{"id":1908,"date":"2023-05-22T17:42:40","date_gmt":"2023-05-22T17:42:40","guid":{"rendered":"https:\/\/peterpodehl.com\/?page_id=1908"},"modified":"2023-10-21T04:44:16","modified_gmt":"2023-10-21T04:44:16","slug":"henriette-gusic-teil-1","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/webaid.it\/?page_id=1908","title":{"rendered":"Henriette Gusi\u010d &#8211; Teil 1"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-text-align-center\">***<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><strong>Henriette Gusi\u010d<\/strong> <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">von<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><strong>Peter Podehl<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>Als bei der Aufl\u00f6sung des Fl\u00fcchtlingslagers Hohentwil im Herbst des Jahres 1952 die gro\u00dfe Mittelbaracke abgerissen wurde, fand ein Arbeiter hinter einem der Holzbetten festgeklemmt ein sehr verstaubtes ledergebundenes Buch.&nbsp;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; In goldenen Lettern und in kyrillischer Schrift stand darauf MEIN KOCHBUCH. Die Sprache erwies sich als Bulgarisch. Es enthielt keinerlei Rezepte, sondern in gerader, sehr sympathischer Handschrift ein Tagebuch aus dem kommunistischen Bulgarien. Dort diente der irref\u00fchrende Aufdruck gewiss oft zur willkommenen Tarnung der Eintragungen. Es lie\u00df sich nicht \u2013 auch von Experten nicht \u2013 feststellen, ob das Buch im Lager vergessen oder vielleicht mit der Absicht versteckt worden war, dass es eines Tages in fremde H\u00e4nde falle oder gar ver\u00f6ffentlicht werde.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Der Titel ist eine ironische und zugleich tief dem\u00fctige Erfindung der Verfasserin selbst. Auf der ersten Seite des Buches stehen in recht fl\u00fcchtiger Bleistiftschrift die Worte<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; DIE SELTSAME KARRIERE DER<\/p>\n\n\n\n<p><em>und darunter mit Tinte und offensichtlich viel fr\u00fcher in angestrengter Sch\u00fclerinnenhandschrift geschrieben der Name&nbsp;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; HENRIETTE&nbsp; GUSI\u010c<\/p>\n\n\n\n<p><em>Sie selbst gibt dazu am Ende ihres Tagebuches eine Erkl\u00e4rung.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">o o o<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">o o<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">o<\/p>\n\n\n\n<p><em>Sofia, am Mittwoch, den 14.9.1947<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Man nehme?\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Nein, ich bin \u00fcberhaupt nicht der Typ, der Rezepte sammelt oder gar aufschreibt. Das Buch habe ich zu meinem 14. Geburtstag von meiner Tante Jelana bekommen. Ich erinnere mich, dass ich sehr stolz war und fest entschlossen, es ordentlich zu f\u00fcllen mit den Rezepten zu den wunderbarsten, schmackhaftesten Gerichten der bulgarischen K\u00fcche. Ich tr\u00e4umte ziemlich b\u00fcrgerlich von einer Familie mit vielen Kindern. Ich trug Z\u00f6pfe.<\/p>\n\n\n\n<p>Dazu passt der tiefschmerzliche Anlass, dieses Tagebuch zu beginnen: Gestern hat mir der Gyn\u00e4kologe gesagt, dass ich keine Kinder mehr kriegen werde. Klingt, als h\u00e4tte ich schon viele. Nein, ich habe keine Kinder. Ich muss weiter verh\u00fcten, denn eine Schwangerschaft w\u00e4re mit h\u00f6chst gef\u00e4hrlichen, ja, lebensgef\u00e4hrlichen Risiken verbunden. Wer muss verh\u00fcten? Doch der Mann!