ganz andere Sorgen. Tja, also vorhin, zu Anfang, da hie\u00df es f\u00fcr mich: Wie sag ich&#8217;s meinem Publikum? Jetzt hei\u00dft es viel komplizierter: Wie sag ich&#8217;s meinen Haaren? Vielmehr: Ihren Haaren. Vielleicht k\u00f6nnten Sie so gut sein und mal rausgehen, und ihre Haare dalassen. Ich habe n\u00e4mlich eine kleine Ansprache zu richten. Moment mal: wenn Sie rausgehen, w\u00fcrden Sie wahrscheinlich Ihre Haare mitnehmen. Das h\u00e4tte auch keinen Zweck. Hmm.. Also, ich wei\u00df keine andere L\u00f6sung: Ich bitte Sie sehr um Entschuldigung, dass Sie diese Ansprache an Ihre Haare mit anh\u00f6ren m\u00fcssen. (<em>Zieht einen Zettel hervor. Entdeckt etwas im Zuschauerraum.<\/em>) Da sitzt ja eine Glatze. Also, jetzt wei\u00df ich \u00fcberhaupt nicht mehr, was ich machen soll. (<em>Leicht ver\u00e4rgert:<\/em>) Ach was! Ich lese einfach vor. Mir ist vollkommen egal, ob da Glatzen mith\u00f6ren, oder nicht. Also: (<em>Liest:<\/em>) &#8220;Meine sehr verehrten Langen und Kurzen! Ich wende mich an Sie alle, unbeschadet Ihrer farblichen oder gef\u00e4rbten Unterschiede. Ich kenne keine Haarspaltereien mehr, nur noch Haare! Es k\u00f6nnte passieren, dass Sie sich str\u00e4uben, oder gerauft werden. Und ich bitte Sie: Str\u00e4uben Sie sich nicht. Setzen Sie jeder Raufung den entschiedensten Widerstand entgegen. Hinterher w\u00fcrden Sie sich n\u00e4mlich \u00e4rgern, sich gestr\u00e4ubt zu haben. Oder gerauft worden zu sein.&#8221; So weit die Ansprache an die Haare.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">***<\/p>\n\n\n\n<p>\/Vorhang auf.\/<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><\/p>\n\n\n\n<p><strong>XVII&nbsp; Stra\u00dfe<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\/Eine transparente H\u00e4userfront ist vor dem Podest aufgestellt. Fenster und T\u00fcren sind durch Rahmen erkenntlich. Stufen f\u00fchren vorn in der Mitte vor dem Podest durch eine &#8220;T\u00fcr&#8221; ins Hausinnere. Am hinteren Podestrand ist ebenfalls eine H\u00e4userfront sichtbar, sodass der Eindruck einer Stra\u00dfe entsteht. Eine PUPPE VON HELLSINNS FIGUR UND KLEIDUNG liegt zusammengekauert auf der Pauke.\/<\/p>\n\n\n\n<p><strong>XVII, 1&nbsp;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>Und nun ein paar Worte \u00fcber das, was hier zusammengew\u00fcrfelt ist. (<em>Geht aufs Podest.<\/em>) Ich stehe jetzt auf der Stra\u00dfe. Das hier sind Fenster und T\u00fcren. Sie, meine verehrten Damen und Haare &#8211; \u00e4h, Herren befinden sich sozusagen im Haus. Es ist ein gew\u00f6hnliches Mietshaus in der ekelhaften Zukunft. Nat\u00fcrlich viel h\u00f6her, als sich das hier aufbauen l\u00e4sst. Das Haus steht buchst\u00e4blich \u00fcber den Horizont hinaus. Sie k\u00f6nnten sozusagen auch aus dem Fenster sehen. Aber fallen Sie nicht raus.<\/p>\n\n\n\n<p>EINE PUPPE VON KINDLICHER FIGUR&nbsp;<br>(<em>F\u00e4llt aus einem oberen Stockwerk auf die Stra\u00dfe.<\/em>)&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>(<em>Erschrickt, will hingehen, zieht sich aber in die N\u00e4he der Pauke zur\u00fcck, weil er jemanden kommen sieht.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p><strong>XVII, 2<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>MINISTER<br>(<em>Kommt, sieht die Leiche, wartet an einer Ecke.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>AT 621 WEIBLICH<br>(<em>Kommt aus dem vorderen Haus aufs Podest, schaut sich um, geht zum Minister, bettelt:<\/em>) Eine kleine Gabe.<\/p>\n\n\n\n<p>MINISTER<br>Betteln? Jetzt, wo man in allen R\u00fcstungsfabriken \u00dcberstunden machen und steinreich werden kann?<\/p>\n\n\n\n<p>AT 621 WEIBLICH<br>Kleine Gabe &#8211; f\u00fcr den Modesalon.<\/p>\n\n\n\n<p>MINISTER<br>Da h\u00f6rt sich doch alles auf! Was wollen Sie arme Person denn im Modesalon? Drehen Sie den Gashahn auf oder springen Sie aus dem Fenster.<\/p>\n\n\n\n<p>AT 621 WEIBLICH<br>Wir wohnen im Keller und sind zu arm f\u00fcr eine Gasleitung.<\/p>\n\n\n\n<p>MINISTERGATTIN<br>(<em>Kommt.<\/em>) Mit wem sprichst du denn da?<\/p>\n\n\n\n<p>MINISTER<br>Sie will Geld f\u00fcr den Modesalon.<\/p>\n\n\n\n<p>MINISTERGATTIN<\/p>\n\n\n\n<p>Bettelweib! Gehen Sie arbeiten! Verdienen Sie sich das Geld f\u00fcr den Modesalon auf anst\u00e4ndige Weise!<\/p>\n\n\n\n<p>AT 621 WEIBLICH<br>(<em>Geht.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p><strong>XVII, 3<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>MINISTERGATTIN<br>Also, was ist mit dir, Schnuckiputzi?<\/p>\n\n\n\n<p>MINISTER<br>Tja &#8211; ich bin weiterhin in Ungnade beim F\u00fchrer. Er verzeiht mir nicht, dass ich die Verstaatlichung der Anarchie nicht beschleunigt habe. Der \u00dcberstaatssekret\u00e4r wollte mich gar nicht empfangen. Ich ging aber einfach rein. Und da sagte er mir, ich solle froh sein, dass es nur ein Einberufungsbefehl und kein Haftbefehl sei.<\/p>\n\n\n\n<p>MINISTERGATTIN<br>Und? Was wirst du nun tun? Dem F\u00fchrer zu F\u00fc\u00dfen fallen?&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>MINISTER<br>Wo denn? Er ist doch schon vor Kriegsausbruch ins Hauptquartier.<\/p>\n\n\n\n<p>MINISTERGATTIN<br>(<em>Sentimental:<\/em>) Siehst du, dahin wollte er mich mitnehmen und mir jeden Tag einen Strau\u00df roten Kriegsmohn schenken.<\/p>\n\n\n\n<p>MINISTER<br>Ja, daraus wird nun nichts.<\/p>\n\n\n\n<p>MINISTERGATTIN<br>Weil du ein Popanz bist.<\/p>\n\n\n\n<p>MINISTER<br>Tja, ich muss nun in die Kaserne. Was wirst du tun?<\/p>\n\n\n\n<p>MINISTERGATTIN<br>Was bleibt mir denn \u00fcbrig, als in den Modesalon zu gehen?<\/p>\n\n\n\n<p>MINISTER<br>(<em>Entsetzt:<\/em>) Nein!<\/p>\n\n\n\n<p>MINISTERGATTIN<br>Nat\u00fcrlich. Du kannst mir doch nicht zumuten, dass ich Polizistin werde!<\/p>\n\n\n\n<p>MINISTER<br>Das werde ich zu verhindern wissen. Ich habe \u00fcberall meine Beziehungen.<\/p>\n\n\n\n<p>MINISTERGATTIN<br>Du? Wer die Gnade des F\u00fchrers verliert, verliert auch seine Beziehungen.<\/p>\n\n\n\n<p>MINISTER<br>Es k\u00f6nnte doch sein, dass ich lebend zur\u00fcckkomme.<\/p>\n\n\n\n<p>MINISTERGATTIN<br>Oder als Kr\u00fcppel. Dann sind wir ein armes Ministerehepaar a. D. Nein, nein. Gib mir nur das Geld f\u00fcr den Modesalon.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>MINISTER<br>Nein, also ich kann mir das nicht antun.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>XVII, 4<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>POLIZIST<br>(<em>Kommt mit einem Handkarren voller Uniformst\u00fccke und Listen, sieht die Leiche. Zur Ministergattin:<\/em>) Ausweis.<\/p>\n\n\n\n<p>MINISTERGATTIN<br>(<em>Gibt ihm den Ausweis.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>POLIZIST<br>(<em>Sieht sich den Ausweis aufmerksam an.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>MINISTERGATTIN<br>(<em>Will ihren Mann mit sich fortziehen.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>POLIZIST<br>Halt! Wie wollen Sie denn ohne Ausweis leben? (<em>Pr\u00fcft weiter.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>MINISTERGATTIN<br>(<em>Leise:<\/em>) Ich will ja nicht. (<em>Zu ihrem Mann:<\/em>) Gib mir das Geld!<\/p>\n\n\n\n<p>MINISTER<br>Nein. Du wei\u00dft, dass der Modesalon verboten ist. Und ich war schlie\u00dflich Minister.<\/p>\n\n\n\n<p>POLIZIST<br>(<em>Gibt ihr den Ausweis zur\u00fcck:<\/em>) Zur Polizei eingezogen. (<em>Setzt ihr eine sehr gro\u00dfe M\u00fctze tief ins Gesicht, schmei\u00dft ihr ein paar klotzige Filzstiefel hin, gibt ihr einen viel zu weiten Mantel, Karabiner und Revolver mit Tasche.