{"id":1627,"date":"2023-05-11T03:59:57","date_gmt":"2023-05-11T03:59:57","guid":{"rendered":"https:\/\/peterpodehl.com\/?page_id=1627"},"modified":"2026-02-19T11:44:37","modified_gmt":"2026-02-19T11:44:37","slug":"marchen-fur-den-dienstag-marchen-in-der-mullerstrase","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/webaid.it\/?page_id=1627","title":{"rendered":"M\u00e4rchen f\u00fcr den Dienstag &#8211; M\u00e4rchen in der M\u00fcllerstra\u00dfe"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-text-align-center\">***<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-medium-font-size\"><strong>M\u00e4rchen in der M\u00fcllerstra\u00dfe<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">***<\/p>\n\n\n\n<p>Mein liebes Liebespaar!<br>Die im heutigen M\u00e4rchen vorkommende Mozart-Sonate hat in K\u00f6chels Verzeichnis die Nummer 330. Zum besseren Verst\u00e4ndnis eines bestimmten Vergleiches im heutigen M\u00e4rchen wird anheim gestellt, zwei Kekse bereitzuhalten.<br>Um auf die Anrede zur\u00fcckzukommen: Ich erlaube mir die intimere Form in der Hoffnung, dass wir einander \u00fcber das Medium des gestrigen M\u00e4rchens schon etwas n\u00e4her kommen; und vielleicht erweist sich, dass M\u00e4rchen f\u00fcr Liebende dazu geeigneter sind, als manche internationale Institution.<br>Ihr k\u00f6nntet nat\u00fcrlich sagen: \u201cWas soll das? Kristall und Prinz und Leuchtermacher? Die schaffen kein Medium, das uns einander n\u00e4hert. Das ist ein Irrweg, der zu gar nichts f\u00fchrt. Ich bin doch kein kleines Kind, das sich mit M\u00e4rchen abspeisen l\u00e4sst!\u201d.<br>Nein? Sind wir nicht den Kindern sehr verwandt? Offene Augen, offene Herzen, recht naiv und zuweilen ein wenig unlogisch, manchmal dagegen \u00fcberraschend geistvoll (eine Analogie zum Kindermund!); ich glaube, wir sind der Kindheit n\u00e4her als der \u00fcblichen Erwachsenheit.<br>Ich gebe zu: Es ist notwendig, \u2013 ja ich m\u00f6chte fordern, dass wir alle erwachsen werden. Aber blo\u00df zum Erwachsenen erwachsen scheint mir so fade und m\u00fc\u00dfig wie T\u00fcnche \u00fcbert\u00fcnchen. Nur wenn aus Kindern Liebende wachsen, ist, scheint mir, viel Gew\u00e4hr geboten, dass wir in keinem Lebensalter den Sinn f\u00fcr M\u00e4rchen verlieren.<br>Sagen wir also nicht, wie der H\u00e4ndler zum gestrigen Prinzen oder wie der Mann auf der B\u00f6rse: \u201cDas sind ja M\u00e4rchen!\u201d sondern sagen wir die gleichen Worte so erstaunt, wie sie Daniele sagen w\u00fcrde, Daniele aus dem<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image aligncenter size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"851\" src=\"https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_05-1024x851.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1648\" srcset=\"https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_05-1024x851.jpg 1024w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_05-300x249.jpg 300w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_05-768x638.jpg 768w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_05-1536x1276.jpg 1536w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_05.jpg 1625w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><strong>M\u00c4RCHEN&nbsp; IN&nbsp; DER&nbsp; M\u00dcLLERSTRASSE<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es war einmal\u2026 Ja, es war einmal so viel und alles auf einmal.<br>Also, es war einmal ein M\u00e4rchen im Stadttheater und ein P\u00e4rchen in der M\u00fcllerstra\u00dfe. Dieses P\u00e4rchen spielte jeden Nachmittag vor vielen Kindern das M\u00e4rchen in der M\u00fcllerstra\u00dfe.<br>Und es waren einmal zwei Namen: Gabriel und Daniele. Diese Namen trugen zwei Kinder. Die konnten in dem Lebensalter, da dieses M\u00e4rchen sich zutrug, in keiner Weise dem idealistischen Klang ihrer Namen gerecht werden. Eltern und Bekannte brachten es einfach nicht \u00fcber sich, die Kinder anders als Dani und Gabs zu rufen. Man kann zu einer Feldmaus nicht Tiger sagen, auch wenn sie auf diesen Namen getauft ist.<br>Was soll man machen, wenn man Daniele hei\u00dft und im Alter von acht Jahren klein, rundlich, stubsn\u00e4sig und sommersprossig ist? Danieles Haare waren strohblond und fast strohdick, so dass die Z\u00f6pfe mit den roten Zopfhaltern weniger nach unten hingen, als zur Seite weg standen. Eine m\u00fctterliche, sehr gesch\u00e4ftige, liebensw\u00fcrdige, jedoch in keiner Weise danielenhafte Seele steckte in ihr.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch Gabriel hatte in den neun Jahren, die er schon auf der Erde weilte, noch nie Spuren von \u00c4hnlichkeit mir einem Erzengel zuwege gebracht. Er war hager und hatte stets ungek\u00e4mmte Haare, die von Tag zu Tag r\u00f6ter wurden und schienen. Seine abstehenden Ohren wirbelten unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig viel Luft durcheinander, wenn er mit vorgeschobenen Kopf, die Arme angewinkelt, zu irgendeinem Geraufe raste. Er verabscheute eine gem\u00e4\u00dfigte Gangart, und hatte eine ausgesprochene Vorliebe f\u00fcr H\u00e4ndel jeglicher Art. Raufte er nicht, so waren seine stets schmutzigen H\u00e4nde nebst anderen Jungenutensilien in den Hosentaschen vergraben, und die flinken kleinen Augen unter der niedrigen Stirn suchten unabl\u00e4ssig Raufvorw\u00e4nde.