{"id":1630,"date":"2023-05-11T04:47:55","date_gmt":"2023-05-11T04:47:55","guid":{"rendered":"https:\/\/peterpodehl.com\/?page_id=1630"},"modified":"2026-02-19T11:45:16","modified_gmt":"2026-02-19T11:45:16","slug":"marchen-fur-den-mittwoch-prinz-prinzessin-und-bar","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/webaid.it\/?page_id=1630","title":{"rendered":"M\u00e4rchen f\u00fcr den Mittwoch &#8211; Prinz, Prinzessin und B\u00e4r"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-text-align-center\">***<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-medium-font-size\"><strong>Prinz, Prinzessin und B\u00e4r<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">***<\/p>\n\n\n\n<p>Liebe H\u00e4lften eines eigentlich Unteilbaren!<\/p>\n\n\n\n<p>\u201cErz\u00e4hl mir was.\u201d Ich nehme mit einiger Sicherheit an, dass auch Ihr diese Worte kennt. Jede Geliebte spricht sie wohl zuweilen aus, und jeder Geliebte muss sich wohl zuweilen mehr oder weniger erfreut bequemen, diese Forderung durch Erz\u00e4hlung irgendeines Phantasieproduktes zu erf\u00fcllen. Einige M\u00e4rchen im vorliegenden Buch sind auf diesem Wege entstanden.<\/p>\n\n\n\n<p>Da diese Forderung nicht immer leicht zu erf\u00fcllen ist, kam mir der Gedanke, ob wir da nicht einander von Mann zu Mann, so von Geliebtem zu Geliebtem helfen k\u00f6nnten, indem wir die M\u00e4rchen oder was wir sonst erz\u00e4hlen, austauschen. Man k\u00f6nnte doch dem vorliegenden Buch den erweiterten Titel \u201cM\u00e4rchenbuch f\u00fcr Liebende I\u201d geben und es eine Reihe gleichgearteter B\u00fccher mit fortlaufenden r\u00f6mischen Ziffern er\u00f6ffnen lassen. Wenn wir vier \u2013 deine Geliebte, meine Geliebte, du und ich \u2013 in einem \u00f6ffentlichen Verkehrsmittel oder sonst wo beisammensitzen, verstehen wir einander doch ohne Worte schneller und besser als manche Leute, die das gleiche Abzeichen im Knopfloch tragen. Wenn also &nbsp;k e i n &nbsp;Wort schon gen\u00fcgt, dass wir einander als Gleichgesinnte erkennen, dann m\u00fcssten wir uns doch mit M\u00e4rchen und Geschichten bedingungslos glatt verst\u00e4ndigen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die lieben Frauen m\u00f6gen mir diesen Vorschlag verzeihen. Er stellt nur einen kleinen Schutz gegen ihre zuweilen gar zu bedenkenlos ausgesprochene Forderung dar, und eine gro\u00dfe Hilfe f\u00fcr den vielleicht einmal m\u00fcde und abgespannt nach Hause kommenden Mann. Wir M\u00e4nner andererseits d\u00fcrfen es uns allerdings nicht zu leicht machen. Wir m\u00fcssen uns verpflichten, die Reihe der M\u00e4rchenb\u00fccher f\u00fcr Liebende mit r\u00f6misch soundsoviel fortzusetzen. Wer nur liest und nicht schreibt, wird als M\u00e4rchenschmarotzer gebrandmarkt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir brauchen keine Angst zu haben, dass es zu viel Geschriebenes wird. Es wird und wurde so grauenhaft viel geschrieben, \u2013 und ein Band der Liebe scheint mir wichtiger als zwanzig B\u00e4nde Lexikon von A bis Z, weil das Liebesbuch vor A beginnt und weit \u00fcber Z hinausf\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das heutige M\u00e4rchen ist ein wenig traurig. Das gibt es ja auch, obgleich \u2026 Doch davon \u00fcbermorgen. \u00dcbermorgen auch einiges Aufkl\u00e4rende \u00fcber den heute nur kurz erw\u00e4hnten Autor Bonifaz von Suppe. Vielleicht legt die liebe Frau heute ihren Kopf in seinen Scho\u00df und er h\u00e4lt das Buch so, dass Ihr einander anschauen k\u00f6nnt.<\/p>\n\n\n\n<p>So und nun zu<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><strong>PRINZESSIN, PRINZ UND B\u00c4R<\/strong><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image aligncenter size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"984\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_10-984x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1655\" style=\"width:670px;height:697px\" srcset=\"https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_10-984x1024.jpg 984w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_10-288x300.jpg 288w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_10-768x799.jpg 768w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_10-1476x1536.jpg 1476w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_10.jpg 1786w\" sizes=\"auto, (max-width: 984px) 100vw, 984px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Es war einmal eine Prinzessin. Die liebte es mit angezogenen Beinen irgendwo zu sitzen, auch wenn es sich um einen nicht eigentlich zum Sitzen geeigneten oder vorgesehenen Platz handelte. Sie schlang dann meistens die Arme um die Beine, legte den Kopf schief auf die Knie und freute sich, die Welt aus dieser Perspektive mit ihren blauen, blauen Augen zu betrachten, zuweilen zu beurteilen. Gewiss: eine etwas ungew\u00f6hnliche Perspektive, aber schon ihre Mutter fand, dass in diese Welt viel zu viele Augenpaare viel zu gerade hineinschauen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image aligncenter size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"1008\" src=\"https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_11-1024x1008.