{"id":1372,"date":"2023-03-29T07:44:43","date_gmt":"2023-03-29T07:44:43","guid":{"rendered":"https:\/\/peterpodehl.com\/?page_id=1372"},"modified":"2026-02-19T12:14:25","modified_gmt":"2026-02-19T12:14:25","slug":"kommen-und-gehen-bild-6","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/webaid.it\/?page_id=1372","title":{"rendered":"Kommen und Gehen &#8211; Bild 6"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-text-align-center\">***<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image aligncenter size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"776\" src=\"https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/KommenUndGehen268WohnzimmerFarb-1-1024x776.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1470\" srcset=\"https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/KommenUndGehen268WohnzimmerFarb-1-1024x776.jpg 1024w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/KommenUndGehen268WohnzimmerFarb-1-300x227.jpg 300w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/KommenUndGehen268WohnzimmerFarb-1-768x582.jpg 768w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/KommenUndGehen268WohnzimmerFarb-1.jpg 1378w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">B\u00fchnenbild von Rolf Christiansen<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">***<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Kommen und Gehen &#8211; Sechstes Bild<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;<em>Wohnzimmer<\/em><br><em>Mit geringen Ver\u00e4nderungen ad libitum wie zweites Bild.<\/em><br>(<em>Nacht, starkes Mondlicht flutet ins Zimmer.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>ER (<em>kommt barfu\u00df, im Schlafanzug von hinten. Schreiend:<\/em>)<br>Nein, nein! (<em>Kann kaum atmen.<\/em>) Ja, so werden sie eines Tages kommen und Rechenschaft fordern und mich zu den Schuldigen z\u00e4hlen. Nein, war das furchtbar. (<em>Macht Licht.<\/em>) Licht! Dieser Vollmond hat ja mitgespielt in dem Traum. Ich war ja wach. Ich habe ja mit offenen Augen getr\u00e4umt. (S<em>inkt in einen Sessel.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>SIE (<em>kommt von hinten mit seinem Morgenrock und Pantoffeln.<\/em>)<br>Peter.<\/p>\n\n\n\n<p>ER<br>Was denn?<\/p>\n\n\n\n<p>SIE<br>Ich habe deine Pantoffeln gebracht und den Morgenrock.<\/p>\n\n\n\n<p>ER (<em>zieht den Morgenrock an. H\u00e4misch:<\/em>)<br>Ihr Frauen habt eine furchtbare Neigung aus Trag\u00f6dien Kom\u00f6dien zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p>SIE<br>Ich halte eure Neigung, aus Kom\u00f6dien Trag\u00f6dien zu machen wie eure Gener\u00e4le und Staatsm\u00e4nner, f\u00fcr weit furchtbarer.<\/p>\n\n\n\n<p>ER (<em>seufzt tief auf.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>SIE<br>Was war denn wieder? Hast du getr\u00e4umt? Du hast furchtbar geschrieen!<\/p>\n\n\n\n<p>ER<br>Glaubst du, ich schreie, wenn ich wach bin?<\/p>\n\n\n\n<p>SIE<br>Grund genug w\u00e4re manchmal vorhanden.<\/p>\n\n\n\n<p>ER<br>Nat\u00fcrlich habe ich getr\u00e4umt. Ich bin schwei\u00dfgebadet. Die Toten haben mich wieder mal verfolgt. Einer meiner ber\u00fchmten Angsttr\u00e4ume.