{"id":1638,"date":"2023-04-22T07:06:10","date_gmt":"2023-04-22T07:06:10","guid":{"rendered":"https:\/\/peterpodehl.com\/?page_id=1638"},"modified":"2023-05-29T16:58:00","modified_gmt":"2023-05-29T16:58:00","slug":"marchen-fur-den-sonntag-aus-dem-tagebuch-eines-schutzengels","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/webaid.it\/?page_id=1638","title":{"rendered":"M\u00e4rchen f\u00fcr den Sonntag &#8211; Aus dem Tagebuch eines Schutzengels"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-text-align-center\">***<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-medium-font-size\"><strong>Aus dem Tagebuch eines Schutzengels<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">***<\/p>\n\n\n\n<p>Liebe Sonntagskinder!<\/p>\n\n\n\n<p>Liebe Teile eines Gro\u00dfen und Ganzen. Nicht nur die zwei Teile Eurer Zweisamkeit, sondern auch der unz\u00e4hlbaren und unsch\u00e4tzbaren Teile unserer Gemeinsamkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Eure Zweisamkeit und unsere Gemeinsamkeit m\u00f6gen nie ein Ende nehmen. Aber M\u00e4rchenb\u00fccher enden, und wenn sie sieben M\u00e4rchen f\u00fcr sieben Wochentage enthalten, dann enden sie \u2013 heute.<\/p>\n\n\n\n<p>Was habt Ihr getan? Wart Ihr unterwegs? Oder hat es geregnet? Ich m\u00f6chte so gern mehr von euch wissen. Mir f\u00e4llt der Abschied von Euch nicht ganz leicht. Die tiefste und festeste Bindung der heutigen Welt ist liebesbedingt, nicht wahr?<\/p>\n\n\n\n<p>Oder nicht? Ist auch die Liebe fragw\u00fcrdig geworden? Ich glaube nicht. Ich glaube, was die Menschen der Liebe zuschieben, was sie immer wieder mit ihr verwechseln, \u2013 das l\u00e4sst sie fragw\u00fcrdig erscheinen. Sie ist es in Wahrheit nicht! Mit solch einer Anschauung schaffe ich vielleicht eine gro\u00dfe Kluft zwischen mir und vielen anderen. Ich will diese Kluft zu \u00fcberbr\u00fccken versuchen \u2013 mit Liebe\u2026 Und wenn die anderen mir entgegen k\u00e4men? Oder muss &nbsp; i c h &nbsp; als Liebender die&nbsp;&nbsp; g a n z e&nbsp;&nbsp; Br\u00fccke schlagen? Sind die Br\u00fccken von heute Br\u00fccken aus lauter Liebe\u2026?<\/p>\n\n\n\n<p>Das sind Fragen, die mich sehr bewegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Sonntagsm\u00e4rchen hat eine Vorgeschichte wie ein M\u00e4rchen. Es war einmal ein kalter M\u00e4rztag, nicht lange nach dem Krieg. Ich ging durch ein unfreundliches und jeglicher Winterm\u00e4rchenromantik entbehrendes Schneegest\u00f6ber. Da fielen mit pl\u00f6tzlich statt Schneeflocken Zettel auf di Nase. Keine M\u00f6glichkeit weit und breit, wo ein Mensch diese Zettel h\u00e4tte verlieren k\u00f6nnen. Sie wirbelten vom Himmel wie die Schneeflocken. Ich sammelte sie und ging nach Hause in mein kaltes Zimmer. Beim Lesen und Ordnen der Bl\u00e4tter wurde mir warm. Ich fand eine Liebe tagebuchartig geschildert von einem Dar\u00fcberstehenden, einem unsichtbaren Wesen, einem Wir. Die Schilderung, die ich mit zunehmender Freude las, war in einer Weise tiefmystisch oder hochgeistig, gar nicht abstrakt, sondern verst\u00e4ndlich und verst\u00e4ndig, nur ein wenig \u00fcber uns stehend, gleichsam aus unserer anderen Welt. <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text alignwide is-stacked-on-mobile\" style=\"grid-template-columns:28% auto\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"287\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_26-287x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1645 size-full\" srcset=\"https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_26-287x1024.jpg 287w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_26-84x300.jpg 84w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_26-430x1536.jpg 430w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_26-574x2048.jpg 574w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_26.jpg 714w\" sizes=\"auto, (max-width: 287px) 100vw, 287px\" \/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p>Meine Freude \u00fcber den Fund \u00fcberwog weit das Bedauern, dass ich offensichtlich nicht alle Bl\u00e4tter gefunden hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleich auf dem ersten schreibt dieser Schutzengel einer Liebe, er wolle durch die Niederschrift seiner Erfahrung helfen, dass es besser werde in der Welt. Nun hat er die Zettel verloren und sich nicht, wie beabsichtigt, einem nachfolgenden Wir als Hilfe und Belehrung \u00fcbergeben.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht hat er in einem \u201cZwischenreichlichen Anzeiger\u201d inseriert: \u201cTagebuch einer Liebe im Schneegest\u00f6ber verloren. Abzugeben gegen H\u00e4ndedruck und Kuss bei Wir 17348.\u201d Da ich aber nie so einen Anzeiger in die H\u00e4nde bekommen werde, kann ich das Tagebuch nicht abgeben. Ich kann es nur ver\u00f6ffentlichen in der Hoffnung, dass die Liebenden den Nutzen daraus ziehen m\u00f6gen, dessen ein junger Wir infolge des heftigen Schneegest\u00f6bers verlustig gegangen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Und das ist ein Gedanke, mit dem ich meine letzte und sonnt\u00e4gliche Vorrede gern beende: Wir m\u00fcssen helfen und handeln! Das lernen wir unter anderem<\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><strong>AUS DEM TAGEBUCH EINES SCHUTZENGELS<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es war einmal ein Wir, der wollte Tagebuch f\u00fchren \u00fcber seine T\u00e4tigkeit. Ob er es getan hat, wei\u00df ich nicht. Jedenfalls will ich diesen l\u00f6blichen Gedanken neu aufgreifen und ausf\u00fchren, damit meine Nachfolger vielleicht daraus lernen k\u00f6nnen, wie man die uns anvertrauten Sch\u00fctzlinge behandeln muss. Mit dem Gang eines jeden Paares werden Erfahrungen gesammelt, aber wenn wir sie nicht aufschreiben, dann geraten sie in Vergessenheit und die nachkommenden Wirs wiederholen bei jedem Paar die alten Fehler. Es muss ja einmal besser werden auf der Welt, und dazu k\u00f6nnen die Wirs entscheidend beitragen. Daher dieses Tagebuch.