{"id":1376,"date":"2023-03-29T07:46:23","date_gmt":"2023-03-29T07:46:23","guid":{"rendered":"https:\/\/peterpodehl.com\/?page_id=1376"},"modified":"2026-02-19T12:15:10","modified_gmt":"2026-02-19T12:15:10","slug":"kommen-und-gehen-bild-8","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/webaid.it\/?page_id=1376","title":{"rendered":"Kommen und Gehen &#8211; Bild 8"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-text-align-center\">***<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image aligncenter size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"776\" src=\"https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/KommenUndGehen268WohnzimmerFarb-3-1024x776.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1476\" srcset=\"https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/KommenUndGehen268WohnzimmerFarb-3-1024x776.jpg 1024w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/KommenUndGehen268WohnzimmerFarb-3-300x227.jpg 300w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/KommenUndGehen268WohnzimmerFarb-3-768x582.jpg 768w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/KommenUndGehen268WohnzimmerFarb-3.jpg 1378w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">B\u00fchnenbild von Rolf Christiansen<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">***<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Kommen und Gehen &#8211; Achtes Bild<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>Wohnzimmer.<\/em><br><em>Mit geringen Ver\u00e4nderungen ad libitum (etwas kriegsverkommen), wie zweites und sechstes Bild. Weihnachtsbaum.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>SIE (<em>kommt von hinten.<\/em>)<br>Guten Morgen, lieber Baum! Gestern sollte er kommen. Unter deinen Zweigen, gr\u00fcner Freund, wollte ich als Geschenk in seine Augen schauen und seinen Mund k\u00fcssen. Wir wollten nicht sprechen, weil Worte so klein sind. Ich habe mir alles so deutlich vorgestellt. Aber gestern nicht zum ersten Mal. Schon in der Maisonne habe ich mir alles deutlich ausgemalt. Dann in der Sommerhitze, ganz deutlich, oder im Herbststurm auf der regennassen Stra\u00dfe. Oder in der Adventszeit unter den Mistelzweigen den ersten erlaubten Kuss, obwohl wir Mistelzweige ja nicht mehr brauchen. Wir tun\u2019s auch so. Und nun kann ich es mir f\u00fcr Sylvester vorstellen oder an meinem Geburtstag oder zu Ostern\u2026 Oder \u2013 im Himmel, wo du vielleicht schon bist und wo ich erst hinkomme als alte Frau. Vielleicht wirke ich dann wie deine Mutter. Und wie soll ich das Leben bis dahin ertragen?<\/p>\n\n\n\n<p>Entschuldige, lieber Baum, die lange Rede, aber deine Br\u00fcder werden dasselbe erlebt haben. Es ist 1945 ein Fest, wo sehr viele Selbstgespr\u00e4che gehalten werden, weil so viele Menschen so grenzenlos allein und einsam sind. (<em>Geht links ab.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>(<em>Man h\u00f6rt, dass die Wohnungst\u00fcr offen bleibt<\/em>.)<\/p>\n\n\n\n<p>ER (<em>kommt in seiner Uniform von links.<\/em>)<br>Die T\u00fcr ist offen. Ich konnte herein, ein altbekannter Fremder. Guten Morgen. Ich bin der Besuch, der immer ein paar Wochen kam, ein bisschen Ehe probierte. (<em>Zu den Sachen:<\/em>) Sie erinnern sich? (<em>Geht herum, entdeckt Bekanntes.