<\/p>\n\n\n\n<p>Lange, sehr lange habe ich am K\u00fcchentisch gesessen, der Kopf hing herunter, die Augen waren geschlossen. Nein, nicht geweint, eher vertrocknet. Der Gedanke, nicht mehr leben zu wollen, kam und ging, zeitweise sehr intensiv. Froh war ich, dass Jon nicht klingelte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ach, da sind diese wohlfeilen, schnellen Beschwichtigungen: Du bist eben eine K\u00fcnstlerin, du brauchst gar keine Kinder, lebe dein Leben, erfreue die vielen Menschen mit deiner Kunst, mache sie lachen und weinen, sei nicht so uners\u00e4ttlich, wolle nicht Alles. Geh mit Jon ins Bett, so oft du willst und basta. Warum kann ich nicht im Gro\u00dfmutteralter die Gro\u00dfmutter spielen, die ich nun nie und nimmer sein werde? Jaja, feine Beruhigungen, die samt und sonders ins Klo abst\u00fcrzen. Ich muss nur noch Wasser lassen. Aber sie verschwinden ja nicht. Und ist denn das Alles wirklich so absch\u00e4tzig wohlfeil? Kann ich nicht aufrecht stehen und gehen und diesen Packen tragen. Er ist nicht unertr\u00e4glich. Klingt wunderbar, ist Schei\u00dfe. Selbstmord bleibt angesagt. Das einfach so hinzuschreiben\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Kochen? Nein, kann ich nicht, will ich nicht. Muss jeder Mann sich mit abfinden. Ich esse in der Theaterkantine einigerma\u00dfen preiswert, nicht sehr gut, oder im Hotel Majestic, sehr teuer, sehr gut.<\/p>\n\n\n\n<p>Jon heiraten? Nicht doch. Er ist kein Mann. In meinen Augen. Es geht mir sehr gut mit ihm, wenn er mich streckenweise in Ruhe l\u00e4sst, streckenweise auch sehr lange. Er akzeptiert meine diesbez\u00fcglichen W\u00fcnsche. Es ist bezeichnend, wie wir zusammenkamen: Er \u00fcbert\u00f6lpelte mich mit einer seiner kleinen Sottisen: Er f\u00fchrte Regie in einer Inszenierung, in der ich einen Kerl zu verf\u00fchren hatte. Jon fand das bis dahin zu trocken, zu blass, zu langweilig, zu provinziell, \u2013 pl\u00f6tzlich sagte er: \u201eM\u00e4dchen, lass den Scho\u00df dampfen.\u201c Das traf die Situation so pr\u00e4zise, dass wir erst sehr viel sp\u00e4ter dar\u00fcber lachten und zusammenkamen.<\/p>\n\n\n\n<p>Was fehlt ihm eigentlich zu einem Mann, den ich heiraten k\u00f6nnte? Er ist fast sieben Jahre j\u00fcnger als ich. Aber das ist es nicht. Wenn er v\u00e4terlicher w\u00e4re. Was soll denn das f\u00fcr ein Einwurf sein? V\u00e4terlicher zu mir, das J\u00fcngelchen? Halt! Mit so einer Titulierung tue ich ihm Unrecht, ihm und unserer Beziehung. Aber das ist mir ja in die Feder geschl\u00fcpft, muss ja vorhanden sein in irgendeinem Seelenk\u00e4mmerlein an der Peripherie. Sehnsucht nach einem Mann, zur\u00fcckhaltend, leidenschaftlich, provozierend, sanft, klug, witzig \u2013 Heiratsannonce. Ich bin nun mehr denn je ans Theater gefesselt, der Traum von der Familie fing schon vor ein paar Jahren an zu verblassen. Nun ist er gestorben.<\/p>\n\n\n\n<p>Jon kann wunderbar sein. Er ist ein ganz erstaunliches Regietalent, fast immer pr\u00e4sentiert er Erfolge, manchmal auch schrecklichen Mist. Aber eher, wenn ich nicht mitspiele. Er ist nicht immer ganz lupenrein, wenn es um den sozialistischen Realismus geht. Wir sprechen sehr wenig \u00fcber Politik, schon gar nicht \u00fcber Kulturpolitik, obwohl es genug Anlass g\u00e4be. Wir reden, manchmal stundenlang, \u00fcber Theater und Theaterkunst. Getrennte Wohnungen, und das soll so bleiben. Er arbeitet mit hoher Konzentration und gro\u00dfem Flei\u00df an seinen Regieb\u00fcchern. Ich lerne Texte, das passt nicht zusammen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich muss ins Bett. Morgen Generalprobe: Widerspenstige, ein mir seit jeher fragw\u00fcrdiges St\u00fcck von Shakespeare. Aber Jon hat es hinrei\u00dfend inszeniert. Die Hauptprobe heute lief wider Erwarten gut. Es ist wohl der letzte Zeitpunkt, dass ich noch dieses K\u00e4tchen spielen kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Sofia, am Donnerstag, den 15.9. 