<br>Zun\u00e4chst einmal bin ich etwas verwirrt. \u00c4u\u00dferlich scheint alles zu stimmen. Er kam gestern zu ihr zur\u00fcck. Sie haben einander jahrelang nicht gesehen, wozu in den j\u00fcngst vergangenen Zeitl\u00e4uften ja wohl viel Gelegenheit gewesen sein soll. Sie freuten sich sehr und waren gl\u00fccklich. Sie umarmten einander in der ersten Freude und sch\u00e4mten sich gleich darauf ein bisschen, weil die Eltern zuschauten. Die finden ganz besonders, dass sie sehr gut zueinander passen. Zur Liebe geh\u00f6re zun\u00e4chst einmal ich. Aber ich finde gar nicht, dass sie zueinander geh\u00f6ren. Weniger wichtig sind passende Gr\u00f6\u00dfe und passendes Alter. Auch die Tatsache, dass sie einander von Jugend auf kennen, ist unerheblich. In einer langen n\u00e4chtlichen Unterhaltung wurden sie&nbsp; sich \u00fcber die Notwendigkeit eines sozialistischen Positivismus und das Herrschen einer kulturellen Stagnation (die vielen Fremdworte, die sie benutzten, reimten sich alle auf -ion und \u2013ismus) einig. Aber das sagt sich leicht, und ist gar kein Beweis f\u00fcr Liebe, h\u00f6chstens f\u00fcr gegenseitiges Verstehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist doch wohl auch noch nicht passiert, dass man heruntergeschickt wird, und nur die H\u00e4lfte eines Produktionsmittels vorfindet. Was sich da gestern umarmt hat, geh\u00f6rt jedenfalls nicht zusammen. Ich komme mir vor, wie ein hilfloser Einbeiniger. Ich humple herum auf der einen H\u00e4lfte eines P\u00e4rchens. Ich muss die richtige H\u00e4lfte bald finden, sonst wachsen die Falschen, weil \u00e4u\u00dferlich alles so gut passt, immer n\u00e4her zusammen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich kenne Berlin, die Stadt, in der ich nun bin, von einer fr\u00fcheren T\u00e4tigkeit, als ich eine Caroline und einen Adalbert geleitete. Damals sah die Stadt anders aus. Sie soll \u2013 wenn ich die verworrenen Reden der heutigen Menschen recht verstanden habe \u2013 vermittels viel M\u00fche und Arbeit sowie so genannter Bomben so gewachsen und ver\u00e4ndert worden sein. Es m\u00fcsste viel aufger\u00e4umt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Susanne soll laut meinen Anweisungen die eine H\u00e4lfte hei\u00dfen, Frank die andere. Was da aber aus der Gefangenschaft zur\u00fcckgekommen ist (so sagt er immer; ich finde allerdings, dass das Leben in der gro\u00dfen Stadt keineswegs frei ist, dass er vielmehr aus einer Gefangenschaft in die andere gekommen ist), hei\u00dft Anton. Und er ist es eben einfach nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Susanne tut mir etwas leid, weil sie so falsch gl\u00fccklich ist. Ihre Freude, mit der sie das heutige Wiedersehen mit Anton im Voraus beh\u00e4ngt, ist so z\u00e4rtlich. Es ist wohl eine sehr liebesarme Zeit. Bedenkenlos verlieben sich die Menschen in ganz grundlose und ungefestigte M\u00f6glichkeiten. Und doch: auch diesmal ber\u00fchren und bezaubern mich die Menschen wieder, wie jedes Mal, wenn ich auf der Erde zu tun habe, \u2013 und ein wenig beneide ich sie auch. Wie man manchmal Kinder beneiden mag, weil sie das Einmaleins noch nicht k\u00f6nnen. Aber das sind wohl etwas sentimentale Atavismen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf den heutigen Abend freue ich mich gar nicht. Sie werden eifrig einen Faden anspulen, der achtlos auf die Erde fallen wird, weil der Webstuhl Liebe ihnen fehlt. Und das Aufwickeln macht dann so viel M\u00fche f\u00fcr uns alle; erst findet man kein Ende, und hat man endlich eines erwischt, dann muss man es durch tausend Schlingen und Schleifen ziehen und tausend Verhedderungen entkn\u00fcppern.<\/p>\n\n\n\n<p>Scheu\u00dflich, \u2013 so ein Anfang, kenne ich aus meiner ewigen Praxis gar nicht. Der Anfang war meistens leicht und unbeschwert. Ich komme ja so nicht weiter, wachse nicht. Kann doch nicht dauernd ein Wir-Baby auf einem Bein bleiben\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe Frank gefunden. Er besitzt nur zwei gleiche rotkarierte Hemden, die er abwechselnd tr\u00e4gt. Sie kennt die Hemden genau und glaubt, es sei nur eins und die Frage seiner S\u00e4uberung hat sie schon manchmal besch\u00e4ftigt. Sie kennt auch seine braunen sch\u00f6nen Haare, und er kennt ihr L\u00e4cheln. Aber dieses gegenseitige Kennen ankert so tief, dass wohl beide noch nicht einen Gedanken davon ins Bewusstsein genommen haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun habe ich meine Zwei und meine zwei Beine und kann sie ordentlich leiten. Ich bin so gl\u00fccklich wie ein eben zur Welt gekommenes Kind, das doch ganz tief innen auch wei\u00df, dass es nun losgeht; und dann den ersten Schrei ausst\u00f6\u00dft.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie sind schippen gegangen, Aufr\u00e4umungsarbeiten. Ich sitze auf seiner Schulter, habe dieses Tagebuch auf seinen Kopf gelegt und schreibe. Ab un zu blinzle ich fr\u00f6hlich in die Sonne und zu Susanne. Ich habe nat\u00fcrlich meine Sch\u00fctzlinge zur gleichen Kolonne eingeteilt.<br>Halt, Liebling! So, neben Susanne und schmei\u00df &nbsp; i h r &nbsp; die Ziegelsteine zu, nicht dem miesen Kumpan da rechts. Ja, ihr braucht dem gar keine Bedeutung beizumessen. Ihr k\u00f6nnt ja nicht wissen, dass ich auf Franks Schulter sitze und etwas vorhabe mit euch.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich k\u00f6nnte in die Luft gehen, wenn ich nicht schon darin w\u00e4re. Es war gro\u00dfe Zusammenkunft: Susanne, Anton und zwei Elternpaare. Und man benahm sich als w\u00e4ren es drei Ehepaare.<br>Vater Anton sagte unter gro\u00dfer Zustimmung der anderen ungerechtfertigterweise so benannten Erwachsenen, dass eine m\u00f6glichst rasche Bindung der Kinder besonderes aus finanziellen, gesch\u00e4ftlichen und gesellschaftlichen Gr\u00fcnden von gro\u00dfem Vorteil f\u00fcr alle Anwesenden w\u00e4re.<br>Mich glaubte man mit dem lakonischen Satz \u201cAber auch so\u2026\u201d abtun zu k\u00f6nnen. Das sollte wohl bedeuten, dass die zu erwartenden Kinder weder verkr\u00fcppelt noch geistig anormal zu werden verspr\u00e4chen, und dass sie das Klassenziel jeweils erreichen w\u00fcrden. Sie fanden alles in bester Ordnung.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin die beste Ordnung!