{"id":1636,"date":"2023-05-24T06:17:13","date_gmt":"2023-05-24T06:17:13","guid":{"rendered":"https:\/\/peterpodehl.com\/?page_id=1636"},"modified":"2026-02-19T11:47:56","modified_gmt":"2026-02-19T11:47:56","slug":"marchen-fur-den-sonnabend","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/webaid.it\/?page_id=1636","title":{"rendered":"M\u00e4rchen f\u00fcr den Sonnabend &#8211; Der B\u00e4r kann auch gut sein"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-text-align-center\">***<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-medium-font-size\"><strong>Der B\u00e4r kann auch gut sein<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">***<\/p>\n\n\n\n<p>Liebes Liebespaar!<\/p>\n\n\n\n<p>Hoffentlich werft Ihr mir nun nicht vor, dass ich fast die ganze Woche von Prinzen erz\u00e4hlt und mit naiven M\u00e4rchenfarben gemalt habe, und dass ich auf die uns alle so bewegende Frage \u201cwas tun?\u201d die Antwort schuldig blieb. Ich habe n\u00e4mlich geantwortet. Ich habe auf meine Art gesagt: \u201cLieben! Was sonst?\u201d<br>Gestern kam der B\u00e4r ziemlich aufgeregt zu mir. Er hatte durch irgendeine Indiskretion vom Mittwochm\u00e4rchen Kenntnis erhalten. Er gab zu, den Prinzen aus dem Boot genommen zu haben, das sei seine B\u00e4rennatur gewesen, gegen die er nichts tun k\u00f6nne. Man m\u00fcsse jedoch gerecht sein und bedenken, dass er doch auch sehr viel Gutes stiften k\u00f6nne.<br>Im Laufe der Unterhaltung kam er auf seine Zukunftspl\u00e4ne zu sprechen. Und die gefielen mir so gut, dass ich mich entschloss, um sie herum das Sonnabendm\u00e4rchen zu schreiben. Das wird sich also in dieser b\u00e4renbeeinflussten Zukunft zutragen. Der Anfang machte mir allerdings Schwierigkeiten. Ich konnte doch nicht schreiben: \u201cEs war einmal in Zukunft\u2026\u201d Nun, Ihr werdet sehen, mit welcher kleinen Wendung ich die L\u00f6sung dieses kleinen Problems versucht habe. F\u00fcr den Fortgang benutze ich einfach das Pr\u00e4sens, als gesch\u00e4he dieses Zukunftsm\u00e4rchen in unserer Gegenwart.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist ein trostreiches M\u00e4rchen: Kein Liebespaar soll den Mut sinken lassen, wenn es vom B\u00e4ren bedr\u00e4ngt wird, denn<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><strong>DER B\u00c4R KANN AUCH GUT SEIN<\/strong><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image aligncenter size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"886\" src=\"https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_22-1024x886.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1672\" srcset=\"https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_22-1024x886.jpg 1024w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_22-300x260.jpg 300w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_22-768x665.jpg 768w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_22-1536x1329.jpg 1536w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_22.jpg 1798w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Es w\u00e4re einmal sch\u00f6n, wenn die Au\u00dfenminister im heute gel\u00e4ufigen Sinne \u00fcberfl\u00fcssig w\u00fcrden, weil es zwar verschiedene Sprachen und Gebr\u00e4uche, auch etwa Nationalspeisen gibt, ansonsten aber die Grenzen offen sind, weil Frieden herrscht und weder &nbsp;Nach- noch Vor-, noch Zwischenkrieg. Dann w\u00fcrde das Au\u00dfenministerium all die Gesch\u00e4fte behandeln, die au\u00dferhalb des Menschen liegen. Und Innenminister f\u00fcr Herzensangelegenheiten. Das w\u00e4re einmal sch\u00f6n.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Minister des Herzens sorgt f\u00fcr die Verbreitung von Liebe und G\u00fcte im Lande. Daf\u00fcr kann n\u00e4mlich sehr viel getan werden. Er f\u00f6rdert die guten Ideen, die liebevollen Taten. Er hat viel Einfluss auf das Erziehungswesen, besch\u00e4ftigt sich zuweilen mit der Kunst, zuweilen mit der T\u00e4tigkeit der \u00c4rzte und nicht zuletzt beh\u00fctet er den Ton an Schaltern und bei Beh\u00f6rden. Seine Gro\u00dfabteilung jedoch hei\u00dft \u2018Ehe und Familie\u2019, als den sichtbarsten gesellschaftlichen Einrichtungen, die auf Liebe und G\u00fcte gegr\u00fcndet sind und davon leben.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber die Ministern herrscht das K\u00f6nigspaar Raimund und Juliane. Des K\u00f6nigs Haare beginnen schon grau zu werden, und ihre Haut ist nicht mehr faltenlos, wie die eines jungen M\u00e4dchens, denn die Wahl, aus der sie als gr\u00f6\u00dftliebendes Paar des Landes, als K\u00f6nigin und K\u00f6nig hervorgingen, liegt weit zur\u00fcck. Die Erinnerung an die Kr\u00f6nungsfeierlichkeiten verblasst schon langsam.