<\/em>) Daheim und bewohnt. Von ihr bewohnt. Ihr Weben ganz deutlich hier in der Luft\u2026 Was willst du eigentlich, Peter, L\u00e4cheln oder Weinen? So oft habe ich mir das vorgestellt. Am ersten Feiertag\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>(<em>Der Kessel pfeift.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>ER (<em>geht hinten ab.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>(<em>Das Pfeifen h\u00f6rt auf.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>SIE (<em>ist mit einer Kaffem\u00fchle in der Hand gekommen, beim Aufh\u00f6ren des Pfeifens bleibt sie im linken T\u00fcrrahmen stehen<\/em>.)<\/p>\n\n\n\n<p>ER (<em>kommt von hinten wieder und bleibt im T\u00fcrrahmen stehen.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>BEIDE (<em>schauen sich an, heben die Arme zueinander und gehen. Die H\u00e4nde fassen sich wie ein Wunder. Die Arme \u00f6ffnen sich. Sie stehen aneinander und umarmen sich mit einem leisen Laut.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>ER<br>Eva\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>SIE (<em>schaut ihn unter Tr\u00e4nen l\u00e4chelnd an.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>ER (<em>k\u00fcsst ihr die Tr\u00e4nen vom Antlitz.<\/em>)<br>Es kann auf dieser Welt kein gr\u00f6\u00dferes Gl\u00fcck geben, als deine Tr\u00e4nen aus dem l\u00e4chelnden Antlitz zu k\u00fcssen. Weine doch weiter.<\/p>\n\n\n\n<p>SIE<br>Die dumme Kaffem\u00fchle. (<em>Stellt sie weg, reibt sich die Augen.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>ER<br>Nicht reiben. Das ist zu kostbar, &#8211; diese Perlen \u2013 zu einmalig.<\/p>\n\n\n\n<p>SIE (<em>schiebt ihn etwas von sich weg.<\/em>)<br>Du, ich kann es wieder nicht fassen. Oh Gott, warum machst du mir die ersten Worte so schwer.<\/p>\n\n\n\n<p>ER<br>Gott kann es wohl nicht \u00e4ndern. In unserem Finden liegt mehr, als Worte auszudr\u00fccken verm\u00f6gen.<\/p>\n\n\n\n<p>SIE (<em>zieht ihn wieder an sich, legt ihren Kopf an seine Schulter und atmet gl\u00fcckselig aus.<\/em>)<br>Nein nein, jetzt ist es mir schon klar. Ja, Peter, ja, du bist mein Peter. Bist du mein Peter geblieben?<\/p>\n\n\n\n<p>ER<br>Jetzt bin ich \u00fcberhaupt erst dein Peter geworden.<\/p>\n\n\n\n<p>SIE<br>Du, das ist er. Hab vielen Dank, dass du ihn mir doch noch beschert hast. (<em>Zu ihm:<\/em>) Schau her, wie er sich jetzt freut. Ich habe ihm gestern Abend so viel von dir erz\u00e4hlt. Und jetzt eben noch\u2026 Ja, da hatte ich mein letztes Selbstgespr\u00e4ch mit ihm. Nun wollte er wohl daraufhin deine pers\u00f6nliche Bekanntschaft machen.<\/p>\n\n\n\n<p>ER<br>Guten Tag, Herr Tannenbaum.<\/p>\n\n\n\n<p>SIE<br>Ja, sei nur h\u00f6flich zu ihm, er leuchtet abends so sch\u00f6n.<\/p>\n\n\n\n<p>ER<\/p>\n\n\n\n<p>Tausendmal habe ich mir das Wiedersehen vorgestellt. In allen Variationen. Ich wusste ja nicht, ob die Wohnung \u00fcberhaupt noch existiert. Du wusstest wenigstens, wo du es dir vorstellen konntest.