<\/em>) Anziehen, umschnallen, ausr\u00fcsten. Erster Sold in der Tasche. F\u00fcrstlich! (<em>Klingelt mit einer Glocke wie ein Ausrufer und liest dann von einem Blatt Papier:<\/em>) &#8220;Achtung! Folgsames Volk! Das Volk hat euch den Krieg zu erkl\u00e4ren. Es gelten alle bei fr\u00fcheren Kriegsausbr\u00fcchen verordneten Verordnungen. Dar\u00fcber hinaus befiehlt zum 186. Kriegsausbruch das Volk dem Volk:&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\">\n<li>Ideologische Notverst\u00e4ndlichkeit kriegerischer Fortsetzung eingeschlagener Politik mit anderen Mitteln ist vom Volk einzusehen und dementsprechend zu handeln, zu r\u00fcsten und zu morden.<\/li>\n\n\n\n<li>Selbstmord jedoch ist streng verboten und zieht bei Missgl\u00fccken die Todesstrafe nach sich.&nbsp;<\/li>\n\n\n\n<li>Bimmelnde, kriegserkl\u00e4rende Polizisten ziehen fahrende Bekleidungskammern&nbsp; mit sich, um das nicht werkt\u00e4tige Volk sofort zu polizistisieren.&#8221; (<em>Bimmelt.<\/em>)<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p>MINISTER<br>(<em>Will gehen.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>POLIZST<br>Halt! Wohin denn?<\/p>\n\n\n\n<p>MINISTER<br>Zur Truppe. Ich habe die Einberufung.<\/p>\n\n\n\n<p>POLIZIST<br>Moment. Da die Truppen verschoben werden, sind Truppenverschiebungen im Gange. Ausweis.<\/p>\n\n\n\n<p>MINISTER<br>(<em>Gibt ihm den Ausweis.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>POLIZIST<br>(<em>Gibt ihn der Ministergattin:<\/em>) Lesen!<\/p>\n\n\n\n<p>MINISTERGATTIN<br>(<em>Hat sich in ein widerliches Flintenweib verwandelt, liest monoton, ohne Pause:<\/em>) &#8220;IRF 4891&nbsp; m\u00e4nnlich. Geboren 11.7.678 in BX; erlernter Beruf: r\u00f6misch drei Schr\u00e4gstrich 17586 klein A; ausge\u00fcbter Beruf: r\u00f6misch eins, Schr\u00e4gstrich eins, gro\u00df A; Arbeitsamt: 64532 Schr\u00e4gstrich klein A 881; Wohnungsamt: 467583 Schr\u00e4gstrich klein C minus 15; Kartenstelle: 6419 Schr\u00e4gstrich r\u00f6misch &#8211; (<em>Muss atmen.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>POLIZIST&nbsp;<br>(<em>Hat in Listen verglichen und bei jedem Posten genickt.<\/em>) Was ist denn?<\/p>\n\n\n\n<p>MINISTERGATTIN<br>Musste atmen. (<em>Liest weiter:<\/em>) &#8220;767; Wehrnummer: 1486 Schr\u00e4gstrich r\u00f6misch drei Schr\u00e4gstrich 740 gro\u00df B klein IFB Atombombenabwehrbek\u00e4mpfung.<\/p>\n\n\n\n<p>MINISTER<br>Was ist denn das?<\/p>\n\n\n\n<p>POLZIST<br>Die neue Geheimwaffe des F\u00fchrers, die gegen die Atombombenabwehr eingesetzt wird. Polizistin! F\u00fchren Sie den Mann zur Atombombenabwehrbek\u00e4mpfungskompanie 234 in der 849. Kaserne. Die ist gleich um die Ecke. Waffengewalt ist anzuwenden.<\/p>\n\n\n\n<p>MINISTERGATTIN<br>(<em>Legt die Pistole an die Schl\u00e4fe.<\/em>) Zu Befehl!<\/p>\n\n\n\n<p>POLZIST<br>Nehmen Sie die Pistole von der Schl\u00e4fe! Sie sind doch hier nicht im Modesalon.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>MINISTERGATTIN<br>(<em>Verbessert ihre Haltung.<\/em>) Zu Befehl. (<em>Zu ihrem Mann:<\/em>) Nun geh, du Popanz, ich habe Waffengewalt \u00fcber dich.<\/p>\n\n\n\n<p>MINISTER<br>(<em>Geht.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>MINISTERGATTIN<br>(<em>Folgt ihm als h\u00e4tte sie nie St\u00f6ckelschuhe getragen.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>POLIZIST<br>(<em>Zieht lachend mit seinem Karren hinterher.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p><strong>XVII, 5<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>AT 621 WEIBLICH<br>(<em>Kommt, vorsichtig umhersp\u00e4hend.<\/em>) Keiner gibt mir Geld f\u00fcr den Modesalon. Und ich muss doch. Ich habe schon f\u00fcnf \u00dcberstunden vers\u00e4umt. Die pr\u00fcgeln mich tot. (<em>Sieht Hellsinn, untersucht ihn vorsichtig, fasst in seine Taschen.<\/em>) Der hat kein Geld, armer Toter.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>(<em>Kommt vor.<\/em>) Was tun Sie denn da?<\/p>\n\n\n\n<p>AT 621 WEIBLICH<br>(<em>Erstaunt und froh:<\/em>) W\u00fcrfelbechermann?! Ich sehe dich wieder?!<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>Was suchen Sie denn bei dem Herrn?<\/p>\n\n\n\n<p>AT 621 WEIBLICH<br>Nichts mehr. Ich bin selig, denn ich habe dich ja wieder&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>POLIZIST<br>(<em>Kommt mit dem Karren wieder, wartet an der Leiche auf jemanden.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>AT 621 WEIBLICH<br>Polizei! (V<em>erschwindet im vorderen Haus, bleibt am T\u00fcrrahmen &#8211; also vor dem Podest &#8211; ab und zu herauslugend, zu sehen.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>MINISTERGATTIN<br>(<em>Ist dem Polizisten gefolgt<\/em>.)<\/p>\n\n\n\n<p>POLIZIST<br>Und das kann ich dir sagen: Wenn alles zugrunde geht, &#8211; die Polizei bleibt \u00fcbrig. Wir zeugen dann ein neues Geschlecht von Polizisten. (<em>Anz\u00fcglich:<\/em>) Machst du da mit?<\/p>\n\n\n\n<p>MINISTERGATTIN<br>(<em>Zuckt die Achseln.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>POLIZIST<br>(<em>Meint die Leiche:<\/em>) Was ist denn das?<\/p>\n\n\n\n<p>MINISTERGATTIN<br>Ne Kinderleiche.<\/p>\n\n\n\n<p>POLIZIST<br>(<em>Hat Hellsinn entdeckt. Sch\u00fcttelt ihn.<\/em>) Und hier ist &#8216;ne M\u00e4nnerleiche.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>Verzeihung, der Herr schl\u00e4ft auf seiner Pauke.<\/p>\n\n\n\n<p>POLIZIST<br>Im Moment schl\u00e4ft man bei uns nicht.&nbsp; (<em>Versucht vergeblich, Hellsinn zu wecken.<\/em>) Der Mann ist tot. Kommen Sie mit.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>Warum?<\/p>\n\n\n\n<p>POLIZIST<br>Weil Sie der M\u00f6rder sind. Das hei\u00dft&nbsp; &#8211; (<em>Bl\u00e4ttert in seinen Listen:<\/em>) Sie haben Gl\u00fcck. Eigentlich leben wir in einem Rechtsstaat. Aber weil Krieg ist, wird jeder Mann gebraucht. Besonders M\u00f6rder. Haben Sie keine Einberufung?<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>Nein.<\/p>\n\n\n\n<p>POLIZIST<br>Komisch.<em> (Nimmt wieder seine Liste zur Hand.<\/em>) Jahrgang? &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>Zweiundzwanzig.<\/p>\n\n\n\n<p>MINISTERGATTIN<br>(<em>Zum W\u00fcrfelbechermann:<\/em>) Was hatte der Tote f\u00fcr Augen?<\/p>\n\n\n\n<p>POLIZIST<br>Hier: 722.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>Verzeihung: 1922! Das hei\u00dft nat\u00fcrlich&#8230; Wieso? Das St\u00fcck spielt doch in der Zukunft.<\/p>\n\n\n\n<p>MINISTERGATTIN<br>Was?<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>(<em>Etwas verdattert:<\/em>) Ich meine, das kann doch nicht stimmen: 722 nach Christus?<\/p>\n\n\n\n<p>MINISTERGATTIN<br>Wer ist denn das?<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>Jesus Christus.<\/p>\n\n\n\n<p>POLIZIST<br>Nie geh\u00f6rt.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>Ja, wann war denn das Jahr 1?<\/p>\n\n\n\n<p>POLIZIST<br>Ist denn das die M\u00f6glichkeit! Haben Sie denn nie Religionsunterricht gehabt?<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>Wieso? Doch &#8211; eben.<\/p>\n\n\n\n<p>POLIZIST<br>Na und? Haben Sie im Religionsunterricht nicht gelernt, dass unsere Zeitrechnung von der Gr\u00fcndung des Dritten Reichs im ehemaligen Deutschland datiert?<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>Ach so! Naja, ich erinnere mich. Aber das dauerte doch nur 12 Jahre?