<br>An einem friedlichen Winternachmittag fanden sie stattdessen Daniele Schulze (er hie\u00df Gabriel Niederges\u00e4\u00df). Es begann eine Liebe. Und obwohl man sich unter Gabriel und Daniele ein anderes Paar vorzustellen geneigt ist, kann man sich andererseits kein harmonischer abgestimmtes Paar vorstellen, als Dani und Gabs.<br>Eines Tages lud er sie ins Theater ein. Zwar noch nicht in die f\u00fcr junge Liebesleute obligate \u2018Kabale und (was wichtiger ist) Liebe\u2019, aber in dem ihrem Alter entsprechenden M\u00e4rchen im Stadttheater ging es schlie\u00dflich auch um Kabale und Liebe. Daniele war furchtbar aufgeregt und freute sich \u00fcber alle Ma\u00dfen. Er hingegen spielte den gro\u00dfen Herrn, \u2013 so gro\u00df man ihn eben mit neun Jahren zu spielen vermag. Er protzte mit den Freikarten (im zweiten Rang!), fand die Musik langweilig, die Vorstellung durchschnittlich, machte Daniele auf seine Schwester, das sechste G\u00e4nsebl\u00fcmchen von links im Blumenblatt aufmerksam (daher die Freikarten) und fand vieles nicht zum Lachen, was Daniele und die meisten Kinder k\u00f6niglich am\u00fcsierte. Lediglich an der Rauferei im zweiten Akt zeigt er sich interessiert, und erkl\u00e4rte sie Daniele fachm\u00e4nnisch-sportlich und recht umst\u00e4ndlich.<br>Daniele hingegen fand es zu und zu sch\u00f6n. Sie lachte, weinte, sang und schrie vor Aufregung und lebte alles mit, was ihr auf der B\u00fchne vorgelebt wurde. Besonders der Prinz (noch im tiefsten sozialen Elend untadelig in hellblauer Seide) und die Prinzessin (im rosa Reifrock, immer standesgem\u00e4\u00df selbst als flei\u00dfige Schweinemagd) haben es ihr angetan. Wie Die einander lieben \u2026<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-28f84493 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:100%\">\n<div class=\"wp-block-media-text alignwide is-stacked-on-mobile\" style=\"grid-template-columns:32% auto\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"103\" height=\"300\" src=\"https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_06-103x300.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1650 size-full\" srcset=\"https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_06-103x300.jpg 103w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_06-352x1024.jpg 352w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_06-768x2236.jpg 768w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_06-527x1536.jpg 527w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_06-703x2048.jpg 703w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_06.jpg 876w\" sizes=\"auto, (max-width: 103px) 100vw, 103px\" \/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p>Auf dem Nachhauseweg wurde Gabriels gro\u00dfes Herrentum durch einige Fragen der kindlichen Daniele auf eine harte Probe gestellt. Dass dem Zauberer der Arm nicht wirklich abgerissen wurde, das wusste er ganz bestimmt. Auch \u00fcber die Zusammensetzung des Pferdes und wieso es sprach, konnte er einigerma\u00dfen ersch\u00f6pfende Auskunft geben. Aber wie das mit der Liebe des Prinzen und der Prinzessin \u201cin Wirklichkeit\u201d war \u2026? Zu seinem Gl\u00fcck waren sie an Danieles Haust\u00fcr angelangt und er konnte sich schnell verabschieden, ohne die brenzlige Frage beantworten zu m\u00fcssen.<br>Als er abends seine Schwester nach eventuellen Zusammenh\u00e4ngen zwischen dieser M\u00e4rchen- und Wirklichkeitsliebe fragte, bekam er unter best\u00e4ndigem ganz ung\u00e4nseverbl\u00fcmtem Kichern die Auskunft, dass sie in wilder Ehe in der M\u00fcllerstra\u00dfe wohnen und dass wilde Ehe was \u2013 nun, was Wildes und mehr oder weniger B\u00f6ses ist.<br>Bei Daniele wurden an diesem Abend die Rollen vertauscht: Daniele erz\u00e4hlte das obligate Abendm\u00e4rchen, und die Mutter h\u00f6rte dieser temperamentvollen Mischung aus M\u00e4rchen, Wirklichkeit, Theater und Phantasie aufmerksam zu.<\/p>\n<\/div><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<p>Auf Grund der Verschiedenartigkeit des am Vorabend Gesprochenen kam es denn auch am n\u00e4chsten Morgen zu einem kleinen Zusammensto\u00df. Gabriel hatte selbstsicher seine H\u00e4nde in den Hosentaschen vergraben und suchte geschickt in Danieles N\u00e4he, seine Weisheit von der wilden Ehe an die Dame zu bringen. Daniele kam denn auch bald daher und plapperte drauflos:<br>\u201cDu, es war so sch\u00f6n gestern! Prinz und Prinzessin waren sogar noch an meinem Bett, um mir eine gute Nacht zu w\u00fcnschen und \u2013 \u201d<br>Er unterbrach langsam und \u00fcberlegen: \u201cWie sollte denn das wohl sein, wo die doch \u2013 \u201d<br>Aber so einfach macht es ihm Daniele nicht; sie plappert unbek\u00fcmmert weiter: \u201cUnd dann heute fr\u00fch, da huschte pl\u00f6tzlich was am Fenster vorbei. Ob das wohl die Prinzessin war?\u201d<br>\u201cWie sollte denn das wohl sein?!\u201d sagte Gabriel nun mit etwas erhobener Stimme und tippte nicht eben gabriellike mit seinem schw\u00e4rzesten Finger auf die braunste ihrer Stirnsommersprosse. \u201cWo die doch Menschen sind, wie du und ich und alle Erwachsenen und in der M\u00fcllerstra\u00dfe wohnen.\u201d<br>\u201cDa wohnen die?\u201d fragte Daniele mehr \u00fcberrascht als entt\u00e4uscht. \u201cAu fein! Da gehe ich hin! Die besuche ich!