<\/p>\n\n\n\n<p>SIE<br>Komm, du musst dich waschen. Ich mache dir warmes Wasser und suche dir ein frisches Nachthemd. (<em>Will gehen.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>ER (<em>laut:<\/em>)<br>Nein. Lass! Ich mag nicht mehr ins Bett. Ich f\u00fcrchte mich davor, vor dem Schlafen, vor dem Tr\u00e4umen. Ich will mich erk\u00e4lten, ich will krank werden, am liebsten sterben.<\/p>\n\n\n\n<p>SIE<br>Peter!<\/p>\n\n\n\n<p>ER<br>Doch. Vielleicht trauert dann die Welt um mich.<\/p>\n\n\n\n<p>SIE<br>Ich glaube, nur ich w\u00fcrde trauern. Tausende nimmt die Erde t\u00e4glich auf, &#8211; sie werden vergessen. Das Leben geht\u2026 Das Leben?.. Das Sterben geht weiter.<\/p>\n\n\n\n<p>ER<br>Wei\u00dft du, ich habe manchmal das Gef\u00fchl, als hielte mein Lebensnerv die Anspannung einfach nicht mehr aus.<\/p>\n\n\n\n<p>SIE (<em>streichelt ihn.<\/em>)<br>Es wird schon wieder werden.<\/p>\n\n\n\n<p>ER<br>Ich tr\u00e4umte von den Toten, die ich \u2026 Von denen, die durch mich \u2026 Sie standen im Schlafzimmer. Im fahlen Mondlicht erkannte ich sie. Es waren Pinguine, und sie watschelten unerh\u00f6rt grazi\u00f6s und freundlich daher. Dann aber sagte einer \u2013 das Gesicht erkannte ich wieder, von \u2013 (<em>Erstarrt einen Augenblick.<\/em>) Er sagte: Sie m\u00fcssen dich holen, das sei ein Leih- und Pachtabkommen nach der Atlantik-Charta. Ich fragte, was mir bleibt. Und er hat gel\u00e4chelt, halb Mensch, halb Pinguin und hat gesagt: \u201eUnsere Witwen und unsere Waisen. Hol sie dir aus dem Bett!\u201c Dann schlug er mir mit seinem Flossenarm auf die Brust und wie bet\u00e4ubt sah ich, wie sie dich aus dem Bett holten und \u00fcber ihren K\u00f6pfen forttrugen. Ich wollte schreien und aufstehen, aber \u2013 ich konnte nicht. Ich habe mich herumgew\u00e4lzt, Traumangst fesselte mich ans Bett. Kennst du das? Alles war leer, tot und still. (<em>Nach einer Pause, ungeduldig:<\/em>) Sag doch was!<\/p>\n\n\n\n<p>SIE (<em>hilflos:<\/em>)<br>Was soll ich denn sagen?<\/p>\n\n\n\n<p>ER<br>Vielleicht kannst du mir dann einen Kuss geben.<\/p>\n\n\n\n<p>SIE (<em>z\u00f6gert.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>ER<br>Trotz der Pinguine.<\/p>\n\n\n\n<p>SIE<br>Es ist sehr schwer jetzt. (<em>K\u00fcsst ihn.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>ER<br>Den Kuss h\u00e4ttest du dir sparen k\u00f6nnen. Er schmeckt nach langj\u00e4hriger Ehe und Pflicht. (<em>Trostlos:<\/em>) Ich bin also allein auf dieser Welt, auf&nbsp; d i e s e r&nbsp; Welt.<\/p>\n\n\n\n<p>SIE<br>Manchmal ist es mir unbegreiflich, wie ihr in eurer Trostlosigkeit und eurem Pessimismus eure sogenannte Pflicht da drau\u00dfen erf\u00fcllen k\u00f6nnt. Ist das eigentlich m\u00e4nnlich?<\/p>\n\n\n\n<p>ER<br>Ich wei\u00df nicht. Es ist \u2013 eben die Pflicht. Tr\u00f6ste mich doch! (<em>Fast herrisch:<\/em>) Das ist doch eure Pflicht! Dazu bist du doch da!<\/p>\n\n\n\n<p>SIE<br>Wenn du so leben w\u00fcrdest, dass du keinen Trost brauchst?!