<\/p>\n\n\n\n<p>POLIZIST<br>Richtig. Aber dann kam bekanntlich F\u00fchrer II und richtete es noch m\u00e4chtiger und herrlicher wieder auf.<\/p>\n\n\n\n<p>MINISTERGATTIN<br>Die Schl\u00e4fe des Toten ist durchsichtig wie Glas, als ob er tr\u00e4umte. Woher kannten Sie ihn?<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>Von woanders.<\/p>\n\n\n\n<p>POLIZIST<br>Der ganze Fall ist sehr verd\u00e4chtig. Hier liegt Sabot-, wenn nicht gar Spionage vor. Ich werde die Justizb\u00fcrokratie in Bewegung setzen. Polizistin! Bewachung von Leiche und M\u00f6rder. Weisung abwarten. Waffengewalt ist anzuwenden.<\/p>\n\n\n\n<p>MINISTERGATTIN<br>(<em>Salutiert.<\/em>) Zu Befehl!<\/p>\n\n\n\n<p>POLIZIST<br>(<em>Schiebt ab.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p><strong>XVII, 6<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>MINISTERGATTIN<br>Warum haben Sie ihn denn ermordet?<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>Er ist ja gar nicht tot. Er schl\u00e4ft.<\/p>\n\n\n\n<p>MINISTERGATTIN<br>(<em>Untersucht Hellsinn. Erstaunt:<\/em>) Tats\u00e4chlich. Er atmet ganz ruhig. So ruhig m\u00f6chte ich auch einmal atmen k\u00f6nnen. Und Sie wissen nicht, was er f\u00fcr Augen hat.?<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>Nein.<\/p>\n\n\n\n<p>MINISTERGATTIN<br>Schade. Und sein Beruf?<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>Er ist Minister gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p>MINISTERGATTIN<br>Ach, dann h\u00e4tte er ja mein Mann sein k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>Ja, h\u00e4tte&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>MINISTERGATTIN<br>Und er kann hier ganz bestimmt nicht aufwachen?<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>Nein. Was soll er auch? W\u00fcnschen Sie es ihm? Jetzt, bei Kriegsausbruch?<\/p>\n\n\n\n<p>MINISTERGATTIN<br>Nein, es h\u00e4tte gar keinen Sinn. Es hat gar keinen Sinn. (<em>Zieht den Mantel aus.<\/em>) Die Pistole im R\u00fccken meines Mannes hat mir auch nur wenig Freude bereitet. Ich will ihn zudecken, er k\u00f6nnte frieren. (<em>Tut es.<\/em>) Nein, wenn er die Augen hier nicht aufmacht, &#8211; hat es keinen Sinn mehr. Ich gehe doch in den Modesalon. (<em>Schn\u00fcrt das Koppel um die elegante Taille, h\u00e4ngt den Karabiner \u00fcber die elegante Schulter und will &#8211; eine schreckliche Witzfigur &#8211; gehen.<\/em>) Halt, das Geld! (<em>Holt es aus der Manteltasche und geht.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p><strong>XVII, 7<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>AT 621 WEIBLICH<br>(<em>Kommt schnell aus dem &#8220;Haus&#8221;.<\/em>) W\u00fcrfelbechermann, lass uns fliehen. Ich habe dich gesucht, seit du in den Gittern verschwunden warst. Du mein Abgott, mein Ideal!<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>(<em>Unangenehm ber\u00fchrt:<\/em>) Was sind das f\u00fcr Worte?<\/p>\n\n\n\n<p>AT 621 WEIBLICH<br>Woher soll ich andere nehmen?<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>Wohin willst du denn immer fliehen?<\/p>\n\n\n\n<p>AT 621 WEIBLICH<br>So gib mir Geld.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>Ich habe kein Geld f\u00fcr dich!<\/p>\n\n\n\n<p>AT 621 WEIBLICH<br>Nein, du hast nur f\u00fcr deine Empore.<\/p>\n\n\n\n<p>MINISTER<br>(<em>Kommt aufgeregt:<\/em>) Wo ist meine Frau?<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>Zum Modesalon.<\/p>\n\n\n\n<p>MINISTER<br>Aber sie braucht nicht. Ich werde nicht Soldat. (<em>Rennt weg.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>AT 621 WEIBLICH<br>Kein Geld. Keine Liebe. Keine Flucht&#8230;.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>Was ist das f\u00fcr ein Modesalon?<\/p>\n\n\n\n<p>AT 621 WEIBLICH<br>Ein ehemaliger Modesalon&#8230; (<em>Sieht die Kinderleiche. Mit erstauntem Bedauern:<\/em>) Och, der kleine SNZ 784. (<em>Ruft nach oben:<\/em>) Was hat er denn getan?<\/p>\n\n\n\n<p>STIMME VON OBEN<br>Konsum hat er gespielt. Mit richtigem Geld. Wie ich ihn verdreschen wollte, ist er aus dem Fenster gesprungen. Warten Sie, ich hole gleich das Geld.<\/p>\n\n\n\n<p>AT 621 WEIBLICH<br>(<em>Fasziniert:<\/em>) Geld? (<em>Untersucht den Jungen. Findet eine Waage in seinen H\u00e4nden.<\/em>) Eine Waage. (<em>Findet Geld.<\/em>) Und hier ist Geld! Oh, wie viel! So, nun kann ich meinen Tod kaufen. (<em>Rennt weg.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>\/Vorhang. Umbau.\/<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">***<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><\/p>\n\n\n\n<p><strong>XVIII<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>(<em>Hat die Waage genommen und ist vom Podest gesprungen.<\/em>) Er hat Konsum gespielt. Er wird nie wieder Konsum spielen, der kleine SNZ 784. Lassen Sie uns etwas spielen. Lassen Sie uns die beiden Zuk\u00fcnfte wiegen, mit denen wir uns nun schon seit l\u00e4ngerer Zeit besch\u00e4ftigen. Ich meine: Es ist ja ziemlich klar, welche die schwerere ist, &#8211; Aber trotzdem. (<em>W\u00fcrfelt.<\/em>) So, hier habe ich jetzt die h\u00e4ssliche Zukunft zusammengew\u00fcrfelt. (<em>Sch\u00fcttet sie in eine der Schalen, die sinkt. W\u00fcrfelt wieder.<\/em>) Und hier die andere, in die wir alle doch wohl wollen. (<em>Sch\u00fcttet sie in die andere Schale. Die Schalen halten sich die Waage.<\/em>) Nanu? Das kann doch nicht stimmen. Das ist doch unm\u00f6glich, dass es bei Empore genau so schwer ist, wie bei dem F\u00fchrer. Das ist ja eine vollkommen unempfindliche Waage. Das wollen wir doch gleich mal ausprobieren. (<em>Sch\u00fcttet die Schaleninhalte aus.<\/em>) So, raus mit den Zuk\u00fcnften. Und nun w\u00fcrfle ich in die eine Schale das Theater. (<em>Tut es. Die Schale sinkt.<\/em>) Und in die andere das Leben. (<em>Tut es. Die letztere Schale hat weitaus mehr Gewicht.<\/em>) Doch. Die funktioniert. Das Theater hat es sich doch zu allen Zeiten leichter gemacht. Das Leben war immer um etliche Pfund schwerer. Vielleicht habe ich vorhin nicht richtig gew\u00fcrfelt. (<em>Sch\u00fcttet wieder aus und w\u00fcrfelt.<\/em>) So, hier kommt jetzt also rein: Kellerwohnk\u00fcche, Angst, Einberufung und Willk\u00fcr. (<em>F\u00fcllt eine Schale, die sich daraufhin senkt. W\u00fcrfelt weiter.<\/em>) Und hier: Geldabgabeschalter, Verst\u00e4ndnis, Papierkorb und Verhaftung mit dem Kreuz. (<em>F\u00fcllt die andere Schale, die weitaus leichter bleibt.<\/em>) Na also. Das w\u00e4re ja auch zu komisch gewesen. So. (<em>L\u00e4sst die Waage stehen.<\/em>) Jetzt entschuldigen Sie mich bitte ein paar Minuten. Ich will nur zum Radio, ob die {Pferdenamen, wie oben} gewonnen haben. (<em>Geht.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">***<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-group has-global-padding is-layout-constrained wp-block-group-is-layout-constrained\">\n<p class=\"has-text-align-right\"><\/p>\n\n\n\n<p><strong>XIX&nbsp; Orchester und Radio<\/strong><em>&nbsp;<\/em><\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<p>\/Von einem Orchester ist nur das Dirigentenpult und der Platz des Paukers sichtbar. In einer davon entfernten vorderen Ecke des Podests befindet sich ein Gewirr aus Dr\u00e4hten. HELLSINN liegt auf der Pauke.\/<\/p>\n\n\n\n<p><strong>XIX, 1<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>HELLSINN<br>(<em>Erwacht, steht auf, sieht sich verwundert den Mantel an, wirft ihn hinter das Podest und k\u00e4mmt sich g\u00e4hnend.