\u201d<br>\u201cAber in wilder, in ganz wilder Ehe wohnen die da!\u201d<br>\u201cIst das schlimm?\u201d fragte Daniele.<br>\u201cNa ganz schlimm!\u201d triumphierte er. \u201cMeine Schwester hat es gesagt, und die muss es doch wissen, weil sie doch ein G\u00e4nsebl\u00fcmchen ist. So eine wilde Ehe, das ist nichts mit M\u00e4rchen und so\u2026 Das ist b\u00f6se!\u201d<br>\u201cAch, du bist b\u00f6se!\u201d<br>\u201cUnd du bist doof!\u201d sagte Gabriel. \u201cIch bin doch nicht b\u00f6se, weil die in wilder Ehe leben!\u201d<br>Danieles Seele war erregt wie nie zuvor. Alle M\u00e4rchen standen auf dem Spiel, Grenzen drohten sich zu verschieben, geliebte L\u00e4nder zu versinken. Sie wollte unbedingt der Sache auf den Grund gehen und fragte daher gleich beim Mittagessen ihre Eltern, ob sie wohl Prinz und Prinzessin mal besuchen d\u00fcrfte.<br>\u201cPrinz und Prinzessin?\u201d<br>\u201cJa, die aus dem M\u00e4rchen im Theater. Die leben in wilder Ehe in der M\u00fcllerstra\u00dfe.\u201d<br>Pause. R\u00e4uspern. \u00dcberlegen, Blicke, verlegenes Weiteressen\u2026<br>\u201cWas ist denn, Mutti?\u201d fragt Daniele. \u201cDarf ich?\u201d<br>Schlie\u00dflich beginnt der Vater: \u201cHm\u2026 also h\u00f6r mal, Dani. Hm\u2026 Das geht nicht! Da kannst du nicht hingehen, weil\u2026\u201d<br>\u201cWeil in der M\u00fcllerstra\u00dfe \u2013 \u201d hilft die Mutter weiter, \u201cweil die doch ziemlich weit weg ist und \u2013 weil da so viele b\u00f6se Menschen wohnen. Vielleicht sind Prinz und Prinzessin auch b\u00f6se.\u201d<br>\u201cNein, das glaube ich nicht!\u201d sagt Daniele.<br>\u201cDas kannst du gar nicht wissen!\u201d sagt der Vater altklug und ein wenig hintergr\u00fcndig. \u201cJedenfalls m\u00f6chten wir auf keinen Fall, dass du da hingehst, nicht?\u201d<br>Daniele stand vor einer schweren Entscheidung: Entweder gingen ihr alle M\u00e4rchen verloren und der Zweifel hielt Einzug in ihre junge Seele, oder sie wurde ungehorsam. Sie ging spielen am Nachmittag. Fast unmerklich n\u00e4herte sie sich dabei der M\u00fcllerstra\u00dfe, und die M\u00e4rchen wurden ihr schlie\u00dflich so wertvoll, dass sie einen Herren nach dem Prinzen und der Prinzessin fragte, und wo die wohnen.<br>\u201cNun, wahrscheinlich im M\u00e4rchenland, bestenfalls im Theater, mein Kleines.\u201d<br>\u201cAber nein, die wohnen in der M\u00fcllerstra\u00dfe in wilder Ehe!\u201d sagte Daniele ein wenig ungehalten, weil sie von den Erwachsenen eine gescheitere Antwort erwartet hatte, und ging weiter.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text alignwide is-stacked-on-mobile\" style=\"grid-template-columns:31% auto\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"345\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_07-345x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1651 size-full\" srcset=\"https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_07-345x1024.jpg 345w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_07-101x300.jpg 101w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_07-517x1536.jpg 517w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_07.jpg 592w\" sizes=\"auto, (max-width: 345px) 100vw, 345px\" \/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>\u201cSo.\u201d sagte der Herr und schaute ihr etwas verdutzt nach. Daniele fragte eine sehr dicke Portiersfrau. Die lachte zuerst furchtbar, dann h\u00f6rte sie pl\u00f6tzlich auf und sagte: \u201cAch so!\u201d und ihre Augen wurden so klein und b\u00f6se, wie es zu ihrer Leibesf\u00fclle eigentlich gar nicht passen wollte. Dann sagte sie bissig:<br>\u201cJa, die wohnen hier. Die leben zusammen, als wie wenn sie verheiratet sein t\u00e4ten. So. Die willst du besuchen? Na, das ist aber nichts f\u00fcr so kleine Kinder, wer hat dich denn hergeschickt? Die sind eine lebende Schande! Ich m\u00f6chte wissen, wann der Lehmann die mal k\u00fcndigt und an die frische Luft setzt. Hinterhaus, dritter Stock rechts.\u201d sagte sie pl\u00f6tzlich sachlich und wandte sich ab. Daniele ging ins Hinterhaus. Ihr junges Herz und ihr an T\u00e4tigkeit noch nicht sonderlich gew\u00f6hntes Gehirn arbeiteten fieberhaft. Wer sie hergeschickt hat? Zum Gl\u00fcck hatte die Dicke die Antwort gar nicht erst abgewartet. Nach kurzem Z\u00f6gern klingelte Daniele im dritten Stock rechts.<br>Die Prinzessin \u00f6ffnete. Sie trug ein keineswegs m\u00e4rchenhaftes Kleid und war nicht ganz so h\u00fcbsch wie auf der B\u00fchne. Daniele stammelte unzusammenh\u00e4ngende Worte und Silben, und erst als die Prinzessin l\u00e4chelte und beinah genauso sch\u00f6n wie auf der B\u00fchne aussah, brachte sie heraus, dass sie Prinz und Prinzessin besuchen wollte.<br><\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<p>\u201cNa, dann komm mal rein.\u201d<br>Auch den Prinzen fand Daniele weder so sch\u00f6n wie auf der B\u00fchne, noch unterschied sich sein Anzug wesentlich von denen ihres Vaters. Aber wenn er l\u00e4chelte, dann kam sofort ein wenig M\u00e4rchen ins Zimmer. Auch das Zimmer war weder wild noch irgendwie b\u00f6se, sondern fein und gem\u00fctlich. Daniele wurde aufgefordert Platz zu nehmen, nahm aber nur eine schmale Stuhlkante.