<\/p>\n\n\n\n<p>ER<br>Das sind m\u00fc\u00dfige Worte in der Situation.<\/p>\n\n\n\n<p>(<em>Das Licht geht aus.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>ER (<em>gereizt:<\/em>)<br>Geh doch vom Schalter weg!<\/p>\n\n\n\n<p>SIE<br>Ich habe ihn gar nicht ber\u00fchrt. Stromst\u00f6rung.<\/p>\n\n\n\n<p>ER<br>Dann bring Licht. Das Mondlicht macht mich wahnsinnig, &#8211; die Pinguine.<\/p>\n\n\n\n<p>SIE<br>Ich habe keine Kerze mehr. Lass uns schlafen gehen.<\/p>\n\n\n\n<p>ER<br>Nein. (<em>Geht zum Fenster:<\/em>) Wer geht denn da unten?<\/p>\n\n\n\n<p>SIE<br>Peter, ich wei\u00df es doch nicht. Der Verehrer irgendeiner Dulcinea hier unten im Haus wahrscheinlich.<\/p>\n\n\n\n<p>ER<br>Er schaut immer hier herauf.<\/p>\n\n\n\n<p>SIE<br>Vielleicht verehrt er mich.<\/p>\n\n\n\n<p>ER<br>Eva, du wei\u00dft, dass ich leicht eifers\u00fcchtig bin.<\/p>\n\n\n\n<p>SIE<br>Es bedarf keiner Aufkl\u00e4rung. Ich wei\u00df es.<\/p>\n\n\n\n<p>ER<br>Dann mach keine bl\u00f6den Witze, sondern sag mir, wer der Mann da ist und was er will.<\/p>\n\n\n\n<p>SIE (<em>geht zum Fenster:<\/em>)<br>Aber Peter, das ist doch der eindeutig harmlose Fahrer des dort eindeutig harmlos parkenden Autos.<\/p>\n\n\n\n<p>ER<br>Eva, du solltest mich nicht reizen, wenn ich schon gereizt bin.<\/p>\n\n\n\n<p>SIE<br>Du bist sehr nerv\u00f6s, mein Lieber.<\/p>\n\n\n\n<p>ER<br>Es n\u00fctzt \u00fcberhaupt nichts, einem nerv\u00f6sen Menschen zu sagen, das er nerv\u00f6s ist. Ich\u2026 Mein Gott, was f\u00fcr ein Verbrechen, uns jahrelang von unseren Frauen zu trennen! Ich wollte so gl\u00fccklich sein mit dir in diesem Urlaub, und ich bin so zerr\u00fcttet und eifers\u00fcchtig. Ich sehne mich weg von dir. Gib mir etwas, das ich zerschlagen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>SIE<br>Peter.<\/p>\n\n\n\n<p>ER<br>Gib mir etwas, sonst nehme ich irgendetwas.<\/p>\n\n\n\n<p>SIE<br>Nein, ich gehe nicht auf deine Albernheiten ein.<\/p>\n\n\n\n<p>ER (<em>nimmt die Vase:<\/em>)<br>Du liebst diese Vase. Ich wei\u00df nicht warum. Wenn sie in Scherben liegt, wirst du dich h\u00fcten, mich albern zu nennen.<\/p>\n\n\n\n<p>SIE (<em>f\u00e4llt ihm um den Hals.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>ER (<em>macht sich los und haut die Vase hin. Die Vase bleibt ganz.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>SIE<br>Musst du Vasen zerschlagen, wenn du nicht wachen und nicht schlafen kannst?<\/p>\n\n\n\n<p>ER<br>Oh, ich \u2013 hasse dich in deinem Zynismus.<\/p>\n\n\n\n<p>SIE<br>So? Nun, es f\u00e4llt mir schwer, dir in diesem Augenblick zu sagen, dass ich \u2013 dich liebe.<\/p>\n\n\n\n<p>ER (<em>ern\u00fcchtert:<\/em>)<br>Was soll ich denn tun?<\/p>\n\n\n\n<p>SIE<br>Setz dich.<\/p>\n\n\n\n<p>ER (<em>setzt sich.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>SIE<br>Und was soll ich nun tun?<\/p>\n\n\n\n<p>ER<br>Siehst du, daran krankt die Welt: man wei\u00df immer, was der andere tun sollte und verl\u00e4sst sich darauf und wartet \u2013 meistens vergeblich \u2026 Setz dich zu mir und erz\u00e4hle mir etwas.<\/p>\n\n\n\n<p>SIE (<em>nimmt an seinen F\u00fc\u00dfen Platz.