1947<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Sehr erm\u00fcdende Generalprobe. Es gab viele technische Pannen, v\u00f6llig unerwartete. Jon sprach gar von Sabotage. Aber nur mir gegen\u00fcber. Der Intendant war mit der Musik nicht einverstanden. Das sind diese Sachen, die man wirklich fr\u00fcher besprechen kann. Naja, der alte Theateraberglaube m\u00f6ge bestehen bleiben: Wacklige Generalprobe, gro\u00dfer Premierenerfolg. Ich h\u00e4tte so sehr gerne z\u00fcgig durchgeprobt. K\u00e4tchen ist heikel. Nirgendwo steht, was dieses M\u00e4dchen veranlasst, den doch an der Grenze zum Widerlichen operierenden Petruchio zu lieben, was? Morgen ist Premiere \u2013 und ich wei\u00df es nicht. Und wo kommt dieser Umschwung zum m\u00e4nneranbetenden Weib her, woher? Nun ja, ich habe genug Rauschegold in meiner Seele, um das morgen bravour\u00f6s zu spielen. Jon ist ausgewichen, wenn ich ihn danach gefragt habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Er hat das Skakespearsche Manko, dass die schlimme, hinrei\u00dfend sch\u00f6ne Trauungsszene nicht gespielt, sondern als Botenbericht erz\u00e4hlt wird, sehr am\u00fcsant ausgeglichen, indem er sie parallel zur Erz\u00e4hlung als Pantomime in Szene gesetzt hat. Es ist kein gutes Lustspiel. Wer bin ich, den alten William so madig zu machen? Eine Schauspielerin, die immer Fressen sucht, Beute, ich brauche Futter, das ich verschlingen kann. K\u00e4tchen wird aus einer gro\u00dfen M\u00e4nnerver\u00e4chterin zu einer gro\u00dfen M\u00e4nneranbeterin. Wieso? Lass das Fragen, spiele! Jaja, schon gut, mach ich ja!<\/p>\n\n\n\n<p>Der Chef probt am Gro\u00dfen Haus einen ziemlich entsetzlichen Propagandaschinken. H\u00f6rt man so durchs Haus schwirren. Ich meine: dass er entsetzlich ist. Ich glaube, er war froh, heute zu unserer Generalprobe zu m\u00fcssen und an der Musik rumm\u00e4keln zu d\u00fcrfen. Ich will den Chef hoch loben und tief den Hut vor ihm ziehen: ich werde mit solchen Propagandaschinken weitestgehend verschont. Da spielt immer die Slanska, die in der Partei ist, die Hauptrollen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir alle sind kommunistenfreundlich, weil wir uns nicht vorstellen k\u00f6nnen, dass nur das Geld die Welt regiert, der Kapitalismus hat abgewirtschaftet. Wir alle sind mehr oder weniger regimekritisch, weil so viel riesiger Unsinn verzapft wird. Die Gerechtigkeit ist bei den Kommunisten nicht mehr in guten H\u00e4nden. In der Sekunde, in der sie absolute Anspr\u00fcche stellen, verraten sie ihre Idee auf das Sch\u00e4ndlichste. Eine Schauspielerin sucht immer den Dialog, auch in der Politik. Findet sie keinen, steht sie mutterseelenallein in der W\u00fcste. Ja, die Politik beschweigen \u2013 das geht ziemlich lange sehr gut. M\u00f6ge es so bleiben!