<br>Da sa\u00dfen sie nun, Prinzessin, Prinz und Daniele, schauten einander an, l\u00e4chelten verlegen und schauten wieder weg und sagten kein Wort, denn sie waren alle ein wenig befangen. Schlie\u00dflich brach Daniele das Schwiegen:<br>\u201cIhr sprecht aber wenig. Gestern im Theater habt ihr doch so viel gesagt!\u201d<br>\u201cJa\u201d, antwortete der Prinz, \u201cda wissen wir auch, was wir sagen m\u00fcssen, aber\u2026 Wie hei\u00dft du denn?\u201d<br>\u201cDaniele. Ich wollte euch mal besuchen. Gabriel hat gesagt \u2013 \u201d<br>\u201cWer ist denn Gabriel?\u201d<br>\u201cMein Freund. Der hat seine Schwester gefragt, die tanzt im Blumenballett mit, und die hat gesagt, dass ihr hier wohnt und\u2026\u201d Daniele brach ab.<br>\u201cUnd?\u201d fragte der Prinz.<br>\u201cUnd\u2026 Die hat auch was B\u00f6ses gesagt.\u201d<br>\u201cSo? Von uns? Was denn?\u201d<br>\u201cDass ihr \u2013 in wilder Ehe lebt.\u201d<br>Die Prinzessin schaut erschrocken belustigt den Prinzen an, der stutzt einen Moment, begreift dann aber sofort, was Daniele zu ihnen gef\u00fchrt hat, wie viel guten Kinderglauben es hier zu retten gilt.<br>Er l\u00e4chelt zur Prinzessin hin\u00fcber und sagt:<br>\u201cJa, das stimmt auch. Aber warum haben sie denn gesagt, dass das b\u00f6se sei? Findest du das b\u00f6se?\u201d<br>\u201cNein, gar nicht, gar nicht! Gabriel ist b\u00f6se. Das habe ich ihm auch gleich gesagt. Ich finde es auch gar nicht wild hier. Warum hei\u00dft das denn wilde Ehe?\u201d<br>\u201cDas will ich dir gerne sagen.\u201d antwortet der Prinz. \u201cDu kennst doch Pflanzen: \u2013 B\u00e4ume, Blumen, Kr\u00e4uter. Und du wei\u00dft auch, dass es gro\u00dfe G\u00e4rten gibt, die ein G\u00e4rtner pflegt; dort wachsen viele Pflanzen, wo und wie der G\u00e4rtner es will. Und im Walde und auf den Wiesen und im Gebirge, da wachsen die Pflanzen ohne G\u00e4rtner, zum Beispiel Walderdbeeren oder Himbeeren. Und solche Himbeeren im Walde, die nennt man wilde Himbeeren. Die sind doch aber deswegen nicht b\u00f6se, nicht? Siehst du, so gibt es eben auch die Garten-Ehen und die wilden Ehen. Verstehst du das?\u201d<br>Z\u00f6gernd antwortet Daniele: \u201cJa\u2026\u201d Und nach dieser Pause fragt sie: \u201cDa ist also eure Liebe wild gewachsen?\u201d<br>\u201cJa.\u201d sagt die Prinzessin und l\u00e4chelt.<br>\u201cWarum lachst du?\u201d fragt Daniele. \u201cWar es lustig?\u201d<br>\u201cAuch manchmal lustig!\u201d<br>\u201cDann erz\u00e4hlt mir doch die Geschichte.\u201d bittet Daniele.<br>Der Prinz sagt: \u201cDas ist keine Geschichte, Daniele, das ist Wirklichkeit.\u201d<br>\u201cDann erz\u00e4hlt mir die Wirklichkeit. Bitte bitte!\u201d<br>Prinz und Prinzessin schauen einander wiederum fragend an, schlie\u00dflich sagt er:<br>\u201cJa, was meinst du, Prinzessin, sollen wir es Daniele erz\u00e4hlen?\u201d<br>\u201cBitte bitte!\u201d<br>\u201cKann man es \u00fcberhaupt der Daniele erz\u00e4hlen?\u201d \u00fcberlegt die Prinzessin. \u201cDann musst du es tun. Ich kann das nicht f\u00fcr so kleine Kinder erz\u00e4hlen.\u201d<br>\u201cKann man es auch Erwachsenen erz\u00e4hlen?\u201d will Daniele wissen.<br>\u201cNein\u201d sagt der Prinz. \u201cMan kann es nur Kindern wie Daniele erz\u00e4hlen oder gar nicht. Also pass auf: Es war einmal \u2013 \u201d<br>\u201cAber so fangen doch M\u00e4rchen an.\u201d unterbricht Daniele.<br>\u201cJa,\u201d sagt der Prinz \u201cdiese Wirklichkeit ist so ein St\u00fcck M\u00e4rchen, dass ich gar nicht anders anfangen kann. Also:<br>\u201cEs war einmal eine M\u00e4rchenschule. Eigentlich, das wei\u00dft du doch, sind Schulen dazu da, damit die Menschenkinder richtig lernen, was sie vorher gespielt haben. In dieser M\u00e4rchenschule war alles verdreht. Gro\u00dfe Leute gingen da hin und sie lernten dort spielen. Das ist lustig, nicht? Und lauter ganz besondere Erwachsene waren es. Nur Prinzen und Prinzessinnen. Man lernt dort die Kunst Theater zu spielen. Und mit der Kunst d\u00fcrfen sich nur K\u00f6nigskinder befassen. Bevor man also die Schule besuchen darf, wird man gepr\u00fcft, ob man auch ein K\u00f6nigskind ist.<br>\u201cDiese Pr\u00fcfung kostet Geld und das bezahlt man an einem Schalter, so wie sie auf der Post sind. Und in der Reihe der Leute, die da als K\u00f6nigskinder gepr\u00fcft werden sollten, standen da eines Tages auch ein Prinz und eine Prinzessin, die einander oft anschauten, und die es sch\u00f6n fanden einander anzuschauen.\u201d<br>\u201cUnd dieser Prinz und die Prinzessin seid ihr!\u201d freute sich die strohblonde, sommersprossige Daniele.<br>\u201cJa.\u201d sagte der Prinz. Und als wir so standen, nichts sagten und viel dachten, und das Herz ein wenig klopfte, da kam ein Zauberer, den sahen wir nicht, und wir sahen auch nicht das Band, das er an unseren Herzen in der Brust festmachte. Der Zauberer verband uns miteinander, ohne dass wir es wussten. Er ist der wichtigste Zauberer, den es gibt, und er hei\u00dft: Liebe.<br>\u201cDann kam die Pr\u00fcfung. Die war sehr aufregend. Das kannst du dir vorstellen: Es ist ja schlie\u00dflich keine Kleinigkeit, zu erfahren, ob man ein K\u00f6nigskind ist oder nicht. Der Zufall f\u00fchrte den Prinzen und die Prinzessin immer wieder zusammen. Im Warteraum, beim Essen, sie kamen hintereinander dran, und schlie\u00dflich standen sie auch nebeneinander, als ihnen feierlich erkl\u00e4rt wurde, dass sie beide gepr\u00fcfte K\u00f6nigkinder seien und nun die Schule besuchen d\u00fcrften.