<br>Ich habe getan, was ich konnte, aber Frank ist ein Stiesel, ein sturer Bock.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Essen bildet zur Zeit bei den Menschen das ergiebigste Gespr\u00e4chsthema, wohl weil es meistens nicht in gen\u00fcgender Menge vorhanden ist. Und dar\u00fcber l\u00e4sst sich endlos reden; was die Kauwerkzeuge zu wenig zu tun haben, gleichen die Sprechwerkzeuge aus. Auf Grund dieser mir neuen Erkenntnis habe ich sie heute nebeneinander gesetzt beim Essen. Aber Frank, der doch ihr L\u00e4cheln kennt und ihr schon Ziegelsteine zugeworfen hat, l\u00f6ffelte seinen Eintopf und dachte an chemische Formeln; er schaute zuweilen sogar in sein Buch. Und sie, die seine Haare und Hemden kennt, ist nat\u00fcrlich zu wohlerzogen, um ein Gespr\u00e4ch anzufangen.<\/p>\n\n\n\n<p>Also ein verlorener Tag.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe sie wieder nebeneinander gesetzt und ihnen anstatt Eintopf Topinambur 1947 vorgesetzt. <\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text alignwide is-stacked-on-mobile\" style=\"grid-template-columns:35% auto\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"342\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_27-342x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1643 size-full\" srcset=\"https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_27-342x1024.jpg 342w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_27-100x300.jpg 100w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_27-768x2297.jpg 768w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_27-685x2048.jpg 685w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_27-scaled.jpg 856w\" sizes=\"auto, (max-width: 342px) 100vw, 342px\" \/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Und dieses Essen, der erste Bissen schon brachte den Stein ins Rollen. <br>Er begann, mehrfach zu sich selbst murmelnd: \u201cWas is&#8217;n das?\u201d<br>\u201cTopinambur.\u201d antwortet sie.<br>\u201cWas? Wie schreibt man denn das?\u201d fragte er. \u201cUnd warum sagen Sie nicht gleich, dass es Teltower R\u00fcbchen sind?\u201d<br>\u201cWeil es Topinambur sind.\u201d ist ihre schlichte Antwort.<br>\u201cKomisch.\u201d sagt er. \u201cSchmeckt wie Teltower R\u00fcbchen und klingt wie franz\u00f6sischer Minnes\u00e4nger.\u201d<br>\u201cUnd geh\u00f6rt zur Gattung der Helianthus.\u201d erg\u00e4nzt sie. \u201cSonnenblume, Helianthus tuberosus.\u201d<br>\u201cSo.\u201d sagt er. \u201cNa, von der Sonnenblume bis zu dieser mittel bis untermittel schmeckenden, recht unoriginellen R\u00fcbe ist aber ein weiter Weg.\u201d<br>\u201cVier Meter.\u201d sagt sie.<br>\u201cWas?\u201d<br>\u201cVon der Sonnenblumenbl\u00fcte bis zu dieser Wurzelknolle sind es etwa vier Meter.\u201d<br>\u201cAch so.\u201d sagt er ohne zu lachen. Und dann: \u201cNa, Mahlzeit.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Mit Stiesels muss man Geduld haben.<\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Mein Kollege am Lago Maggiore hat es nat\u00fcrlich leichter als ich; ihm steht eine nat\u00fcrlichere Liebesumgebung zur Verf\u00fcgung als so eine zerst\u00f6rte Stadt. Aber M\u00f6glichkeiten gibt es auch hier. L\u00e4sst er einen Fischer \u201cLa paloma\u201d schmelzen, schicke ich meine Sch\u00fctzlinge in eine Razzia.<br>Das Wesen einer Razzia wird Geistwesen unserer Art wohl immer unverst\u00e4ndlich bleiben. Jedenfalls wird viel geschrien und geschimpft, Schuldige verwandeln sich durch wenige Worte in L\u00e4mmer und umgekehrt. Ein Mann war auf dem Weg zu seiner im Sterben liegenden Frau. In der verst\u00e4ndlichen Aufregung beging er eine moderne Tods\u00fcnde: er verga\u00df den so genannten Personalausweis und wurde so lange festgehalten, bis er die letzten Worte seiner Frau nicht mehr h\u00f6ren konnte. Und sie hatten einander geliebt\u2026<br>Susanne und Frank schickte ich vom wiederum gemeinsam eingenommen Essen mitten hinein in eine Razzia. Sie konnten sich ordnungsgem\u00e4\u00df ausweisen und waren bald wieder heraus. In seiner Tasche befanden sich zweihundert Zigaretten, in der ihren f\u00fcnftausend Mark. Auf diese so selbstlos anmutende Weise hatten sich von der Razzia Ertappte ihres gef\u00e4hrlichen Ballasts entledigt.<br>Frank raucht nicht. Anton, so erkl\u00e4rt Susanne, ihr Freund, sein leidenschaftlicher Raucher. Darauf gibt Frank ihr die Zigaretten, ohne sich dabei etwas zu denken. Sie gibt ihm das Geld. Beide legen diesem merkw\u00fcrdigen unkommerziellen Handel gar keine Bedeutung bei. Frank meint nur, er w\u00fcsste nicht, was er mit dem Geld anfangen soll.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201cKaufen Sie sich ein zweites Hemd.\u201d<br>\u201cAber liebes Fr\u00e4ulein, ich habe doch zwei Hemden, genau die gleichen.\u201d<br>\u201cNa, das konnte ich doch nicht wissen.\u201d meint sie.<br>\u201cNein nein! Ich mache Ihnen ja auch keine Vorw\u00fcrfe!\u201d<br>\u201cJa dann\u2026\u201d sagt sie. \u201cDann heben Sie das Geld auf. Vielleicht k\u00f6nnen wir es einmal gebrauchen.\u201d<br>\u201cIch w\u00fcsste nicht, wann und wof\u00fcr.\u201d sagt er.<\/p>\n\n\n\n<p>Kann er ja auch nicht wissen, sage ich.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201cIch wei\u00df es im Moment auch nicht.\u201d sagt sie. \u201cAuf Wiedersehen. Vielen Dank f\u00fcr die Zigaretten.\u201d<br>\u201cVielen Dank f\u00fcr das Geld.\u201d<br>\u201cNichts zu danken!\u201d sagt sie mit einigem Recht.<br>Daraufhin er: \u201cJa, mir brauchen Sie f\u00fcr die Zigaretten auch nicht zu danken.\u201d<br>Etwas kopfsch\u00fcttelnd haben sie sich getrennt. Ich freue mich. Es war ein bedeutsamer Tag. Zwei Menschen bedenken oft gar nicht, was es bedeutet, wenn sie eines Tages beginnen, von sich als \u201cWir\u201d zu sprechen. Unbewusst nennen und erkennen sie mich damit zum ersten Mal.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder ist ein sch\u00f6ner Tag zu Ende.