<br>Was nicht verblasst, sind die Worte, mit denen sie damals ihre Regierung antraten, denn es waren Worte, denen die Taten im Geiste dieser Worte stets folgten. So hatte das Volk seine Wahl nie bereuen m\u00fcssen.<br>Wochenlang hatte der Wahlkampf gedauert. In unz\u00e4hligen Versammlungen, auf Plakaten und in Brosch\u00fcren hatten die K\u00f6nigspaarkandidaten gelobt, die sch\u00f6nste und beste Ehe des Landes f\u00fchren zu wollen.&nbsp; Das Volk hatte Raimund und Juliane gew\u00e4hlt, weil aus ihren Worten neben gro\u00dfer Liebe \u2013 oder besser: in gro\u00dfe Liebe gebettet, auch Weisheit und Erfahrung, guter Wille und kluger Glaube sprachen. Das Volk wollte auf dem Thron kein nur verliebtes Taubenpaar, sondern ein Ehepaar, das von der hohen Warte der Liebe in eine reale Welt hineinschaute und \u2013handelte.<\/p>\n\n\n\n<p>Und die gr\u00f6\u00dften Liebenden erwiesen sich auch wirklich als die flei\u00dfigsten und besten Landeseltern. In einem kleinen Schloss \u2013 eher eine gro\u00dfe Wohnung zu nennen \u2013 haben sie ein gemeinsames Arbeitszimmer. An ihren beiden Schreibtischen regiert die Liebe. Das hat zu etwas merkw\u00fcrdig anmutenden Arbeitsmethoden gef\u00fchrt.<br>Kommt etwa ein Schreiben, in dem es sich um Rasierseife handelt, so schreibt der K\u00f6nig darauf: \u201cZust\u00e4ndigkeitshalber der K\u00f6nigin weitergereicht.\u201d Umgekehrt geschieht es, wenn es sich etwa um Hausfrauenangelegenheiten handelt.<br>Ja, tats\u00e4chlich: Er ist f\u00fcr N\u00e4hgarn, sie f\u00fcr Zigarren zust\u00e4ndig. Das kommt, weil die K\u00f6nigin mit des K\u00f6nigs Gehirn f\u00fchlt, und er mit ihrem Herzen denkt. Das ist eine vollkommen unkompliziert sich einstellende Erfahrung, wenn man mit Liebe regiert. Die Frau wei\u00df um den Genuss einer glatt rasierten M\u00e4nnerwange; und er wei\u00df, wie schlecht das Essen schmeckt, wenn etwa die Produktion von Kocht\u00f6pfen Schwierigkeiten macht. <\/p>\n\n\n\n<p>Es hat sich erwiesen, dass man \u00fcber Dinge, die einem nicht so pers\u00f6nlich direkt nahe gehen, viel gerechter, sachlicher und unvoreingenommener urteilen kann. Ein gro\u00dfer Lohnstreit, in dem sich einige M\u00e4nner wegen recht pers\u00f6nlicher Machtanspr\u00fcche kr\u00e4merhaft und biertischpolitisch herumzankten, und bei dem der K\u00f6nig ziemlich hilflos zuschaute, wurde von der K\u00f6nigin mit gesundem Menschenverstand auf eine sachliche Basis zur\u00fcckgef\u00fchrt und schlie\u00dflich geschlichtet.&nbsp; Als sich dagegen einmal einige g\u00e4nsige Blaustr\u00fcmpfe nach ihrer Meinung aktiv, in Wirklichkeit dumm und st\u00fcmpernd in die Politik einmischen wollten, und die K\u00f6nigin, ein wenig befangen, fast ihre Partei ergriff, da war es der K\u00f6nig, der diesen Unsinn in die Schranken ungef\u00e4hrlicher Kaffeekr\u00e4nzchen zur\u00fcckwies.<br>So arbeiten, leben und lieben Mann und Frau unter der Regierung von Raimund und Juliane miteinander und f\u00fcreinander.<\/p>\n\n\n\n<p>Der B\u00e4r ist auf dem Weg zu Raimund und Juliane.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie haben n\u00e4mlich beide den Tag \u00fcber schwer gearbeitet. Aber anstatt ruhen zu k\u00f6nnen, m\u00fcssen sie gerade heute Gastgeber eines gro\u00dfen Festes sein. Nerven haben sie auch und so kommt es beim Umkleiden zu einem winzigkleinen Streit, wie er eben auch in der gl\u00fccklichsten Ehe zuweilen aufkommt. Normalerweise nimmt davon das Gl\u00fcck einer Ehe gar keine Notiz. L\u00e4cherlich, kaum ein Streit zu nennen, nach wenigen Minuten vergessen. Ein kleiner \u00c4rger noch in Raimund, als ihn die K\u00f6nigin, die Klinke schon in der Hand noch einmal anblitzt, um dann mit strahlendem, wenn auch zun\u00e4chst noch etwas aufgesetztem L\u00e4cheln den Festsaal zu betreten.<br>Das h\u00e4tte sie vielleicht nicht tun sollen, denn eine fast sch\u00f6ne Frau tritt kurz darauf mit einer Frage \u00fcber ein Bittgesuch zum K\u00f6nig. Sie l\u00e4chelt, knixt, schl\u00e4gt die Augen auf und nieder und spricht mit gro\u00dfen, roten Lippen unterw\u00fcrfige, belanglose Worte. Der K\u00f6nig, seiner Liebe zu Juliane in diesem Augenblick, \u2013 verzeihlicherweise oder nicht nach dem Vorgefallenen \u2013 nicht ganz so eingedenk, wie notwendig w\u00e4re, l\u00e4sst sich gefangen nehmen von der Art und Weise dieser Frau, \u00fcber die er bei vollem Verstand und&nbsp; voller Liebe seine klare, wenig ins Gewicht fallende Meinung gehabt h\u00e4tte. Es geschieht nichts und doch, bei der Bedeutung, die die Liebe bei diesen Landeseltern hat, sehr viel.