<\/p>\n\n\n\n<p>SIE<br>Ich konnte es mir allerdings auch im Himmel vorstellen, denn ich wusste ja \u00fcberhaupt nicht einmal, ob du \u00fcberhaupt noch lebst. Wie viele vergebliche Suchpostkarten habe ich losgelassen. Warum hast du nicht geschrieben?<\/p>\n\n\n\n<p>ER<br>Ich lag mit einem Kopfschuss im Lazarett und schrieb ganz wirre Briefe. Ich durfte auch keine Briefe empfangen. Die Poststelle passte da auf. Dr. Benedikt leitete sie.<\/p>\n\n\n\n<p>SIE<br>Dr. Benedikt? Die Poststelle? Die Vase.<\/p>\n\n\n\n<p>ER<br>Ja, dein Dr. Benedikt. Er ging in seinem Pflichtbewusstsein auch so weit, dass er nach meiner Genesung s\u00e4mtliche Post zur\u00fcck hielt. Eva. Durch diesen Mann habe ich nichts von dir erfahren, bis vor f\u00fcnf Tagen, als ich entlassen wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>SIE<br>Und ich wusste nichts von dir.<\/p>\n\n\n\n<p>ER<br>Er muss dich furchtbar geliebt haben.<\/p>\n\n\n\n<p>SIE<br>Ja, furchtbar ist das richtige Wort. Er hat uns viel Leid zugef\u00fcgt. Hasst du ihn darum?<\/p>\n\n\n\n<p>ER<br>Ich kann nicht mehr hassen. Weder Dr. Benedikt, noch Hitler, noch sonst wen. Nur noch einer Sache gilt mein Hass: dem Hass und mit ihm dem Schlechten, dem Gemeinen, dem Unsachlichen. Ich habe erkennen m\u00fcssen, dass dieser grausame Mensch liebens- und bemitleidenswert sein kann. (<em>Holt die Vase aus der Tasche.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>SIE<br>Die Vase!<\/p>\n\n\n\n<p>ER<br>Ja, ich fand sie bei ihm.<\/p>\n\n\n\n<p>SIE (<em>z\u00f6gernd:<\/em>)<br>Ich habe \u2013 damals &#8211;<\/p>\n\n\n\n<p>ER (<em>unterbricht:<\/em>)<br>Ich wei\u00df alles. Ich wei\u00df, wie oft du mit ihm beisammen warst in den unendlich vielen Tagen unserer Ehe, die wir getrennt verlebten. Ich will dar\u00fcber kein Wort verlieren. Es war so sch\u00f6n, das von ihm und nicht von einem Dritten zu erfahren. Bevor ich entlassen wurde, lie\u00df er mich rufen und gestand alles, das mit der Post und wie er dich verehrt und geliebt hat. Und als ich die Vase im Zimmer entdeckte, erz\u00e4hlte er mir die ganze Geschichte. Aus seinem Mund erfuhr ich sie nun doch. Endlich. Sie ist ja sehr allt\u00e4glich. Ersch\u00fctternd aber war, wie er immer mehr zusammenfiel bei der Erz\u00e4hlung, irgendwie von der eigenen Schuld erdr\u00fcckt. Er bat mich dann um Verzeihung, und ich reichte ihm l\u00e4chelnd die Hand. Da kam in das harte Gesicht ein so leerer, m\u00fcder und doch empfangsbereiter Ausdruck\u2026 Dann schenkte er mir die Vase (<em>Stellt sie unter den Baum.<\/em>) Und ich schenke sie dir nun zu Weihnachten zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>SIE<br>Wenn du nun nicht mehr hassen kannst, dann kannst du doch sicher auch nicht mehr eifers\u00fcchtig sein.<\/p>\n\n\n\n<p>ER<br>Ohne Grund gewiss nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>SIE<br>Glaubst du, dass ich dir jemals Grund dazu geben werde?<\/p>\n\n\n\n<p>ER (<em>umarmt sie.<\/em>)<br>Nein. Ach, jetzt wird \u00fcberhaupt alles viel besser.<\/p>\n\n\n\n<p>SIE<br>Und ich habe gar nichts f\u00fcr dich f\u00fcr Weihnachten.<\/p>\n\n\n\n<p>ER<br>Du konntest doch nicht wissen, dass ich komme.