<\/p>\n\n\n\n<p>Er begann allerdings etwas unfreundlich. Anton wollte wissen, wie sie zu den Zigaretten kommt. Anstatt die sie in keiner Weise kompromittierende Wahrheit zu sagen, hat sie mit etwas schlechtem Gewissen ziemlich unklare Ausk\u00fcnfte gegeben. Ich habe mich fast diebisch gefreut \u00fcber das schlechte Gewissen, denn es ist ja wieder ein Beweis\u2026 Jedenfalls kam es zu einer Auseinandersetzung, in der wenig Liebe schwang. Er wiederholte des \u00f6fteren, dass er die Annahme der Zigaretten verweigere, bis er sie schlie\u00dflich widerwillig annahm. Dann ging er fort. Sie lie\u00df ihn gehen mit einem kleinen Stachel im Herzen und ging ihrerseits zum Essen.<br>Das bedeutet zu Frank. Und auf dem Wege wich der Stachel aus ihrem Herzen. Sie wurde froher mit jedem Schritt, mit jeder Schiene, \u00fcber die die Bahn fuhr, denn alle Schritte und alle Schienen f\u00fchrten zu ihm. Und als sie neben ihm sa\u00df, konnte sie sich nicht enthalten, ihm ruhig und sachlich zu sagen:<br>\u201cIhre Augen sind wie Vergissmeinnicht in Buttermilch!\u201d<br>Einen Augenblick hat er den Kopf gehoben und in ihre Augen geschaut, die dem Blick mutig und liebevoll standhielten und best\u00e4tigt fanden, was sie gesagt hatte.<br>Dann zogen beide ihre Seelenf\u00fchler schnell wieder ein, mit denen sie sich schon erschreckend weit in den anderen hineingetastet hatten.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend ich jetzt abends schreibe, denken sie aneinander. Sie kommt dabei zu keinem Anfang und keinem Ende. Er denkt an den reizenden Ausspruch, und dass sie einen Raucher zum Freund hat. Sie denkt an Anton, und dass Franks Augen wirklich sehr sch\u00f6n sind. Schlie\u00dflich schieben sie alles F\u00fcr und Wider, alles Hin und Her \u00fcber den Rand in jenen Abgrund, den die ja doch weise eingerichtete Welt f\u00fcr Spekulationen aller Art immer bereith\u00e4lt. Und wenn ich recht bemerke, l\u00e4cheln sie jetzt beim Einschlafen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie im Leben der Menschen, so gibt es auch in unserem Dasein ein Auf und Ab. Ich f\u00fchle mich richtiggehend krank von all dem Gerede, das ich heute unter mir ergehen lassen musste. Und das an einem Sonntag, dem einzigen Tag in der Woche, an dem meine Liebenden einander sowieso nicht sehen. Daf\u00fcr haben Anton und Susanne sich gr\u00fcndlich auseinander gesprochen; sie behaupten allerdings, sie h\u00e4tten sich ausgesprochen.<br>Dass es mit der Gr\u00f6\u00dfe ihrer Liebe einen Haken hat, haben sie nun bemerkt. Dass sie diesen Haken f\u00fcr ein mehr oder weniger nat\u00fcrliches und unvermeidliches Entwicklungsstadium halten, ist ihr Fehler \u2013 und ich muss zugeben, meine Unf\u00e4higkeit. Aus diesem Stadium entwickelt sich nichts. Man kann noch so gescheit dar\u00fcber reden, man kann sich noch so einig sein, dass in einer wahrhaften Liebe das Ego zugunsten einer Gemeinschaft ausgeschaltet werden muss und \u2026 Quatsch! In die Liebe muss alles eingeschaltet werden, auch und gerade das Ego. Gelenkt muss es werden, still muss es sein, wenn es notwendig ist. Anton will sich \u201cl\u00f6sen aus dem Ego\u201d. Dann ist er ein Schemen und kein Liebhaber. Als sie sich vollkommen festgerannt hatten, sagte er:<br>\u201cLass Liebe wachsen, aus uns, aus sich, aus der Zeit.\u201d<br>Wenn Frank das gesagt h\u00e4tte, w\u00e4re ich froh gewesen. Aus Antons Mund ist diese Feststellung nichtig, weil nur da etwas wachsen kann, wo ein Keim ist, wo ein Wesen meiner Art existiert.<br>Dann sagte Susanne\u2026 Ach, ich will gar nicht wiederholen, was sie noch alles sagten \u00fcber die Zukunft, Weg und Steine auf dem Weg und K\u00fcssen, die das Ziel glauben. Es ist nur \u00e4rgerlich.<br>Ich kann nur hoffen, dass Frank einige seiner aus der Sonntagseinsamkeit geborenen Gedanken und W\u00fcnsche wahr zu machen versucht, und dass sich Anton und Susanne nicht \u00fcbereilen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf jeden Fall wachse ich langsam in einem so verwirrenden Dreieck. Machtlos sind wir Geister, wenn die Menschen nicht wollen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf den Rand eines Glases habe ich Susanne und Frank gehoben. Sie beginnen den gef\u00e4hrlichen, sehns\u00fcchtigen Gang. Jeder hat einen Halbkreis zu wandern, denn nebeneinander k\u00f6nnen sie nicht gehen. Sie balancieren, sie k\u00f6nnten ins Glas fallen oder zu Boden. Sie sehen den Kreis vor sich und den Punkt, wo er sich schlie\u00dft, wo sie einander wiedertreffen werden. Sie schauen weniger auf den schmalen, gl\u00e4sernen Weg, als dem anderen in die Augen, sie helfen ihm und f\u00fchren ihn, Liebe voll \u2026 So klein sie sind, so gro\u00df ist der Kreis \u2013 so gro\u00df ihre Liebe, so klein der Glasrand.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie waren n\u00e4mlich alle Drei zu einem Fest geladen. Anton und Susanne waren dar\u00fcber hinaus auch innerlich geladen, aber nicht mit mir, sondern mit Komplikationen. Frank liebt Feste in der Tr\u00fcmmerstadt nicht. So begannen sie alle Drei das Fest ein wenig erwartungslos und missmutig. Vielleicht wurde es gerade darum so liebevoll.<br>Nachdem sich Anton recht sinnlos und unsch\u00f6n betrunken hatte, k\u00fcssten meine beiden einander recht sinnvoll und sch\u00f6n. Ich hatte sie nur nebeneinander gesetzt und auf dem Lampenschirm hockend abgewartet; ich war dann sehr froh \u00fcber den Erfolg. Nachher bereuten sie es wohl ein wenig, wegen Anton, und weil alle anderen um sie herum auch k\u00fcssten. Aber nur ein wenig. Sie fanden es charakterlos, und wenn sie gewusst h\u00e4tten, welche Freude sie mir gemacht haben \u2026<br>Manchmal f\u00fchle ich fast beklommen, welche Macht in unsere Hand gegeben ist! Wir regieren Menschenherzen. Wir von weiter oben sollten engere Verbindung haben untereinander, eine gemeinsame Sprache finden. Wie viel k\u00f6nnten wir erschaffen und wie viel Wertloses verhindern.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun schlafen sie eng umschlungen. Ich habe mich leise niedergesetzt, um im tiefen Frieden ihrer N\u00e4he mein Tagebuch zu schreiben. Wir haben geliebt und wir sind sehr gl\u00fccklich. Oh, dass es das gibt\u2026!