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Fest sind sie nat\u00fcrlich so m\u00fcde, dass es zu einer notwendigen, entscheidenden Auseinandersetzung nicht kommt. Sie erwachen unerl\u00f6st, und es ist unausbleiblich, dass die fast sch\u00f6ne Frau mit aller Unerl\u00f6stheit noch einmal erw\u00e4hnt wird.<br>\u201cWir wollen nicht mehr dar\u00fcber sprechen!\u201d sagt die K\u00f6nigin schlie\u00dflich in einem Ton, als sei noch sehr viel dar\u00fcber zu sagen.<br>Nachdem Raimund die etwas m\u00fc\u00dfige Feststellung gemacht hat, dass die fast sch\u00f6ne Frau so viel Worte gar nicht wert sei, m\u00fcssen sie an die Arbeit gehen. Es tut der Arbeit gar nicht gut, dass sie sich nicht ausgesprochen und gekl\u00e4rt haben. Sie schaffen nichts, und Juliane ist fast froh, als die K\u00f6chin sie holt, weil etwas angebrannt ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Gerade in diesem Augenblick kommt die fast sch\u00f6ne Frau zur Audienz. Obgleich ihr Anliegen die K\u00f6nigin angeht, fertigt der K\u00f6nig sie ab. Sie \u00fcberreicht l\u00e4chelnd das Bittgesuch und sagt niedergeschlagenen Auges, dass es nur einer k\u00f6niglichen Bef\u00fcrwortung bedarf, um im Innenministerium g\u00fcnstig entschieden zu werden. Der K\u00f6nig will die Frau schnell loswerden. Er schaut weder sie noch das Schriftst\u00fcck an, schreibt auf das letztere: \u201cDem Innenministerium mit der Bitte um rascheste Erledigung\u201d und verabschiedet die fast sch\u00f6ne Frau mit konventionell trostreichen Worten.<br>Das Schriftst\u00fcck macht den Innenminister, der durch das ungew\u00f6hnlich sp\u00e4te Eintreffen der K\u00f6nigspost und wegen der ihm amtsgem\u00e4\u00df nicht verborgen gebliebenen Festsaalaffaire vom Vorabend ohnehin schon etwas nerv\u00f6s ist, sehr stutzig. In dem Bittgesuch handelt es sich um eine Angelegenheit (Verzwergung eines Faschisten), die die K\u00f6nigin zu behandeln hat. Ordnungsgem\u00e4\u00df, wenn auch ziemlich aufgeregt wird das Schriftst\u00fcck dem K\u00f6nigshaus \u201cMit der Bitte um Abzeichnung durch die K\u00f6nigin\u201d zur\u00fcckgereicht.<br>Die K\u00f6nigin erh\u00e4lt das Schreiben, liest die Randbemerkung des Gemahls, stutzt, \u00fcberlegt, spekuliert, ist aufgeregt, f\u00fchlt sich \u00fcber- und hintergangen und kommt zu keinem Schluss. Schlie\u00dflich wirft sie es in den Papierkorb, nicht etwa, weil es sein Inhalt sachlich erfordert \u2013 auch sie hat ihn gar nicht zur Kenntnis genommen -, sondern weil es von der fast sch\u00f6nen Frau stammt. Das emp\u00f6rt den K\u00f6nig. Er holt es wieder hervor und f\u00fcgt der Unsachlichkeit seiner Gemahlin die eigene hinzu.&nbsp; Wiederum ohne es zu lesen schreibt er drauf: \u201cDem Innenministerium ohne Abzeichnung mit der Bitte um ausnahmsweise Erledigung ohne Abzeichnung der K\u00f6nigin.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>In dieser Minute tut das Herz fast jedes Untertanen einen Schlag mehr.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber der B\u00e4r ist ja auf dem Wege.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch im Innenministerium kann man nat\u00fcrlich einige Herzschl\u00e4ge mehr z\u00e4hlen, als das Gesuch mit er neuen Randbemerkung des K\u00f6nigs eintrifft. Der Innenminister l\u00e4sst es zun\u00e4chst dem beeidigten Graphologen vorlegen, der es mit \u201chochgradige, jedoch unseri\u00f6se Verwirrung des k\u00f6niglichen Randbemerkungenverfassers\u201d zur\u00fcckschickt. Nach einigem Kampf entschlie\u00dft sich der Innenminister, seiner Gro\u00dfabteilung einen Einbruch in die Ehe seiner Vorgesetzten zu melden: \u201cMit der Bitte um weitere Veranlassung. Graphologisches Gutachten anbei.\u201d Der Inhalt des Schreibens ist weiterhin vollkommen uninteressant, umso mehr werden die Randbemerkungen studiert, Gro\u00dfabteilung, Innenministerium, ja das ganze Volk werden immer aufgeregter.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn der Fluss des Landes, dessen breites Bett die Hauptstadt durchzieht, und mit dessen Wasser die M\u00fchlen des Fortschritts, des Rechts und des Bestandes und viele Unterm\u00fchlen betrieben werden, droht zu versiegen. Und es scheint keinesfalls abwegig, das Versiegen des Flusses mit dem Einbruch in die Ehe der Landeseltern in Verbindung zu bringen.