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1656\" srcset=\"https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_11-1024x1008.jpg 1024w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_11-300x295.jpg 300w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_11-768x756.jpg 768w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_11-1536x1513.jpg 1536w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_11.jpg 1774w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Der gesamte Hofstaat vom k\u00f6niglichen Unkrautzupfer (er rupfte das Unkraut zwischen den Katzenk\u00f6pfen im Schlosshof) bis zum k\u00f6niglichen Tortenbeschreiber (er schrieb bei hohen Anl\u00e4ssen die Gl\u00fcckw\u00fcnsche auf die Festtorten) hatte die Hockstellung der Prinzessin als die ihr gem\u00e4\u00dfe respektieren gelernt. Und so nimmt es nicht wunder, wenn sich zuweilen auch ein Ministerpr\u00e4sident zu ihr herabl\u00e4sst. Er liebt die Augen der Prinzessin und ihre Gedanken und die Art, wie sie diese Gaben zu gebrauchen wei\u00df. Ein wenig liebt er sie wohl auch selbst, trotz einiger grauer Haare und kinderloser Witwenschaft.<\/p>\n\n\n\n<p>Fremde Besucher pflegte der Zeremonienmeister auf dem Wege in die Gem\u00e4cher der Prinzessin freundlich aber bestimmt mit den einstudierten Worten aufzukl\u00e4ren: \u201cSie werden aller Voraussicht nach eine junge Dame in hockender Stellung vorfinden. Bem\u00fchen Sie sich zu ihr hinunter in die gleiche Stellung. Es w\u00e4re unziemlich, wenn die Prinzessin zu ihnen aufblicken m\u00fcsste. Au\u00dferdem hockt es sich erfahrungsgem\u00e4\u00df ganz gut, vorausgesetzt, dass Sie kein Rheuma haben. Hier befindet sich eine kleine Nische zum Hinhocken\u00fcben. Nicht? Dann bitte hier!\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Die Prinzessin erreichte das heiratsf\u00e4hige Alter. Sie fand immer mehr Gefallen an sich, an der Welt und am Leben. Jeden Morgen im taufrischen Gras des Schlossparks \u00f6ffnete sie die Arme der Welt weit entgegen, stand auf Zehenspitzen, um all der webenden Dinge teilhaftig zu werden, die sie nur irgend erreichen konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Freier? Oh, die Freier hatten es schwer bei ihr. Sie war sehr stolz; das tat ohne viel Worte schon die hockende Stellung kund. Die ersten Freier wurden noch mit einigen freundlichen nichtssagenden Worten von der Zwecklosigkeit ihres Werbens unterrichtet. Sp\u00e4ter b\u00fcrgerte \u2013 oder vielmehr: prinzesste es sich ein, dass ihnen nur ein liebes aber vollkommen unbeteiligtes L\u00e4cheln geschenkt wurde. Dann stand die Prinzessin gew\u00f6hnlich auf, wandte den Kopf so mit einem Ruck um, dass das lange helle Haar in einer weichen Welle nachfloss,- und ging langsam mit gro\u00dfen Schritten in den Wald.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Wald blieb Wald, wie immer man ihn betrachtete, w\u00e4hrend die Freier aus der Hockperspektive nur allzuoft zu komisch stolzierenden Gecken wurden. Die Prinzessin liebte besonders den B\u00e4renwald. Er hatte seinen Namen von den vielen B\u00e4renspuren, die man dort fand. Jeden Morgen entdeckte die Prinzessin in dem Wald frische, aber noch nie hatte sie in dem Wald eine leibhaftige B\u00e4renseele gesehen. Es war wohl ein rechter M\u00e4rchenwald.<\/p>\n\n\n\n<p>Dort sa\u00df die Prinzessin oft und sehnte sich nach einem Freier. Denn sie wies die vielen, die kamen, ja nicht ab, weil sie nicht wollte \u2013 oh nein! \u2013 &nbsp;sondern weil sie alle nicht anders als mit T\u00e4ubchengurren und H\u00e4hnchenkr\u00e4hen werben konnten. Wenn doch einer mal geschwiegen oder sich zu ihr gehockt h\u00e4tte\u2026 Immer taten sie furchtbar verliebt, sprachen sie gedrechselte Worte&nbsp; und \u00fcberreichten dann kniend die Liste, auf der \u2013 wie es \u00fcblich war \u2013 die Bedienten, die ihr nach erfolgter Heirat zur Verf\u00fcgung stehen w\u00fcrden, nach Zahl und Arbeitsgebiet aufgef\u00fchrt waren. Und die phantasielose Verliebtheit dieser Listen wurde dann meistens ausschlaggebend f\u00fcr die Abweisung der Freier. Ein k\u00f6niglicher Fensteraufmacher wurde ihr versprochen, wo sie doch die Fenster mit gr\u00f6\u00dftem Vergn\u00fcgen jeden Morgen selbst \u00f6ffnete, oder eine k\u00f6nigliche Dauerwellerin f\u00fcr die Haare, die sich doch bei ihrem Gang von selbst zu den sch\u00f6nsten und verg\u00e4nglichsten Wellen formten.<\/p>\n\n\n\n<p>Der erste Freier, bei dem sie aufhorchte, war ein junger Kerl, der seine Werbung so uninteressiert herunterleierte, dass unschwer der v\u00e4terliche Befehl dahinter sp\u00fcrbar wurde. Er musste schon aus diesem Grunde abgewiesen werden. Und er schien froh dar\u00fcber. Schnell gab er seinem Pferd die Sporen, um wahrscheinlich einer B\u00fcrgerstochter in die Arme zu fliegen, die er liebte ohne v\u00e4terliche Erlaubnis, und die ihn liebte \u2013 ohne v\u00e4terliche Erlaubnis.