<br>Dem ist ein schwieriger Tag f\u00fcr Susanne vorangegangen. Anton musste verreisen, und die Trennung machte sich so schwer, als h\u00e4tte ihre Liebe ewige Dauer und Bestand. Wohl deshalb, weil sie nichts von ewiger Liebe wissen. Sie k\u00fcssten einander immer wieder und waren traurig. Sie glaubten: der Trennung wegen; ich wei\u00df: der Kleinheit ihrer Liebe wegen.<br>Susannes Zustand war fast be\u00e4ngstigend. Sie ahnt sehr deutlich von der Todesn\u00e4he ihrer Beziehungen zu Anton. F\u00fcr einen so reinen Menschen ist es schrecklich, dem Mund die Sprache des Herzens zu verweigern. Als der Zug aus der Halle gefahren war, stand sie mit ihren Konflikten ganz verlassen unter den vielen Menschen auf dem Bahnsteig. Da habe ich sie zu Frank geschickt.<br>Er ist ja schon ein feiner Kerl. Erst war er etwas verwirrt, sie pl\u00f6tzlich vor seiner Wohnungst\u00fcr zu finden. Aber nachdem sie einige S\u00e4tze gestammelt hatte, die jedenfalls ganz deutlich werden lie\u00dfen, dass es so nicht weitergeht,&nbsp; da nahm er sie l\u00e4chelnd&nbsp; und behutsam in die Geborgenheit seiner Arme und sagte ganz leise und schlicht:<br>\u201cNein, so geht es nicht weiter. Komm.\u201d<br>Sie kam in sein Zimmer. Sie f\u00fchlte sich von Armen gehalten, wie sie Anton nie haben w\u00fcrde f\u00fcr sie.<br>Wenn die Menschen w\u00fcssten, wie gl\u00fccklich sie uns allein durch die S\u00fc\u00dfe ihrer gemeinsamen Atemz\u00fcge machen k\u00f6nnen. Ich darf dem\u00fctig danken f\u00fcr den langen sch\u00f6nen Weg, der vor mir liegt.<br>Aber die arme Susanne muss nun ran. Wenige Augenblicke nach dem gl\u00fcckseligen Aufwachen neben Frank kam ihr der lange Faden in den Sinn, den sie mit Anton schon nutzlos abgewickelt hat. Und so ein nutzloser Faden kann einen Menschen schon sehr nachdenklich machen.<br>Sie kam mit Frank \u00fcberein, dass sie einander ein paar Tage nicht sehen wollten, um sich zu pr\u00fcfen. Menschen, die meiner noch nicht sicher sind, glauben oft, dass sie sich einem falschen oder schlechten Gef\u00fchl hingegeben haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Sollen sie sich also pr\u00fcfen. Ich werde die Pr\u00fcfungsfragen stellen. Noch untersch\u00e4tzen sie mich, bald werden sie mich sch\u00e4tzen lernen.<\/p>\n\n\n\n<p>Also Susanne ist durchgefallen. Am Schluss der Pr\u00fcfung kam heraus, dass die Nacht mit Frank eine ganz gro\u00dfe S\u00fcnde war, und dass sie b\u00fc\u00dfen muss. Nun ist sie dabei, an Anton zu schreiben. Nat\u00fcrlich findet sie gar keine Worte, weil ich ihr \u00fcber die Schulter schaue. Au\u00dferdem: F\u00fcr S\u00fcnden, sie keine sind, finden sich schwer Worte der Bu\u00dfe.<br>Frank dagegen hat mit Auszeichnung bestanden: er fand die Nacht gut und sch\u00f6n, er will Fortsetzung und Bestand. Zun\u00e4chst ist er bereit geduldig zu warten.<\/p>\n\n\n\n<p>Das war mal wieder ein voller Tag.<\/p>\n\n\n\n<p>Susanne war so durcheinander, dass sie nicht arbeiten konnte. Auch der nochmalige Versuch, an Anton zu schreiben, scheiterte kl\u00e4glich. Unter Aufbietung all meiner und ihrer Kr\u00e4fte konnte ich sie bewegen, zu Frank zu rennen. Sie waren etwas reserviert zueinander. Sie weinte. Er hat sie sehr standhaft und unbeholfen getr\u00f6stet, anstatt\u2026 Na, hat er eben nicht. Immerhin f\u00fchlte sie sich sehr geborgen bei ihm, und in beiden keimte eine zarte Erinnerung an die Zukunft. Damit muss ich mich zufrieden geben.<br>Dann brachte er sie wieder nach Hause. Im Menschengew\u00fchl des Umsteigbahnhofes, als Frank gerade besonders eindringlich auf sie einsprach, trafen sie Anton. Es ist mir leider praktisch unm\u00f6glich, alle S\u00e4tze der folgenden Auseinandersetzung aufzuschreiben. Ich kann nur die wenigen Floskeln zusammenhanglos wiedergeben, an die ich mich noch erinnere.<\/p>\n\n\n\n<p>Anton: \u201cWo kommst du denn her? \u2013 Wer sind Sie denn? \u2013 Sprich nicht dazwischen! \u2013 Dir hat nichts gefehlt! \u2013 Ich bin doch ganz ruhig. \u2013 Ich schreie ja gar nicht! Sie schreien! Ich will wissen, was los ist!? \u2013 Oh, ich k\u00f6nnte\u2026!\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Frank: \u201cIch freue mich, Sie kennen zu lerne! \u2013 K\u00f6nnten wir vielleicht \u2026 \u2013 Darf ich vielleicht noch mal \u2026 \u2013 Aber es w\u00e4re doch wohl besser\u2026 \u2013 Mit Schreien hat noch nie \u2026\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Susanne: \u201cAnton! \u2013 Du wolltest doch viel l\u00e4nger bleiben!? \u2013 Darf ich vorstellen? Herr \u2013 \u00e4h\u2026 reg dich doch nicht so auf! \u2013 Anton, ich bitte dich, gerade hier! \u2013 Komm, Frank!\u201d<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text alignwide is-stacked-on-mobile\" style=\"grid-template-columns:55% auto\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"713\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_28-713x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1641 size-full\" srcset=\"https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_28-713x1024.jpg 713w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_28-209x300.jpg 209w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_28-768x1103.jpg 768w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_28-1070x1536.jpg 1070w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_28-1427x2048.jpg 1427w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_28.jpg 1717w\" sizes=\"auto, (max-width: 713px) 100vw, 713px\" \/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p>Mit dieser entscheidenden Aufforderung beendete Susanne jedenfalls diese ungest\u00fcme Unterhaltung. Anton sagte sehr verdutzt, als sie schon mit Frank im Gew\u00fchl verschwunden war:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201cAber Susanne, du kannst doch nicht einfach\u2026\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Nichts einfacher als das: Sie k\u00f6nnen! Ganz leise und zaghaft beginnt das Uhrwerk ihrer Liebe zu ticken. Eine Damenarmbanduhr auf vielen Steinen. Muss aber eine weithin sichtbare und wirksame Kirchturmuhr werden mit lauten Schl\u00e4gen.