{"id":1903,"date":"2023-05-17T16:45:30","date_gmt":"2023-05-17T16:45:30","guid":{"rendered":"https:\/\/peterpodehl.com\/?page_id=1903"},"modified":"2023-10-21T04:48:33","modified_gmt":"2023-10-21T04:48:33","slug":"henriette-gusic-claudias-klappentex","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/webaid.it\/?page_id=1903","title":{"rendered":"Henriette Gusi\u010d &#8211; Claudias Klappentex"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-text-align-center\">***<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><strong>Claudias Klappentext zu Henriette Gusi\u010d<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Aus dem Theaterleben von Peter und Charlotte im <a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=1860\">Weimar<\/a> der ersten Nachkriegsjahre. <\/p>\n\n\n\n<p>Charlotte erlebt den H\u00f6hepunkt ihrer Schauspielkarriere, spielt alle damals aktuellen Frauenrollen, erntet gro\u00dfen Beifall, Szenenapplaus, traumhafter Erfolg, Standing Ovations (den Begriff gab&#8217;s im sozialistischen Deutschland nat\u00fcrlich nicht). Sie steht mit vollem Einsatz auf der B\u00fchne, gibt alles.  <\/p>\n\n\n\n<p>Wie sich die &#8220;sonderbare Karriere der Henriette Gusi\u010d&#8221; entwickelt, ist Charlottes Realit\u00e4t abgeschaut, die Peter damals hautnah miterlebte. Nur wird die ganze Geschichte nach Bucarest verlegt, und die M\u00e4nner um sie herum haben mit Peter wenig zu tun. <\/p>\n\n\n\n<p>Thema: Die Schauspielerin, die ihre Muttersprache verliert. In einer anderen Sprache weitermachen? Geht nicht. Erinnert an das Malverbot. Wie viele K\u00fcnstler haben sich den diktatorischen Vorgaben angepasst, nur um weiter kreativ sein zu d\u00fcrfen? <\/p>\n\n\n\n<p>Es geht also um den Wandel im Leben einer Vollblutschauspielerin, die mit der Macht konfrontiert wird, deren Philosophie sie bejaht, die aber ins Totalit\u00e4re abwandert, und damit in die grenzenlose Dummheit, Geschmacklosigkeit, Undifferenziertheit, Herzlosigkeit, Grobheit und zuletzt auch Gewalt, all dem sie sich und ihre Schauspielkunst nicht beugen will. Und auch gar nicht kann. Denn dann w\u00e4re es ja keine Kunst mehr, sondern stillose Heuchelei.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Symptom? Ich kann den Text nicht auswendig lernen. Der geht einfach nicht rein. Und kommt dementsprechend auch nicht raus. Na sowas? Wieso denn? Die gro\u00dfe Primadonna kann das nicht?<\/p>\n\n\n\n<p>Charlotte, meine Mutter, gab auf, wurde umbesetzt und wenig sp\u00e4ter gingen wir alle vier von Weimar fort. Thomas war 9 Jahre alt, ich zwei. Das war 1951. Sie h\u00e4tte die vorbildlich moskautreue Tochter des abtr\u00fcnnigen jugoslawischen Regierungschefs Tito spielen sollen. Die Phrasendrescherei fand in ihrem Herzen und ihrer Seele keinen Ankerpunkt.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie hat ein Leben lang nicht aufgeh\u00f6rt, Theater zu spielen, zu hause. Verpackte all ihr Sein in den effektvollen Schein, spontan, temperamentvoll, z\u00e4rtlich, w\u00fctend, m\u00fctterlich fordernd, witzig, weinerlich, l\u00e4cherlich, aufbrausend, desinteressiert, verzweifelt, weihnachtlich, tragisch, gem\u00fctlich, kratzig, fr\u00fchlinghaft, grotesk,&nbsp;nie langweilig. Die Blitze, die die Souffleuse und die Kost\u00fcmbildnerin von der Gusi\u010d abbekommen, trafen uns alle, sie kannte keine Kompromisse, entweder du kannst es, dann zeig\u2018s, oder du kannst es nicht, dann verschwinde. In Peters phantasievolle H\u00f6henfl\u00fcge konnte sie sich wunderbar einschwingen, flog mit ihm noch h\u00f6her und \u00fcbte haarscharfe Kritik an den Schwachstellen seiner phantastischen Arbeiten. Lernprozesse, Abwarten, Geduld gar! gab es f\u00fcr sie nicht, es gab nur das Jetzt, das, was ich momentan spiele, voll und ganz, Maria Stuart darf nicht wissen, dass sie sterben wird. Und ihr sollt alle applaudieren, ich will eure Emotionen sch\u00fcren,&nbsp;erhitzen und abk\u00fchlen, kitzeln und mit Balsam beruhigen, so aufbrausen, dass ihr mich am Ende alle anjubelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Einmal erz\u00e4hlte sie mir stolz, Peter habe einen alten Kollegen getroffen, der Baukl\u00f6tzer staunte, als er erfuhr, dass er mit \u201eder Ulbrich\u201c verheiratet war: Waaas? Mit der?? Na, die war ja toll! Die hat ja alle an die Wand gespielt!!!! Dazu die entsprechende Ellbogengeste.