<\/em>)&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>FRAU HELLSINN&nbsp;<br>(<em>Geht mit einem leeren Netz vor\u00fcber.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>HELLINN&nbsp;<br>(<em>Tritt ihr vorsichtig in den Weg.<\/em>) Ah, Guten Morgen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>FRAU HELLSINN<br>(<em>Bleibt einen Augenblick stehen, schaut ihn an, geht dann weiter.<\/em>)&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>HELLSINN<br>Wohin gehst du?<\/p>\n\n\n\n<p>FRAU HELLSINN<br>Zitronen einkaufen. F\u00fcr die Kinder.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>HELLSINN<br>Und? Wie geht es dir und den Kindern?<\/p>\n\n\n\n<p>FRAU HELLSINN<br>(<em>Sch\u00fcttelt den Kopf und geht dann weiter.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>HELLSINN<br>Wenn sie Zitronen holt, muss es ihr ganz gut gehen. (<em>Geht zum vorderen Podestrand und balanciert herum.<\/em>)&nbsp; Wenn sie in die Apotheke gegangen w\u00e4re, h\u00e4tte ich mir Sorgen gemacht. Das hei\u00dft, Zitronen sind nat\u00fcrlich bei Fieber auch sehr gut, und wenn eines erk\u00e4ltet ist&#8230; Ach was, Zitronen sind auch f\u00fcr Gesunde sehr gesund. (<em>Erinnert sich seiner Tr\u00e4ume:<\/em>) Es brach ein Krieg aus. Tr\u00e4ume kommen aus uns, lehrt die Wissenschaft. Es brach ein Krieg in mir aus. (<em>Erinnert sich weiter:<\/em>) Ich hatte kein Geld. Und ein armes Gesch\u00f6pf wollte welches von mir f\u00fcr ein modisches Kleid. Und ich wusste im Traum nicht, ob ich gl\u00fccklich sein sollte, weil ich das Geld los war, oder ungl\u00fccklich, weil ich dem armen Gesch\u00f6pf nicht helfen konnte.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>XIX, 2<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>DER ZIEMLICH SERI\u00d6SE HERR<br>(<em>Kommt vor dem Podest heraus, deutet auf das Kreuz:<\/em>) Ah, ausgezeichnet?<\/p>\n\n\n\n<p>HELLSINN<br>Ja.<\/p>\n\n\n\n<p>DER ZIEMLICH SERI\u00d6SE HERR<br>Ausgezeichnet. Ich selbst habe auch das Kriegsverdienstkreuz erster Klasse f\u00fcr ausgezeichnete, vorbildliche (<em>Betont:<\/em>) und musterg\u00fcltige Schreibarbeit hinter der Front erhalten.<\/p>\n\n\n\n<p>HELLSINN<br>Kriegsverdienstkreuz sagst du?<\/p>\n\n\n\n<p>DER ZIEMLICH SERI\u00d6SE HERR<br>Verzeihen Sie. Ich habe leider nicht die Ehre, Sie zu kennen&#8230; Ach so, du warst wahrscheinlich auch bei der 12. Panzergrandier?<\/p>\n\n\n\n<p>HELLSINN<br>(<em>Verst\u00e4ndnislos:<\/em>) Bitte?<\/p>\n\n\n\n<p>DER ZIEMLICH SERI\u00d6SE HERR<br>Ja&#8230; Wie hei\u00dft den Ihr Kreuz?<\/p>\n\n\n\n<p>HELLSINN<br>Friedensstrafkreuz.<\/p>\n\n\n\n<p>DER ZIEMLICH SERI\u00d6SE HERR<br>Friedensstrafkreuz? Das verstehe ich nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>HELLSINN<br>Ich verstehe ja deins auch nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>DER ZIEMLICH SERI\u00d6SE HERR<br>Ich m\u00f6chte wissen, was am Kriegsverdienstkreuz nicht zu verstehen sein soll. Wof\u00fcr haben denn &#8211; du das Kreuz bekommen?<\/p>\n\n\n\n<p>HELLSINN<br>Ich war Minister f\u00fcr Geldabschaffung und &#8211;<\/p>\n\n\n\n<p>DER ZIEMLICH SERI\u00d6SE HERR<br>(<em>Interessiert:<\/em>) Ach, das ist ja putzig. Ich habe meins auch f\u00fcr Geldabschaffung bekommen. Und zwar war ich Sonderreferent in der Hauptabteilung Papierwesen. Wollen Sie Goethe h\u00f6ren?<\/p>\n\n\n\n<p>HELLSINN<br>Ja, bitte.<\/p>\n\n\n\n<p>DER ZIEMLICH SERI\u00d6SE HERR<br>(<em>Beginnt sein Gedicht zu rezitieren.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>HELLSINN<br>(<em>Unterbricht nach der zweiten Zeile:<\/em>) Ach nein, das bitte nicht. Das passt so gar nicht zu meiner gegenw\u00e4rtigen Situation.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>DER ZIEMLICH SERI\u00d6SE HERR<br>Wenn man dieses Gedicht unpassend findet, &#8211; das ist ein sehr schlechtes Zeichen. (<em>Geht.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>HELLSINN<br>(<em>Balanciert weiter, meint das Kreuz:<\/em>) Ja, ein gutes Zeichen ist das nicht. Man hat mich mit der absoluten, abstrakten Freiheit bestraft: Ich schwanke ohne Bindung am Podestrand. Niemand spricht mit mir, nur ein ausgezeichneter Herr, der auch ein Kreuz tr\u00e4gt. Ich bekomme Essen, ein Dach \u00fcberm Kopf, und wenn&#8217;s lange genug dauert auch einen neuen Anzug. Den kann ich mir allerdings nicht aussuchen &#8211; er muss mir passen, wie eine Uniform. Ich arbeite nicht und h\u00f6re nicht das Geschrei meiner Kinder. Und in dieser absoluten Freiheit tr\u00e4ume ich von Kriegsausbruch. Und ich w\u00fcnschte, es w\u00fcrde jetzt ein Fremder kommen und mich fragen, wie man von hier zum Platz der Liebe kommt. Oder zur Stra\u00dfe des Wohlwollens. Aber niemand fragt mich. Die absolute Freiheit verurteilt mich zum Monolog.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>XIX, 3<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>(<em>Kommt mit einem Radio und sucht herum.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>HELLSINN<br>(<em>Sieht ihn, f\u00fcr sich:<\/em>) Ob der mit mir spricht? Dieser Reisende zwischen den Zeiten? Ich probiere. (<em>Spricht ihn an:<\/em>) Guten Morgen. Wie geht&#8217;s?<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>Danke. Haben Sie gut geschlafen?<\/p>\n\n\n\n<p>HELLSINN<br>Ein bisschen schlecht getr\u00e4umt. Mit so&#8217;m Kreuz tr\u00e4umt sich&#8217;s nicht gut.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>Ja ich wei\u00df. Der Kriegsausbruch, die Frau Polizistin &#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>HELLSINN<br>Richtig! Du warst ja dab- (<em>Pl\u00f6tzlich:<\/em>) Woher weisst du denn, was ich getr\u00e4umt habe?<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>Ich w\u00fcrfle auch in Tr\u00e4umen.<\/p>\n\n\n\n<p>HELLSINN<br>Was hast du denn da?<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>Ein Radio. Ich habe im Pferderennen gesetzt. Ich muss wissen ob {Pferdenamen, wie oben} gewonnen haben. (<em>Sucht weiter.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>HELLSINN<br>(<em>F\u00fcr sich:<\/em>) Er spricht zwar mit mir, aber es f\u00e4llt mir manchmal schwer, ihm zu folgen.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>(<em>Hat die Dr\u00e4hte entdeckt:<\/em>) Ah, hier k\u00f6nnen wir es installieren. Hier wird geerdet. (<em>Macht sich zu schaffen.<\/em>)&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>HELLSINN<br>Und wo willst du himmeln?<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>Himmeln? (<em>Lacht:<\/em>) Reizend. (<em>Verbessert sich:<\/em>) Ich meine: h\u00fcbscher Ausdruck. Das nennt man doch Antenne.<\/p>\n\n\n\n<p>HELLSINN<br>Warum nicht Himmel?<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>Weil man wohl einen St\u00f6psel in die Erde stecken kann, denn sie ist ja sehr nah. Aber in den Himmel kann man wohl keinen St\u00f6psel stecken, &#8211; der ist doch weit weg.<\/p>\n\n\n\n<p>HELLSINN<br>Willst du nicht Empore wiedersehen?<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>Ja. Nur schnell die Sportnachrichten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>BEIDE&nbsp;<br>(<em>Arbeiten mit den Dr\u00e4hten herum.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p><strong>XIX, 4<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>DIRIGENT<br>(<em>Kommt mit Taktstock und Partitur.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>BAUER<br>(<em>Folgt ihm mit Paukenschl\u00e4geln.