<br>\u201cDu musst das richtig verstehen, Daniele: Die K\u00f6nigskinder dort waren nicht etwa alle reich. Ich selbst war ein armer Prinz, und meine Eltern konnten das Schulgeld nicht bezahlen, \u2013 das musste ich mir selbst verdienen.<br>\u201cJa \u2013 und dann geschah eigentlich sehr wenig, und wir h\u00e4tten und nie tr\u00e4umen lassen, dass wir der Daniele eines Tages ein M\u00e4rchen, das M\u00e4rchen unserer Liebe erz\u00e4hlen w\u00fcrden.\u201d<br>\u201cNein\u2026\u201d sagte die Prinzessin leise.<br>Nach einer Pause sagte Daniele: \u201cErz\u00e4hl weiter!\u201d<br>\u201cNun, der Zauberer Liebe trieb sein Wesen fort, und eines Tages merkten wir erschrocken, dass wir \u2013 einander lieben.\u201d<br>\u201cIst das was Schlimmes?\u201d fragte Daniele. \u201cWeil der Prinz das so langsam sagt?\u201d<br>\u201cNein, das ist etwas sehr Sch\u00f6nes, aber du bist noch ein Kind.\u201d sagte die Prinzessin.<br>\u201cOh, ich liebe auch viele Menschen!\u201d beteuerte Daniele.<br>\u201cEben. Eines Tages wirst du aber nur Einen lieben; den, mit dessen Herz der Zauberer Liebe dein Herz verbunden hat.\u201d<br>\u201cUnd was mache ich dann mit den anderen?\u201d fragte Daniele.<br>\u201cDie anderen,\u201d antwortete der Prinz, \u201cwirst du mit dem Einen gemeinsam lieben. Du wirst deine ganz volle Menschenliebe in zwei H\u00e4lften teilen. Pass auf.\u201d Der Prinz erl\u00e4uterte das Folgende mit Hilfe zweier Kekse, die jeweils eine Menschenliebe darstellen sollten. \u201cDie eine H\u00e4lfte liebt nur den Einen, und die andere H\u00e4lfte all die Anderen. Und bei deinem Liebsten wird es genauso sein. Und wenn man dann seine und deine H\u00e4lfte, die ihr beide f\u00fcr die anderen habt, zusammentut, dann ist es wieder eine volle ganze Menschenliebe, die ihr Anderen gemeinsam schenkt. Hast du das verstanden?\u201d<br>\u201cEin bisschen.\u201d sagte Daniele etwas z\u00f6gernd und biss in den angebotenen Keks. \u201cDanke.\u201d<br>\u201cNun kommt die Oper.\u201d sagte die Prinzessin, als der Prinz sie fragend anblickte.<br>\u201cAch ja richtig!\u201d sagte er. \u201cDie Oper. Wei\u00dft du, es gibt doch sehr viele K\u00f6nigskinder. Und da gibt es auch einen Prinzen, der hei\u00dft Mozart, der hat wundersch\u00f6ne Musik aufgeschrieben. Und die singen die Menschen in den Theatern auf der ganzen Welt, und das Orchester spielt dazu. Und in so einem Theater trafen wir eines Tages wieder zuf\u00e4llig, das hei\u00dft nat\u00fcrlich: mit Hilfe des Zauberers Liebe zusammen. Und da kam so viel Sch\u00f6nheit zusammen: die Melodien, das Gesicht der Prinzessin im matten Widerschein des B\u00fchnenlichtes und der gro\u00dfe Zauber der sch\u00f6nen Liebe, dass der Prinz weinen musste.\u201d<br>\u201cTat ihm etwas weh?\u201d fragte Daniele.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text alignwide is-stacked-on-mobile\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"714\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_08-714x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1652 size-full\" srcset=\"https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_08-714x1024.jpg 714w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_08-209x300.jpg 209w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_08-768x1102.jpg 768w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_08-1070x1536.jpg 1070w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_08-1427x2048.jpg 1427w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_08.jpg 1754w\" sizes=\"auto, (max-width: 714px) 100vw, 714px\" \/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p>\u201cTja,\u201d sagte der Prinz l\u00e4chelnd \u201cvielleicht tat ihm das Zuviel an Sch\u00f6nheit ein bisschen weh. Er kam ja aus einer armen Welt, wo Liebe und Sch\u00f6nheit selten waren. Ich wei\u00df es nicht genau. Die Prinzessin war sehr erstaunt. Als die K\u00f6nigskinder ausgesungen hatten, da gingen wir in ein dunkelbraunes Zimmer, die W\u00e4nde und die Decken waren aus Holz, und darin stand ein Fl\u00fcgel. Zu dem ging der Prinz und spielte eine Melodie vom K\u00f6nigskind Mozart.\u201d<br>Der Prinz ging zum Klavier und spielte jenes Andante cantabile aus einer der C-Dur Sonaten von Mozart, das mit den drei C beginnt und mit der himmlischen Dur-Variante des mittleren Moll-Themas endet.<\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<p>\u201cSiehst du,\u201d sagte die Prinzessin, \u201cdas spielte er damals. Und das hat so viel \u00c4hnlichkeit mit uns, dass wir ganz still wurden.\u201d Nach einer Pause f\u00e4hrt sie fort: \u201cEines Tages lud ich den Prinzen zu mir ein und musste etwas Schlimmes erleben. Meine Eltern, die ich sehr lieb hatte, die taten etwas, was ich nicht erwartet h\u00e4tte: sie mochten den Prinzen nicht, weil er arm war. Nachdem sie uns das auch ziemlich deutlich gesagt hatten, gingen sie an jenem Sonntag \u2013 ich werde den Tag nie vergessen \u2013 weg. Und wei\u00dft du wohin? In die Oper, zum K\u00f6nigskind Mozart, wo wir auch schon gewesen waren. Und sie hatten es doch eigentlich gar nicht verdient.<br>\u201cWie Rauch im Wind zergingen die Worte, als der Prinz dann unser Andante cantabile \u2013 so hei\u00dft die Musik, die der Prinz da spielt \u2013 zum Klingen brachte. Ja, es war unser Andante geworden, unser erster gemeinsamer Besitz.