<\/p>\n\n\n\n<p>SIE<br>Nein, das konnte ich nicht. Wie sehr Gef\u00fchle tr\u00fcgen\u2026 Ich erinnere mich, dass ich oft durch die Stra\u00dfe f\u00f6rmlich getrieben wurde, weil ich so bestimmt zu wissen glaubte, du w\u00e4rst da und k\u00f6nntest nicht herein. Ich rannte bis zum letzten Treppenabsatz, den Kopf immer nach oben. Und dann die Entt\u00e4uschung, wenn vor der Wohnungst\u00fcr niemand stand. Niemand hinein wollte, niemand\u2026 Vielleicht h\u00e4tte ich ein Geschenk f\u00fcr dich besorgt, wenn ich dieses Gef\u00fchl an einem der letzten Tage gehabt h\u00e4tte. Aber es war nichts.<\/p>\n\n\n\n<p>ER<br>Du hast doch etwas f\u00fcr mich besorgt, oder vielmehr f\u00fcr mich bewahrt. Und ich bitte dich, es mir zu schenken: Dich selbst.<\/p>\n\n\n\n<p>SIE<br>Ach, ich bin doch keine \u00dcberraschung.<\/p>\n\n\n\n<p>ER<br>Doch, f\u00fcr mich immer wieder.<\/p>\n\n\n\n<p>SIE<br>Ja?<\/p>\n\n\n\n<p>ER<br>Au\u00dferdem w\u00fcrde mir auch das gen\u00fcgen, was ich schon kenne.<\/p>\n\n\n\n<p>SIE<br>Naja, aber so ein richtiges Weihnachtsgeschenk \u2026<\/p>\n\n\n\n<p>ER<br>Sei nicht so hartn\u00e4ckig. Du kannst mir das Sch\u00f6nste schenken, was es f\u00fcr mich auf dieser Welt gibt. Und dich erinnere mich, dass du sehr gl\u00fccklich warst, als du es mir zum ersten Mal schenktest. Der Ring\u2026 erinnerst du dich?<\/p>\n\n\n\n<p>SIE<br>Am n\u00e4chsten Morgen r\u00fccktest du ein.<\/p>\n\n\n\n<p>ER<br>Heute bin ich wieder gekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>BEIDE (<em>umarmen und k\u00fcssen sich.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>ER (<em>schlie\u00dflich:<\/em>)<br>Au\u00dferdem kannst du mir doch sicherlich einen Kaffee kochen zu Weihnachten.<\/p>\n\n\n\n<p>SIE<br>Einen Kaffee?, ja nat\u00fcrlich, sogar gleich. (<em>Geht hinten ab.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>ER<br>Erster Feiertag\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>SIE (<em>kommt wieder mit der Kaffeem\u00fchle, will ab.<\/em>)<br>Kaffee, Kaffee\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>ER (<em>befiehlt:<\/em>)<br>Kuss.<\/p>\n\n\n\n<p>SIE (<em>gehorcht und geht ab<\/em>.)<br>Kuss, Kussssss<\/p>\n\n\n\n<p>(<em>Man h\u00f6rt die Kaffeem\u00fchle im Folgenden.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>ER<br>Friedensweihnachten. Feiertag, &#8211; das klingt so feierlich. Der erste Feiertag war eigentlich der Inbegriff von Frieden und Faulheit in meiner Kindheit. Die furchtbar gesteigerte Spannung der Adventszeit hatte aufgeh\u00f6rt. Am Heiligabend sagte der Vater dann immer \u201eDa haben wir die Bescherung,\u201c um seine R\u00fchrung zu verbergen. Dann schlief man mit dem sch\u00f6nsten Geschenk. Und dann das Aufwachen mit dem neuen Besitz. Man liest in den neuen B\u00fcchern, man f\u00e4hrt mit dem neuen Auto \u00fcber die Bettdecke, man probiert. Apropos: man probiert.<\/p>\n\n\n\n<p>SIE (<em>kommt mit einem Zivilrock.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>ER<br>Du kannst mir wohl die W\u00fcnsche von den Augen ablesen?<\/p>\n\n\n\n<p>SIE<br>Oh nein, viel mehr. Direkt vom Herzen. Da. (<em>Bef\u00fchlt das Herz und geht nach hinten ab.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>ER (<em>wechselt die Kleidung, geht nach hinten zum Fenster, um es als Spiegel zu benutzen, schaut hinaus, geht pl\u00f6tzlich bewegt durch das Zimmer.