{"id":1634,"date":"2023-04-20T15:28:13","date_gmt":"2023-04-20T15:28:13","guid":{"rendered":"https:\/\/peterpodehl.com\/?page_id=1634"},"modified":"2023-05-29T16:54:41","modified_gmt":"2023-05-29T16:54:41","slug":"marchen-fur-den-freitag","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/webaid.it\/?page_id=1634","title":{"rendered":"M\u00e4rchen f\u00fcr den Freitag &#8211; Wie M\u00e4rchenbriefe gewechselt werden"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-text-align-center\">***<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-medium-font-size\"><strong>Wie M\u00e4rchenbriefe gewechselt werden<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">***<\/p>\n\n\n\n<p>Liebe Zweisamkeit!<\/p>\n\n\n\n<p>Im heutigen M\u00e4rchen handelt es sich wieder um die Geschichte einer kleinen Liebe. Damit meine ich nicht etwa eine leidenschaftslose, unechte, b\u00f6se oder auch nur kurze Liebe, sondern eine Liebe, die endet. Im Gegensatz zur gro\u00dfen Liebe, die einmal kommt und ein Leben dauert oder l\u00e4nger. Auch im Mittwochm\u00e4rchen war ja die Liebe zwischen Prinz und Prinzessin zu klein. Sonst w\u00e4re nie die Woge erstarrt. Und dass B\u00e4ren aufs Meer&nbsp;           s c h w i m m e n&nbsp; k\u00f6nnen, halte ich f\u00fcr ausgeschlossen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich finde, es ist nicht leicht und doch ungemein wichtig, das Ma\u00df einer Liebe erkennen zu k\u00f6nnen. Nicht leicht, denn diese Untersuchung muss jenseits der Worte und des guten Willens vorgenommen werden; und wichtig: Nun, ich glaube, die Summe aller kleinen Lieben wiegt nie die gro\u00dfe Liebe auf. Es gilt also die tiefsten Gef\u00fchle zu pr\u00fcfen, die Tr\u00e4ume und \u2013 M\u00e4rchen. Hier erw\u00e4chst den M\u00e4rchen, die wir unter Liebenden erz\u00e4hlen, eine neue, wichtige Aufgabe. Sie k\u00f6nnen Pr\u00fcfstein einer Liebe werden, \u00e4hnlich dem Kristall im M\u00e4rchen am Montag.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn die M\u00e4rchen, die wir erz\u00e4hlen, oft tragisch enden, so unbeschwert sie angefangen haben m\u00f6gen \u2013 die gro\u00dfe Liebe beginnt ja oft stockend und spr\u00f6de, wie uns ein Schutzengel am Sonntag berichten wird -, wenn die M\u00e4rchen kampflos pl\u00e4tschernd abrollen, wenn sich nur krampfhaft \u00fcberhaupt ein Faden spinnen oder ein Schluss finden l\u00e4sst oder gar, wenn es \u00fcberhaupt nicht gelingen will, M\u00e4rchen zu erz\u00e4hlen und ihnen zuzuh\u00f6ren, \u2013 dann, glaube ich, muss man die Tatsachen einer Liebe zu erforschen versuchen, muss gegebenenfalls viel getan werden, sie zu vergr\u00f6\u00dfern. Nat\u00fcrlich l\u00e4sst sich solche Anschauung nicht verallgemeinern. Manche m\u00e4rchenreiche Liebe mag klein sein, manche m\u00e4rchenlose gro\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Jedenfalls: Manchmal, \u2013 oft bleibt die Liebe klein, wie in den heutigen M\u00e4rchenbriefen, ist aber trotzdem eine Liebe. Wollt ihr heute abwechselnd lesen? Die m\u00e4nnlich-prinzlichen Briefe haben ungerade Ziffern, die weiblichen gerade. Ihr werdet vielleicht das obligate \u201cEs war einmal\u201d vermissen. Es ist keineswegs vergessen, sondern steht als Wasserzeichen auf dem M\u00e4rchenpapier des Prinzen, auf dem ersten Brief also. So.<\/p>\n\n\n\n<p>Halt, du Schn\u00f6sel! Siehst du denn nicht, dass die Freundin schlecht sitzt?! Na? Na, nun opfere mal eines von den drei Kissen, die du dir hinter den R\u00fccken gestopft hast. Sie hat doch blo\u00df das kleine wabblige. So. Na also.<\/p>\n\n\n\n<p>So, nun sollt Ihr endlich erfahren,<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text alignwide is-stacked-on-mobile\" style=\"grid-template-columns:61% auto\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"740\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_18-740x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1668 size-full\" srcset=\"https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_18-740x1024.jpg 740w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_18-217x300.jpg 217w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_18-768x1063.jpg 