<br>\u201cMeine Eltern verboten mir, mit dem Prinzen zusammen zu sein. Sie wussten einen Mann, der sollte mich heiraten, wenn er sein Examen gemacht hatte. Der war reich. Auf die M\u00e4rchenschule hatte man mich mehr zum Zeitvertreib geschickt. Aber mir war es sehr ernst auf der Schule. So eine Schule kann man nicht zum Zeitvertreib besuchen.<br>\u201cDer Prinz zog sich nun ein wenig in sich zur\u00fcck. Aber wir konnten einander nicht mehr aus dem Wege gehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gab so viel zu besprechen, und wir durften doch nicht. Da wurden wir oft ganz traurig, besonders der Prinz, der einmal sogar sagte, dass er nicht mehr an den Fr\u00fchling glaubte.\u201d<br>\u201cOh!\u201d bedauerte Daniele den Prinzen.<br>\u201cJa,\u201d sagte die Prinzessin \u201cdenk mal, so schlimm war das. Aber es ist wohl so, dass die gro\u00dfe Liebe auch die gro\u00dfen Hindernisse braucht, um lebendig zu werden. Denn unsere Liebe wurde lebendiger mit jedem Tag, und neben den gro\u00dfen Hindernissen gab es die sch\u00f6nen Stunden, die so ganz und gar wie im M\u00e4rchen sind.<br>\u201cEines Tages waren wir in einem M\u00e4rchenschloss im Gebirge. Das Mondlicht verzauberte es. Prinz und Prinzessin sa\u00dfen in einer gro\u00dfen Halle. Keine Lampe brannte, durch die weiten Fenster str\u00f6mte das Mondlicht, und ab und zu flackerte der gelbe Widerschein des Feuers im Kamin \u00fcber die Gesichter. Der Prinz sa\u00df am Fl\u00fcgel und spielte. Und die Musik, die erklang, verwandelte sich in lauter kristallreine Liebe. Die N\u00f6te mussten den Noten weichen. H\u00f6r nur, jetzt spielt der Prinz den sch\u00f6nen Schluss unseres Andante.\u201d<br>Der Prinz beendete sein Spiel.<br>Die Prinzessin fragte ihn: \u201cWei\u00dft du noch, was wir damals sprachen, Prinz? Ich sagte, dass \u2013 \u201d<br>\u201cZun\u00e4chst einmal,\u201d unterbrach sie der Prinz \u201ck\u00fcssten wir uns zum ersten Mal, Prinzessin. Und so ein erster Kuss, Daniele\u2026 Wie sollen wir dir das erkl\u00e4ren?\u201d<br>\u201cMan schlie\u00dft die Augen,\u201d sagte die Prinzessin \u201cund man sieht viel mehr als zuvor mit offenen Augen. Es ist ganz still, und man h\u00f6rt Engelsmusik\u2026\u201d<br>\u201cDas verstehe ich nicht!\u201d sagte Daniele ehrlich.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text alignwide is-stacked-on-mobile\" style=\"grid-template-columns:22% auto\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"274\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_09-274x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1653 size-full\" srcset=\"https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_09-274x1024.jpg 274w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_09-80x300.jpg 80w\" sizes=\"auto, (max-width: 274px) 100vw, 274px\" \/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p>\u201cJa,\u201d sagte der Prinz und sch\u00fcttelte l\u00e4chelnd den Kopf, \u201cwir verstehen es auch nicht so ganz. Aber es ist, es geschieht, und wird auch dir eines Tages geschehen. Ja, wir sagten damals:\u201d \u2013 \u201ces ist, als ob alle Vergangenheit schlafen gegangen w\u00e4re.\u201d beginnt die Prinzessin.<br>\u201cDie Zeit schl\u00e4ft, nur der Sternenhimmel ist wach.\u201d sagt er.<br>\u201cWenn es keinen Sternenhimmel g\u00e4be, wo blieben die Liebenden dann?\u201d fragt die Prinzessin.<br>\u201cWenn es keine Liebenden g\u00e4be,- wo bliebe der Sternenhimmel dann? Deine Augen sind aus M\u00e4rchenglas. Zu jeder Stunde muss ich durch sie hindurchschauen k\u00f6nnen in eine Zauberwelt voller Farben, Glanz und Wunder.\u201d<br>\u201cWas halt ich da in meinen Armen\u2026?\u201d \u00fcberlegt die Prinzessin. \u201cMeine Welt, den Spiegel meiner Welt. Dass meine Arme eine Welt umfassen k\u00f6nnen\u2026\u201d<br>Mit einer ganz ver\u00e4nderten Stimme sagt der Prinz dann: \u201cDa kamen ins Schloss viele l\u00e4rmende K\u00f6nigskinder. Sie machten helles Licht und begannen in der Halle zu tanzen. Die sch\u00f6nen Stunden im M\u00e4rchenschloss waren vor\u00fcber.<br>\u201cLeider, denn nun wurde alles noch viel schwerer als vorher. Sicher hat dein Vater schon manchmal zu dir gesagt: \u2018Daniele, lass mich in Ruhe, ich muss arbeiten!\u2019\u201d<br>\u201cJa.\u201d sagt Daniele.<br>\u201cSiehst du,\u201d f\u00e4hrt der Prinz fort, aber wir konnten doch nicht zu unserer Liebe sagen: \u2018Sei ruhig, Liebe, wir m\u00fcssen arbeiten!\u2019\u201d<br><\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<p>\u201cM\u00fcsst ihr denn heute nicht M\u00e4rchen spielen?\u201d f\u00e4llt es pl\u00f6tzlich Daniele ein.<br>\u201cNein,\u201d sagt der Prinz, \u201cheute ist M\u00e4rchen zu Hause nur f\u00fcr Daniele. Ja, wie geht es denn nun weiter\u2026? Ach ja, nun kommt \u2013 eine Fee.\u201d<br>\u201cEine gute oder eine b\u00f6se?\u201d will Daniele wissen.<br>\u201cWeder eine gute noch eine b\u00f6se.\u201d antwortet der Prinz. \u201cSie kam in die M\u00e4rchenschule und nach wenigen Blicken begann sie den Prinzen zu lieben. Sie schimpfte ihn aus. Sie sagte ihm, dass er mit der Arbeit nicht weiterkommen w\u00fcrde, weil ihm die richtige Liebe fehle. \u2018K\u00f6nigskinder ohne Liebe schaffen nichts!