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>SIE (<em>kommt mit einem Tablett.<\/em>)<br>Peter, ich habe gar kein Brot im Haus. Daf\u00fcr habe ich auf fast alle Marken mehr oder weniger schmackhaften Friedenslebkuchen gekauft.<\/p>\n\n\n\n<p>ER (<em>zerstreut:<\/em>)<br>Ist ja egal.<\/p>\n\n\n\n<p>SIE (<em>schenkt Kaffee ein.<\/em>)<br>Was hast du denn?<\/p>\n\n\n\n<p>ER<br>Ich? Oh, ich habe aus dem Fenster geschaut.<\/p>\n\n\n\n<p>SIE (<em>setzt sich.<\/em>)<br>Komm, setz dich und erz\u00e4hle, was du gesehen hast.<\/p>\n\n\n\n<p>BEIDE (<em>fr\u00fchst\u00fccken im Folgenden<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>ER<br>Ich sah zwei Beinamputierte auf Kr\u00fccken durch die Stra\u00dfe gehen. Der eine kam von links, der andere von rechts. Gerade gegen\u00fcber von unserem Fenster begegneten sie einander, ohne auf den anderen auch nur aufmerksam zu werden. So, als ob sie beide gesund w\u00e4ren. Und nun stelle ich mir vor, dass jeder der beiden aus dem Lazarett kommt, um die Mutter zu besuchen. Und die Mutter des einen wohnt ganz in der N\u00e4he vom Lazarett des anderen.<\/p>\n\n\n\n<p>SIE (<em>beschwichtigend:<\/em>)<br>Peter.<\/p>\n\n\n\n<p>ER<br>Merkst du eigentlich die entsetzlich g\u00e4hnende Sinnlosigkeit der Begegnung? Dieses vollkommen aller menschlichen Vernunft und Logik Spottende?<\/p>\n\n\n\n<p>SIE (<em>entschieden:<\/em>)<br>Ja, ich merke es, aber ich will nicht. Will nicht am ersten Feiertag, wo ich dich wiederbekommen habe.<\/p>\n\n\n\n<p>ER<br>Du musst aber. Jeden Tag musst du es dir vor Augen halten. Offene Augen. Weg mit der Verdunkelung! Der Krieg ist aus.<\/p>\n\n\n\n<p>SIE<br>Ja, er ist aus. Er hat sehr viel Kraft gekostet und \u2026 Wir k\u00f6nnen manchmal nicht mehr. Du kommst aus der Ruhe eines Lazaretts und hast die Nachkriegszeit mit ihrem Unfrieden und ihren ergebnislosen Konferenzen nicht miterlebt.<\/p>\n\n\n\n<p>ER<br>Oh, ich habe auch Zeitung gelesen. Und mich manchmal gewundert \u00fcber die kindlichen Fragen auf den Konferenzen und die Unruhen in China und Indien und Pal\u00e4stina und Persien und Griechenland und \u00c4gypten und Italien und Spanien und Bolivien und Argentinien. Die Tageszeitung ist ein Witzblatt geworden, wenn man bedenkt, dass das Frieden sein soll.<\/p>\n\n\n\n<p>SIE<br>Ja, aber ein sehr grausiges Witzblatt. Du hast dich gewundert \u00fcber diese Meldungen im ersten Friedensjahr. Wir haben geschaudert, denn wir sahen, wohin sie f\u00fchren: zu weiterem Hungern und Schlange Stehen und Beschwerlichkeiten.<\/p>\n\n\n\n<p>ER<br>Woher kommen sie?<\/p>\n\n\n\n<p>SIE<br>Ich wei\u00df es nicht. Aus dem G\u00e4ren dieser Zeit. Dieser Krieg war doch wie eine riesige Flut. Die muss sich nun verlaufen und von den Menschen einged\u00e4mmt werden. Noch wandert sie ruhelos und stiftet weiteren Unfrieden. Das Lesen der Tageszeitung ist f\u00fcr jeden f\u00fchlenden Menschen eine Qual geworden, vielleicht auch f\u00fcr die wirklich denkenden. Wenn jeder Blick aus dem Fenster auch eine Qual sein soll, dann werde ich wahnsinnig.