768w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_18-1109x1536.jpg 1109w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_18-1479x2048.jpg 1479w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_18.jpg 1810w\" sizes=\"auto, (max-width: 740px) 100vw, 740px\" \/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p class=\"has-text-align-center\"><strong>WIE<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><strong>M\u00c4RCHENBRIEFE<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><strong>GEWECHSELT<\/strong> <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><strong>WERDEN<\/strong><\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">I<\/p>\n\n\n\n<p>Hochverehrte Frau Mutter!<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin gut angekommen im Erdenland und hoffe, dass ich mich in der kleinen Universit\u00e4tsstadt bald heimisch f\u00fchlen werde. Das Semester beginnt erst in einigen Tagen.<br>Ich bitte um Vergebung, wenn ich Sie jetzt mit meinen Unterhosen bel\u00e4stige, aber ich kann sie beim besten Willen nicht finden. Dabei haben Sie sonst an alles gedacht, sogar an die Pulsw\u00e4rmer f\u00fcr den Leibkobold. Der Haushofmeister ist schon ganz verzweifelt vom vielen Suchen. Das Wort \u201cUnterhosen\u201d versetzt seine Mundwinkel in eine so kummervolle Lage, dass ich jedes Mal die Augen schlie\u00dfen muss.<br>Was man hier zu kaufen bekommt, ist in der Farbe vollkommen unstandesgem\u00e4\u00df und \u00fcberdies viel zu grob f\u00fcr meine prinzlichen Beine. Ich br\u00e4uchte zun\u00e4chst lange und f\u00fcr den Sommer dann kurze.<br>Ich verbleibe ansonsten mit demutvollen Gr\u00fc\u00dfen<\/p>\n\n\n\n<p>Ihr prinzlicher Sohn.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">II<\/p>\n\n\n\n<p>Hochzuverehrende, prinzliche Hoheit!<\/p>\n\n\n\n<p>Darf ich Sie freundlichst darauf hinweisen, dass ich nicht Dero Frau Mutter bin und somit auch nicht wissen kann, was mit Dero Unterhosen sich zugetragen hat. Ich nehme an, dass meine im besten Sinne gutb\u00fcrgerlichen Eltern mit Recht entr\u00fcstet w\u00e4ren, w e n n &nbsp;ich es w\u00fcsste.<br>Darf ich Sie demnach h\u00f6flichst bitten, Briefe an Dero Frau Mutter, noch dazu, wenn sie so prosaischen und zugleich dringlichen Inhalts sind, nicht an mich zu senden. Es d\u00fcrfte Ihrem Leibkobold ein Leichtes sein, den M\u00e4rchenbriefkasten ausfindig zu machen, dessen Existenz wir Erdenkinder nur ahnen. Er soll einem unkontrollierbaren Ger\u00fccht zufolge von m\u00e4rchenblauer Farbe sein. In den gew\u00f6hnlichen gelben Briefkasten gesteckt, werden M\u00e4rchenbriefe jedenfalls an die unrichtige Adresse bef\u00f6rdert, wie die Erfahrung im vorliegenden Falle lehrt. Dass Dero Brief gerade an meine Adresse geriet, m\u00f6chte ich f\u00fcr einen unerkl\u00e4rlichen M\u00e4rchenzufall halten.<br>Ich freue mich allerdings sehr, diesem Zufall zum Opfer gefallen zu sein, verdanke ich ihm doch den Besitz eines richtigen M\u00e4rchenbriefes von einem richtigen M\u00e4rchenprinzen. Viele geheimnisvolle Gedanken wandern seit gestern in Dero wunderumwitterte und ach so unbekannte Heimat.<br>Nun gr\u00fc\u00dft hochachtungsvoll<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Erdenm\u00e4dchen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">III<\/p>\n\n\n\n<p>Sehr verehrtes Erdenm\u00e4dchen!<\/p>\n\n\n\n<p>Nach sachgem\u00e4\u00dfer Zusammenschimpferei meines Haushofmeisters (der mit den kummervollen Mundwinkeln) beeile ich mich, auf diesem Wege um Entschuldigung zu bitten, weil ich Ihre gutb\u00fcrgerlichen Ohren mit meinen Unterhosen bel\u00e4stigt habe. Nat\u00fcrlich bildlich gesprochen. Oder besser: brieflich, und insofern dann allerdings Ihre Augen, das sie meine Zeilen &nbsp;l a s e n&nbsp; und nicht h\u00f6rten\u2026 Jedenfalls: bel\u00e4stigt.<br>Darf ich Ihnen frei gestehen, dass mir Ihre Handschrift au\u00dferordentlich gut gef\u00e4llt? Das ist nat\u00fcrlich kein Grund zu der h\u00f6flichen Frage: K\u00f6nnten wir uns nicht kennen lernen? Nicht eigentlich um Ihr Mitleid zu erregen, teile ich Ihnen mit, dass ich ein M\u00e4rchenprinz und in dieser Stadt (noch) ohne Anhang bin. Wie lange noch?