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch langsamer als sonst ging die Prinzessin an diesem Tag in den Wald. Sie f\u00fchlte sich einsam und wollte fast die anspruchslosen M\u00e4nner und die verliebten B\u00fcrgerst\u00f6chter beneiden. Zu ihrem traurigen Gem\u00fct schien die helle Sonne, sangen unz\u00e4hlige V\u00f6gel, wehte ein leiser Wind, der die B\u00e4ume wispern und sich wiegen lie\u00df; die Laubschatten spielten in den wachsenden Gr\u00e4sern, \u00fcber die so viele K\u00e4fer schwer besch\u00e4ftigt krochen. Und noch viel Unsichtbares webte durch den Wald. Die Prinzessin hockte sich nieder.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201cEs ist so viel,\u201d dachte sie, \u201cund ich bin nur ich selbst.\u201d Sie legte den Kopf auf die Knie, schloss die Augen und gab sich ganz dem \u00dcberwundensein von der Vielfalt der Dinge hin. Es war beseligend, bedr\u00fcckend zugleich.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Knacken eines Kniegelenks lie\u00df sie erschrocken aufblicken. Sie sah in die Augen eines Prinzen. Nach einer winzigen Hingabe in diese Augen wandte sie sich stolz ab.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201cNicht doch!\u201d sagte er.<\/p>\n\n\n\n<p>Oh, diese Stimme bezauberte ihren Kopf, dass sie ihn langsam den prinzlichen Augen wieder zuwandte. \u201cJa!\u201d dachte es eindringlich in ihr. Ihr Mund l\u00e4chelte, ihr K\u00f6rper entspannte sich. \u201cJa, ja, \u00fcberall ja!\u201d dachte es jubelnd in ihr.<\/p>\n\n\n\n<p>Da tappte ein B\u00e4r daher. Aber der B\u00e4r machte absolut keinen b\u00f6sen oder aggressiven Eindruck. Er blieb stehen, schaute das Paar aufmerksam an, senkte den Kopf, hob ihn wieder und drehte sich dann weg. Er blieb jedoch in ihrer N\u00e4he, herumschn\u00fcffelnd und tappend.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201cEr sieht wie ein W\u00e4chter aus!\u201d stellte der Prinz schlie\u00dflich fest.<br>\u201cIch habe noch nie einen B\u00e4ren hier gesehen!\u201d sagte der Prinz.<br>\u201cIch auch nicht, nur immer B\u00e4renspuren.\u201d best\u00e4tigte die Prinzessin. \u201cSchau, zieht er nicht Kreise um uns?\u201d fragte sie und schaute den B\u00e4ren auf seinen bed\u00e4chtigen G\u00e4ngen zu.<br>\u201cFast scheint es so. Ob er hier ist, weil wir hier sind?\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Der B\u00e4r war weiter getappt, ziemlich eindeutig jedoch um sie herum. Manchmal hatte er Seitenblicke auf das Paar geworfen und in seinen Augen konnte man etwas Best\u00e4tigendes lesen. Schlie\u00dflich setzte er sich nieder und begann zu kauen. Dabei beobachtete er die beiden wie ein gutb\u00fcrgerlicher Zuschauer im Theater.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image aligncenter size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1019\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_12-1019x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1657\" srcset=\"https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_12-1019x1024.jpg 1019w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_12-298x300.jpg 298w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_12-150x150.jpg 150w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_12-768x772.jpg 768w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_12-1528x1536.jpg 1528w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_12.jpg 1790w\" sizes=\"auto, (max-width: 1019px) 100vw, 1019px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Es war jedoch aus seiner Miene nicht zu erkennen, ob er einer Kom\u00f6die oder dem Beginn einer Trag\u00f6die zuschaute.<\/p>\n\n\n\n<p>Die beiden verga\u00dfen ihn, wie ein Liebespaar auf der B\u00fchne oft die b\u00fcrgerlichen Zuschauer vergisst. Die Prinzessin schaute den Prinzen wieder voll an. Er l\u00e4chelte. Da l\u00f6ste sie ihre ber\u00fchmte Stellung. Sie legte die Beine angewinkelt zur Seite und st\u00fctzte sich auf den rechten Arm. Sie sah sehr anmutig aus, ungewohnt gel\u00f6st. Er, der bisher vor ihr gehockt hatte, setzte sich neben sie auf den warmen Waldboden. Noch immer ruhten die Augen ineinander. Dann aber, als es keine Gliedma\u00dfen mehr zu bewegen gab, senkten sich beide Augenpaare und Boden.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201cIch glaube,\u201d sagte er, \u201cwir sollten den B\u00e4ren gar nicht beachten. Wir haben doch anderes zu beachten.<br>\u201cIch glaube aber, dass er dann b\u00f6se wird,\u201d sagte die Prinzessin. Das Gespr\u00e4chsthema sa\u00df da, kaute und schaute, undurchdringlich.<br>\u201cMan hat mir viel von deinem Stolz erz\u00e4hlt!\u201d beginnt er wieder. \u201cIch habe immer gehofft, dir einmal zu begegnen. Und nun\u2026\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Was soll sie darauf antworten? Sie hat doch schon die stolze, unnahbare Hockestellung aufgegeben, er konnte sie doch jetzt in seine Arme nehmen und k\u00fcssen!