<\/em>)<br>Wovon soll ich dir erz\u00e4hlen?<\/p>\n\n\n\n<p>ER<br>Das musst du selber wissen. Von mir.<\/p>\n\n\n\n<p>SIE<br>Du hei\u00dft Peter. Peter: Petrus war ein Apostel. Wei\u00dft du das? Der Name leitet sich her vom Griechischen \u201epetra\u201c, der Fels. Du hei\u00dft Peter. Bist du Peter? Felsen werden heute gebraucht. Die Wogen der Weltmeere gehen hoch. Aber so hoch sie auch gehen, so oft sie ihn auch \u00fcberfluten, &#8211; der Fels steht unbeugsam. Auf ihm k\u00f6nnen Menschen Zuflucht suchen, kann der Geist leben. An vielen Felsen k\u00f6nnen sich die Wogen brechen, und geringer werden, nach Zahl, nach Kraft, bis sich schlie\u00dflich die Meere gl\u00e4tten. Du hei\u00dft Peter, bist halb ein werdender Dichter halb ein Mensch. Und das in einer Zeit, die f\u00fcr Dichter verdammt wenig \u00fcbrig hat, in der Mensch Sein schon sehr schwer ist. Ob Goethe zwischen drohender Einberufung und Lebensmittelkarte den \u201eTasso\u201c geschrieben h\u00e4tte? Du hast eine Frau. (<em>Traurig:<\/em>) Du hast kein Kind, willst kein Kind. Keinen kleinen Felsen\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>ER<br>Bitte heb die Vase auf. Ich m\u00f6chte wissen, wieso sie nicht in Scherben ging &#8211;<\/p>\n\n\n\n<p>SIE<br>Vielleicht fand sie, es lohnt sich nicht. Ist eben auch ein Felsenkind.<\/p>\n\n\n\n<p>ER<br>Vielleicht erfahre ich eines Tages doch noch die Geschichte dieses Benedikt-Souvenirs.<\/p>\n\n\n\n<p>SIE<br>Wenn du w\u00fcsstest, wie allt\u00e4glich sie ist.<\/p>\n\n\n\n<p>ER<br>Erz\u00e4hle weiter von mir.<\/p>\n\n\n\n<p>SIE (<em>steht auf.<\/em>)<br>Es gibt nichts mehr zu erz\u00e4hlen. M\u00e4nner, die Peter hei\u00dfen und keine Kinder haben, sind uninteressant.<\/p>\n\n\n\n<p>ER<br>Dass du immer wieder darauf zur\u00fcckkommst. Jeden Tag im Urlaub hast du von dem Kind gesprochen.<\/p>\n\n\n\n<p>SIE<br>Es ist eigentlich unfassbar, welche Macht uns Gott in die H\u00e4nde gegeben hat. Was er aus seiner letzten Weisheit geschaffen hat als ein Wunder ohnegleichen, das k\u00f6nnen nun wir schaffen. Aus uns. Unbegreiflich auch, dass wir schon von&nbsp; u n s e r e m&nbsp; Kind sprechen, da es doch noch irgendwo anders lebt, nur erst gedacht.<\/p>\n\n\n\n<p>ER<br>Ich denke nicht daran. Ich bleibe dabei, dass dies keine Zeit f\u00fcr Kinder ist. Erz\u00e4hl weiter von dem uninteressanten Peter.<\/p>\n\n\n\n<p>SIE (<em>schnell:<\/em>)<br>Der uninteressante Peter ist jung, verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig h\u00fcbsch, eifers\u00fcchtig, hat sex-appeal. Ist gescheit, klug, manchmal hat er Geist, selten Gef\u00fchl &#8211;<\/p>\n\n\n\n<p>ER (<em>erstaunt:<\/em>)<br>Ich habe kein Gef\u00fchl?!<\/p>\n\n\n\n<p>SIE<br>Doch, du hast Gef\u00fchl, aber \u2026 du hast unerahnte Z\u00e4rtlichkeitsideen in dir. Du wei\u00dft berauschende Worte, die streicheln wie deine H\u00e4nde. Aber in den Jahren der Trennung ist mir klar geworden, dass Gef\u00fchl noch mehr ist, noch \u00fcber all dem. Z\u00e4rtlichkeiten sind letzten Endes \u2013 wie soll ich sagen? \u2013 sublimierte Erotik. Es gibt noch mehr.