<br>Ich bin mehr oder weniger einsam und w\u00e4re froh, wenn Sie diese Einsamkeit mit mir teilten, denn sie erw\u00fcchse dadurch zwangsl\u00e4ufig zur Zweisamkeit!<br>Wie hei\u00dfen Sie? Wann und wo treffen wir einander?<br>Voll Ergebenheit<\/p>\n\n\n\n<p>Ihr hoffender Prinz<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">IV<\/p>\n\n\n\n<p>Sehr verehrter, hoffender Prinz!<\/p>\n\n\n\n<p>Sie sollten Ihren Haushofmeister nicht zusammenschimpfen, auch nicht sachgem\u00e4\u00df. Seine Mundwinkel neigen ohnedies zum Kummer. Das l\u00e4sst auf eine leidgepr\u00fcfte Seele schlie\u00dfen, und ebensolche soll man zart behandeln. Verzeihen Sie einer B\u00fcrgerlichen diese Einmischung in Dero Domenstikenangelegenheiten.<br>Verzeihen Sie auch die Frage: Woher wissen Sie, dass neben meinen Eltern auch meine Ohren gutb\u00fcrgerlich sind? M\u00e4nnliche, besonders lange Unterhosen \u2013 zumal in Briefen \u2013 sind \u00fcberdies so unpikant, dass ich ihre Erw\u00e4hnung nicht einmal vor einer f\u00fcnfzehnj\u00e4hrigen Enkelin verbieten w\u00fcrde.<br>Bevor ich einer Bekanntschaft mit Ihnen n\u00e4her treten kann, muss ich Ihren Namen wissen. Auch bitte ich Sie um eine ehrenw\u00f6rtliche Versicherung, dass Sie sich nicht in Luft aufl\u00f6sen, wenn ich Ihnen je l\u00e4stig fallen sollte. In letzterem Falle wollen wir uns aussprechen! Von meiner Freundin Isolde wei\u00df ich n\u00e4mlich, dass M\u00e4rchenprinzen kleinen B\u00fcrgerm\u00e4dchen gerne sch\u00f6n tun, aber die Betreffenden nach einer gewissen Zeit auf m\u00e4rchenhafte Weise sitzen lassen. Isolde bekam den Abschied und einen Strau\u00df wundersch\u00f6ner, immerduftender Rosen. Aber sie weint in all dem Duft.<br>Ich kann nicht verschweigen, dass mir Ihre Handschrift auch sehr gut gef\u00e4llt und dass ich stolz w\u00e4re, einen M\u00e4rchenprinzen kennen zu lernen. Aber Sie m\u00fcssen verstehen, wenn ich die einem B\u00fcrgerm\u00e4dchen geziemenden Einw\u00e4nde vorgebracht habe.<br>Wenn ich mit meinen Worten Hohheits Ohr verletzte, bitte ich das mit dem fast himmelweiten Unterschied entschuldigen zu wollen, der uns von Geburt her trennt, denn ich bin nur \u2013 mit allerbesten Gr\u00fc\u00dfen \u2013<\/p>\n\n\n\n<p>Ein schlichtes M\u00e4dchen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">V<\/p>\n\n\n\n<p>Verehrtes, schlichtes M\u00e4dchen!<\/p>\n\n\n\n<p>Gestatten Sie, dass ich mich zun\u00e4chst vorstelle: Ich bin M\u00e4rchenprinz Bonifazius von Suppe. Ich sehe aber nicht so aus.<br>Ich f\u00fcrchte sehr, wir werden einander nie kennen lernen, denn das gew\u00fcnschte Ehrenwort, wonach ich Ihnen treu bleiben m\u00fcsste, was wohl einem Eheversprechen gleichk\u00e4me, kann ich Ihnen zu meinem gr\u00f6\u00dften Bedauern aus vielerlei Gr\u00fcnden nicht geben. Wir M\u00e4rchenl\u00e4ndischen sind gewissen Gesetzen unterworfen, denen auch ich mich beugen muss.<br>Ich bedauere unendlich, dadurch um den Genuss zu kommen, ein schlichtes B\u00fcrgerm\u00e4dchen mit amour\u00f6sem Vorleben kennen zu lernen, f\u00fcr dessen Qualit\u00e4t immerhin eine f\u00fcnfzehnj\u00e4hrige Enkelin spricht! Vielleicht jedoch k\u00f6nnten Sie meine gro\u00dfm\u00fctterliche Freundin werden?<br>Haben Sie Dank f\u00fcr das Kompliment \u00fcber meine Handschrift. Mein Sekret\u00e4r hat sich sehr gefreut.<br>Es ist traurig, dass ich ewig bleiben muss Ihr unbekannter<\/p>\n\n\n\n<p>Prinz Bonifazius von Suppe.<\/p>\n\n\n\n<p>P.S. Ich m\u00f6chte nur noch kurz richtig stellen, dass der Haushofmeister mich zusammengeschimpft hat (bei aufreizend erhobenem Mundwinkel), nicht umgekehrt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">VI<\/p>\n\n\n\n<p>Hochverehrter Prinz!<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist sehr traurig, was Sie schreiben. So traurig, dass ich Sie kennen lernen m\u00f6chte. So paradox es klingt: weil Sie mir das Ehrenwort n i c h t&nbsp; geben (das l\u00e4sst n\u00e4mlich auf gro\u00dfe Ehrlichkeit und Ehrenhaftigkeit schlie\u00dfen), will ich es wagen. Wenn ich meine Ehre dabei verliere, \u2013 wer wei\u00df, wie viele M\u00e4rchen ich gewinne\u2026?<br>Kommen Sie morgen zu mir, zum Maskenball. Kommen Sie als Spanier und erobern sie die spanische Senorita, als die ich kost\u00fcmiert sein werde.