<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text alignwide is-stacked-on-mobile\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"905\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_13-905x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1785 size-full\" srcset=\"https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_13-905x1024.jpg 905w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_13-265x300.jpg 265w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_13-768x869.jpg 768w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_13.jpg 950w\" sizes=\"auto, (max-width: 905px) 100vw, 905px\" \/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p>Er blickte weiter zu Boden und fuhr fort: \u201cIch hatte mir auch ganz genau festgelegt, wie ich deinen Stolz zunichte machen w\u00fcrde. Die Worte, \u2013 ganz genau. Ich wollte \u2013 \u201d<br>Da trat ein kleiner Gnom in ihre Augen und sie sprach: \u201cIhr wollt doch jetzt nicht etwa von Liebe \u2013 Wie?\u201d<br>\u201cWarum sagst du denn mit deinem Mund da Dinge, die du mit deinem Herzen gar nicht meinst?\u201d<br>Der kleine Gnom in ihren Augen b\u00e4umte sich auf. \u201cIch sage\u2026 Ich sage Dinge\u2026\u201d<br>Sein Gesicht n\u00e4herte sich dem ihren.<br>\u201cIch\u2026\u201d sagte sie noch einmal.<\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<p>Und dann k\u00fcssten sie. Sie legte die eine Hand um seinen Hals und dann die andere. Dann schlossen sich seine Augen um ihren liebenswerten Leib. Und so ist denn die ersehnte und gef\u00fcrchtete Umarmung zustande gekommen. Sie schlie\u00dfen die Augen. Das Interesse des B\u00e4ren an den K\u00f6nigskindern hat mit Beginn der Z\u00e4rtlichkeiten offensichtlich zugenommen. Er steht auf und geht zu den seligen beiden. Die h\u00f6ren keinen Vogel mehr singen und sehen keinen B\u00e4r kommen &#8211; Meister Betz betrachtet sie einen Augenblick etwas von oben herab, dann tippt er dem Prinzen auf die Schulter, dreht sich um und geht weg mit der Miene eines Oberlehrers, der einen Mustersch\u00fcler jovial-vorwurfsvoll auf einen Fl\u00fcchtigkeitsfehler aufmerksam gemacht hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Prinz hat den Kopf gehoben und v\u00f6llig verst\u00e4ndnislos \u00fcber die St\u00f6rung den B\u00e4ren traumverloren angeschaut.<br>\u201cWarum verl\u00e4sst du mich denn?\u201c fragt die Prinzessin. \u201cUnd warum kratzt du dir den Kopf?\u201d<br>In der Tat kratzte sich der Prinz h\u00f6chst unprinzlich den Kopf.<br>\u201cWeil der B\u00e4r auf meine Schulter getippt hat, mitten beim K\u00fcssen.\u201d<br>\u201cEr schein sehr wenig Verst\u00e4ndnis zu haben.\u201d sagte die Prinzessin. \u201cWer wei\u00df, wie es in seiner Familie ausschaut! Ach, ich bin so froh!\u201d seufzte sie dann mit offenen Armen und Augen.<br>\u201cWor\u00fcber denn?\u201d<br>\u201cDass du kein B\u00e4r bist. Komm.\u201d Und sie zog ihn zu sich herab, bis Mund auf Mund lagen und Herz in Herz.<br>\u201cIch kann dir nur erz\u00e4hlen, dass ich dich sehr lieb habe. Ja, mehr als das: dass ich dich liebe.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Prinzessinnen reagieren auf ein solches Gest\u00e4ndnis genau wie B\u00fcrgerm\u00e4dchen: sie schlie\u00dfen die Augen, atmen aus, und auf dem Mund liegt pl\u00f6tzlich ihre ganze Seele ausgebreitet. Der Prinz k\u00fcsste Mund und Seele.<\/p>\n\n\n\n<p>Und der B\u00e4r sch\u00fcttelt den Kopf wie ein Mensch, dem etwas nicht passt. Dann geht er brummend zu den beiden. Die Prinzessin merkt aber nicht einmal, wie ein kapitaler Mistk\u00e4fer ihr Bein hinaufkriecht, um wie viel weniger h\u00f6rt sie den B\u00e4ren brummen. Aber der Prinz h\u00f6rt es. Zun\u00e4chst l\u00e4sst er sich gar nicht st\u00f6ren. Aber als dann das Brummen ununterbrochen fortt\u00f6nt, da richtet er sich pl\u00f6tzlich auf und f\u00e4hrt den B\u00e4ren an: \u201cWas f\u00e4llt dir eigentlich ein, uns hier dauernd zu st\u00f6ren! K\u00fcmmere dich doch um deine B\u00e4renangelegenheiten. Du bist doch wohl der letzte, der hier ein Recht hat, die Anstandsdame zu spielen!\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Der B\u00e4r scheint gar nicht beleidigt, eher einsichtig. Er dreht sich um, und es sieht fast so aus, als zucke er die Schultern, wie einer, der eingesehen hat, dass zumindest Hopfen, wenn nicht auch Malz verloren sind.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201cKomm, Prinzessin!\u201d sagt der Prinz und steht auf. \u201cWir trennen uns jetzt, und morgen sehen wir uns wieder. Da wird uns hoffentlich kein B\u00e4r st\u00f6ren. Ich bringe auch die Liste mit von den Bedienten.\u201d<br>Auch sie steht auf. \u201cBis morgen fr\u00fch also?\u201d<br>\u201cJa. Bis morgen fr\u00fch denken wir aneinander. Dann sehen wir einander wieder und dann freie ich um dich.\u201d<br>\u201cPrinz, Prinz! Das hast du doch nicht mehr n\u00f6tig!\u201d<br>Er ruft sie zur Ordnung: \u201cPrinzessin! Wir m\u00fcssen den Formen gen\u00fcgen. Bedenke, dass wir ein K\u00f6nigspaar werden wollen und die Liebesanarchie bei Hofe die schwersten Folgen f\u00fcr das Land haben k\u00f6nnte.