<\/p>\n\n\n\n<p>ER<br>Was kann es mehr geben, als bis zum \u00c4u\u00dfersten sublimierte Erotik?<\/p>\n\n\n\n<p>SIE<br>Ja, sie f\u00fchrt zur Liebe. In der Liebe trifft sich alles: Erotik, Religion, Weisheit, Kunst, &#8211; das sind alles Wege. Liebe muss man sich erk\u00e4mpfen. Sie ist schwerer zu erringen als Ruhm und Geld, ja selbst als die Weisheit.<\/p>\n\n\n\n<p>ER<br>Ja\u2026 (<em>nach einer Pause:<\/em>)<br>Alle Pinguine sind verschwunden. Nicht wahr, sie werden dir in Wirklichkeit nichts tun?<\/p>\n\n\n\n<p>SIE<br>Nein.<\/p>\n\n\n\n<p>ER<br>Jetzt st\u00f6rt mich auch das Mondlicht nicht mehr.<\/p>\n\n\n\n<p>(<em>Das Licht geht aus.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>SIE<br>Auf dem Elektrizit\u00e4tswerk scheint heute ein besonders boshafter Kerl zu sitzen. Komm, gehen wir schlafen. Ich werde wachen, bis du eingeschlafen bist.<\/p>\n\n\n\n<p>ER<br>Meine Mutter sagte fr\u00fcher immer \u201ekommt gleich\u201c, wenn ich nicht einschlafen konnte. Und dann schlief ich wirklich gleich ein. (<em>Steht auf.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>SIE<br>Werde ich auch sagen: \u201eKommt gleich\u201c und \u201eGut\u2018s N\u00e4chtle\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>BEIDE (<em>gehen hinten ab.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>(<em>Telefon.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>ER (<em>kommt barfu\u00df im Schlafanzug zur\u00fcck.<\/em>)<br>Wer kann denn da anrufen? (<em>Meldet sich:<\/em>) Hallo? \u2013 Ja. 37-2-84. \u2013 Bitte? Ja, ein Telegramm? \u2013 \u201eSofort zur Truppe einr\u00fccken.\u201c \u2013 Danke. (<em>Legt langsam den H\u00f6rer auf.<\/em>) Ach, \u201eDanke\u201c braucht man da ja eigentlich nicht zu sagen.<\/p>\n\n\n\n<p>SIE (<em>kommt mit den Pantoffeln wieder.<\/em>)<br>Peter, die Pantoffeln. (<em>Stellt sie ihm hin.<\/em>) Was war denn?<\/p>\n\n\n\n<p>ER<br>Ich muss sofort weg. Ach, Eva, ich\u2026 Du\u2026 Ach, was war das alles eben so gut.<\/p>\n\n\n\n<p>SIE<br>Bleib noch einen Tag.<\/p>\n\n\n\n<p>ER<br>Ich kann nicht. Ich werde da drau\u00dfen gebraucht. Das Telegramm kam um 4 Uhr 31, da kann ich den Zug um 5 Uhr 40 noch bekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>SIE<br>Kein Mensch wei\u00df, dass das Telegramm um 4 Uhr 30 kam.<\/p>\n\n\n\n<p>ER<br>Es kam um 4 Uhr 31.<\/p>\n\n\n\n<p>SIE<br>Bitte werde nicht dienstlich mit mir.<\/p>\n\n\n\n<p>ER<br>Es ist auch so egal. Die Dinge bewegen sich in mir. Ich muss weg, sofort. Ich sehne mich nach der Front, nach den Kameraden. Vielleicht kann ich ja gut machen, was ich verbrach.<\/p>\n\n\n\n<p>SIE<br>Peter, das ist doch widersinnig. Da drau\u00dfen bestimmt nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>ER<br>Das verstehst du nicht. Da drau\u00dfen sind Dinge lebendig, die du in deinem Hausfrauenverstand nicht begreifst und die in keiner Zeitung stehen. Entschuldige bitte: viel gr\u00f6\u00dfere Dinge, die selbst du mit deinem durchaus weiten Horizont nicht erfassen kannst. Die Pinguine werden wieder lebendig. Die gibt es drau\u00dfen nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>SIE (<em>kalt:<\/em>)<br>Bitte geh, Peter! Geh!