<br>Die nat\u00fcrliche Voraussetzung f\u00fcr eine Enkelin in Form eines Kindes, ist noch ungeboren. Ich sprach vom Eventualfall. Bedingt durch mein Alter werde ich auch auf das Gl\u00fcck verzichten m\u00fcssen, Ihre gro\u00dfm\u00fctterliche Freundin zu werden; es sei denn, Sie h\u00e4tten noch die Milchz\u00e4hne. Aber selbst dann\u2026 Vielleicht aber muss ich auf ein anderes Gl\u00fcck verzichten\u2026<br>Auf morgen, Prinz, freut sich Schnubilienmaus Brocken.<\/p>\n\n\n\n<p>P.S. Ich sehe aber auch gar nicht so aus.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">VII<\/p>\n\n\n\n<p>Liebe spanische Maus!<\/p>\n\n\n\n<p>Ich muss Ihnen eine Freude nehmen: Ich habe Sie erkannt. Sie haben am rechten Unterkiefer au\u00dfen einen Leberfleck. Stimmt\u2019s?<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text alignwide has-media-on-the-right is-stacked-on-mobile\" style=\"grid-template-columns:auto 59%\"><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p>Ich gebe zu, dass ich zun\u00e4chst einen Schreck bekam, als ich mich pl\u00f6tzlich unter zwanzig anderen Spaniern etwa sechzehn Senoritas gegen\u00fcbersah. Ich machte gute Mienen zum Schabernack und tanzte der Reihen nach mit allen Spanierinnen. Nachdem ich alle mit Mausi angesprochen hatte, worauf sie alle ohne Ausnahme z\u00e4rtlicher wurden, und als keine auch nur andeutungs-weise auf die nur uns bekannten Themen wie Unterhosen oder Enkelin eingegangen war, wollte ich schon verzweifeln. Aber: Gl\u00fcck muss nicht nur der Mensch haben, sondern zuweilen auch M\u00e4rchenprinzen.<\/p>\n<\/div><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"995\" src=\"https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_19-1024x995.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1669 size-full\" srcset=\"https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_19-1024x995.jpg 1024w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_19-300x291.jpg 300w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_19-768x746.jpg 768w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_19-1536x1492.jpg 1536w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_19.jpg 1621w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Mein Leibkobold holte mir die Flasche \u201cMascowex\u201d, die ich zuf\u00e4llig aus dem M\u00e4rchenland mitgebracht hatte. Dieses m\u00e4rchengesetzlich gesch\u00fctzte und patentierte \u201cMascowex\u201d hatte die gew\u00fcnschte Wirkung: Alle Masken schwanden. Ich tanzte schon einmal mit allen Spanierinnen, und die ganz besonders liebenswerte und bezaubernde, die da unter dem vermeintlichen Schutz der Maske das laute Lachen kaum verbei\u00dfen konnte, als ich die nur uns vertrauten Themen anschnitt, \u2013 das warst du, Schnubilienmaus. Du bist sehr sch\u00f6n.<br>Ich komme jetzt zu dir! Dieser Brief soll dich warnen!! Du blamierst dich, wenn du die Kom\u00f6die weiter spielst. Gleich wird es klingeln. Das ist schon<\/p>\n\n\n\n<p>Dein Bonifazius.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">VIII<\/p>\n\n\n\n<p>Oh Prinz!<\/p>\n\n\n\n<p>Was soll denn das? Vor wenigen Augenblicken haben Sie mich verlassen, und schon sitze ich da und schreibe an Sie, weil die Gedanken sich \u00fcberst\u00fcrzen und nach irgendeinem Ausdruck verlangen. Wahrscheinlich lauter unbestimmbares Zeug. Und dann werde ich nachher meinen Schwur, jeden Brief, den ich schreibe, auch tats\u00e4chlich abzusenden, brechen: Sie werden diesen Brief nie zu Gesicht bekommen. Vielleicht zerrei\u00dfe ich ihn auch. Oder lieber gleich?<br>Nein, er soll doch eine Erinnerung sein. Ich werde ihn an mich adressieren. Das ist aber auch\u2026<br>Jetzt habe ich das bereits Geschriebene noch einmal durchgelesen, und mir vorgestellt, wie dein Gesicht nach der Lekt\u00fcre dieses Ergusses wohl auss\u00e4he.<br>Ja, Prinz, du h\u00e4ttest recht: Ich bin aus dem Gleis. Wie eine Lokomotive, die verwundert und auch ein wenig sehns\u00fcchtig neben den altgewohnten Gleisen schnauft. Und du hast mich da herausgehoben. Ja, du, der du jetzt ahnungslos vor irgendeinem Schaufenster in der Stadt stehst. Soll ich dir kaufen, was dich in der Auslage so interessiert? Ich m\u00f6chte dir so gerne etwas schenken.