<\/p>\n\n\n\n<p>ER<br>Dann werde wahnsinnig. Wenn alle Menschen wahnsinnig werden, vielleicht kommt dann die Einsicht.<\/p>\n\n\n\n<p>SIE<br>Die Deutschen unter Hitler sind auch wahnsinnig gewesen und kamen immer weiter weg von der Einsicht. Wir m\u00fcssen alle nach den neuen Ma\u00dfen suchen, die alten sind ung\u00fcltig geworden. Aber geduldig m\u00fcssen wir suchen, nicht wahnsinnig.<\/p>\n\n\n\n<p>ER<br>Vielleicht hast du recht. Hitler hat vielleicht in seine zw\u00f6lf Jahre das gepresst, was er in tausend Jahren zu vollbringen gedachte. Vielleicht m\u00fcssen wir ihm daf\u00fcr sogar dankbar sein. Nach wirklichen tausend Jahren h\u00e4tten wir vielleicht unser Wesen und die Inhalte verloren gehabt. Schau: so wie wir heuten f\u00fcr einen Wintermantel ein anderes Ma\u00df nehmen, als der Schneider Karls des Gro\u00dfen f\u00fcr den Kr\u00f6nungsmantel, so m\u00fcssen wir uns heute schneller mit den Dingen abfinden, an die zu gew\u00f6hnen man fr\u00fcher Generationen Zeit hatte. &#8211; War ja ein toller Satz.<\/p>\n\n\n\n<p>SIE<br>Toll! Noch mal!<\/p>\n\n\n\n<p>ER<br>Kann ich nicht. Jedenfalls: der Zeit gerecht werden. Aber wie kann man das bei Hunger, Not und Elend?<\/p>\n\n\n\n<p>SIE<br>Bist du wirklich so hart geworden, Peter? Wir beide \u2013 (<em>Dringlich:<\/em>) Ist das nichts?<\/p>\n\n\n\n<p>ER<br>Wir beide?<\/p>\n\n\n\n<p>SIE<br>Ja. Ein Liebespaar.<\/p>\n\n\n\n<p>ER<br>Es geht doch wohl um mehr. Es geht um die Menschheit.<\/p>\n\n\n\n<p>SIE<br>Was ist denn die Menschheit? Eine Ansammlung von Liebespaaren.<\/p>\n\n\n\n<p>ER<br>So k\u00f6nnte man vielleicht in einem modernen Lustspiel argumentieren. Das ist ein Bonmot. (<em>Geht wieder auf und ab.<\/em>) Hat doch mit den wirklichen Problemen nichts zu tun.<\/p>\n\n\n\n<p>SIE<br>Schade.<\/p>\n\n\n\n<p>ER<br>Die Ruhe des Lazaretts war sch\u00f6n, aber gef\u00e4hrlich. Ein wenig Kaspar Hauser. Ich glaubte, in eine Welt entlassen zu werden, die den rechten Weg geht, zumindest wei\u00df. Nun muss ich sehen, dass sie ihn bestenfalls h\u00e4nderingend sucht. Ich suche ihn auch.<\/p>\n\n\n\n<p>SIE<br>Die Liebe ist es nicht?<\/p>\n\n\n\n<p>ER<br>Du bist wieder weiblich.<\/p>\n\n\n\n<p>SIE<br>Ich bin seit meiner Geburt weiblich. Du solltest es am besten wissen.<\/p>\n\n\n\n<p>ER<br>Ich wei\u00df es ja, Eva. (<em>Geht zu ihr.<\/em>) Ach Gott, Eva, b\u00e4ndige doch in mir, was da wieder kommt.<\/p>\n\n\n\n<p>SIE (<em>wird \u00e4ngstlich<\/em>)<br>Was kommt denn?<\/p>\n\n\n\n<p>ER<br>Wie ein Motor ist das, den man von Zeit zu Zeit anwirft. Dann arbeitet er und l\u00e4sst keine Ruhe und keine Gedanken aufkommen.<\/p>\n\n\n\n<p>SIE<br>Peter, ich habe Angst um dich.<\/p>\n\n\n\n<p>ER<br>Nicht um mich, Eva. H\u00f6chstens &#8211; um uns beide.<\/p>\n\n\n\n<p>SIE (<em>erschrocken:<\/em>)<br>Nein, Peter. Nein, wir m\u00fcssen nun endlich einmal leben. Wir sind ein Ehepaar. Ich erwarte ein Kind von dir.<\/p>\n\n\n\n<p>ER<br>Red doch keinen Unsinn.<\/p>\n\n\n\n<p>SIE<br>Doch. In zehn Monaten etwa.<\/p>\n\n\n\n<p>ER<br>Du, wenn ich mir vorstelle, dass ich mich morgen auf eine Beh\u00f6rde anmelden muss und dass ich anstehen muss, um Lebensmittelkarten zu bekommen. Und dann das Arbeitsamt, und dann muss ich Geld verdienen und bekomme einen Chef. Nein! Ich kann das nicht. Ich muss weg. Fliehen.