<br>Wohl flie\u00dft dieser Fluss nie regelm\u00e4\u00dfig, und eine weit verzweigte, komplizierte Organisation, die viele Menschen besch\u00e4ftigt, sorgt daf\u00fcr, dass immer so viel Wasser da ist, als verlangt wird. Schon manchmal ist die komplizierte Organisation bem\u00e4ngelt worden, aber noch fand sich keine M\u00f6glichkeit, sie vorteilhafter zu ersetzen oder auch nur zu vereinfachen. Sie ist jetzt in fieberhafter T\u00e4tigkeit, die jedoch nutzlos ist, denn der Fluss f\u00fchrt von Tag zu Tag weniger Wasser, und alle T\u00e4tigkeit kann nicht hindern, dass die Reserven langsam zur Neige gehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Nachrichten \u00fcber das Versiegen des Flusses erregen Raimund und Juliane. Sie entscheiden oft \u00fcberst\u00fcrzt, werden mehr als einmal am Tage um l\u00e4ppische Kompetenzfragen heftig zu einander, ohne Zeit zur Vers\u00f6hnung zu finden oder sich zu nehmen. Es ist eine traurige Wahrheit, dass der K\u00f6nig manchmal an die fast sch\u00f6ne Frau denkt, wenn alles verquer geht und die Ungl\u00fccksnachrichten sich h\u00e4ufen. Das Volk sp\u00fcrt die Unruhe im kleinen Schloss, denn es wird ja nicht nur von der Tinte des Herrscherhauses regiert, sondern viel mehr von dessen Liebe.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn er B\u00e4r nicht auf dem Wege w\u00e4re\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Endlich wird der allerh\u00f6chste Gerichtshof einberufen. Und nach langer, schwerwiegender Verhandlung, in der der K\u00f6nig selbst um die volle notwendige Strafe bittet, werden das Herrscherpaar und die fast sch\u00f6ne Frau in die H\u00f6hle vor der Stadt verbannt. Ein Fall, der noch nie dagewesen ist. Sehr schwer wird es den Richtern, dieses Urteil dem K\u00f6nig und seiner K\u00f6nigin zu verk\u00fcnden. Es zeigt sich leider bald, dass das vollzogene Urteil keineswegs zur Besserung der Zust\u00e4nde im Lande f\u00fchrt. Das Volk bleibt unruhig, unausgef\u00fcllt, wie das Flussbett. Die regierenden Kreise sind ratlos. Nach wenigen Tagen schon wird die Wahl eines neuen K\u00f6nigspaares oder die Aufhebung der Verbannung erwogen. Es ist eine ungl\u00fcckliche Zeit.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-28f84493 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:100%\">\n<div class=\"wp-block-media-text alignwide is-stacked-on-mobile\" style=\"grid-template-columns:60% auto\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1001\" height=\"2560\" src=\"https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/MaBu_24-scaled.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1925 size-full\" srcset=\"https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/MaBu_24-scaled.jpg 1001w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/MaBu_24-117x300.jpg 117w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/MaBu_24-400x1024.jpg 400w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/MaBu_24-768x1965.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1001px) 100vw, 1001px\" \/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p><\/p>\n<\/div><\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:100%\">\n<p>Da trifft der B\u00e4r auf seinem Weg zur Stadt auf einen Zwerg, der gestikulierend heruml\u00e4uft und verzweifelte Anstrengungen macht, um im Fluss zu baden. Bei n\u00e4herem Zusehen bemerkt der B\u00e4r, dass er zu den wilden Gestikulationen&nbsp; auch den Mund noch so gewichtig bewegt, als verk\u00fcnde er h\u00f6chst Bedeutsames; doch auch sein Organ ist zwergenhaft und der B\u00e4r versteht kein Wort. Der Fluss zeigt eine ausgesprochene Abneigung gegen das Bad des Zwerges. Sobald auch nur die kinderkleine Zehe das Wasser ber\u00fchrt, zuckt er zur\u00fcck wie ein empfindlicher Nerv. Und je mehr der Zwerg listig, w\u00fctend oder ruhig nachdringt, umso mehr verengt sich der Fluss bis zu einem kleinen Rinnsal, in dem selbst Zwerge nicht baden k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n<p><!-- \/wp:post-content --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>Der B\u00e4r tippt dem Zwerg auf die Schulter. Der dreht sich um und bekommt zun\u00e4chst einen furchtbaren Schreck vor der riesigen, vor ihm aufragenden Br\u00e4une seines Gegen\u00fcbers. Als er jedoch nach einigen abtastenden Blicken einen B\u00e4ren erkennt, f\u00e4ngt er wieder an zu reden und wilde Gestikulationen auszuf\u00fchren. Erst deutet er auf den Fluss, dann weist er nach hinten, in die Richtung der Stadt, schlie\u00dflich ballt er das F\u00e4ustchen und hebt es gegen den Himmel, von dem er als Zwerg ja verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig weit entfernt ist. Dann beginnen die Gestikulationen von neuem in etwa der gleichen Reihenfolge.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich hebt der B\u00e4r den Zwerg in sein Ohr. Der \u00fcberzeugt sich nach kurzer Verdutzung durch einige waghalsige Klettereien, dass er sich im H\u00f6rorgan des B\u00e4ren befindet und beginnt seine Rede nochmals, ohne auf die Gestikulationen zu verzichten. Manchmal st\u00f6\u00dft er dabei an H\u00f6rorganteile des B\u00e4ren und entschuldigt sich, doch der B\u00e4r sp\u00fcrt das gar nicht.