<br>Prinz, eben habe ich aber einen Schreck bekommen. Am Ende bist du ein als M\u00e4rchenprinz verkleideter b\u00f6ser Zauberer, der unsichtbar jetzt hinter mir steht und liest, was ich f\u00fcr Zeug schreibe, und lacht, weil ich in seine Falle gegangen bin? Nein, nicht wahr, du bist keine Schnubilienmausfalle?<br>Oh, warum habe ich nicht Isoldens Rat befolgt und bin dir aus dem Weg gegangen? Nun bin ich dir verfallen (doch eine Falle?), und eines Tages wirst du mir immerduftende Rosen schenken, und ich werde weinen\u2026<br>Wenige Stunden meines Lebens war ich erst mit dir zusammen, vier harmlose Briefe habe ich von dir, &#8211; und mir ist schon, als w\u00e4re ich die Mutter deiner Kinder und lebte zwanzig Jahre ungetr\u00fcbtes Gl\u00fcck an deiner Seite. Werden wir Zebra-Kinder haben, halb M\u00e4rchen, halb hier?<br>Das sollte ein Scherz sein! Hast du es gemerkt? Ach so, du wirst ja diesen Brief nie bekommen. Oder doch? Dabei schl\u00e4gt mein Backfischherz so ernst. Ist das falsch?<\/p>\n\n\n\n<p>Ich wei\u00df nichts mehr. Nur dass ich dich<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">IX<\/p>\n\n\n\n<p>Lieber, um Mitleid flehender Schnubs!<\/p>\n\n\n\n<p>Leider kann ich heute nicht kommen, denn ich bin krank. Mich dr\u00fcckt es. Nicht der Schuh und nicht der Bauch, sondern das Gewissen. Mich k\u00f6nnen also weder Erden- noch M\u00e4rchen\u00e4rzte heilen und schon gar nicht deren fragw\u00fcrdige Medizin. Du kannst mich heilen. Und deshalb will ich jetzt zur Sache kommen.<br>Ich habe dich gestern bestohlen. Nein, lass die Hand vom Telefon: die Polizei brauchst du deshalb nicht zu behelligen. Ich habe dich um ein St\u00fcck Papier bestohlen, dessen Wert h\u00f6chstens dem eines halben Br\u00f6tchens gleichkommt. Willst du dich von einem schnauzb\u00e4rtigen Polizisten auslachen lassen?&nbsp; Nun: Im Hinblick auf die Tatsache, dass dieser Brief mal ein Ende haben muss, will ich dir nunmehr gestehen, dass ich dir den Brief gestohlen habe, den du mir nach unserem gestrigen Beisammensein geschrieben hast, und der seitdem in deiner Schreibtischschublade ruhte.<br>Soll ich mich verteidigen? Ich habe gestanden und bereue.<br>Ich habe dir etwas sehr Wertvolles gestohlen. So paradox es vom Diebesstandpunkt aus klingen mag: h\u00e4tte ich den hohen Wert des Gegenstandes gekannt, &#8211; ich h\u00e4tte ihn nicht gestohlen. Aber ich bin ja auch kein Dieb. Ich bin ein Tempelst\u00fcrmer. Ich bin in den Tempel eingedrungen, in den nur deine Hand mich h\u00e4tte geleiten d\u00fcrfen. Wie ein kleiner Junge, das inkarnierte schlechte Gewissen, wie weiland euer Adam, stehe ich da und frage dich: Willst du verzeihend meine Hand nehmen \u2013 und mich in dem Tempel begr\u00fc\u00dfen? Denn verlassen werde ich das Erst\u00fcrmte nicht so schnell ohne Gewaltanwendung.<br>Dein Brief ist so sch\u00f6n! Ich habe ihn nach dem ersten Lesen nicht etwa besch\u00e4mt, weil ich dein Herz so blo\u00dfgestellt sah, weggelegt, sondern habe ihn wieder und wieder gelesen. Wenn ich nachts aufwachte, machte ich Licht und las ihn. Zwischen drittem und viertem Marmeladebr\u00f6tchen beim Fr\u00fchst\u00fcck musste ich ihn lesen. Einige Stra\u00dfenben\u00fctzer (Radfahrer, M\u00fcllkutscher und andere) riefen mir Worte nach, die sehr im Gegensatz zum Inhalt deines Briefes standen, den ich auf der Stra\u00dfe las. Und im Kolleg habe ich ihn auswendig gelernt.<br>Dein Brief ist so gut und mein Gewissen so schlecht\u2026 Gib mir Gelegenheit zu beweisen, dass er den Brief reum\u00fctig auswendig kann, ihm<\/p>\n\n\n\n<p>Deinem Boni.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">X<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Boni, Lieber, Liebes!<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gebe dir Gelegenheit. Ich mag nicht, dass dir etwas gedr\u00fcckt wird. Komm zu mir. Ich hatte dir schon verziehen, als du gestern unter der Laterne dr\u00fcben den Brief lasest. Ich musste zwar ans klopfende Herz fassen, als ich dich da so viel von meinem klopfenden Herzen in der Hand halten sah. Aber es war geschehen und ich denke ja immer: was geschehen ist, ist gut.