<\/em>) Du, Dirigent&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>DIRIGENT<br>Ja, bitte?<\/p>\n\n\n\n<p>BAUER<br>Ich bin Bauer.<\/p>\n\n\n\n<p>DIRIGENT<br>Ja, und?<\/p>\n\n\n\n<p>BAUER<br>Ich habe gestern von meinem Bauernhof eine Pauke hierher gefahren.&nbsp; (<em>Sieht die Pauke.<\/em>) Da steht sie ja. Ja, das ist sie. Und wie ich sie ablade, &#8211; da stehen ein paar Musikanten. Die geben mir alle die Hand und meinen, ich bin der neue Pauker. Dann sagen sie mir, dass ich heute fr\u00fch Probe habe. Und nun bin ich da.<\/p>\n\n\n\n<p>DIRIGENT<br>Fr\u00fcher war doch in diesem Orchester der Hellsinn. Das Geld ist doch abgeschafft. Warum paukt er denn nicht wieder?<\/p>\n\n\n\n<p>BAUER<br>Ja, ich wei\u00df auch nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>DIRIGENT<br>Ja, dann wollen wir&#8217;s mal probieren.<\/p>\n\n\n\n<p>BAUER<br>Ja, ich freu mich ja schon die ganze Nacht aufs Pauken. Ich f\u00fcrchte halt nur, dass mir gewisse Fachkenntnisse abgehen k\u00f6nnten.<\/p>\n\n\n\n<p>DIRIGENT<br>Das werden wir sehen. (<em>Geht zum Pult, schl\u00e4gt die Partitur auf.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>BAUER<br>(<em>Geht zum Platz des Paukers.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>DIRIGENT<br>(<em>Beginnt ein unh\u00f6rbares und &#8211; bis auf den Pauker &#8211; unsichtbares Orchester zu dirigieren.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>HELLSINN<br>(<em>Wird beim ersten &#8220;Ton&#8221; aufmerksam und geht in die N\u00e4he des Dirigenten. Das Interesse am Radio schwindet.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p><strong>XIX, 5<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>EMPORE<br>(<em>Kommt. Sieht den W\u00fcrfelbechermann, geht schnell und froh zu ihm hin.<\/em>) W\u00fcrfelbechermann.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>(<em>Ist schon ziemlich in den Dr\u00e4hten verwickelt.<\/em>) Ah, Empore. Gr\u00fc\u00df dich.<\/p>\n\n\n\n<p>EMPORE<br>Was tust du denn da?<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>Ich installiere das Radio wegen der Sportnachrichten, weil ich doch gewettet habe.<\/p>\n\n\n\n<p>DIRIGENT<br>(<em>Klopft ab.<\/em>) Triolen, Paukerle, Triolen in D. Nochmal Nummer 9. (<em>Dirigiert.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>EMPORE<br>Haben wir nichts anderes zu tun?<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>Das l\u00e4uft doch nicht weg. Aber die Nachrichten laufen weg. Radio ist unerbittlich.<\/p>\n\n\n\n<p>EMPORE<br>Glaubst du, nur das Radio ist unerbittlich?<\/p>\n\n\n\n<p>BAUER<br>(<em>Hat auf einen deutlichen Einsatz des Dirigenten wild gepaukt.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>DIRGENT<\/p>\n\n\n\n<p>(<em>Klopft ab. Etwas ungehalten:<\/em>) Erstens Triolen, lieber Pauker, zweitens in D. Bambaba &#8211; bambaba &#8211; bambaba &#8211; ba. Also noch mal Nummer 9. (<em>Dirigiert.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>EMPORE<br>Ich habe Angst vor deinem Radio.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>(<em>Mitleidig:<\/em>) Aber Empore.<\/p>\n\n\n\n<p>EMPORE<br>Ich kenne mich nicht damit aus.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>(<em>Ein bisschen angeberisch:<\/em>) Na, dann verlass dich in diesem Fall mal ausnahmsweise ganz auf mich.<\/p>\n\n\n\n<p>BAUER&nbsp;<br>(<em>Hat wieder wild gepaukt.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>DIRIGENT<br>(<em>Klopft w\u00fctend ab.<\/em>) Triolen, du Pauker. Kennst du denn keine Noten?<\/p>\n\n\n\n<p>BAUER&nbsp;<br>Nein.<\/p>\n\n\n\n<p>DIRIGENT<br>Und du bildest dir ein &#8211; ?<\/p>\n\n\n\n<p>BAUER<br>Ich bilde mir gar nichts ein. Das Ganze ist ein Ungl\u00fccksfall. Werd du nicht laut, weil ich keine Noten kenne. Sonst frag ich dich, wie man eine Kuh melkt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>DIRIGENT<br>Das wei\u00df ich nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>BAUER<br>Na, alsdann.<\/p>\n\n\n\n<p>DIRIGENT<br>Ich wei\u00df nur, dass du nicht pauken kannst.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>BAUER<br>Ich will auch gar nicht mehr. (<em>Kommt zum Dirigentenpult.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>HELLSINN<br>Verzeihung, lieber Dirigent.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>DIRIGENT<br>(<em>Dreht sich um, erkennt ihn und will ihm erfreut die Hand dr\u00fccken.<\/em>) Mein lieber Hell &#8211; (<em>Sieht das Kreuz, zieht die Hand zur\u00fcck.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>HELLSINN<br>K\u00f6nnte ich nicht aushelfen?<\/p>\n\n\n\n<p>DIRIGENT<br>Ich sch\u00e4tze deine &#8211; \u00e4h, Ihre F\u00e4higkeiten, aber &#8211;<\/p>\n\n\n\n<p>HELLSINN<br>(<em>Schaut auf sein Kreuz.<\/em>) Ach so. (<em>Geht zu Empore.<\/em>) Empore, bitte nimm mir das ab.<\/p>\n\n\n\n<p>EMPORE<br>Warum?<\/p>\n\n\n\n<p>HELLSINN<br>Ich muss arbeiten, pauken.<\/p>\n\n\n\n<p>EMPORE<br>(<em>Nimmt ihm das Kreuz ab.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>HELLSINN<br>(<em>Atmet erleichtert auf und rennt zum Dirigenten.<\/em>) Und nun?<\/p>\n\n\n\n<p>DIRIGENT<br>(<em>Sch\u00fcttelt ihm die Hand.<\/em>) Ich freue mich sehr. (<em>Zum Bauern:<\/em>) Nichts f\u00fcr ungut, lieber Bauer.<\/p>\n\n\n\n<p>BAUER<br>Aber! Alles f\u00fcr gut, lieber Dirigent. Es war mein Fehler. Ich habe geglaubt, das macht Spa\u00df. Meine K\u00fche warten. (<em>Gibt Hellsinn die Schl\u00e4gel und geht.<\/em>)&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>HELLSINN<br>(<em>Rennt zum Platz des Paukers.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>DIRIGENT<br>Wir beginnen noch einmal von vorne. (<em>Dirigiert.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>HELLSINN<br>(<em>Paukt zuweilen, gl\u00fccklich und sachlich, die H\u00e4rte der folgenden Szene manchmal wirksam kommentierend.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p><strong>XIX, 6<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>Was machst du denn jetzt mit dem Kreuz?<\/p>\n\n\n\n<p>EMPORE<br>Soll ich dich verhaften?<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>Mich? Wieso denn?<\/p>\n\n\n\n<p>EMPORE<br>Aber hier haftet es wohl besser. (<em>Befestigt es am Radio.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>FRAU HELLSINN<br>(<em>Ist mit einem Netz voller Zitronen gekommen. Sieht Hellsinn und Empore. Rennt zu Empore.<\/em>) Empore! Hast du&#8217;s ihm abgenommen?<\/p>\n\n\n\n<p>EMPORE<br>Ja. Er bat mich darum. Er m\u00fcsse arbeiten, pauken. Und da unsere gemeinsame Arbeit sowieso getan ist &#8211;<\/p>\n\n\n\n<p>FRAU HELLSINN<br>(<em>Unterbricht: <\/em>) Ja, nachher, entschuldige. Ich muss ihn pauken h\u00f6ren. (<em>Setzt sich beim Dirigenten und h\u00f6rt zu.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>Halte doch bitte mal diesen Draht hier.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>EMPORE<br>(<em>Entschieden:<\/em>) Nein.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>(<em>Schaut sie etwas verwundert an.<\/em>) Na sch\u00f6n. Ich hab&#8217;s n\u00e4mlich gleich, und dann ist alles vorbei.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>EMPORE<br>Alles vorbei?<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>Ich meine, wenn ich die Sportnachrichten geh\u00f6rt habe. Wir m\u00fcssen ja dann nicht gleich abstellen. Vielleicht kommt noch eine h\u00fcbsche Musik. Ich kenne Leute, die h\u00f6ren sich den ganzen Tag allen Quatsch an, blo\u00df weil sie hoffen, dass irgendwann einmal was Sch\u00f6nes kommt. Hoffnung ist die ewige Nahrung des Radioh\u00f6rens.