<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>\u201cDer Fluss!\u201d sagt der Zwerg. \u201cWenn ich in dem bade, dann wird alles gut, dann werde ich wieder gro\u00df, und Die k\u00f6nnen was erleben. Aber der weicht immer zur\u00fcck, als wollte er mich nicht. Haben mich verzwergt, weil sie meinten, ich sein ein Faschist. Verzwergung ist das \u00fcbliche Urteil in der Stadt gegen faschistische Umtriebe. Aber Irrtum! Ich werde es ihnen beweisen, sobald ich im Fluss war. Da leben \u00fcberhaupt lauter inkarnierte Irrt\u00fcmer in der Stadt. Sie meinen wunder wie weise zu sein, in Wirklichkeit lieben sie nur. L\u00e4cherlich, kann jeder. Oh, entschuldigen Sie, ich hoffe, ich habe Ihrem H\u00f6rkanal nicht wirklich wehgetan. Dabei muss ich Ihnen so dankbar sein, dass Sie mir Ihr Ohr leihen, dass ich darin sogar stehen und erz\u00e4hlen kann.<br \/>\u201cWas wollte ich sagen? Ach ja, meine Frau. Sch\u00f6n, wissen Sie, aber sie liebt mich nicht. Wollte nie das, was ich wollte. Nat\u00fcrlich wollte ich viel, aber das ist doch Menschenart, viel zu wollen. Mein Hauptanliegen war, die Welt dadurch in Ordnung zu bringen, dass ich die Meere mit den Bergen f\u00fcllte, damit es endlich mal glatt wird auf unserem Planeten. Ist doch auch notwendig, nicht? Sehr vern\u00fcnftiger Plan, nicht? Und von meiner Frau nicht die geringste Unterst\u00fctzung in diesem Punkt. Man h\u00e4tte doch probieren k\u00f6nnen! Es wird \u00fcberhaupt viel zu wenig probiert in dieser Stadt, immer \u00fcberlegt und aus Liebe gehandelt. Ist ja sehr sch\u00f6n, aber \u2026 Und gar kein Verst\u00e4ndnis bei meiner Frau. Mal l\u00e4chelt sie, mal h\u00f6rt sie nicht zu, mal schimpft sie. Oh Verzeihung, Ihr oberster Ohrmuschelgang rechts.<br \/>\u201cNa also! Wieso bin ich ein Faschist? Wenn meine Frau\u2026 Das ist doch Unsinn! Blo\u00df weil ich mal, weil meine Frau mich ge\u00e4rgert hatte, von Gewaltanwendung gesprochen hatte, bin ich doch kein Faschist!\u00a0 Und da verzwergen sie mich. Bin doch nur arm, weil meine Frau mich ge\u00e4rgert hat! Zweimal war ich im Entfaschistisierungsunterricht. Da k\u00f6nnen die Verzwergten hingehen, und wenn sie richtige Faschisten waren, dann wachsen sie an dem Unterricht und werden wieder Menschen. Aber ich habe da nichts verloren.\u201d<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>Der B\u00e4r nimmt den kleinen Mann aus dem Ohr und wirft ihn in hohem Bogen in den Fluss. In normaler Gr\u00f6\u00dfe, den Schlips sich richtend kommt er wieder heraus.<br \/>\u201cNa also.\u201d sagt er. \u201cWas nun? Hat m\u00e4chtig wehgetan, das Aufprallen auf dem Wasser. Aber um wieder Mensch zu werden, nimmt man ja vieles in Kauf.\u201d<br \/>Der B\u00e4r nimmt ihn an der Hand, und sie wandern in die Stadt. Dort ist man sehr gl\u00fccklich, denn seit kurzer Zeit schwillt der Fluss wieder an. Untergangsstimmung und Ratlosigkeit verschwinden zusehends.<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>Da begegnen die beiden dem Richter, der den Mann seinerzeit auf Grund des Gesetzes verzwergt hat. Sie erkennen einander wieder und der Richter wird argw\u00f6hnisch, denn er wei\u00df, dass der Mann nicht im Unterricht ordnungsgem\u00e4\u00df gewachsen und entfaschtifiziert ist. Er beginnt zu fragen. Der B\u00e4r beachtet ihn gar nicht, bleibt nicht einmal stehen, und der ehemalige Zwerg, der an seiner Seite wie ein Sohn oder Schuljunge daher geht, antwortet so gut er kann. Aber dem Richter scheinen die Antworten wenig glaubw\u00fcrdig.<br \/>\u201cSie wollen mir wohl einen B\u00e4ren aufbinden!?\u201d sagt er, beeilt sich aber hinzuzuf\u00fcgen: \u201cNat\u00fcrlich bildlich gesprochen.\u201d<br \/>B\u00e4r und Mann ignorieren ihn.<br \/>\u201cDa k\u00f6nnte ja jeder mit einem B\u00e4r daherkommen!\u201d ruft der Richter schlie\u00dflich hinter ihnen her.<br \/>Da dreht der B\u00e4r sich um und schaut den Richter an, unangenehm, abwartend, herausfordernd und ruhig zugleich. Selbst wenn er sprechen k\u00f6nnte, w\u00fcrde man wohl nur ein leises \u201cNa!\u201d vernehmen.<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>Der Richter entflieht auf diesen Blick hin ins Amt.<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>B\u00e4r und Mann gehen weiter. Der B\u00e4r hat etwas sehr Zielstrebiges in Gang und Gebaren. Sie kommen zur Verbannungsh\u00f6hle. Dort tritt ihnen die Wache entgegen. Der B\u00e4r gebietet dem Mann zu warten, dann b\u00fcckt er sich, als h\u00e4tte er ein Feuerzeug verloren, und zieht an den Beinen der Wache, wie man etwa Register beim Orgelspielen zieht. Die W\u00e4chter fallen um, und der B\u00e4r geht in die H\u00f6hle.