\u2019 Und der Prinz konnte nichts erwidern; er f\u00fchlte, dass sie eigentlich Recht hatte, und dass es doch eine vertrackte Geschichte war mit der Prinzessin und ihren lieblosen Eltern. Und wie er so dachte, kam die Fee auf ihn zu und \u2013 wollte ihn k\u00fcssen\u2026\u201d<br>\u201cWarum?\u201d wollte Daniele wissen.<br>\u201cJa\u2026\u201d sagt der Prinz verlegen. \u201cIch wei\u00df auch nicht\u2026\u201d<br>\u201cDas musst du doch wissen!\u201d sagt Daniele. \u201cDu bist doch der Prinz.\u201d<br>Mit feinem L\u00e4cheln antwortete die Prinzessin f\u00fcr den verlegenen Prinzen: \u201cWohl weil sie ihn ausgeschimpft hatte und ihn doch eigentlich liebte.\u201d<br>\u201cWohl deshalb.\u201d sagt der Prinz. \u201cJa. Jedenfalls trat in dem Moment die Prinzessin ins Zimmer, und die Fee verschwand. Es war nicht sch\u00f6n, wie wir so einander gegen\u00fcber standen. Es war uns wohl so \u00e4hnlich zumute wie Dir, als Gabriel B\u00f6ses von uns erz\u00e4hlte. Der Prinz musste an die Worte der Fee denken, und die Prinzessin merkte erschrocken, dass es Feen gab, die ihr den Prinzen rauben k\u00f6nnten. Und sie zog ihn fort in einen finsteren Wald und er lie\u00df sich ziehen.\u201d<br>Daniele kichert.<br>\u201cIst das so komisch?\u201d fragt der Prinz etwas irritiert.<br>\u201cJa, ein bisschen.\u201d sagt Daniele etwas kleinlaut.<br>\u201cDa wurde es mit einem Mal hell in dem Wald, und sie waren im Zimmer der Prinzessin. Deren Eltern kamen nach Hause und schimpften die Tochter furchtbar aus, denn sie hatten ihr doch streng verboten, sich mit dem armen Prinzen abzugeben. Der Prinz ging schnell und ohne Abschied. Die Prinzessin aber lie\u00df ihn so nicht fort. Sie folgte ihm. Stumm gingen sie durch die Stra\u00dfen. Ohne Verabredung f\u00fchrte der Weg sie in ihr dunkelbraunes Zimmer. Der Prinz setzte sich in Hut und Mantel an den Fl\u00fcgel und verwischte mit den T\u00f6nen unseres Andante alles H\u00e4ssliche, durch das wir h\u00e4tten hindurchgehen m\u00fcssen, aber auch alle Hoffnung, denn er spielte einen traurigen Schluss, nicht den lieblichen vom K\u00f6nigskind Mozart.\u201d<br>\u201cDann ging er,\u201d spinnt die Prinzessin den Faden weiter \u201cund ich wusste, dass er nicht wiederkommen w\u00fcrde.\u201d<br>\u201cDas hast du aber nicht richtig gewusst,\u201d sagt Daniele \u201cdenn nun sitzt ihr hier zusammen und gestern habt ihr ein M\u00e4rchen gespielt.\u201d<br>\u201cSie hat es nicht richtig gewusst, Daniele.\u201d sagt der Prinz. \u201cDu hast Recht. F\u00fcr lange Zeit verreiste ich in eine fremde Stadt. Aber der Zauberer Liebe lie\u00df uns nicht los\u2026 Wir schrieben einander Briefe. Aber was sollten wir schreiben, da wir einander lieben wollten und sollten.<br>\u201cSo fuhr ich eines Tages voll Sehnsucht wieder zur\u00fcck, um meine Prinzessin einfach zu entf\u00fchren. Aber als ich dann in unserer Stadt war, da fehlte mir der Mut. \u2018Was w\u00fcrden die Eltern wohl sagen und sie selbst, wenn ich einfach k\u00e4me, um sie zu holen?\u2019 dachte ich mir.\u201d<br>\u201cOh, sie h\u00e4tte sich ganz furchtbar gefreut!\u201d sagt die Prinzessin. \u201cAber es ging auch ohne seinen Mut. Mit unserem Andante n\u00e4mlich. Das spielte er eines Abends am offenen Fenster. Ein Jahr war vergangen, seit dem Tag im M\u00e4rchenschloss. Ich ging an seiner Wohnung vor\u00fcber, \u2013 zuf\u00e4llig und doch in Gedanken an meinen Prinzen und sicher begleitet vom Zauberer der Liebe. Ich h\u00f6rte ihn spielen, und da bekam ich solche Angst, dass er wieder einen traurigen Schluss spielen k\u00f6nnte, dass ich zu seiner T\u00fcr rannte und ganz doll klingelte, noch bevor er zum Schluss kam. Er \u00f6ffnete und ich sank in seine Arme. Wolltest du eigentlich den traurigen Schluss spielen, Prinz?\u201d<br>\u201cIch wei\u00df nicht!\u201d sagte der Prinz. \u201cDass du in meinen Armen lagst, war der sch\u00f6nste Schluss!\u201d<br>Die Augen der Prinzessin leuchten, als sie weiter erz\u00e4hlt: \u201cWir wurden gl\u00fccklich in dieser Stunde\u2026 Der Zauberer Liebe schlug seinen weiten Mantel um uns, und wir f\u00fchlten uns geborgen. Wir w\u00fcnschen dir, dass auch du es erleben magst, Daniele.\u201d<br>Nach einer Pause sagte der Prinz: \u201cJa, nun\u2026 Es ist nichts mehr zu erz\u00e4hlen. Wir beendeten die M\u00e4rchenschule und kamen beide hierher, um M\u00e4rchen f\u00fcr euch und die gro\u00dfen Kinder zu spielen.\u201d<br>\u201cUnd deine Eltern, Prinzessin?\u201d fragt Daniele.<br>\u201cDie konnten sich nur freuen \u00fcber so viel Liebe. Vielleicht ist ihnen auch eines Nachts der Zauberer Liebe erschienen.\u201d<br>Wieder eine Weile Schweigen. Dann sagt der Prinz:<br>\u201cWei\u00dft du auch, Daniele, dass der Zauberer Liebe dir sehr dankbar sein muss?\u201d<br>\u201cMir? Wieso?\u201d fragt Daniele.<br>\u201cWeil ich nun wei\u00df,\u201d antwortet der Prinz \u201cnachdem wir dir dieses M\u00e4rchen erz\u00e4hlt haben, wie sch\u00f6n unsere Wirklichkeit ist, und deswegen werde ich nun die Prinzessin heiraten und aus der wilden Ehe eine Gartenehe machen.\u201d<br>\u201cAu ja, tut das!\u201d freut sich Daniele.<br>Die Prinzessin schaut den Prinzen an, ein L\u00e4cheln steigt ihr ins Gesicht und leise, noch etwas ungl\u00e4ubig sagt sie: \u201cPrinz\u2026!?\u201d<br>\u201cJa,\u201d sagt der \u201cdas hat Daniele erreicht. Die doch ein Kind ist und nur zugeh\u00f6rt hat.