<\/p>\n\n\n\n<p>EMPORE<br>Als du dein Geld abgeben wolltest, warst du mir n\u00e4her.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>Da waren die Sportnachrichten auch weiter weg.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>EMPORE<br>Bei uns wird nicht viel Radio geh\u00f6rt.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>So &#8216;ne Errungenschaft sollte allen zugute kommen. Da waren wir ja schon weiter.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>EMPORE<br>Vielleicht. Aber gewiss nicht n\u00e4her.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>Au\u00dferdem k\u00f6nntest du mir ruhig anrechnen, dass ich dich vorhin von Hellsinns Verfolgung befreit habe.<\/p>\n\n\n\n<p>EMPORE<br>Anrechnen? Gute Taten taugen nicht f\u00fcrs Rechenheft.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>Ich hab&#8217;s!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>XIX, 7<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>DER ZIEMLICH SERI\u00d6SE HERR<br>(<em>Kommt mit einem Megaphon und liest einblendend und ohne Unterbrechung fortfahrend:<\/em>) {die neuesten Nachrichten}<\/p>\n\n\n\n<p>EMPORE<br>(<em>H\u00f6rt unangenehm ber\u00fchrt zu.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p><em>W\u00dcRFELBECHERMANN<\/em>&nbsp;<br>(<em>Kommentiert erstaunt eine Nachricht:<\/em>) Wann?&nbsp; Das ist ja &#8211; (<em>Bricht ab.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>EMPORE<br>Was ist denn?<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>(<em>Ungehalten:<\/em>) Sei doch still! (<em>Sich nerv\u00f6s entschuldigend:<\/em>) Nachher.<\/p>\n\n\n\n<p>EMPORE<br>(<em>Nach einer Pause:<\/em>) Bitte tu das weg, W\u00fcrfelbechermann.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>Nein.<\/p>\n\n\n\n<p>EMPORE<br>(<em>Wieder nach einer Pause. Etwas stiller und schw\u00e4cher:<\/em>) Es tut mir weh.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>(<em>Gereizt-geduldig:<\/em>) Liebes, jetzt kommen gleich die Sportnachrichten. Du k\u00f6nntest wirklich ein bisschen R\u00fccksicht &#8211; (<em>bricht &#8211; von der Nachricht wiederum gefesselt &#8211; ab.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>EMPORE<br>(<em>Ist zusammengesunken, lallt in gr\u00f6\u00dfter Schw\u00e4che:<\/em>) Ich habe R\u00fcck &#8211; sicht genommen. (<em>F\u00e4llt vom Podest, Radio und Dr\u00e4hte mit dich rei\u00dfend.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>(<em>Ruft:<\/em>) Empore! Vorsicht!<\/p>\n\n\n\n<p>DER ZIEMLICH SERI\u00d6SE HERR<br>(<em>Bricht ab und geht.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>(<em>Aufgescheucht und durcheinander:<\/em>) Empore! Das ist doch &#8211; Empore! Die Sport &#8211; (<em>Sucht sie.<\/em>) Wo bist du denn? (<em>Ruft dem ziemlich seri\u00f6sen Herrn nach:<\/em>) Hallo, Empore! Was soll das denn? (<em>Rennt weg.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p><strong>XIX, 8<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>DIRIGENT<br>(<em>Hat die Schlusstakte dirigiert.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>HELLSINN<br>(<em>Kommt vor.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>DIRIGENT<br>(<em>Verabschiedet sich vom &#8220;Orchester&#8221;:<\/em>) Ich danke euch. Bis morgen. (<em>Geht mit Taktstock und Partitur.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>HELLSINN<br>(<em>Zu seiner Frau:<\/em>) Hellsinnige, wof\u00fcr hast du denn die vielen Zitronen gekauft?<\/p>\n\n\n\n<p>FRAU HELLSINN<br>Ich will Zitronenspeise machen.<\/p>\n\n\n\n<p>HELLSINN<br>Darf ich den Topf auslecken?<\/p>\n\n\n\n<p>FRAU HELLSINN<br>Nein. Ich nehme dich wieder in volle Verpflegung.<\/p>\n\n\n\n<p>BEIDE<br>(<em>Gehen eingehenkt ab.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>\/Vorhang zu. Umbau.\/<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">***<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><\/p>\n\n\n\n<p><strong>XX<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN und DER ZIEMLICH SERI\u00d6SE HERR<br>(<em>Kommen im Gespr\u00e4ch.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>DER ZIEMLICH SERI\u00d6SE HERR<br>Ich beschw\u00f6re Sie also!<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>Ja doch!<\/p>\n\n\n\n<p>DER ZIEMLICH SERI\u00d6SE HERR<br>Es ist die letzte Chance. (<em>Geht.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>Der geht mir langsam auf die Nerven. Aber in einem Punkt hat er recht: Es ist die letzte Chance, Ihnen, meine Damen und Herren, etwas zu sagen, was ich bisher verschwiegen habe. Aber nun muss es heraus, denn das St\u00fcck geht unweigerlich seinem Ende entgegen.<br>In Israel gibt es Farmen, auf denen das Geld abgeschafft wurde. Diese Gemeinden leben in strenger Zucht, etwa so, wie wir uns das mit Empore und Hellsinn vorzustellen versuchten. Dort wurde aus der M\u00f6glichkeit also bereits Realit\u00e4t.&nbsp; Auch wir w\u00fcrden Ihnen dieses St\u00fcck Theater gerne vorspielen, ohne einen Pfennig zu verlangen. Leider aber steht das Ministerium f\u00fcr Geldabschaffung in Bonn aber noch nicht auf der Tagesordnung. Aber wir wollen erste Schritte machen. Deshalb haben wir kein Eintrittsgeld verlangt. Bei uns soll der Arme soviel Anspruch auf einen guten Platz haben, wie der Reiche. Unser St\u00fcck soll nicht gekauft werden, wie die Katze im Sack, auch nicht wie die Katze ohne Sack. Wenn man f\u00fcr eine Eintrittskarte Geld bezahlt, so kann man sich selbstzufrieden hinsetzen, und mit fug und recht &#8220;Ware&#8221; verlangen. Diesen Warencharakter wollten wir dem St\u00fcck nehmen. Wir k\u00f6nnen allerdings nicht verhindern, dass wir wie B\u00e4nkels\u00e4nger dastehen, wenn wir zum Schluss um den Obolus bitten. Dessen H\u00f6he richtet sich nach Ihrer Wertsch\u00e4tzung. War Ihnen dieses Theaterst\u00fcck keinen Groschen wert, so geben Sie neun Pfennige, war es Ihnen ein Opfer wert, so bringen Sie ein Opfer.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">***<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><\/p>\n\n\n\n<p><strong>XXI&nbsp;&#8211; Modesalon<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\/Geschmackvolle, gro\u00dfst\u00e4dtische, gespenstische Eleganz. Samtportieren, vollkommen leere, sch\u00f6ne Auslageschr\u00e4nke. Auf dem Ladentisch eine Registrierkasse, dahinter der ausgezeichnet gekleidete VERK\u00c4UFER. Eine Schlange Frauenpuppen mit verr\u00fcckten H\u00fcten und rassigen Handtaschen steht vor der Kasse.\/<\/p>\n\n\n\n<p><strong>XXI, 1<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>VERK\u00c4UFER<br>(<em>Bet\u00e4tigt die Kasse, gibt der ersten Puppe einen Zettel.<\/em>) Bitte, gn\u00e4dige Frau. Vielen Dank. Sie kommen gleich dran. Der Rest geht wie vereinbart an Ihre Erben.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>(<em>Geht zum Verk\u00e4ufer.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>VERK\u00c4UFER<br>Verzeihung, mein Herr, aber dies ist ein&nbsp; D a m e n salon.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>Ja, ich wollte auch nur einige Fragen stellen.