<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>Darin sitzen auf der einen Seite Raimund und Juliane. Sie halten einander die H\u00e4nde. Die Gesichter sind eingefallen, die Augen traurig. Auf der anderen Seite der H\u00f6hle sitzt die fast sch\u00f6ne Frau. Sie wird unter dem Blick des B\u00e4ren, der stetig auf ihr ruht, unruhig. Schlie\u00dflich beginnt sie zu sprechen:<br \/>\u201cKann man denn mit Ihnen \u00fcberhaupt sprechen? Sie verstehen mich doch sicher gar nicht. Aber das war furchtbar. Nicht ein Wort habe ich gesprochen, seit ich hier bin. Ja, furchtbar, &#8211; vielleicht aber auch ganz heilsam. Ich war ja so verlassen, nicht? Ich wollte meinen Mann wiederhaben. Da bin ich zum K\u00f6nig gegangen. Es war gar nichts. Trotzdem musste ich in die H\u00f6hle. Die K\u00f6nigsleute haben nur miteinander gesprochen; sch\u00f6n, &#8211; aber nicht f\u00fcr mich. Ich habe mich bem\u00fcht, nicht hinzuh\u00f6ren, aber das war in der engen H\u00f6hle nicht immer m\u00f6glich. So habe ich auch manches Traurige geh\u00f6rt. Ach, mein Mann\u2026 Der hat in drei Jahren nicht so viel Wertvolles gesagt, wie Raimund in drei Minuten. Ich verstehe auch nicht, &#8211; ich bin doch fast sch\u00f6n, aber der K\u00f6nig\u2026 Und mein Mann war blo\u00df immer wild und energiegeladen, wollte die Meere mit den Bergen f\u00fcllen! Das ist doch nichts f\u00fcr eine Frau. Das k\u00f6nnen Sie sich doch denken, nicht? Ach so, entschuldigen Sie, ich rede mit Ihnen wie mit einem Menschen. Aber vielleicht ist eine B\u00e4renehe unter solchen Voraussetzungen auch nicht m\u00f6glich.\u201d<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>Der B\u00e4r h\u00f6rt ruhig zu und scheint zu \u00fcberlegen. Da beginnt die Frau nochmals:<br \/>\u201cIch w\u00fcrde es mit meinem Mann wieder versuchen, obgleich ich wenig Hoffnung habe. Irgendwie muss ich aber doch wieder raus aus der H\u00f6hle.\u201d<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>Da nimmt der B\u00e4r sie an der Hand und f\u00fchrt sie zu ihrem Mann. Aus geringer Entfernung beobachtet er das Wiedersehen der Eheleute. Einen kurzen Augenblick freuen sie sich sehr. Die Augen strahlen und die H\u00e4nde fliegen ineinander.\u00a0 Dann lassen sie die H\u00e4nde sinken, als h\u00e4tten sie im Auge des anderen Argwohn und Zweifel entdeckt, etwas Misstrauen. Sie gehen zur Stadt. Der B\u00e4r folgt ihnen und belauscht, was sie einander nach so langer Trennung zu sagen haben.<br \/>\u201cWas hast du denn hier gemacht?\u201d fragt er.<br \/>\u201cIch war verbannt. Ich \u00fcberreichte dem K\u00f6nig ein Bittgesuch, dass sie dich entzwergen sollten und -\u201d<br \/>\u201cMich?\u201d sagt der Mann. \u201cIch brauche kein Bittgesuch! Ich mache alles allein. Du sollst wegen mir nichts unternehmen! Mich erst fragen!\u201d<br \/>\u201cAber ich war doch so einsam!\u201d sagt sie. \u201cUnd ich konnte dich doch nicht fragen.\u201d<br \/>\u201cWie soll es denn nun weiter gehen?\u201d fragt er.<br \/>\u201cDas wei\u00df ich nicht. Vielleicht\u2026 Oder sollten wir uns scheiden lassen? Eine schwierige Frage.\u201d<br \/>\u201cDu,\u201d sagt er pl\u00f6tzlich mit leuchtenden Augen \u201cich habe einen gro\u00dfartigen Plan. Nicht mal verr\u00fcckt. Ein gro\u00dfes Flussregulierungswerk. Dann w\u00fcrde das Flusswasser immer regelm\u00e4\u00dfig flie\u00dfen.\u201d<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>Da dreht sich der B\u00e4r mit zufriedenem Gesicht um und l\u00e4sst das Paar allein. Er geht zu den verbannten Landeseltern zur\u00fcck. Die Wachen treten scheu beiseite \u2013 einige reiben sich das Kreuz \u2013 und lassen ihn ungehindert in die H\u00f6hle. Dort setzt er sich auf einen Stein, dem K\u00f6nigspaar gegen\u00fcber.<br \/>\u201cTja\u2026\u201d scheint er auffordernd zu sagen.<br \/>\u201cB\u00e4r!\u201d sagt der K\u00f6nig. \u201cWir sehen uns wie Bettler und Bettlerin, nicht? Wir waren \u2013 es ist gar nicht so lange her \u2013 K\u00f6nig und K\u00f6nigin. Wir f\u00fchrten die beste Ehe, wir liebten die sch\u00f6nste Liebe, und wir s\u00fcndigten die gr\u00f6\u00dfte S\u00fcnde.\u201d<br \/>\u201cWir gingen\u201d f\u00e4hrt die K\u00f6nigin fort \u201cdem grausamsten Verbrecher ins Netz, Zufall mit Namen, und der dankte uns mit b\u00f6sen Verwicklungen, Gram und Not. Nun sind wir Bettler geworden, und unsere Liebe vermag nichts, als sich selbst zu geh\u00f6ren. Betteln und finden kein Geh\u00f6r.\u201d<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>Es ist ein Fr\u00fchlingsmittag und viele Menschen aus der Stadt, die vom Erscheinen der B\u00e4ren geh\u00f6rt oder sein Kommen geahnt haben, sind zur H\u00f6hle gewandert. Sie tragen Kr\u00fcge und Flusswasser mit Blumen und auf den Gesichtern steht l\u00e4chelnde Erwartung.