<\/p>\n\n\n\n<p>Ich muss ins Bett. Wir machen morgen fr\u00fch noch die bekannte \u2013 ich wei\u00df gar nicht, wie bekannt die ist \u2013 Durchsprechprobe. Da wird der Text ganz locker runtergebrabbelt, Jon gibt noch ein paar letzte Hinweise. Wer will, kann auch ganz normal proben. Wer will \u2013 mancher kann das gar nicht: Text wegquatschen. Und dann bitte \u00fcberhaupt nicht mehr an die Widerspenstige denken. Und sie am Abend wunderbar spielen\u2026<\/p>\n\n\n\n<p><em>Sofia, am Freitag, den 16.9.1947<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe im Publikum eine sehr sehr gro\u00dfe begeisterte Anbetungsgemeinde. Sie haben mir heute wieder ihre Liebe in lautstarken Beifallsorgien und Ovationen zu F\u00fc\u00dfen gelegt. Man nennt das einen rauschenden Erfolg. Die Menschen haben in diesem Land wenig zum Anbeten. Sie haben mit einem garstigen Alltag zu k\u00e4mpfen, auch mit Hunger und mit der K\u00e4lte im Winter. Sie str\u00f6men ins Theater, wo sie eine Nahrung aus lauter Wundern bekommen. Und die soll satt machen? Ja! Nicht den Magen, den nat\u00fcrlich nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin ziemlich fest davon \u00fcberzeugt, dass es in Amerika und England, auch Frankreich eine neue Literatur gibt, vielleicht auch in Deutschland, von der wir keine Ahnung haben. Die wird von offizieller Seite kaum zur Kenntnis genommen, das wird als dekadentes Zeug abgetan. Was nat\u00fcrlich ein Unding ist. Stimmt nicht so ganz genau, franz\u00f6sische Kommunisten sind nat\u00fcrlich sehr willkommen, gibt da dieses Allgemeinwort \u201aFortschrittlich\u2018. Aber bis sowas unsere B\u00fchnen erreicht \u2013 da vergehen Jahre. Ich w\u00e4re neugierig, dergleichen zu lesen und zu spielen. M\u00fcsste ja aber erst mal ins Bulgarische \u00fcbersetzt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Durchlaufprobe soll leben. Dieser v\u00f6llig unverkrampfte Umgang mit dem Text weckt an manchen Stellen noch neue Impulse der Gestaltung. Klingt pathetisch, ist gar nicht so gemeint. Wir haben auch viel gelacht. Bis ich schon Angst kriegte, wir k\u00f6nnten zu leichtherzig werden. Was Jon unter anderem auszeichnet: Er inszeniert interpretatorisch, dem Zuschauer zum Vergn\u00fcgen, er nimmt ihn an der Hand. Es gibt also keinerlei Verstehensschwierigkeiten. Die Leute m\u00fcssen sich nicht den Kopf zerbrechen \u00fcber intellektuelle Einf\u00e4lle, was die denn bedeuten k\u00f6nnten. Wer ruft da \u201ageheimnislos\u2018? Quatsch! Selbst wenn es \u00fcberkandidelte Einf\u00e4lle sind \u2013 sie folgen einsehbaren Mustern.<\/p>\n\n\n\n<p>Premierenfeier in der Hochhausbar im Majestic. Zuerst meine L\u00fcge: Ich mag diese Feiern nicht. Sodann meine Wahrheit: Es ist doch wunderbar, gefeiert zu werden und zu feiern. Mit der L\u00fcge gehe ich gerne hausieren, die Wahrheit wei\u00df eigentlich nur Jon. Auf so einer Feier mehr oder weniger alle Kollegen, aber auch viel Volk, sofern es sich die Preise im Majestic leisten kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch ein letzter Applaus, wenn ich den kleinen Saal betrete. Nicht wahr, die Frau Hauptdarstellerin muss doch erst aus dem Kost\u00fcm raus und sich abschminken und ein bisschen verschnaufen. Sie kommt, wenn alle anderen schon da sind. Macht sich doch gut, so durch ein wusliges Spalier bewundernder Menschen zu gehen. Zweifel, ob ich dergleichen aufschreiben soll.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich hab auch getanzt. Unter anderem mit einem sehr gut aussehenden Mann, angegrautes Haar, Blitzeaugen, schlank, alles andere als ein Prolet. Ich f\u00fchlte vor dem Tanz seinen Blick mehr als einmal auf meiner nackten Schulter. Sehr behutsam begannen wir beim Tanzen, \u00fcber Politik zu sprechen, ein Freund und Verteidiger des Regimes ist er jedenfalls nicht, aber vorsichtig. Er gab sich nicht zu erkennen, was eigentlich zum Guten Ton geh\u00f6rt h\u00e4tte. Unser Tanz war sehr kurz.