<\/p>\n\n\n\n<p>VERK\u00c4UFER<br>(<em>Misstrauisch:<\/em>) Ich wei\u00df Bescheid. (<em>Laut:<\/em>) Meine Damen. Bitte seien Sie unbesorgt. Dies ist zwar ein verbotenes Unternehmen, aber die Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung hat alle Vorsorge getroffen, dass Sie von einer Razzia nicht behelligt werden k\u00f6nnen. Im Falle der Gefahr l\u00f6se ich eine Bombe aus, die den ganzen Salon in die Luft sprengt. (<em>Zum W\u00fcrfelbechermann:<\/em>) Haben Sie sonst noch irgendwelche Fragen?<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>Ja, wieso nicht?<\/p>\n\n\n\n<p>VERK\u00c4UFER<br>(<em>Erstaunt:<\/em>) Ja, sind Sie denn nicht von der Polizei?<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>Nein.<\/p>\n\n\n\n<p>MNISTERGATTIN<br>(<em>Kommt zum Verk\u00e4ufer.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>VERK\u00c4UFER<br>Ah, guten Tag, gn\u00e4dige Frau Minister. Nun? Hat das letzte St\u00fcndlein geschlagen? Hat&#8217;s keinen Sinn mehr?<\/p>\n\n\n\n<p>MINISTERGATTIN<br>Ich werde doch noch dran kommen?<\/p>\n\n\n\n<p>VERK\u00c4UFER<br>Selbstverst\u00e4ndlich, gn\u00e4dige Frau. Nur muss ich Sie leider bitten, sich hinten anzustellen.<\/p>\n\n\n\n<p>MINISTERGATTIN<br>Nat\u00fcrlich. (<em>Stellt sich ans hintere Ende der Puppenschlange.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>Darf ich also fragen?<\/p>\n\n\n\n<p>VERK\u00c4UFER&nbsp;<br>Bitte!<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>Also: Was ist das f\u00fcr ein Unternehmen?<\/p>\n\n\n\n<p>VERK\u00c4UFER<br>Sie befinden sich im ersten Haus am Platze. Der Modesalon f\u00fcr die obere Gesellschaftsschicht, stets bem\u00fcht, die Dame erstklassig zu bekleiden und &#8211; (<em>L\u00e4chelt.<\/em>) in der Abendgarderobe zu entkleiden.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>Aber hier ist doch nichts!<\/p>\n\n\n\n<p>VERK\u00c4UFER<br>Wir haben Krieg, mein Herr. Und der vergangene Frieden war so kurz, dass eine Wiederer\u00f6ffnung der Konfektion nicht lohnend erschien. Wir hatten den Frieden \u00fcber geschlossen und haben heute erst mit Kriegsausbruch wieder aufgemacht.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>Und was verkaufen Sie jetzt?<\/p>\n\n\n\n<p>VERK\u00c4UFER<br>Morde, die Mehrzahl von Mord. Garantiert schmerzlos, hygienisch und sicher. Eine Erfindung des Seniorchefs. Im vorletzten Weltkrieg eingef\u00fchrt, hat sich seither bestens bew\u00e4hrt. Die Damen der oberen Gesellschaftsschicht, die den Mut zum Selbstmord nicht finden, wenden sich vertrauensvoll an uns, und wir t\u00f6ten sie nach den neuesten wissenschaftlichen Errungenschaften in nahezu technischer Vollendung.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>Und &#8211; wie?<\/p>\n\n\n\n<p>VERK\u00c4UFER<br>(<em>L\u00e4chelt.<\/em>) Das ist nat\u00fcrlich Gesch\u00e4ftsgeheimnis. Da man sich aus politischen Gr\u00fcnden weigert, das Verfahren zu patentieren, kann ich dar\u00fcber leider keine Auskunft geben. Aber Sie k\u00f6nnen um das Haus herumgehen: Sie h\u00f6ren keinen Schmerzensschrei. Auch Blutspuren sind nicht zu finden. Ein Beschwerdebuch liegt aus, aber keine unserer werten Kundinnen hat es bisher benutzt. (<em>Gibt ihm eine Gesch\u00e4ftskarte.<\/em>) Darf ich Ihnen vielleicht ein K\u00e4rtchen \u00fcberreichen, f\u00fcr die Frau Gemahlin und den weiblichen Bekanntenkreis. Mit den besten Empfehlungen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>Und das Gesch\u00e4ft geht gut?<\/p>\n\n\n\n<p>VERK\u00c4UFER<br>(<em>Deutet auf die Schlange:<\/em>) Zuerst nahmen wir 80, heute k\u00f6nnen wir 2500 pro Tod verlangen. Leider fehlt es uns an der gem\u00e4\u00dfen Unterhaltung. Wir hatten Jazzmusik, aber die Kundinnen verlangten mit einem gewissen Recht etwas dem Anlass entsprechend Ernsteres.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>Da w\u00fcsste ich jemanden.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>DER ZIEMLICH SERI\u00d6SE HERR<br>(<em>St\u00fcrzt vor.<\/em>) Das ist mein Stichwort. Ich habe alles geh\u00f6rt. (<em>Zum Verk\u00e4ufer:<\/em>) Mein Herr, ich zitiere Goethe.<\/p>\n\n\n\n<p>VERK\u00c4UFER<br>Gro\u00dfartig. Stellen Sie sich dort an die Wand und fangen Sie gleich an.<\/p>\n\n\n\n<p>DER ZIEMLICH SERI\u00d6SE HERR<br>(<em>Stellt sich auf den angegebenen Platz und rezitiert im folgenden sein Gedicht &#8211; bis zum Ende!<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p><strong>XXI, 2<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>AT 621&nbsp;<br>(<em>Kommt zum Verk\u00e4ufer, will ihm Geld geben.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>MINISTERGATTIN<br>Hinten anstellen.<\/p>\n\n\n\n<p>VERK\u00c4UFER<br>(<em>Hochm\u00fctig zu AT 621:<\/em>) Was wollen Sie denn hier?<\/p>\n\n\n\n<p>AT 621<br>(<em>Reicht wieder scheu das Geld hin:<\/em>) Einmal bitte.<\/p>\n\n\n\n<p>VERK\u00c4UFER<br>(<em>Misst sie von oben bis unten.<\/em>) Das kostet 2500. So viel werden Sie wohl nicht haben. Sie befinden sich in einem Salon f\u00fcr die Oberschicht.<\/p>\n\n\n\n<p>AT 621<br>Doch, ich habe so viel.<\/p>\n\n\n\n<p>VERK\u00c4UFER<br>(<em>Schl\u00e4gt um.<\/em>) Oh, dann selbstverst\u00e4ndlich, gn\u00e4dige Frau. Ich muss Sie nur leider bitten, sich hinten anzustellen. Am Tag des Kriegsausbruchs ist immer besonderer Andrang.<\/p>\n\n\n\n<p>MINISTERGATTIN<br>Das Bettelweib soll sich hinten anstellen<\/p>\n\n\n\n<p>AT 621<br>Bettelweib? Ich kann mir f\u00fcr mein Geld kaufen was ich will. Alte Zicke.<\/p>\n\n\n\n<p>MINISTERGATTIN<br>Mistst\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>AT 621<br>Schei\u00dfhure.<\/p>\n\n\n\n<p>VERK\u00c4UFER<br>(<em>Ruft beschwichtigend:<\/em>) Aber meine gn\u00e4digen Frauen! Wir wollen doch hier keinen Streit mehr anfangen! Bedenken Sie, an wessen Schwelle Sie stehen! Wir haben durchgehend ge\u00f6ffnet, Tag- und Nachtdienst. Sie kommen alle dran.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>AT 621<br>(<em>Stellt sich hinter die Ministergattin. Grummelnd:<\/em>) Bettelweib&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>MINISTERGATTIN<br>Es war ja nicht so b\u00f6s gemeint, Kindchen. Schlie\u00dflich ist jeder neugierig und will keinen vorlassen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>XIX, 3<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>MINISTER<br>(<em>Kommt und sucht seine Frau.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>MINISTERGATTIN<br>Was willst du denn?<\/p>\n\n\n\n<p>MINISTER<br>Ach, da bist du ja, Gott sei Dank! Komm. Ich brauche nicht mehr Soldat werden. Stell dir vor: Der Kommandeur war eine uralte Beziehung von mir. Er hat mich gleich in den Aufsichtsrat einer der Fabriken gesteckt, die die neue Geheimwaffe produzieren. Also komm.<\/p>\n\n\n\n<p>MINISTERGATTIN<br>Nein. Es ist eine uralte Weisheit, die dir jede Hausfrau best\u00e4tigen wird. Wenn man einmal in einer Schlange steht, soll man unter keinen Umst\u00e4nden weggehen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>VERK\u00c4UFER<br>(<em>Vermisst ein Ger\u00e4usch.<\/em>) Was ist denn blo\u00df? Da fehlt doch was.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>Goethe.<\/p>\n\n\n\n<p>VERK\u00c4UFER<br>Richtig. (<em>Zum ziemlich seri\u00f6sen Herrn:<\/em>) Warum schweigen Sie?<\/p>\n\n\n\n<p>DER ZIEMLICH SERI\u00d6SE HERR<br>Na, ich bin fertig.<\/p>\n\n\n\n<p>VERK\u00c4UFER<br>Immer gleich wieder von vorn. Wof\u00fcr wollen Sie sich denn bezahlen lassen? Und drehen Sie mal den Kopf zur Wand. Es war ein bisschen laut.<\/p>\n\n\n\n<p>DER ZIEMLICH SERI\u00d6SE HERR<br>(<em>Tut alles, was ihm gehei\u00dfen.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>MINISTER<br>Also bist du fest entschlossen?