<\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Frank hat ein Dachst\u00fcbchen gemietet, wo sie ungest\u00f6rt beieinander sein k\u00f6nnen, \u2013 von den f\u00fcnftausend Mark. Bei ihm zu Hause ist der Bruder heimgekehrt, mit dem er das Zimmer teilen muss, und bei ihr k\u00f6nnen sie (vorl\u00e4ufig) sowieso nicht zusammenkommen. Die Dachst\u00fcbchenvermieterin hat sich sehr dumm benommen, als Frank ihr sagte, dass er zuweilen mit einer jungen Dame zu kommen beabsichtige. Sie sei, so betonte die Vermieterin, eine moralische Frau und wolle das Zimmer wegen der wilden Ehe, die man dort zu f\u00fchren beabsichtige, nicht an solche Zwei vermieten. Erst als ihr klar wurde, dass die jungen Leute nur zuweilen kommen w\u00fcrden, ihr somit weniger Arbeit erw\u00fcchse, auch die Lichtrechnung dementsprechend geringer w\u00fcrde, als bei einem seri\u00f6sen Mieter, schwand die Moral, um ihrem Einverst\u00e4ndnis Platz zu machen. Wie es denn oft mit der irdischen Moral einen Haken zu haben scheint, was man von der himmlischen nicht behaupten kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Anton hat ziemlich Rache ausgebr\u00fctet, und ich bekam schon Angst. Ich h\u00e4tte ja keine Macht \u00fcber ihn gehabt, h\u00e4tte nur Frank und Susanne geistig-moralisch beistehen k\u00f6nnen, und das ist in solchem Zusammenhang nicht viel. Zuf\u00e4llig wurde jedoch Anton mitten in seine Rachepl\u00e4ne eine M\u00f6glichkeit geboten, nach dem \u201cWesten\u201d zu gehen, und er war vern\u00fcnftig genug, sie nicht auszuschlagen. \u201cWesten\u201d bedeutet den Menschen heutzutage offenbar nicht nur eine Himmelsrichtung. Ich muss an Caroline und Adalbert denken, die damals nach \u201cS\u00fcden\u201d fuhren, und damit auch mehr als eine Himmelsrichtung meinten.<br>Ich habe Anton beim Packen seiner Siebensachen etwas zugeschaut. Er machte ein finsteres Gesicht, offensichtlich tat es doch in seinem kleinen Herzen etwas weh. Solche Menschen machen mich immer wehm\u00fctig, aber ich kann ihnen ja nicht helfen. Er sieht in eine trostlose Zukunft, und macht Susanne daf\u00fcr verantwortlich. Dabei h\u00e4tte gerade die Bindung an sie eine trostlose Zukunft gebracht, und zwar f\u00fcr beide.<\/p>\n\n\n\n<p>Frank sa\u00df heute ein bisschen bedr\u00fcpst in seinem Dachst\u00fcbchen. Er hat es mit zwei Lampen, \u00fcber Kisten gebreitete Deckchen und viel Liebe sehr h\u00fcbsch eingerichtet. Die eine Lampe gibt helles Licht, wenn sie lesen oder arbeiten wollen, die andere ist verh\u00e4ngt, wenn sie \u2013 nicht lesen oder arbeiten wollen.<br>Aber Susanne kommt nicht. Denkt er. Dabei habe ich sie gleich zu ihm geschickt, als sie erfuhr, dass Anton in den Westen geht. Nun hat sie angeklopft und ist eingetreten. Eine Weile hat Frank ihr erlaubt, staunend und froh die neue Umgebung zu bewundern. Dann ist er aufgestanden, hat sie in seine Arme genommen und gesagt:<br>\u201cWillkommen bei uns!\u201d<br>Ihr erster Einwand war: \u201cWie wird es im Winter hier sein?\u201d<br>\u201cKalt!\u201d sagt er.<br>\u201cEs ist sch\u00f6n hier.\u201d sagt sie dann.<br>\u201cIch freue mich, dass du endlich gekommen bist. Hier ist nun unsere Wohnung. Sieh, es ist direkt unter dem Dach. Alle guten Geister haben einen leichten Weg zu uns.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Was ich best\u00e4tigen muss, sofern ich mich zu den guten Geistern rechnen darf.<\/p>\n\n\n\n<p>Und Frank f\u00fchrt fort: \u201cUnd die b\u00f6sen von unten, die m\u00fcssen kraxeln und suchen, ehe sie uns hier oben entdecken.\u201d<br>\u201cWei\u00dft du, warum ich gekommen bin?\u201d fragt sie.<br>\u201cM\u00fc\u00dfige Frage, m\u00fc\u00dfige Antwort.\u201d sagt er.<br>\u201cNein, weil ich dir sagen wollte, dass Anton in den Westen geht.\u201d<br>\u201cAber nicht blo\u00df deshalb?\u201d fragt er.<br>\u201cM\u00fc\u00dfige Frage, m\u00fc\u00dfige Antwort.\u201d sagt sie.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir hatten eine sehr sch\u00f6ne Stunde dort oben miteinander. Frank ist gar kein Stiesel mehr, ist aus seinem Jungensschlaf erwacht. Antons Weggehen hat ihm pl\u00f6tzlich klar gemacht, dass er nun sein Teil an der Verantwortung, die jede Bindung den Menschen auferlegt, zu tragen hat. Bisher hat er vor dieser Last Angst gehabt.<br>\u201cAber ich will sie tragen. Und wenn ich k\u00f6nnte\u2026 Aber der Gedanke ist wohl absurd, dass ich, um es dir zu erleichtern, auch deinen Teil der Verantwortung trage?\u201d<br>\u201cDas ist\u201d sagt sie \u201ceine zwar absurde, aber sehr liebevolle Liebeserkl\u00e4rung. Nein, du sollst und kannst nicht. Ich will sie tragen und haben.\u201d<br>Frank nennt mich einen Engel. Zu viel der Ehre. Ich m\u00f6chte geschmeichelt-geniert widersprechen, wenn er mich verst\u00fcnde. Sie verstehen mich ja, aber nicht mit Worten; und das Widersprechen geht nun einmal nicht ohne Worte. Jedenfalls bin ich froh, dass sie mich erkannt haben und mit mir rechnen. Dass Frank nun aber glaubt, sie h\u00e4tten mich beleidigt, \u2013 das ist ein bisschen \u00fcbertrieben. Er meint, ich sei vielleicht b\u00f6se, weil sie sich so fr\u00fch ihrer Liebe hingegeben haben, als Anton noch da war und die Gef\u00fchle noch ungeformt. Ich kann doch gar nicht b\u00f6se sein\u2026<br>Ein bisschen fr\u00fch war es ja, aber nicht &nbsp;&nbsp; z u &nbsp;&nbsp; fr\u00fch. Wenn man daraus die Folgerungen zieht, wenn daraus die hohen Forderungen erwachsen, die meine beiden im folgenden Gespr\u00e4ch sich gemeinsam eroberten und erarbeiteten, dann habe ich keine Sorge.<br>\u201cWir haben viel zu schaffen, zu \u00fcberwinden und \u2013 zu b\u00fc\u00dfen.\u201d sagt er.<br>\u201cUnd nichts zu bereuen!\u201d jubelt sie.<\/p>\n\n\n\n<p>Er regnete. Tr\u00fcmmer im Regen und knurrender Magen sind tr\u00fcbe Genossen, auch wenn man liebt. Etwas bedeckt-ironisch liebevoll, und sehr ziellos wanderten sie durch die nasse Stadt.