<br \/>Ihnen gegen\u00fcber erscheint nun im H\u00f6hlentor das K\u00f6nigspaar, so l\u00e4chelnd wie nie zuvor. Hinter ihnen steht der B\u00e4r, legt ihnen die Tatzen auf die Schultern und schiebt sie sanft vor. Mit z\u00f6gernden Schritten gehen sie stadteinw\u00e4rts unter die Menschen, die eine Gasse bilden, ganz still sind, die Kr\u00fcge zeigen und Blumen reichend dem K\u00f6nigspaar folgen. Es ist wohl der stillste Triumphzug, den die Welt je gesehen hat.<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>Dem Richter hat die Sache mit dem remenschten Zwerg keine Ruhe gelassen. Er ist beim Innenminister pers\u00f6nlich vorstellig geworden, da dieser ja als Minister f\u00fcr Herz und Ethos faschistische Angelegenheiten zu bearbeiten hat. Es wird ein neuerlicher Prozess anberaumt. In diesem Prozess kann der Entzwergte allerdings dann ganz klar beweisen, dass es sich um keine faschistische Angelegenheit handelt, denn eine einzige unbedachte Bemerkung \u00fcber die N\u00fctzlichkeit von Gewaltanwendung kann nicht zur Verzwergung hinreichen. Er wird in letzter Instanz freigesprochen.<br \/>Der Ordnung halber wird jedoch dem Ehescheidungshof anheimgestellt, den Fall weiter zu verfolgen.<br \/>Kaum ist also der Mann zu Hause, f\u00e4llt wieder eine Vorladung in den Briefkasten. Das Ehepaar geht zum Termin, ohne sich einig zu sein, ob sie sich scheiden lassen wollen oder nicht. So wird es eine langwierige Verhandlung, in der kein Ende abzusehen ist. Alle st\u00f6hnen und fangen an, sich zu langweilen.<br \/>Da \u00f6ffnet sich die T\u00fcr, und der B\u00e4r betritt den Verhandlungssaal. Er geht ruhig zum Verhandlungstisch vor, nimmt die Akten, zerrei\u00dft sie sorgf\u00e4ltig und l\u00e4sst die Schnipsel mit nonchalanter Geste zu Boden fallen. Dann tritt er zwischen die Eheleute, legt die Arme um ihre Schultern, schaut die Frau freundlich an \u2013 die beiden zeigen auch kein Zeichen von Furcht unter der B\u00e4rentatze auf ihren Schultern \u2013 und schiebt sie schlie\u00dflich aus dem Saal. Ohne eine Blick auf di erstaunte Umwelt f\u00fchrt er sie in ihre Wohnung.<br \/>Die erstaunte Umwelt hat viel zu reden. Einige bezichtigen den B\u00e4ren anarchistischer Grunds\u00e4tze, die Recht und Ordnung auf den Kopf stellen.<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>Die meisten jedoch sind sehr gespannt, was weiter passieren wird.<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>Es passiert gar nichts \u00dcberraschendes. Der B\u00e4r hat sich im Schaukelstuhl des Ehepaares h\u00e4uslich niedergelassen. Er schaukelt gern, scheint zufrieden und ist in allen Lebens\u00e4u\u00dferungen liebensw\u00fcrdig und zuvorkommend. Zuweilen steht er auf und bringt mit einer winzigen Geste Ordnung in die Ehe, die er offenbar als ihm anvertraut betrachtet. Will die fast sch\u00f6ne Frau zum Beispiel ein b\u00f6ses Wort sagen, &#8211; das sieht der B\u00e4r voraus und schon hat sie seine schwere B\u00e4rentatze vor dem Mund. Kn\u00fcpft er an das Umr\u00fchren der Suppe, grundlos ver\u00e4rgert, dass er es tun muss, wissenschaftliche Erw\u00e4gungen, die sie nicht versteht, worauf er hitzig wird, &#8211; dann schiebt sich der B\u00e4r dazwischen, nimmt den Kochl\u00f6ffel und r\u00fchrt seelenvoll in der Suppe. Ja, einmal hat er sogar sehr behutsam die Mundwinkel beider Ehepartner so in die H\u00f6he gezogen, dass sie dar\u00fcber in Lachen ausbrechen mussten. Ins Wirtshaus kommt der Mann gar nicht mehr, denn regelm\u00e4\u00dfig sp\u00fcrt er kurz vor dem Entwischen eine unerbittliche B\u00e4renkralle am Kragen, die ihn zum Dableiben zwingt. Der schaukelnde B\u00e4r wirkt ausgesprochen beruhigend auf das Ehepaar.<br \/>Und nicht nur das. Eines Abends holt der B\u00e4r ein Rei\u00dfbrett hinter dem Ofen hervor, sucht sich mit seinen groben Tatzen Rei\u00dfzwecken zusammen und bem\u00fcht sich redlich, aber ohne Erfolg, einen gro\u00dfen Bogen wei\u00dfes Papier auf dem Rei\u00dfbrett zu befestigen. Der Mann schaut ihm zun\u00e4chst erstaunt zu und hilft schlie\u00dflich. Bis zum Schlafengehen geschieht dann nichts weiter. Aber am n\u00e4chsten Morgen ist der B\u00e4r verschwunden. Auf dem wei\u00dfen Blatt steht mit ungelenken Buchstaben \u201cFlussregulierungswerk\u201d. Und der Mann st\u00fcrzt sich in die Arbeit\u2026<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>Nach wenigen Tagen kommt der B\u00e4r wieder. Als er den Mann sehr emsig bei der Arbeit findet, und die fast sch\u00f6ne Frau singend an der N\u00e4hmaschine, geht er wieder mit zufriedenem Brummen. Diese Besuche wiederholen sich jeweils nach immer gr\u00f6\u00dfer werdenden Zeitabschnitten. Die Eheleute sind immer sehr freundlich zu ihrem B\u00e4ren; der Mann erkl\u00e4rt ihm den raschen Fortgang seiner Planungsarbeiten f\u00fcr das Flussregulierungswerk, und die fast sch\u00f6ne Frau ist immer bereit, den B\u00e4ren ein bisschen zu schaukeln. Aber der B\u00e4r hat selten viel Zeit, denn er ist inzwischen ein viel besch\u00e4ftigter B\u00e4r geworden.