<\/p>\n\n\n\n<p>ER<br>Sag das nicht so.<\/p>\n\n\n\n<p>SIE<br>Soll ich mich vielleicht freuen?<\/p>\n\n\n\n<p>ER<br>Nein, aber helfen. Gehen\u2026 Ich will aber nicht.<br>Umarme mich.<\/p>\n\n\n\n<p>SIE (<em>umarmt ihn.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>ER<br>Das Leben ist so schwer zu ertragen, da drau\u00dfen ohne die W\u00e4rme deines Herzens. Oh, es ist erb\u00e4rmlich zu wissen, dass ein Faust schwankte zischen Mephisto und Gott. Unser Problem ist das Schwanken zwischen Ehebett und Front. Wer gibt Antwort\u2026?<\/p>\n\n\n\n<p>SIE<br>Ich bitte dich zu bleiben, &#8211; einen Tag.<\/p>\n\n\n\n<p>ER<br>Wei\u00dft du warum ich gehen muss? Weil manche auf mich warten. Sabotage ist ein so billiges Schlagwort geworden. Es hat tiefere Bedeutung. Sabotage wird den Krieg nicht beenden. Kameradschaft vielleicht. Verstehst du das? Ich kann mich so schlecht ausdr\u00fccken, wei\u00df selbst noch nicht alles genau. Ich bitte dich im Namen der Kameraschaft: lass mich gehen. (<em>Geht zur T\u00fcr hinten.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>SIE (<em>tritt ihm in den Weg.<\/em>)<br>Und wenn ich dich verf\u00fchre?<\/p>\n\n\n\n<p>ER<br>Ich wei\u00df, dass du das kannst. Aber du hast vorhin selbst gesagt, dass es mehr gibt als nur Erotik, dass es um die Liebe geht. Im Namen dieser Liebe nun habe ich die letzte Bitte an dich in diesem Urlaub: lass mich gehen.<\/p>\n\n\n\n<p>SIE (<em>\u00fcberwindet sich:<\/em>)<br>Im Namen dieser Liebe: zieh in den Frieden.<\/p>\n\n\n\n<p>ER (<em>geht hinten ab.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>SIE (<em>durch die T\u00fcr nach hinten:<\/em>)<br>Peter: Zieh in &nbsp; d e n &nbsp; Frieden! Nimm diese Worte mit. Lass uns den Frieden in den Herzen vorbereiten. Es geht um so viel. Nicht mehr um Danzig. Der Frieden muss eine Sache der Liebe werden, soll er Wohlgefallen bringen. Staatsm\u00e4nner werden ihn nicht bringen. Kanonen auch nicht. Das Kriegsende wird nur Verwirrung in die kriegsgewohnten Menschen bringen. Der Krieg geht seinem Ende entgegen. Lass den Frieden seinem Beginn entgegen gehen.<\/p>\n\n\n\n<p>ER (<em>kommt fast angezogen, k\u00fcsst sie und geht wieder.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>SIE<br>Was war denn das? Sublimierte Erotik?<\/p>\n\n\n\n<p>ER (<em>von drinnen:<\/em>)<br>Dumme Frage! Es war ein Kuss, und wertvoll, denn es war einer der letzten in diesem Urlaub.<\/p>\n\n\n\n<p>SIE<br>Mein Gott, ich stehe herum. Ich werde dir schnell noch einen Tee machen.<\/p>\n\n\n\n<p>ER (<em>kommt angezogen.<\/em>)<br>Du wirst mir keinen Tee mehr machen. Du?<\/p>\n\n\n\n<p>SIE<br>Was?<\/p>\n\n\n\n<p>ER<br>Es saust alles in mir. Pinguine, Front, Liebe, Frieden \u2026 Tu ich jetzt das richtige?