<br>Du musst prinzipiell mit allen Heimlichkeiten vorsichtig sein bis zur Laterne. Bis dahin schaue ich dir jedes Mal nach, wenn du von mir gehst, &#8211; dann verschwindest du im Dunkel, und ich kann dir mit den Augen nicht mehr folgen. Also, wenn du mich mal betr\u00fcgen willst, oder wenn du mein kleiner Sohn im noch rauchunzul\u00e4ssigen Alter w\u00e4rest: &#8211; betr\u00fcge mich hinter der Laterne, du m\u00fcsstest hinter der Laterne rauchen, im Dunkel\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Aber nun komm, liebe Suppe, zu<\/p>\n\n\n\n<p>Deinem Brocken,<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text alignwide has-media-on-the-right is-stacked-on-mobile\"><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">XI<\/p>\n\n\n\n<p>Ja?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\">der sich was einge b r o c kt  hat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">XII <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\">Ja!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\">Die  S u p p e  ausl\u00f6ffeln muss.<\/p>\n<\/div><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"981\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_21-1-981x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1790 size-full\" srcset=\"https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_21-1-981x1024.jpg 981w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_21-1-287x300.jpg 287w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_21-1-768x802.jpg 768w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_21-1-1471x1536.jpg 1471w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_21-1.jpg 1504w\" sizes=\"auto, (max-width: 981px) 100vw, 981px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-28f84493 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:100%\">\n<p><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-28f84493 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<p class=\"has-text-align-center\">XIII<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\">Bleibe bitte immer: meine liebe Schnubilienmaus!&nbsp;<br>Glaubst du wirklich, dass ich dir nach einem  so wortreichen Krach etwas besonders  Sch\u00f6nes schreiben kann? K\u00fcssen m\u00f6chte ich dich, wie du da wenige Meter von mir    entfernt an mich schreibst.<br>Aber eines k\u00f6nnte ich dir vielleicht bei <br>dieser Gelegenheit noch sagen. Wir wollen das n\u00e4chste Mal, kurz bevor unsere Stimmlage   das gew\u00f6hnliche Ma\u00df \u00fcberschreitet, bremsen und den Rest f\u00fcr sp\u00e4ter aufheben. Ich bin \u00fcberzeugt, dass man sich \u00fcber diesen Rest sp\u00e4ter in der gew\u00f6hnlichen Stimmlage viel leichter verst\u00e4ndigen kann.<br>Ich werde dir also beim n\u00e4chsten Mal nicht gereizt klarzumachen versuchen, dass es  genau so gekommen ist, weil du (folgt dein Vergehen), und du wirst mich bei anderer Gelegenheit nicht fragen, wie oft du mir <br>noch sagen sollst, dass ich (folgt meine Vergehen). Diese elefantenhaften Vergehen verwandeln sich n\u00e4mlich innerhalb weniger Minuten in M\u00fccken, die dann h\u00f6chstens <br>noch einige lustige Worte wert sind.<br>Das ist nun nichts besonders Sch\u00f6nes, was    ich dir da gesagt habe, nur ein guter Rat f\u00fcr uns von<br>deinem Bo-Su<br>(was nicht Bohnensuppe hei\u00dfen soll.)<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<p class=\"has-text-align-center\">XIV<\/p>\n\n\n\n<p>Mein letzten Ende ja doch \u00fcber alles Geliebter!<\/p>\n\n\n\n<p>Nun wollen wir sehen, ob dieses Mittel hilft, ob wir einander, nachdem manches harte Wort die harten K\u00f6pfe traf, Sch\u00f6nes in die Herzen schreibeleuchten k\u00f6nnen.<br>Wir wollen in Zukunft offener miteinander sein, Boni.<br>Wir wollen alles, was uns bewegt, frei aussprechen.&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; V o r &nbsp;dem gegenseitigen Qu\u00e4len. Dann haben wir mehr Kraft und auch Zeit f\u00fcr die gegenseitigen Liebesgest\u00e4ndnisse. Wenn du mich k\u00fcsst, oder wenn ich in deinen Augen die Sehnsucht lese, mein Leberfleckchen zu streicheln, da wei\u00df ich ganz genau, was du meinst.