<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>Er ist im Ehescheidungshof st\u00e4ndiger Beisitzer. Wenn ein Fall besonders verwickelt ist, die Eheleute einander offenbar lieben, aber nicht herausfinden aus dem eigenen und fremden Gef\u00fchl, &#8211; dann hebt er die Hand. Man erteilt ihm dann die Tat, nicht das Wort; denn deren sind d gew\u00f6hnlich schon genug gewechselt worden. Er zerrei\u00dft die Akten, nimmt das Paar bei den Schultern, geht mit ihnen in die Wohnung und macht es sich auf einer Couch oder einem Sofa bequem. Besonders angenehm sind ihm Schaukelst\u00fchle.<br \/>Er ist ein Segen f\u00fcr das Land geworden. Durch k\u00f6nigliches Dekret ist er zum Justizbeamten ernannt worden, und man rechnet mit einer au\u00dferordentlichen juristischen Karriere. Eines Tages geht der K\u00f6nig in den Wald und holt ihm eine B\u00e4rin. Seitdem glauben einige Untertanen zuweilen ein L\u00e4cheln um seine Schnauze spielen zu sehen. Aber das mag eine T\u00e4uschung sein.<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich aber wird es sprichw\u00f6rtlich, bei einer besonders verfahrenen Sache zu sagen: \u201cDa finde sich ein B\u00e4r heraus.\u201d<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>Als die Bauten am Flussregulierungswerk in vollem Gange sind, steht ein sch\u00f6ner, gro\u00dfer B\u00e4renzwinger im Hof des Innenministeriums. B\u00e4renkinder spielen darin, und werden von den Eltern ernst und bedachtsam insbesondere durch beispielhaftes Eheleben auf ihre k\u00fcnftige T\u00e4tigkeit als Justizbeamte vorbereitet.<br \/>Und wenn die Menschheit bis dahin nicht ausgestorben sein sollte, dann wird sie noch in jenen Tagen leben, wo aus gejagten B\u00e4ren ordentliche Justizbeamte geworden sind.<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:image {\"id\":1675,\"sizeSlug\":\"large\",\"linkDestination\":\"none\"} --><\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"709\" height=\"1024\" class=\"wp-image-1675\" src=\"https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_25-709x1024.jpg\" alt=\"\" srcset=\"https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_25-709x1024.jpg 709w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_25-208x300.jpg 208w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_25-768x1109.jpg 768w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_25-1064x1536.jpg 1064w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_25-1418x2048.jpg 1418w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_25.jpg 1761w\" sizes=\"auto, (max-width: 709px) 100vw, 709px\" \/><\/figure>\n<p><!-- \/wp:image --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- wp:paragraph {\"align\":\"center\"} --><\/p>\n<p class=\"has-text-align-center\">***<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --> <!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>M\u00e4rchen f\u00fcr den Montag &#8211; <a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=1624\">Wie einer auszog, das Gute und Sch\u00f6ne zu suchen<\/a><br \/>&#8230; f\u00fcr den Dienstag &#8211; <a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=1627\">M\u00e4rchen in der M\u00fcllerstra\u00dfe<\/a><br \/>&#8230; f\u00fcr den Mittwoch &#8211; <a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=1630\">Prinz, Prinzessin und B\u00e4r<\/a><br \/>&#8230; f\u00fcr den Donnerstag &#8211; <a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=1632\">Philosophie einer Liebe<\/a><br \/>&#8230; f\u00fcr den Freitag &#8211; <a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=1634\">Wie M\u00e4rchenbriefe gewechselt werden<\/a><br \/>.<br \/>&#8230; f\u00fcr den Sonntag &#8211; <a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=1638\">Aus dem Tagebuch eines Schutzengels<\/a><\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --> <!-- wp:paragraph --><\/p>\n<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>*** Der B\u00e4r kann auch gut sein *** Liebes Liebespaar! Hoffentlich werft Ihr mir nun nicht vor, dass ich fast die ganze Woche von Prinzen erz\u00e4hlt und mit naiven M\u00e4rchenfarben gemalt habe, und dass ich auf die uns alle so bewegende Frage \u201cwas tun?\u201d die Antwort schuldig blieb. Ich habe n\u00e4mlich geantwortet. 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