<\/p>\n\n\n\n<p>MINISTERGATTIN<br>Ja.<\/p>\n\n\n\n<p>MINISTER<br>Dann will ich auch nicht mehr leben. (<em>Geht zum Verk\u00e4ufer.<\/em>) Sagen Sie: &#8211; (<em>Fl\u00fcstert.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>VERK\u00c4UFER<br>Tja, mein Herr, das ist aber ein&nbsp; D a m e n salon.<\/p>\n\n\n\n<p>MINISTER<br>Ja, ja, ich wei\u00df, aber &#8211; (<em>Fl\u00fcstert wieder, gestikuliert und schmiert.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>VERK\u00c4UFER<br>(<em>Zuckt die Achseln.<\/em>) Tja, das ist sehr schwer, mein Herr. An sich distanziert sich unser Unternehmen prinzipiell von dergleichen dunklen Gesch\u00e4ften. (<em>Schaut das Schmiergeld an:<\/em>) Aber, in diesem Falle wird es sich wahrscheinlich erm\u00f6glichen lassen. Sie wollen zusammen sterben; das ist schlie\u00dflich zu verstehen. Bitte warten Sie doch dort dr\u00fcben.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>MINISTER<br>(<em>Wartet.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>(<em>Geht nach einer langen Pause langsam zu AT 621.<\/em>) Nun?<\/p>\n\n\n\n<p>AT 621&nbsp;<br>Warum sprechen Sie mich jetzt an? Jetzt hat es f\u00fcr niemanden mehr Sinn.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>Ja, da haben Sie eigentlich recht. (<em>Geht woanders hin.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>VERK\u00c4UFER<br>(<em>Nach einer kleinen Pause.<\/em>) Meine Damen, lassen Sie sich doch ein wenig schunkeln. (<em>Zum ziemlich seri\u00f6sen Herrn:<\/em>) He, Sie!<\/p>\n\n\n\n<p>DER ZIEMLICH SERI\u00d6SE HERR<br>(<em>Unterbricht seine Rezitation.<\/em>) Bitte?<\/p>\n\n\n\n<p>VERK\u00c4UFER<br>Sprechen Sie doch mal so, dass man dazu schunkeln kann.<\/p>\n\n\n\n<p>DER ZIEMLICH SERI\u00d6SE HERR<br>(<em>Tut, wie ihm gehei\u00dfen.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>ALLE<br>(<em>Sprechen leise das zerhackte Gedicht und schunkeln dazu. Auch die Puppen schunkeln.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>\/Es klingelt.\/<\/p>\n\n\n\n<p>VERK\u00c4UFER<br>So, die n\u00e4chsten vier Damen bitte.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>XXI, 4<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>POLIZIST<br>(<em>Kommt.<\/em>)&nbsp; Halt, Razzia!<\/p>\n\n\n\n<p>VERK\u00c4UFER<br>Meine Damen, Sie wissen Bescheid. Keine Aufregung!<\/p>\n\n\n\n<p>POLIZIST<br>Ist das hier der ber\u00fcchtigte Modesalon?<\/p>\n\n\n\n<p>VERK\u00c4UFER<br>(<em>Aggressiv:<\/em>) Es ist der ber\u00fchmte Modesalon. Und ich rate Ihnen, so schnell als m\u00f6glich zu verschwinden.<\/p>\n\n\n\n<p>POLIZIST<br>Verhaftet wegen Drohung gegen die Staatsgewalt. (<em>Zur Ministergattin:<\/em>) Verhaftet wegen Fahnenflucht.<\/p>\n\n\n\n<p>MINISTER<br>(<em>Sch\u00fcchtern:<\/em>) Erlauben Sie mal &#8211;<\/p>\n\n\n\n<p>POLIZIST<br>Auch verhaftet.<\/p>\n\n\n\n<p>MINISTERGATTIN<br>(<em>Zu ihrem Mann:<\/em>) Popanz bis in den Tod.<\/p>\n\n\n\n<p>POLIZIST<br>(<em>Zu AT 621:<\/em>)&nbsp; Verhaftet wegen Leichenfledderung. Alles verhaftet. Ich werde bef\u00f6rdert.<\/p>\n\n\n\n<p>VERK\u00c4UFER<br>Jawohl, Sie werden bef\u00f6rdert, Herr Wachtmeister. (<em>Z\u00fcndet die Bombe an.<\/em>) F\u00fcrchten Sie nicht, meineDamen: die Z\u00fcndschnur brennt.<\/p>\n\n\n\n<p>POLIZIST<br>Was?<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00dcRFELBECHERMANN<br>Moment! Lassen Sie mich raus.<\/p>\n\n\n\n<p>POLIZIST<br>Verhaftet.<\/p>\n\n\n\n<p>VERK\u00c4UFER<br>Meine Damen,- ich bitte um Entschuldigung wegen Massenabfertigung.<\/p>\n\n\n\n<p>\/Eine Explosion begr\u00e4bt Menschen und Puppen unter den Tr\u00fcmmern des Modesalons. Vorhang bleibt auf.\/<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">***<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><\/p>\n\n\n\n<p><strong>XXII&nbsp;&#8211; Epilog<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\/Die Darsteller stehen auf, klopfen sich Staub aus den Kleidern und gehen ab, bis auf Charlotte und mich. Wir gehen nach vorn und sprechen den Epilog.&nbsp; Er ist bis zur Entdeckung der Waage kein Dialog.\/<\/p>\n\n\n\n<p>ICH<br>Das Theater ist aus. (<em>Deute nach hinten.<\/em>) Die Tr\u00fcmmer sind ein wirksamer Schluss.<\/p>\n\n\n\n<p>CHARLOTTE<br>Das Theater ist aus, nicht das St\u00fcck. Das h\u00f6rt nicht auf. Denn immer wieder liegen die M\u00f6glichkeiten vor uns.<\/p>\n\n\n\n<p>ICH<br>Hinter uns liegt der Modesalon, liegt die Vers\u00f6hnung des Paukers Hellsinn mit seiner Frau.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>CHARLOTTE<br>&#8211; H\u00e4ngt unerl\u00f6st das Schicksal des W\u00fcrfelbechermanns, wie ein Luftballon in einem Baum.<\/p>\n\n\n\n<p>ICH<br>Man h\u00e4tte nat\u00fcrlich einen anderen Schluss dichten k\u00f6nnen. Der W\u00fcrfelbechermann h\u00e4tte in den Armen Empores zu reiner Menschlichkeit finden k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>CHARLOTTE<br>Das Radio des W\u00fcrfelbechermanns hat Empore von dem Podest gesto\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>ICH<br>Man h\u00e4tte diesen Sturz symbolisieren sollen. (<em>Mit einem Schuss Ironie:<\/em>) Empore, Inkarnation der Zukunft, opfert sich, um der leidenden Gegenwart, verk\u00f6rpert im W\u00fcrfelbechermann, zu helfen.<\/p>\n\n\n\n<p>CHARLOTTE<br>Wir sollten also noch ein St\u00fcckchen dichten, wie W\u00fcrfelbechermann und Empore zusammenkommen, aber unsymbolisch.<\/p>\n\n\n\n<p>ICH<br>Unsymbolisch? Dann w\u00fcrde das St\u00fcckchen l\u00e4nger werden, als das St\u00fcck, viel l\u00e4nger als unsere Theatergeduld, ja vielleicht l\u00e4nger als unser aller Leben.<\/p>\n\n\n\n<p>CHARLOTTE<br>Es ist nicht zu spielen, nicht zu dichten.<\/p>\n\n\n\n<p>ICH<br>Dieses St\u00fcckchen Liebe m\u00fcssen wir alle miteinander leben.<\/p>\n\n\n\n<p>CHARLOTTE<br>Heute damit anfangen.<\/p>\n\n\n\n<p>ICH<br>Nie damit aufh\u00f6ren, solange Zeit und Raum&nbsp; d i e s e r&nbsp; Welt unsere Grenzen sind.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>CHARLOTTE<br>Nie aufh\u00f6ren &#8230; (<em>Entdeckt die Waage.<\/em>)<br>Was liegt auf der Waage?<\/p>\n\n\n\n<p>ICH<br>In diese Schale (<em>die niedrigere<\/em>) hat der W\u00fcrfelbechermann Wohnk\u00fcche, Angst, Einberufung und Willk\u00fcr getan; in die andere Geldabgabeschalter, Papierkorb, Verst\u00e4ndnis und Verhaftung mit dem Kreuz. Da ist es leichter.<\/p>\n\n\n\n<p>CHARLOTTE<br>Dann k\u00f6nnen wir dem St\u00fcck doch noch einen Schluss geben. (<em>Fl\u00fcstert etwas in die leichtere Schale: die Waage gleicht sich aus.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>ICH<br>Was hast du getan?<\/p>\n\n\n\n<p>CHARLOTTE<br>Ich habe die Liebe dazugefl\u00fcstert.<\/p>\n\n\n\n<p>ICH<br>Ist sie so schwer?<\/p>\n\n\n\n<p>CHARLOTTE<br>Die Liebe ist eine Last, und wir W\u00fcrfelbecherleute m\u00fcssen sie auf uns nehmen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>WIR<br>(<em>Gehen langsam ab.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">*****<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>*** Zur\u00fcck zu Teil 1 XIV W\u00dcRFELBECHERMANN(Geht bei geschlossenem Podestvorhang \u00fcber die B\u00fchne zu einem Telefon, hebt ab und w\u00e4hlt.) Hallo, Fr\u00e4ulein?&#8211;Ja, Fr\u00e4ulein, bitte verbinden Sie mich mit dem Publikum im {Name des jeweiligen Theaters oder Raumes, in dem gespielt wird}.&#8211;Wie? Nein, nicht das Publikum von gestern. Das interessiert mich nicht. 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