<br>Er warf die Frage auf, ob es die Verliebten zu allen Zeiten so schwer gehabt h\u00e4tten. Wenn ich ihm aus meinen fr\u00fcheren T\u00e4tigkeiten auf der Welt h\u00e4tte berichten k\u00f6nnen, \u2013 er w\u00e4re still und zufrieden geworden. Geliebt und um das Geliebtwerden gerungen haben sie doch alle. Da hat es der Biedermeierherzog von Sachsen-Weimar nicht leichter gehabt als der ungekr\u00f6nte Europ\u00e4er von heute. Eher schwerer, denn eine gro\u00dfe und echte Liebesbereitschaft durchzieht die heutige Welt; die wartet, oft allerdings sehr vergeblich\u2026<br>Ich gewinne mehr und mehr Gestalt in ihren Gedanken und Gespr\u00e4chen. Neulich war ich ein Engel. Heute sagte Susanne im Laufe des Gespr\u00e4chs (zu Frank, nicht etwa zu mir):<\/p>\n\n\n\n<p>\u201cDu bist ein Schaf!\u201d<br>\u201cUnd wer ist der Hirte?\u201d fragte er.\u201d<br>\u201cDer ist da oben.\u201d sagte sie und zeigt in die Wollen, aus denen die N\u00e4sse tropfte.<br>Beide schauten nach oben und freuten sich an den Gro\u00dfstadtregentropfen, die ihnen ins Gesicht fielen. Ihr Blick war so durchdringend und Liebe ahnend, dass ich mich hinter einer besonders dicken Wolke verstecken zu m\u00fcssen glaubte. Umstehende lachten ein wenig, weil sie die Gesichter in den Regen und die Schirme nach unten hielten.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich bin ich ein Hirte, einer, der Zwei beh\u00fctet. \u00dcber uns gibt es einen Hirten, der mehr als blo\u00df Zwei beh\u00fctet.<\/p>\n\n\n\n<p>Wozu Gewitter gut sein k\u00f6nnen, wei\u00df ich schon. Mein armes Paar hatte heute unter der besonders dr\u00fcckenden Schw\u00fcle zu leiden. Es war so schw\u00fcl, dass sie der Natur vorausgewitterten. Aus Herz und Hirn kamen die Blitze, und aus dem Mund dann der Donner. Zun\u00e4chst einmal h\u00e4tten sie bei einem solchen Wetter nicht disponieren sollen: ein kleiner Mittagsschlaf, dann Kaffe und Marmeladenbrote und dann zu einem Freund, der irgendwo drau\u00dfen ein kleines Haus hat. Der Mittagsschlaf beruhigte in keiner Weise, denn sie kamen wegen der Schw\u00fcle gar nicht zum Schlafen. Er machte ihr als Beruhigungsersatz einen ganz starken Kaffee, der sie noch mehr aufregte, weil er zu d\u00fcnn war. Dar\u00fcber regte sich Frank auf und behauptete mit einigem Recht, kein Kaffeekoch zu sein. Als sie zu dem Freund gehen wollten, kam der Glaser, den sie mit Hilfe von Zigaretten und noch mehr Worten in wochenlangen Anstrengungen \u00fcberredet hatten, doch mal zu kommen, wegen der Korridort\u00fcr. Er arbeitete langsam und reell, seine Arbeit war reeller als der Preis. Sie sa\u00dfen w\u00e4hrenddessen auf der Couch und warteten. Dann k\u00e4mmte sie sich so lange die Haare, dass sie auch mit gr\u00f6\u00dftem sportlichem K\u00f6nnen den vorgesehenen Zug nicht mehr erreichen k\u00f6nnten. Der Zug f\u00e4hrt nur alle Dreiviertelstunde. Wieder sa\u00dfen sie eine halbe Stunde unt\u00e4tig im St\u00fcbchen. Ohne viel Liebesworte zu wechseln. Der nat\u00fcrliche Himmel glich sich unterdes dem ihren an: schwarze Wolkenmassen drohten unheilvoll und lastend. Dann gingen sie. Auf der Stra\u00dfe f\u00e4llt ihm ein, dass er das Buch vergessen hatte, um dessentwegen sie zu dem Freund fahren wollten. Dann \u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Es war furchtbar. Ich h\u00e4tte mich in der Luft zerrei\u00dfen k\u00f6nnen, und ich h\u00e4tte es&nbsp; meiner Art nach eher gekonnt, als all die Menschen, die zuweilen solchen Ausspruch tun. Die Menschen glauben, nur Geister k\u00f6nnten sie beruhigen, \u2013 wenn sie w\u00fcssten. Was sie zuweilen mit uns anrichten.<br>Ich bem\u00fchte mich vergeblich, ihre leidenschaftlichen Strahlungen zu fassen. Hatte ich einmal Susanne erwischt, war Frank f\u00fcnfmal an mir vorbeigeschossen. So musste ich schlie\u00dflich resigniert die F\u00e4den h\u00e4ngen lassen. Trotz Schw\u00fcle war mir kalt.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber dann hielt der Zug auf freier Strecke in einem Wald. Es musste ausgestiegen werden, weil der Schaden in absehbarer Zeit nicht behoben werden konnte. Die ersten dicken Tropfen fielen, nachdem es schon lange gegrummelt und gewetterleuchtet hatte. Unser P\u00e4rchen hatte nat\u00fcrlich Mantel und Schirm vergessen und wurde nass wie im Meer.<br><br><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text alignwide has-media-on-the-right is-stacked-on-mobile\"><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p>Susanne f\u00fcrchtete sich vor Gewittern. Mit jeder Entladung fl\u00fcchtete sie sich an seine Brust. Wie unter das Dach einer sch\u00fctzenden H\u00fctte. Sie sprachen wenig, ihre Strahlungen trafen sich wieder bei mir, und mir wurde trotz Regen wieder w\u00e4rmer. Das Gewitter verzog sich bald, die Kleider klebten an den K\u00f6rpern, von den B\u00e4umen tropfte es, die Luft war rein. Wir bildeten das allerw\u00e4rmste Dreieck. Sie waren still und ernst. Sie erkannte, ohne dar\u00fcber Worte auszutauschen, was es bedeutet, wenn Menschen durch Liebeskraft ein Geistwesen \u00fcber ihre H\u00e4upter rufen. Sie sahen mich mit Geistesaugen und legten ihr Wohl in meine Hand. Dort ruht es gut.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n<\/div><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"705\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_29-705x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1640 size-full\" srcset=\"https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_29-705x1024.jpg 705w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_29-207x300.jpg 207w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_29-768x1115.jpg 768w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_29-1058x1536.jpg 1058w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_29-1411x2048.jpg 1411w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/MaBu_29.jpg 1741w\" sizes=\"auto, (max-width: 705px) 100vw, 705px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Als die Sprache wieder kam, war ich das Thema. Sie nahmen sich vor, l\u00e4chelnd nach oben zu deuten, so bald innerliche Gewitter im Anzug seien. Das soll hei\u00dfen: \u201cNimm auf Herrn Wir, auf seine Harmonie und K\u00f6rperw\u00e4rme R\u00fccksicht. \u00c4rgern wir ihn nicht. Er ist machtlos und kann uns nicht wieder\u00e4rgern.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Ich liebe Frank und Susanne.