\u201d<br>Wie zu Beginn des Besuches sitzen sie schweigend da und blicken einander an, ein wenig befangen wieder. Hatte man vorher das erste Wort nicht gefunden, so fand man jetzt das letzte schwer. Das Wesentliche war gesagt und getan: Danieles M\u00e4rchenwelt war nicht nur gerettet, sondern bereichert. Sie konnte nun gr\u00f6\u00dfer werden und immer darauf warten, dass eines Tages der Zauberer Liebe seinen Dank abstatten w\u00fcrde.<br>\u201cJa\u2026\u201d sagt sie schlie\u00dflich und verabschiedet sich ohne viel Feierlichkeit.<br>Es war schon dunkel geworden. Sie rannte nach Hause, wo es nat\u00fcrlich viel Schimpfe gab. Der Vater war aufgebracht und beleidigt, als er erfuhr, dass sie ungehorsam gewesen war, wie sie wahrheitsgetreu berichtete. Die Mutter gab ihm Recht, obgleich sie in Danis Augen einen Zauber wahrnahm, der sie milder stimmte. Sie weigerte sich nat\u00fcrlich, das obligate Abendm\u00e4rchen zu erz\u00e4hlen. Und so beginnt wieder Daniele zu erz\u00e4hlen, die Rollen vertauschend wie am Abend vorher. Das M\u00e4rchen von der wilden Ehe der K\u00f6nigskinder, vom Zauberer Liebe, der ihr dankbar sein muss, von Mozart und den b\u00f6sen Eltern und all den anderen aufregenden Dingen. Sie erz\u00e4hlt so sch\u00f6n, dass die Mutter den Vater ruft, zum Zuh\u00f6ren und zur schlie\u00dflichen Vers\u00f6hnung.<br>\u00c4hnlich unvorhergesehen verl\u00e4uft das Zusammentreffen zwischen Gabriel und Daniele am n\u00e4chsten Morgen. Sein freches, \u00fcberhebliches Grinsen schmilzt zusehends in dem Glanz, mit dem sie erz\u00e4hlt. Er l\u00e4sst sich gefangen nehmen vom M\u00e4rchen in der M\u00fcllerstra\u00dfe und wird fast b\u00f6se mit sich selbst, weil er pl\u00f6tzlich merkt, dass er sich richtigen Kinderkram vollkommen widerspruchslos mit angeh\u00f6rt hat, \u2013 aber es ist zu sch\u00f6ner Kinderkram. Seine Einw\u00e4nde werden nach und nach ganz sachliche Fragen, die Daniele alle zu beantworten wei\u00df. Ganz verstummt und bewegt ist er, als Daniele, genau so bewegt, ihm leise sagt, dass nun der Zauberer Liebe ihr dankbar sein muss, und dass es einmal sehr sch\u00f6n w\u00fcrde f\u00fcr sie und ihn, \u2013 also den Mann dann\u2026<br>Sie stehen schweigend im Rinnstein und schauen \u00fcber Laubenkolonien in die weite Welt. Der \u00fcberlegene hagere Gabriel neben der stubsnasigen, lieblichen Daniele. Und es ist zu vermuten, dass sie in der weiten Welt, wenn auch noch viele Jahre entfernt einen Mantelzipfel des Zauberers Liebe wahrnehmen.<br>Und wenn dieser Blick \u00fcber die Laubenkolonien nicht stirbt, dann steht zu erwarten, dass eines Tages der Zauberer Liebe seinen weiten Mantel um die gro\u00dfen Kinder schlagen wird; sie werden sich geborgen f\u00fchlen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">***<\/p>\n\n\n\n<p>M\u00e4rchen f\u00fcr den Montag &#8211; <a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=1624\">Wie einer auszog, das Gute und Sch\u00f6ne zu suchen<\/a><br>.<br>&#8230; f\u00fcr den Mittwoch &#8211; <a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=1630\">Prinz, Prinzessin und B\u00e4r<\/a><br>&#8230; f\u00fcr den Donnerstag &#8211; <a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=1632\">Philosophie einer Liebe<\/a><br>&#8230; f\u00fcr den Freitag &#8211; <a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=1634\">Wie M\u00e4rchenbriefe gewechselt werden<\/a><br>&#8230; f\u00fcr den Sonnabend &#8211; <a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=1636\">Der B\u00e4r kann auch gut sein<\/a><br>&#8230; f\u00fcr den Sonntag &#8211; <a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=1638\">Aus dem Tagebuch eines Schutzengels<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>*** M\u00e4rchen in der M\u00fcllerstra\u00dfe *** Mein liebes Liebespaar!Die im heutigen M\u00e4rchen vorkommende Mozart-Sonate hat in K\u00f6chels Verzeichnis die Nummer 330. Zum besseren Verst\u00e4ndnis eines bestimmten Vergleiches im heutigen M\u00e4rchen wird anheim gestellt, zwei Kekse bereitzuhalten.Um auf die Anrede zur\u00fcckzukommen: Ich erlaube mir die intimere Form in der Hoffnung, dass wir einander \u00fcber das Medium [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":1054,"menu_order":2,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-1627","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/webaid.it\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1627","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/webaid.it\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/webaid.it\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/webaid.it\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/webaid.it\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1627"}],"version-history":[{"count":24,"href":"https:\/\/webaid.it\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1627\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4474,"href":"https:\/\/webaid.it\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1627\/revisions\/4474"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/webaid.it\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1054"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/webaid.it\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1627"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}