\u201d<br>\u201cHier im Wald\u201d sagt die Prinzessin \u201cwollen wir ein Liebespaar sein. Am Hofe dann\u2026\u201d Zwei Arme um seinen Hals, ein Kopf an seiner Schulter.<\/p>\n\n\n\n<p>Der B\u00e4r schaut ruhig zu und scheint sich sein Teil zu denken.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein langer Kuss. Zwei H\u00e4nde, die sich langsam auseinander l\u00f6sen, noch einmal innehalten, als sich nurmehr die Spitzen der Mittelfinger ber\u00fchren. Und dann Trennung.<br>Keine Trennung. Denn ein unsichtbarer Faden verbindet Mittelfinger mit Mittelfinger, wird l\u00e4nger, je weiter die Liebenden sich voneinander fortbewegen, macht kleine Wellenbewegungen, wenn Prinz und Prinzessin nach jeweils ein paar Schritten sich umdrehen und winken.<\/p>\n\n\n\n<p>In einer dritten Richtung verl\u00e4sst der B\u00e4r den Schauplatz wie ein Kriminalinspektor, der von seinen Ermittlungen noch nichts verraten darf, weil das den Beobachteten Vorschub leisten k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Als am Abend dieses f\u00fcr die K\u00f6nigskinder so ereignisreichen, b\u00e4renvollen Tages die Sonne sank, ging der Prinz in den Schlosshof, um Holz zu hacken. Es war eine Lieblingsbesch\u00e4ftigung von ihm. Sein Vater hielt zwar nicht viel davon, aber er war tolerant genug, ihn bei seinem Glauben zu lassen, dass er beim Holzhacken mehr lerne als beim Studium des Bonifazius Suppe und anderer Autoren. Der Prinz hackte an diesem Abend wenig Holz. Ab und zu zeigte er ein besonders warmes Interesse f\u00fcr seinen Mittelfinger, den er sogar \u00f6fters k\u00fcsste. Dann betrachtete er sinnend den Sonnenuntergang. Dann wieder hob er den Kopf und l\u00e4chelte\u2026 Es gab ja so viel zu l\u00e4cheln! Nur, wenn ihm der B\u00e4r in den Sinn kam, hackte er mehr w\u00fctend als geschickt drauflos, weshalb ihm denn auch einige Stubbenst\u00fccke hartn\u00e4ckig widerstanden.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch beim k\u00f6niglichen Abendessen war manches anders als gew\u00f6hnlich. Der Vater fragte, ob er sich in den Mittelfinger gehackt habe und schloss daran Bemerkungen \u00fcber das Holzhacken im allgemeinen. Die Mutter bat ihn sanft, die Sauce auf das Fleisch zu gie\u00dfen, nicht auf den Pudding. Mit kaum unterdr\u00fcckten Lachen teilte die Schwester des Prinzen die Meinung \u00fcber die unvergleichliche Sch\u00f6nheit des Sonnenuntergangs. Und ausgerechnet die komische Gouvernante wollte wissen, ob man ihretwegen l\u00e4chele, ob sie nachl\u00e4ssig gekleidet oder sonst wie komisch sei.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Prinz gab etwas zerfahrene und wenig zusammenh\u00e4ngende Antworten. Mit Ausnahme der Gouvernante l\u00e4chelte die ganze Hoftafel. Sogar der aufwartende Diener konnte sich ein auff\u00e4lliges Zucken der Mundwinkel nicht verbei\u00dfen, als er den Gesch\u00e4ndeten Pudding gegen einen unbegossenen auswechselte. Der Prinz hat mit zunehmender R\u00fcckgratversteifung von einem L\u00e4cheln zum anderen geblickt. Er f\u00fchlt sich ausgelacht und will gerade den Diener anfahren, als ihm einf\u00e4llt, dass er vielleicht nur ausgel\u00e4chelt wird und dass es wohl zweckm\u00e4\u00dfig ist, in den L\u00e4chelchor einzustimmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Da kann die nerv\u00f6s gewordene Gouvernante es nicht mehr aushalten. \u201cNun l\u00e4cheln die prinzliche Hoheit h\u00f6chstpers\u00f6nlich auch noch! Ich bitte um Entschuldigung, wenn ich mir irgendeine Verfehlung habe zuschulden kommen lassen. Aber\u2026 Wahrhaftig, ich w\u00e4re untr\u00f6stlich!\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>\u201cMachen Sie sich keine Gedanken, Frau Gouvernante.\u201d sagt die K\u00f6nigin. \u201cEs liegt ein L\u00e4cheln in der Luft, das muss nun mal gel\u00e4chelt werden. Ich m\u00f6chte nur den verehrten, ach so weise sich bed\u00fcnkenden L\u00e4chlern zu bedenken geben, dass man mit Vorliebe dann sp\u00f6ttisch l\u00e4chelt, wenn man allzu neidisch ist.\u201d<br>\u201cIch danke auch, Frau Mutter.\u201d sagte der Prinz und k\u00fcsste ihre Hand. Das L\u00e4cheln, mit dem sie diesen Dank quittiert, ist vorbildlich sch\u00f6n.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch einige \u00dcberraschungen gab es am Abend dieses Tages f\u00fcr den Prinzen. Sein Zimmer war offensichtlich ver\u00e4ndert: ganz fremd wirkte es auf ihn. Ein paar Gedichte, die er auf seinem Schreibtisch liegen sah und durchlas, kamen ihm seltsam fern und unbekannt vor, obgleich er sie am Morgen zu letzten Mal gelesen hatte. Nachdem er ein paar Takte auf seinem Fl\u00fcgel gespielt hatte, schaute er in den Fl\u00fcgel, fand aber keine Ver\u00e4nderung, auch am Pedal nicht. Dann begann er wieder, und sein Ton klang wieder so s\u00fc\u00df, dass das Gesinde sich unter seinem Zimmer sammelte und lauschte und l\u00e4chelte\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist ungeheuerlich, aber es muss gesagt werden: Der Prinz nuckelte in dieser Nacht; wie ein kleines Kind saugte er am Mittelfinger seiner rechten Hand als g\u00e4lte es Honig daraus zu gewinnen. Und er glaubte zu erwachen durch einen leisen Druck auf diesen Finger. Schnell schrieb er die versprochene Liste und verlie\u00df das Schloss.