<\/p>\n\n\n\n<p>SIE<br>Wenn wir es in uns richtig haben, dann k\u00f6nnen wir nur das Richtige tun, wo wir auch sind, was wir auch tun\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>ER<br>Und wenn wir es in uns richtig haben, dann m\u00fcssen wir da helfen, wo sie es noch nicht richtig haben. Du hier, ich woanders, wo du nicht hinkannst. Ich bin unglaublich gl\u00fccklich, dass dieser Urlaub so tief tr\u00f6stlich endet. Auf Wiedersehen, mein M\u00e4dchen, auf Wiedersehen im Frieden.<\/p>\n\n\n\n<p>SIE<br>Peter, ich hab dich so lieb.<\/p>\n\n\n\n<p>BEIDE (<em>umarmen und k\u00fcssen sich.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>ER (<em>geht links ab.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>SIE (<em>setzt sich. Fast froh rufend:<\/em>)<br>Peter!<\/p>\n\n\n\n<p>ER (<em>kommt wieder, kniet und legt den Kopf in ihren Scho\u00df.)<\/em><br>Du atmest so sch\u00f6n.<\/p>\n\n\n\n<p>SIE<br>Gott sch\u00fctze dich.<\/p>\n\n\n\n<p>ER<br>Wird er schon machen. (<em>Geht links ab<\/em>.)<\/p>\n\n\n\n<p>SIE (<em>steht nach einer Pause auf und geht hinten ab. Sie kommt mit dem Ring wieder und ruft am Fenster:<\/em>)<br>Peter!<\/p>\n\n\n\n<p>ER (<em>von unten:<\/em>)<br>Was denn?<\/p>\n\n\n\n<p>SIE<br>Deinen Ring hast du vergessen. Warte! (<em>K\u00fcsst den Ring, wickelt ihn ein und wirft ihn hinaus.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>ER<br>Danke!<\/p>\n\n\n\n<p>SIE<br>Peter!<\/p>\n\n\n\n<p>ER<br>Ja?<\/p>\n\n\n\n<p>SIE<br>Denk an unser Kind. (<em>Kusshand)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>***<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=1374\">Bild 7<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=1376\">Bild 8<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=1378\">Bild 9<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=1380\">Bild 10<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=1364\">Zu Kommen und Gehen<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=1397\">Claudia zur hiesigen Ver\u00f6ffentlichung <\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=1352\">Presseschau und Zuschauerbriefe von damals<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=1555\">Autobiografischer Monolog von 1947<\/a> &#8211; Das St\u00fcck \u201cKommen und Gehen\u201d berichtet<\/p>\n\n\n\n<p>***<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=1330\">Bild 1<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=1333\">Bild 2<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=1345\">Bild 3<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=1347\">Bild 4<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=1351\">Bild 5<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=1372\">Bild 6<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=1374\">Bild 7<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=1376\">Bild 8<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=1378\">Bild 9<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=1380\">Bild 10<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>*** *** Kommen und Gehen &#8211; Sechstes Bild &nbsp;WohnzimmerMit geringen Ver\u00e4nderungen ad libitum wie zweites Bild.(Nacht, starkes Mondlicht flutet ins Zimmer.) 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