<\/p>\n\n\n\n<p>SIE<br>Peter, vor diesen Dingen kann man nicht fliehen. Wie oft habe ich \u00e4hnliche Gedanken, wenn ich nach Heringen oder sonst was anstehe. Ein so mechanisierter Krieg musste notgedrungen die Mechanisierung des einzelnen Lebens mit sich bringen. Es ist heute bestimmt nirgends in Europa anders.<\/p>\n\n\n\n<p>ER<br>Ich bin zutiefst deprimiert.<\/p>\n\n\n\n<p>SIE<br>Keine Superlative bitte. (<em>Klar und entschieden:<\/em>) Du hast dieses Leben zu leben. Und ich, deine Frau, verlange von dir, dass du es mit mir lebst. Ich habe sechs Jahre lang auf dich gewartet, sehr geduldig. Aber ich f\u00fchle keinerlei Neigung, weiterhin zu warten. Auch ich will nun dieses, mein Leben leben. Und wenn du mich jetzt wirklich wieder verl\u00e4sst, dann k\u00f6nnte etwas geschehen, was ich schaudere auszusprechen: meine Liebe zu dir k\u00f6nnte erl\u00f6schen.<\/p>\n\n\n\n<p>ER<br>Vielleicht w\u00e4re das gut. Vielleicht soll ich ganz allein und ganz einsam sein. Es ist eine unz\u00e4hmbare Unruhe in mir. Ach. Alle Worte verm\u00f6gen das nicht auszudr\u00fccken. Eva, du kannst mich gar nicht aufgeben.<\/p>\n\n\n\n<p>SIE<br>Doch, Peter, \u00fcbersch\u00e4tze die Gr\u00f6\u00dfe meiner Liebe nicht. Deine Flucht w\u00fcrde mich n\u00e4mlich dem\u00fctigen. Ich wei\u00df, dass ich ohne dich in meinem Herzen nicht gl\u00fccklicher w\u00fcrde. Aber ich w\u00fcrde weiterleben. Nenne mich weibisch oder wie du willst.<\/p>\n\n\n\n<p>ER (u<em>nruhig:<\/em>)<br>Ich gehe ja nicht. Bin ja ein B\u00fcrger, werde mich schon abfinden. K\u00f6nnen wir nicht zusammen gehen? K\u00f6nnen wir nicht ein M\u00e4rchen leben? Wir gehen ganz unbek\u00fcmmert um Not, Elend, Nachkrieg, Friedlosigkeit und Hunger durch diese Welt \u2013 auf unseren Wegen.<\/p>\n\n\n\n<p>SIE<br>Wohin?<\/p>\n\n\n\n<p>ER<br>Nach Tibet. Es gibt Menschen, die ganz ernsthaft behaupten, dass in den Kl\u00f6stern Tibets Europas Geschichte gemacht wird, nicht hier.<\/p>\n\n\n\n<p>SIE<br>Tja, vielleicht wollen aber die Menschen etwas von uns hier. Haben wir nicht Verpflichtungen?<\/p>\n\n\n\n<p>ER<br>Ja? (<em>Geht weg von ihr.<\/em>) Nein, ich muss weg von dir. Ich sp\u00fcre nichts von derartigen Verpflichtungen. Ich will nicht fliehen, nur suchen!<\/p>\n\n\n\n<p>SIE<br>Peter, wieder gehen?<\/p>\n\n\n\n<p>ER<br>Und kommen. Kommen und Gehen ist das Gesetz, dem wir unterworfen sind, das Gesetz des Lebens.<\/p>\n\n\n\n<p>Dinge kommen, Dinge gehen. Unaufh\u00f6rlich ziehen sie an uns vorbei. Gute, schlechte, leichte, ferne Dinge. Wir k\u00f6nnen zupacken oder sie ziehen lassen. Krieg hie\u00df ein Ding. Es wurde aufgegriffen, gro\u00df gemacht, weil die Menschen egoistisch sahen, nicht das Ding. Die guten Dinge zogen traurig, unben\u00fctzt weiter, &#8211; jahrelang\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Menschen kommen und gehen. Beinamputierte aus Lazaretten, Menschen mit ausgestreckten Armen und offenen H\u00e4nden, verschlossene Gestalten, Besessene. Wir k\u00f6nnen umarmen, wir m\u00fcssen Verstockte aufzusp\u00fcren suchen, Unleidliche zu meiden trachten. Einer hie\u00df Hitler. Er war klein und gering und wurde zum Gott gemacht. Die guten, wertvollen Menschen starben und verdarben. Bitter ist das Ende dieses Missgriffs.