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Schloss selbst schien zu l\u00e4cheln an diesem Morgen, aus allen Fenstern strahlte es, sogar aus den Schie\u00dfscharten. Die Menschen konnten sich dem Zauber des l\u00e4chelnden Schlosses nat\u00fcrlich nicht entziehen. Die fegende Magd l\u00e4chelte, der diensttuende Stallbursche l\u00e4chelte, und selbst der k\u00f6nigliche Fallbr\u00fcckenw\u00e4chter, ein sonst furchtbar brummender Patron l\u00e4chelte, als der den Prinzen die Br\u00fccke zum B\u00e4renwald passieren lie\u00df. Als letzter l\u00e4chelte ihm der so hochgelehrte Astronom von seinem hohen Turme nach.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch all dies Gel\u00e4chle ist nichts gegen das L\u00e4cheln, mit dem ihm nun dieses entz\u00fcckende St\u00fcck Leben, Liebe und Welt im Walde entgegentritt. Der Faden wird k\u00fcrzer und k\u00fcrzer. Die Spitzen der Mittelfinger ber\u00fchren einander, die H\u00e4nde ineinander, die Herzen, die Atem und Mund auf Mund\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Doch dann ruft diesmal sie ihn zur Ordnung: \u201cPrinz, wir wollen der Form gen\u00fcgen.\u201d<br>Der Prinz kniet und \u00fcberreicht ihr die Liste. Die Prinzessin hockt sich zu ihm und beginnt zu lesen:<br>\u201d \u2018Liste f\u00fcr das auserw\u00e4hlte Herz, enthaltend alle Diener, so einer prinzesslichen Hoheit zur Verf\u00fcgung stehen werden in einem k\u00fcnftigen Gl\u00fcck.\u2019 So sch\u00f6n hat noch keiner angefangen. Daf\u00fcr sollst du einen Kuss haben.\u201d<br>Dann liest sie weiter: \u201d \u2018Zun\u00e4chst ein prinzlicher Gemahl.\u2019\u201d<br>\u201cF\u00fcr die Liebe!\u201d kommentiert er.<br>\u201c\u2018Dann ein k\u00f6niglicher Vater.\u2019\u201d<br>\u201cF\u00fcr die Kinder!\u201d sagt er dazu.<br>\u201c\u2018Dann ein immerw\u00e4hrender tief empfundener Dank!\u2019\u201d<br>\u201cF\u00fcr alles, was du schenken wirst.\u201d sagt er.<br>\u201c\u2018Dann ein\u2019 \u2013 was? \u2013 \u2018k\u00f6niglicher Hockteppichwirker.\u2019 Oh Prinz, das ist das Sch\u00f6nste. Daf\u00fcr verdienst du einen weiteren Kuss!\u201d<br>Dann wiederholt sie jubelnd: \u201cEin Hocketeppichwirker!\u201d<br>\u201cAus Smyrna!\u201d erg\u00e4nzt er.<br>\u201cSmyrna? Wo ist Smyrna?\u201d fragt sie.<br>\u201cDa, wo man nicht an uns glaubt.\u201d<br>\u201cWie kann man nicht an uns glauben?\u201d fragt die Prinzessin ein wenig entr\u00fcstet und f\u00e4hrt dann guten Glaubens fort: \u201cNun, dem Hockteppichwirker aus Smyrna werden wir es beweisen.\u201d<br>\u201cNun lies das Ende, bitte!\u201d sagt er.<br>\u201c\u2018Zuletzt ein k\u00f6nigliches Heer von Helfern, so gro\u00df als es die k\u00fcnftige Holdheit zu ihrem Wohl braucht.\u2019\u201d<br>\u201cHast du etwas bemerkt, Prinzessin?\u201d fragt der Prinz.<br>\u201cJa,\u201d sagt die Prinzessin, \u201cdas ist die sch\u00f6nste Liste, die mir je ein Freier vorgelegt hat. Und deswegen \u2013 aber nicht nur deswegen \u2013 will ich sie auch akzeptieren. Ich will dich also nehmen, Prinz \u2013 Also\u2026 \u201d<\/p>\n\n\n\n<p>In ihrem Kopf schwirrt es durcheinander. Bei den fr\u00fcheren Freiern hatte es ihr immer um die verloren gehende Freiheit leid getan. \u201cUnd jetzt\u201d sagt sie \u201cwill ich nichts anderes als\u2026 Ach, ich kann es nicht in Worten sagen.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Darum sagt sie ihm mit einer Umarmung, dass sie ihm nicht nur die Freiheit, sondern Alles, Alles, was sie besitzt, schenken will. Alles Vertrauen, alle Liebe und Treue und wenn es mehr g\u00e4be, dann auch das noch, uneingeschr\u00e4nkt. Und\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Fast gewaltsam muss er sich von ihr l\u00f6sen. \u201cPrinzessin,\u201d sagt er atemlos und stammelnd, \u201cdeine Liebe ist so sch\u00f6n, ich komme mir so unwert dieser gro\u00dfen Empfindung vor. Ich bin bet\u00e4ubt, kann es nicht fassen\u2026\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Er steht auf. Der Wald ist wie fr\u00fcher, sein Blick beruhigt sich in ihm. Er l\u00e4chelt, und nachdem er verschiedene \u00c4ste auf ihren Wegen vom Stamm bis in den blauen Himmel hinein verfolgt hat, f\u00e4llt sein Blick wieder auf die Prinzessin, die noch vor ihm hockt und ihn anschaut. Er nimmt ihren Kopf in beide H\u00e4nde, hebt sie zu sich empor und k\u00fcsst sie zart und fl\u00fcchtig. Dann bietet er ihr den Arm. Sie steht auf und geht mit durch den Wald davon.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201cIch meinte vorhin eigentlich,\u201d begann er nach einer Weile, \u201eob du nicht bemerkt hast, dass der B\u00e4r gar nicht erschienen ist.\u201d<br>\u201cWohin gehen wir eigentlich jetzt?