<br>Aber wenn du mich mal nicht k\u00fcsst, und jegliches Leberfleckchen unbeachtet l\u00e4sst, dann m\u00f6chte ich gern hinter deine Stirn schauen. Und dann m\u00f6chte ich dir helfen. Also sag mit immer alles: was dich begl\u00fcckt und was dich bedr\u00fcckt.<br>Besonders sch\u00f6n ist das ja nicht, was mir da eingefallen ist. Sieh darin meinetwegen Belehrungen, aber keinesfalls Vorw\u00fcrfe!<br>Die mach ich dir nicht, denn ich mag dich.<br>Und es liebt dich<br>Deine Schnu-Br<br>(was der Name einer schnurrenden Katze sein k\u00f6nnte.)<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-28f84493 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:100%\">\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-28f84493 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<p class=\"has-text-align-center\">XV<\/p>\n\n\n\n<p>Du Meine!<br>Ich glaube, das war ein bl\u00f6dsinniger, weil undurchf\u00fchrbarer Einfall von mir. Ich wei\u00df tats\u00e4chlich nicht, was ich dir vor lauter <br>Gl\u00fcck schreiben soll.<br>Schmeckt der Federhalter? M\u00e4rchenhartgummi!<br>Im Wald war es so sch\u00f6n. Ich kann nicht  sagen, wie sch\u00f6n. Wenn ich kein Prinz <br>w\u00e4re,   in dessen Heimat dieses Wort ohne Gewicht ist, w\u00fcrde ich sagen: <br>\u201cm\u00e4rchenhaft\u201d sch\u00f6n. Aber so\u2026  kann ich <br>nur sagen: mach Schluss und komm in die Arme eines<br>Schnubsanbeters.<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<p class=\"has-text-align-center\">XVI<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Du!<br>Das wird nichts! Aus dem Gl\u00fcck heraus kann man solche Gemeinschaftsbriefe nicht schreiben.<br>Du sollst doch nicht her\u00fcberschielen! Wirst du wegschauen. Ich schreiben das, wohl gemerkt,- sage es nicht, sonst schaust du am Ende wirklich weg. Prinz, du musst Deiner Augen gerecht werden.<br>Ich lasse mich doch nicht tyrannisieren. Ich mache jetzt Schluss, stehe auf und fange etwas anderes an!<br>Zur Kenntnis an Bonifaz von Suppe von<br>Schnubs von Schnubsonien.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">XVII<\/p>\n\n\n\n<p>Hochzuverehrende Schnubs von Schnubsonien!<br>Sehr geliebte Schnubilienmaus!<br>Mein Fratz!<\/p>\n\n\n\n<p>Wie siehst du aus, wenn du diesen Brief erh\u00e4ltst?&nbsp; Liegst du in der Badewanne? In mir siehst du ganz frisch und jung und lebendig und so so so sch\u00f6n aus.<br>Gestern ging ich zur Uni. Der Dekan der m\u00e4rchenwissenschaftlichen Fakult\u00e4t war sehr zufrieden mit meiner Arbeit. Ein Teil seiner Anerkennung gilt nat\u00fcrlich dir (das habe ich ihm allerdings nicht gesagt), denn allein in meinem Studentenst\u00fcbchen h\u00e4tte ich mit viel weniger Lust und Liebe gearbeitet. Er meinte, ich solle den Titel in \u2018Instruktive methodische Untersuchungen \u00fcber den Wahrheitsgehalt der in Erdenl\u00e4ndern kursierenden M\u00e4rchen, unter besonderer Ber\u00fccksichtigung der darin enthaltenen m\u00e4rchenl\u00e4ufigen Sitten und Gebr\u00e4uche\u2019 um\u00e4ndern. Ich finde diesen Titel ein wenig konventionell und akademisch. Er schlug mir \u00fcbrigens auch vor, die Arbeit, so wie sie ist, bereits als Dissertation f\u00fcr den Dr. m\u00e4r. vorzuschlagen.<br>Das will ich aber nicht. Und du wei\u00dft warum? Weil ich dann nicht weiter studieren br\u00e4uchte und \u2026 verstehst du? Ich m\u00f6chte doch zumindest noch ein Semester bei Euch, bei dir sein. Ich habe n\u00e4mlich Sehnsucht nach dir.<br>Ich m\u00f6chte noch immer wieder mit dir durch den Wald gehen wie damals. \u201cDamals\u201d schreibe ich, dabei ist es noch gar nicht lange her. Und mir scheint es schon so weit zur\u00fcckzuliegen, dass ich beinahe zweifle, ob ich deinen Mund im Dunklen noch auf Anhieb finden w\u00fcrde. Warum war es eigentlich im Wald so sch\u00f6n?<br>Zum Wochenende findet hier ein gro\u00dfes Parkfest mit Feenbeleuchtung und Elfenreigen statt. Alle heiratsf\u00e4higen T\u00f6chter aus den besten H\u00e4usern der weiteren Umgebung sind eingeladen. Meine Eltern rechnen mit einer Verlobung; sie wollen mich im dunklen Park beim kompromittierenden Schmusen mit einer solchen Tochter erwischen, und dann soll ich als Ehrenmann nicht mehr zur\u00fcck k\u00f6nnen. Aber ich werde an dich denken und anstatt schmusen husten, ihnen n\u00e4mlich was!