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie unz\u00e4hlige, laufende, ineinander verwobene B\u00e4nder ist das Leben, unaufh\u00f6rliches Kommen und Gehen; tausendf\u00e4ltig, bunt, schillernd\u2026 Dieses Gesetz, &#8211; ich muss ihm gehorchen. Gehen\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>SIE<br>Wohin?<\/p>\n\n\n\n<p>ER<br>Ich wei\u00df es nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>SIE<br>Und was tun?<\/p>\n\n\n\n<p>ER<br>Suchen! Suchen! Suchen!!! (<em>Verzweifelt:<\/em>) Und wenn ich nichts finde, ich muss gesucht haben. Das Leben ist qualvoll geworden. Aber du hast Recht: es muss so gelebt werden, wie es ist. (<em>Geht links ab, kommt wieder, bleibt in der T\u00fcr stehen.<\/em>) Ich habe unendliche Sehnsucht nach dir. Ich liebe dich. Wei\u00dft du, was ich k\u00f6nnen m\u00fcsste? Ich m\u00fcsste vor die knien k\u00f6nnen, ich m\u00fcsste meinen Kopf in deinen Scho\u00df legen k\u00f6nnen und weinen k\u00f6nnen. Oh, wer weinen k\u00f6nnte\u2026 Ich kann es nicht. Es l\u00e4uft alles \u00fcber\u2026 Ich muss das Gef\u00e4\u00df suchen. Anders kann ich es nicht sagen. Mit dem Gef\u00e4\u00df komme ich wieder. (<em>Geht links ab.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>SIE (<em>erwacht aus einer Starre, schreit:<\/em>)<br>Peter! (<em>Nach einer Pause, leise:<\/em>) Kommen und Gehen. (<em>L\u00e4sst den Kopf auf den Arm fallen.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">***<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=1378\">Bild 9<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=1380\">Bild 10<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=1364\">Zu Kommen und Gehen<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=1397\">Claudia zur hiesigen Ver\u00f6ffentlichung <\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=1352\">Presseschau und Zuschauerbriefe von damals<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=1555\">Autobiografischer Monolog von 1947<\/a> &#8211; Das St\u00fcck \u201cKommen und Gehen\u201d berichtet<\/p>\n\n\n\n<p>\u2022\u2022\u2022<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=1330\">Bild 1<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=1333\">Bild 2<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=1345\">Bild 3<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=1347\">Bild 4<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=1351\">Bild 5<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=1372\">Bild 6<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=1374\">Bild 7<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=1376\">Bild 8<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=1378\">Bild 9<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=1380\">Bild 10<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>*** *** Kommen und Gehen &#8211; Achtes Bild Wohnzimmer.Mit geringen Ver\u00e4nderungen ad libitum (etwas kriegsverkommen), wie zweites und sechstes Bild. 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