\u201d fragte sie darauf.<br>\u201cUnd die Liste,\u201d sagte er dann \u201cdie habe ich heute fr\u00fch nur so hingeschrieben. Hoffentlich ist sie dir vollst\u00e4ndig genug!?\u201d<br>\u201cBei mir zu Hause,\u201d sagt sie \u201chaben es alle gemerkt, obgleich ich kein Wort gesagt habe.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser etwas unzusammenh\u00e4ngende Dialog spann sich weiter, ohne irgendwie folgerichtiger zu werden. Sie waren unaufmerksam dem Wortsinn gegen\u00fcber. Umso aufmerksamer lauschten sie den zartesten Schwingungen in der Stimme des anderen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann kamen sie zum Meer. Ein Boot stand bereit, gro\u00df genug f\u00fcr die beiden, aber viel zu klein, so schien es, f\u00fcr das gro\u00dfe Meer. Die Prinzessin konnte eine aufsteigende Angst beim Anblick des Wassers nicht d\u00e4mmen. Er aber ging mit einem sehr erwartungsvollen L\u00e4cheln darauf zu.<br>Sie hielt ihn fest. \u201cDu, ich habe Angst!\u201d Sie klammerte sich an ihn. Er blieb stehen.<br>\u201cIch haben so gro\u00dfe Angst,\u201d wiederholte sie, \u201cdass wir auf dem Meer nicht mehr zueinander finden werden. Schau, wie gro\u00df es ist. Du wirst mich verlassen! Oder\u2026\u201d<br>\u201cLiebling!\u201d umarmt er sie. \u201cWie kann ich dich verlassen, wenn wir erst auf dem Meer sind? Da wird doch nichts sein au\u00dfer dir! Ich m\u00f6chte dich auf die Arme nehmen und laufen, weil mir der Weg zum Boot zu lang ist.\u201d<br>Er tut es und l\u00e4uft.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz nah ihrem Auge ist sein froh l\u00e4chelndes Gesicht; und sie denkt, dass es gewiss Unrecht ist, \u00e4ngstlich zu sein, dass die Angst eine Kluft aufrei\u00dft, in der sie sich verlieren k\u00f6nnten\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Da verlangsamt sich sein Schritt. Er bleibt stehen und setzt sie fast unsanft nieder. \u201cDu hast recht. Man kann Angst haben!\u201d sagt er und schaut aufs Meer. \u201cDas Boot ist sehr klein. Wenn ein Sturm kommt\u2026?\u201d<br>\u201cPrinz,\u201d sagt sie geheimnisvoll, \u201cdann kommt der Sturm. Wenn wir ihn nicht aushalten, dann waren wir es nicht wert, dann gehen wir miteinander unter. Das kann auch sehr sch\u00f6n sein.\u201d<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image aligncenter size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"715\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_14-715x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1660\" srcset=\"https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_14-715x1024.jpg 715w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_14-209x300.jpg 209w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_14-768x1100.jpg 768w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_14-1073x1536.jpg 1073w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_14-1430x2048.jpg 1430w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_14.jpg 1757w\" sizes=\"auto, (max-width: 715px) 100vw, 715px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>\u201cIch wei\u00df es nicht!\u201d Und nach einer kleinen Pause sagt er fast rau: \u201cKomm!\u201d<br>\u201cNicht so barsch!\u201d bittet sie. \u201cUnd nicht so unl\u00e4chelnd. Schlie\u00dflich handelt es sich um eine kleine Kahnfahrt. Seit Urzeiten eine ausgesprochene Belustigung und ein Sonntagsvergn\u00fcgen.\u201d<br>\u201cUnd ein Wagnis!\u201d sagt er und besteigt das Boot.<br>\u201cMan nimmt dem Wagnis nicht das Gewicht, wenn man es bel\u00e4chelt.\u201d sagt sie und setzt sich ans Steuer.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie sto\u00dfen ab. Er rudert mit kr\u00e4ftigen Z\u00fcgen, aber bald merkt er, dass das Boot sich ohne sein Rudern fortbewegt, und das Steuer nimmt Kurs vom Land weg, ohne dass die Prinzessin es zu bedienen braucht. Die unt\u00e4tigen H\u00e4nde finden zueinander, vier H\u00e4nde, ganz fest.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201cUnd Aug in Aug.\u201d bittet er.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Augen senken sich ineinander, vier Augen, unsch\u00e4tzbarer Reichtum der Liebe, ganz fest; und in fast regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden l\u00e4cheln die Liebenden und werden wieder ernst, l\u00e4cheln\u2026 Augen und H\u00e4nde ziehen sie an seine Seite. Als sie den Platz wechselt, schwankt das Boot leicht.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201cSiehst du,\u201d sagt der Prinz \u201cwie die Sonnenstrahlen im Meer glitzern?\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Leise hob eine Welle das Boot. Der Wind begann in den Haaren zu spielen. \u201cPrinz, jetzt kommt der Sturm. In all die Helligkeit um uns. Es wird sch\u00f6n werden. Ich freue mich darauf und bin gl\u00fccklich.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Sein Atem streift den ihren und ihr sch\u00f6nes Antlitz. \u201cUnd wir sind ganz allein in diesem Sturm. Wir werden aneinander uns festhalten m\u00fcssen.