<br>Kannst du dir so ein Fest vorstellen? Die sch\u00f6nsten Farben werden einfach in die Luft gemalt und leuchten die ganze Nacht hindurch, hier wechselnd, dort stetig. Ein Rauschen wird durch die B\u00e4ume gehen, und bald darauf werden die Elfen mit ganz feinen, goldenen Haaren in Blumenkleidern auf Seerosen tanzen. Und kannst du dir vorstellen, dass gegen Morgen als gr\u00f6\u00dfte \u00dcberraschung die Sterne pl\u00f6tzlich nicht mehr kunterbunt am Himmel stehen werden, sonder wohl geordnet und sich immer neu formierend zu immer sch\u00f6neren Bildern? Dazu Sph\u00e4renmusik. Diese \u00dcberraschung kostet meinen Vater viel Geld.<br>Oh, ich w\u00fcnschte, ein schlichtes Erdenm\u00e4dchen k\u00f6nnte diese Wunder mit mir sehen. Ich sage \u201cWunder\u201d. Merkst du, wie gel\u00e4ufig mir die Erdenterminologie geworden ist, mir, dem doch das Beschriebene durchaus wunderlos ist?<br>Doch davon und anderes(!) m\u00fcndlich(!). <br>Auf Wiedersehen, du Meines, dein<\/p>\n\n\n\n<p>M\u00e4rchenprinz<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">XVIII<\/p>\n\n\n\n<p>Sehr geehrter Herr M\u00e4rchenprinz!<\/p>\n\n\n\n<p>Nun ist auch Britte, die Tochter eines Nachbarn, in der Lage, in der Isolde und ich einst waren: Sie ist mit einem M\u00e4rchenprinz befreundet.<br>Sie bietet auch mir die Gelegenheit, nunmehr unseren ehemaligen Briefwechsel zu beenden, indem ich Ihren letzten Brief gewissenhaft beantworte.<br>Ich sah sehr gl\u00fccklich aus, als ich ihn erhielt und hatte ein rosa Band im Haar. Tut es weh, wenn ich daran erinnere? Ich lag nicht in der Badewanne, sondern dir noch im Herzen. Die Stellen aufzuz\u00e4hlen, wo \u00fcberall ich ihn gelesen habe, w\u00fcrde zu viel Raum beanspruchen. \u2013 Oh ja, ich verstand schon, warum du nicht gleich Dr. m\u00e4r. werden wolltest! Du wolltest&nbsp; z u m i n d e s t&nbsp; noch ein Semester bei uns, \u2013 bei mir sein. Nun hast du wohl doch schon promoviert. Ich gratuliere nachtr\u00e4glich! \u2013 Ich wei\u00df auch nicht, warum unser Waldspaziergang so sch\u00f6n war. Vielleicht, weil\u2026 Ich wei\u00df nicht. \u2013 Ich kann mir ein solches Fest vorstellen. Du warst es, der des \u00f6fteren von meiner reichhaltigen Phantasieschublade sprach. Der kunterbunte Sternenhimmel ist mir ganz lieb. Ich glaube, in geometrischen Formen w\u00e4re er mir zu m\u00e4rchenhaft. Ich bin skeptisch gegen\u00fcber allem M\u00e4rchenhaften geworden.<br>Vielen Dank noch f\u00fcr die wundersch\u00f6nen Rosen. Sie duften noch immer, aber die Tr\u00e4nen darauf sind lange getrocknet.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun sei gegr\u00fc\u00dft von<\/p>\n\n\n\n<p>Schnubilienmaus M\u00fcller.<\/p>\n\n\n\n<p>P.S. Mein Mann versucht vergeblich hinter das Geheimnis des ewigen Duftes zu kommen. Er will unsere Tochter Herta deswegen Botanik studieren lassen. Aber ich finde, das hie\u00dfe doch, etwas zu viel Aufhebens von der Sache machen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">***<\/p>\n\n\n\n<p>M\u00e4rchen f\u00fcr den Montag &#8211; <a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=1624\">Wie einer auszog, das Gute und Sch\u00f6ne zu suchen<\/a><br>&#8230; f\u00fcr den Dienstag &#8211; <a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=1627\">M\u00e4rchen in der M\u00fcllerstra\u00dfe<\/a><br>&#8230; f\u00fcr den Mittwoch &#8211; <a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=1630\">Prinz, Prinzessin und B\u00e4r<\/a><br>&#8230; f\u00fcr den Donnerstag &#8211; <a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=1632\">Philosophie einer Liebe<\/a><br>.<br>&#8230; f\u00fcr den Sonnabend &#8211; <a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=1636\">Der B\u00e4r kann auch gut sein<\/a><br>&#8230; f\u00fcr den Sonntag &#8211; <a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=1638\">Aus dem Tagebuch eines Schutzengels<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>*** Wie M\u00e4rchenbriefe gewechselt werden *** Liebe Zweisamkeit! 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