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich war die Kleinste, habe ihr Theaterleben nicht erlebt, verstand sie nicht, widersetzte mich der emotionalen Unordnung im Hause, und je gr\u00f6\u00dfer ich wurde, desto unerquicklicher empfand ich das An-die-Wand-gespielt-Werden, weshalb ich dann, noch nicht wissend, was ich mit meinem Leben anfangen wollte, weit wegging, nach Rom.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Charlotte nach unendlich vielen Jahren wieder vor einem echten Publikum auftrat, war ich dabei. Meine Kinder waren schon einigerma\u00dfen unabh\u00e4ngig und ich war aus beruflichen Gr\u00fcnden in M\u00fcnchen. Da sollte es in einem winzigen Theaterchen den \u201e<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=pTedeoXNDW4&amp;t=11s\">Zitatenpudding<\/a>\u201c geben. Am Abend davor hatte Charlotte schauerliche Angst, der sie heftigst Ausdruck verlieh, st\u00f6hnte: heute nacht sterbe ich. Solche S\u00e4tze brachten mich, die Realistin, innerlich auf die Palme. Warum soll sie denn jetzt gleich sterben?! Peter nahm&#8217;s mit seinem \u00fcblichen Gleichmut: Ach Charlotte, was du da so sagst. <br>Die Zuschauer im Off-Off-Theater sollten eigentlich den Autor der Zitate erraten, die Charlotte las, wozu Peter dann mit einigen Informationen Ratehilfe leistete. Dann merkte ich, wie das Publikum langsam gar nicht mehr daran interessiert war, Lorbeeren durch Erraten zu ernten, sondern nur noch lauschte, wenn Charlotte die Zitate las. Bitte noch mal! Ja, noch mal! Und dann wartete man gespannt. Charlotte wusste solche Momente mit wohlbemessenen knisternden Pausen zu f\u00fcllen, bis sie anhob \u2026 und das Zitat wiederholte. Es war so unglaublich still im Zuschauerraum, dass man die Luft mit einem Messer h\u00e4tte schneiden k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Klavierspielen konnte sie nicht, kochen aber durchaus. Ihre erste Flucht aus dem Theater \u2013 vor den Nazis &#8211;&nbsp;f\u00fchrte sie in die durchaus erw\u00fcnschte Rolle der Gattin Ottos, eines angesehenen Arztes, weshalb sie eine Hauswirtschaftsschule auf einem Schloss besuchte. Das Wort &#8220;Schloss&#8221; war das wichtigste, wenn sie davon berichtete. Ich liebte die Pflaumenkn\u00f6del mit Zimt und Zucker, meine T\u00f6chter ihre Eierkuchen, meine Neffen die Kartoffelpuffer, und wenn alte Verehrer bei uns in der Aretinstra\u00dfe auftauchten, die sie auf den weltbedeutenden Brettern erlebt hatten,&nbsp; und nun mit K\u00f6nigsberger Klopsen im Gaumen verwundert feststellten, dass sie ja doch kochen konnte, dann lief der Klops Gefahr, dort stecken zu bleiben, denn sie konterte nebens\u00e4chlich dahins\u00e4uselnd: \u201eAch, wei\u00dft du, kochen? Das ist nur einfach eine Frage der Intelligenz!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\">\u00a9 Claudia Podehl<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=1908\">Henriette Gusi\u010d &#8211; Teil 1<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=2303\">Henriette Gusi\u010d &#8211; Teil 2<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=1860\">Lotte in Weimar<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><em>Meiner Hom\u00f6opatin Antonita gewidmet, deren weise K\u00fcgelchengemische solch kontradiktorischen Zeilen zum Flie\u00dfen verholfen haben. In meinem Stehaufm\u00e4dchenleben hatte ich meterdicken Ballast aufgebaut, um bestehen zu k\u00f6nnen und auch ausfahrbare Standbeine. Den Einziehmechanismus wieder in Gang bringen, ist m\u00fchevolle, lebenswichtige Erwachsenenarbeit. Und ich entdecke das unsichere Vergn\u00fcgen, motu proprio zu schaukeln.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Dedicata ad Antonita, la mia omeopata che, con i suoi globuli in combinazione ben ponderata, ha disinnescato il flusso contraddittorio delle mie righe. La mia esistenza di bimba misirizzi richiedeva abbondante zavorra per restare in equilibrio, e anche delle gambe d\u2019appoggio estraibili. Riattivare il meccanismo di retrazione \u00e8 fatica dura ma vitale. Sto scoprendo l&#8217;incerto piacere di dondolare motu proprio.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>*** Claudias Klappentext zu Henriette Gusi\u010d Aus dem Theaterleben von Peter und Charlotte im Weimar der ersten Nachkriegsjahre. Charlotte erlebt den H\u00f6hepunkt ihrer Schauspielkarriere, spielt alle damals aktuellen Frauenrollen, erntet gro\u00dfen Beifall, Szenenapplaus, traumhafter Erfolg, Standing Ovations (den Begriff gab&#8217;s im sozialistischen Deutschland nat\u00fcrlich nicht). 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