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Genug geredet, denn eine Welle fasst das Boot so, dass sie in seine Arme sinkt. Der Wind beginnt mutwillig Woge auf Woge gegen das Boot zu blasen. Und jede Woge ist den beiden lieb. Sie h\u00e4ngen fester aneinander. Was der Wind in den Haaren zerrauft, versuchen liebkosende H\u00e4nde vergeblich wieder zu gl\u00e4tten.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201cWie warm der Wind ist, wie beg\u00fcnstigend.\u201d kann er noch feststellen, trotz weniger Atem.<\/p>\n\n\n\n<p>Ihr Kopf sinkt an seine Brust. \u201cWie warm, ja. Wie sch\u00f6n, wie gut, wie g\u00fctig\u2026\u201d sagt sie. Dann wirft sie den Kopf in den Nacken und mit jenem l\u00e4chelnden Ernst, mit dem nur Frauen zu sprechen verm\u00f6gen, sagt sie: \u201cWie herrliche sch\u00f6n\u2026\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Eine gro\u00dfe Woge strebt auf das Boot zu. Die Prinzessin bemerkt sie und in der Angst, den Geliebten zu verlieren, rei\u00dft sie ihn auf den schwankenden Boden. Dort scheint es still. Allein und kein Entrinnen mehr\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Die Woge hebt das Boot. Ganz kurz vor dem Brechen erstarrt sie pl\u00f6tzlich. Wenige Tropfen sind ihr schon vorausgeeilt, sie h\u00e4ngen wie Perlen in der Luft. Auch der Sturm ist erstarrt, nichts r\u00fchrt sich, kein Laut.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Paar ist aufgeschreckt. Sie glauben, gestrandet zu sein. Mit Traumesaugen sehen sie sich auf dem Kamm einer kristallenen Woge. Sie f\u00fchlt sich an wie Glas, stellt der Prinz fest.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie wissen kein Wort zu sagen, schauen auf das Meer und wieder einander an.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber den Wellenkamm, aus weiter Ferne schnell gr\u00f6\u00dfer werdend, n\u00e4hert sich ihnen ein schwarzer Punkt. Da findet der Prinz die Sprache wieder:<br>\u201cSchau, was da kommt! Ein Punkt \u2013 Arme, Beine ein Kopf\u2026\u201d<br>\u201cDer B\u00e4r!\u201d schreit sie.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie sitzen auf dem Bootsrand. Die Herzen schlagen laut und langsam in der Brust, als arbeiteten sie mit letzter Kraft. Der Atem f\u00e4llt schwer. Die Augen sind voller Entsetzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der B\u00e4r kommt, nimmt den Prinzen auf die starken Arme, dreht sich um und geht \u00fcber den kristallenen Wogenkamm zur\u00fcck. Seine gleichm\u00e4\u00dfigen, ziemlich schnellen Schritte hallen seltsam durch die gl\u00e4serne Stille. Der Prinz wehrt sich mit H\u00e4nden und F\u00fc\u00dfen, aber es sieht aus, als ob ein dreij\u00e4hriges Kind auf den Vater einschl\u00e4gt. Er gibt es auf und versucht nur noch, den Kopf immer wieder so zu wenden, dass er die Prinzessin noch sehen kann. Er winkt und wirft Kussh\u00e4nde.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201cIch kommen wieder!\u201d br\u00fcllt er.<br>\u201cNein!\u201d haucht sie und winkt und wirft Kussh\u00e4nde.<\/p>\n\n\n\n<p>Kaum kann sie den Prinzen noch erkennen; eine B\u00e4renkontur, dann ein Punkt, der schlie\u00dflich in den Horizont hinein verschwindet.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann schmilzt die Kristallwoge und geleitet wie seufzend Boot und Prinzessin an Land.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Prinzessin und der Prinz sind nicht daran gestorben. Auch der B\u00e4r lebt noch und ist der Meinung, richtig gehandelt zu haben.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">***<\/p>\n\n\n\n<p>M\u00e4rchen f\u00fcr den Montag &#8211; <a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=1624\">Wie einer auszog, das Gute und Sch\u00f6ne zu suchen<\/a><br>&#8230; f\u00fcr den Dienstag &#8211; <a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=1627\">M\u00e4rchen in der M\u00fcllerstra\u00dfe<\/a><br>.<br>&#8230; f\u00fcr den Donnerstag &#8211; <a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=1632\">Philosophie einer Liebe<\/a><br>&#8230; f\u00fcr den Freitag &#8211; <a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=1634\">Wie M\u00e4rchenbriefe gewechselt werden<\/a><br>&#8230; f\u00fcr den Sonnabend &#8211; <a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=1636\">Der B\u00e4r kann auch gut sein<\/a><br>&#8230; f\u00fcr den Sonntag &#8211; <a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=1638\">Aus dem Tagebuch eines Schutzengels<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>*** Prinz, Prinzessin und B\u00e4r *** Liebe H\u00e4lften eines eigentlich Unteilbaren! \u201cErz\u00e4hl mir was.\u201d Ich nehme mit einiger Sicherheit an, dass auch Ihr diese Worte kennt. Jede Geliebte spricht sie wohl zuweilen aus, und jeder Geliebte muss sich wohl zuweilen mehr oder weniger erfreut bequemen, diese Forderung durch Erz\u00e4hlung irgendeines Phantasieproduktes zu erf\u00fcllen. 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