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie gehen ins Theater, in ein modernes St\u00fcck. Manchmal m\u00f6chte ich sichtbar sein. Wir Drei w\u00fcrden ein sch\u00f6nes Paar abgeben. Ich k\u00f6nnte ja klein sein, k\u00f6nnte im dunklen Anzug wie eine Puppe auf der Armlehne zwischen ihnen sitzen. Nun, was nicht ist, kann noch werden. Von uns und unseresgleichen war nicht viel die Rede, obgleich viel geredet wurde. Als es zu Ende war, sagt er:<br>\u201cDie Liebe kommt heute immer zu kurz in den Theaterst\u00fccken.\u201d<br>\u201cNur in den Theaterst\u00fccken?\u201d fragt sie.<br>\u201cJa, bei uns kommt sie wohl doch nicht zu kurz. Und so wie uns gibt es viele. Das ist die einzige Hoffnung. Aber die Dichter halten so eine Liebe vielleicht f\u00fcr m\u00e4rchenhaft.\u201d<br>\u201cIst sie m\u00e4rchenhaft?\u201d<br>\u201cIch m\u00f6chte etwas \u00fcber das Liebesleben dieses Dichters wissen. Wenn er nicht liebt, sollte man ihm keine Schreiberlaubnis geben.\u201d fordert er.<br>\u201cAh, mein Herr Liebesrevolution\u00e4r!\u201d<br>Und er sagt: \u201cIch verstehe gar nicht: gerade so graue Zeiten sollten doch das M\u00e4rchenhafte in den Vordergrund stellen.\u201d<br>\u201cIch halte die Liebe ganz und gar nicht f\u00fcr ein M\u00e4rchen.\u201d sagt sie.<br>\u201cNein, du hast recht, sie ist Wirklichkeit.\u201d<br>\u201cNur Wirklichkeit?\u201d fragt sie.<br>\u201cNicht nur.\u201d sagt er.<br>\u201cUnd was ist der, der \u00fcber uns geht und uns leitet?\u201d<br>\u201cJa, der\u2026\u201d sagt sie und beendet damit das Gespr\u00e4ch.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Gl\u00fcck, denn ich bin so verwirrt, dass ich selber schon nicht mehr wei\u00df, was sie sind, was ich bin, und was M\u00e4rchen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu dumm! Gerade heute hatte ich ganz besonders viel mit ihnen vor, und nun haben sie so schlecht geschlafen, dass ich auch ganz m\u00fcde bin.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie sitzen in ihrem Dachst\u00fcbchen. Er benennt sie mit den Namen all ihrer mehr oder weniger einflussreichen Vorg\u00e4ngerinnen:<br>\u201cTrude!\u201d sagt er zu ihr. \u201cHertha, mit t-h, Angelika, Maria und Barbara und meine weit \u00fcber alle geliebte Frau Susanne!\u201d<br>Sie l\u00e4chelt ihn an. \u201cDu Dummkopf glaubst vielleicht, ich w\u00fcrde nun eifers\u00fcchtig!? Nein, ich habe mich an deine ungew\u00f6hnliche Liebeserkl\u00e4rungen gew\u00f6hnt. So sehr, dass ich keine andere mehr h\u00f6ren will. Ich bin stolz und froh, dass Susanne am Schluss dieser Reihe steht. Ich bin der gro\u00dfe Punkt, die anderen waren ja nur kleine Kommatas. Du Dummkopf, ich liebe dich!\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Ich finde, sie sollten bald heiraten. Davor haben sie eine ganz wunderbare Scheu: Sie glauben sich noch nicht auf ihre Liebe verlassen zu k\u00f6nnen. Sie wollen nicht auf Worte bauen, sondern auf Wahrheit, wollen die Wahrheit wissen und f\u00fchlen.<br>Sie m\u00fcssen mich als Wahrheit erkennen, noch gebrauchen sie Bilder f\u00fcr mich: Ich bin weder ein Ideengeb\u00e4ude, noch ein Engel oder Hirte und schon gar nicht nur ein M\u00e4rchen. Mich zu einem M\u00e4rchenonkel machen\u2026! Zu wenig der Ehre! Die Sache ist doch ganz einfach: Ich bin da! Ich f\u00fchre und warte.<br>Einmal glauben die Menschen, sie werden nur gelebt. Sie lassen mich zu sich und empfinden es wie eine Gnade, die sie unerwartet trifft. Das sind sch\u00f6ne Augenblicke. Dann gibt es die anderen sch\u00f6nen Augenblicke, die sie selbst und einander zu danken haben, dann meinen sie stolzbewegt, dass sie ihr Leben selbst leben und auf Unsereins verzichten k\u00f6nnen.<br>Beides, ihr Lieben. Ewig lebendige Wechselbeziehungen. Ohne mich seid ihr nicht denkbar und ohne euch kein Wir. Mein guter Wille gen\u00fcgt nicht. Wenn ihr einen schlechten Willen habt, bin ich machtlos, wie ein Hirte ohne Schafe, wie ein Engel ohne Menschen.<\/p>\n\n\n\n<p>Morgens k\u00fcssen sie einander die Augen. Das Auge ist durch den Kuss des geliebten Du gesch\u00fctzt, es sieht die Dinge im Tageslauf reiner und klarer, es leuchtet st\u00e4rker in die Welt hinein.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201cAlles, was du heute sehen wirst, ist gek\u00fcsst, mein guter Mensch.\u201d sagt er dann.<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4t in der vergangenen Nacht hielt ich die Stunde f\u00fcr gekommen, sie danken zu lehren. Sie danken nicht nur einander, sondern auch f\u00fcr das gemeinsam empfangene Geschenk: sie beten, sch\u00f6nster Dank menschlicher Seele. Die Arme beugen sich einander zu. Vier H\u00e4nde \u2013 die schriftgef\u00fcllten Fl\u00e4chen dem Auge zugewandt \u2013 suchen, finden ihresgleichen, falten sich ineinander, eine vielfach gekreuzte Welt inmitten von unmessbarer Art. Und zu mir str\u00f6mt es \u00fcber mich hinaus\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Heute waren wir\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Nein, es ist ein so m\u00e4chtiges Schneegest\u00f6ber, dass ich im Moment nicht weiterschreiben kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">***<\/p>\n\n\n\n<p>M\u00e4rchen f\u00fcr den Montag &#8211; <a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=1624\">Wie einer auszog, das Gute und Sch\u00f6ne zu suchen<\/a><br>&#8230; f\u00fcr den Dienstag &#8211; <a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=1627\">M\u00e4rchen in der M\u00fcllerstra\u00dfe<\/a><br>&#8230; f\u00fcr den Mittwoch &#8211; <a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=1630\">Prinz, Prinzessin und B\u00e4r<\/a><br>&#8230; f\u00fcr den Donnerstag &#8211; <a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=1632\">Philosophie einer Liebe<\/a><br>&#8230; f\u00fcr den Freitag &#8211; <a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=1634\">Wie M\u00e4rchenbriefe gewechselt werden<\/a><br>&#8230; f\u00fcr den Sonnabend &#8211; <a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=1636\">Der B\u00e4r kann auch gut sein<\/a><br>.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>*** Aus dem Tagebuch eines Schutzengels *** Liebe Sonntagskinder! 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