<\/p>\n\n\n\n<p>Ist denn Jon wahnsinnig geworden? Pl\u00f6tzlich eifers\u00fcchtig, das kann er doch nicht machen! Er n\u00e4hert sich uns Tanzenden und klatscht ein wenig in die H\u00e4nde und schon fasst er mich zum Weitertanzen. Er erreicht das Gegenteil von dem, was er eigentlich will: Nun habe ich Sehnsucht nach meinem unbekannten T\u00e4nzer. Ich m\u00f6chte ihn gerne wiedersehen. Wo ist er? Weggegangen, ziemlich ostentativ, als dieser Kubelik, unser neuer Chefdramaturg, eine saubl\u00f6de Rede h\u00e4lt, des Inhalts, dass die Widerspenstige ein St\u00fcck des sozialistischen Realismus sei. Das habe Jon mit seiner Inszenierung bewiesen. Gro\u00dfe Elogen Kubeliks f\u00fcr mich, die mir aber eher wehtaten. Mittendrin ruft mein T\u00e4nzer unziemlich laut: \u201eZahlen!\u201c und verschwindet, ohne noch einmal Blickkontakt mit mir zu suchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Kubelik wurde sp\u00e4ter in einem Gespr\u00e4ch ziemlich massiv und mir sehr unangenehm: \u201eAuf der Liste der Kandidaten zum Parteieintritt, die ich sehr gut kenne, vermisse ich Ihren Namen.\u201c Was sollte ich sagen? \u201eEine mehr oder weniger, Genosse Kubelik. Ich denke, man kennt meine Sympathie f\u00fcr die Weltanschauung.\u201c \u2013 \u201eAls ob es um Sympathie und Weltanschauung geht. Ich werbe um Ihre Liebe f\u00fcr die Partei, wie Petruchio um K\u00e4tchen. Wenn Sie dazugeh\u00f6ren, dann bekennen Sie sich auch zu uns.\u201c \u2013 \u201eIch wei\u00df nicht, ob diese Premierenfeier der richtige Ort f\u00fcr dergleichen unsittliche Antr\u00e4ge ist. Ich zweifle sehr.\u201c \u2013 \u201eVerehrte Henriette &nbsp;Gusi\u010d, das Wort von den unsittlichen Antr\u00e4gen kann doch nur ein Scherz sein.\u201c \u2013 \u201eEin Scherz, ja, ein unsittlicher, dem Sekt geschuldet. Jon, tanzt du nochmal mit mir?\u201c Jon wirbelte mich auf die Tanzfl\u00e4che und aus den F\u00e4ngen dieses Kubelik. Dessen direkte Tour war mir h\u00f6chst unangenehm. Es war das erste Mal, dass ich so \u2013 ja: unsittlich angegangen worden bin. Ich sah das Wei\u00dfe im Auge des Feindes, sei wachsam, Henriette. Ob \u201aFeind\u2018 das richtige Wort ist \u2013 ja, es ist richtig!. Die Sehnsucht nach meinem ersten, unbekannten T\u00e4nzer wurde hei\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich am Tisch des Intendanten Slatan vorbeiging, hielt er mich am Arm fest und zog mich auf einen Stuhl neben seinem: \u201eHenriette &nbsp;Gusi\u010d, ich bin eifers\u00fcchtig auf Ihren Jon, dass er eine so wunderbare Widerspenstige mit Ihnen machen konnte. Ein Diamant liegt auf unserer B\u00fchne, ein Diamant mehr. Nicht zu sagen, wie gerne ich das mit Ihnen inszeniert h\u00e4tte.\u201c Ich sagte, nicht eben geschickt: \u201eStattdessen plagen Sie sich ab mit -\u201c Er unterbrach: \u201eReden wir nicht dar\u00fcber. Und lassen wir das Wort \u201aplagen\u2018 aus. Ich inszeniere, hatte schon bessere St\u00fccke unter meinen H\u00e4nden. Reden wir von der Stuart, die ich inszenieren will. Werden Sie meine schottische K\u00f6nigin? Bitte. Ich h\u00e4tte allerdings auch noch die Mirandolina anzubieten. Will ich auch inszenieren. Sie d\u00fcrfen w\u00e4hlen.\u201c \u2013 \u201eWelch hohe Ehre,\u201c sagte ich, \u201enein, lieber die schottische K\u00f6nigin. Die Mirandolina w\u00e4re nochmal so ein oberitalienisches M\u00e4dchen.\u201c \u2013 \u201eMirandolina ist zwar eine Frau in den besten Jahren, aber \u2013 also gut: Stuart, Schiller auf dem H\u00f6hepunkt seiner schriftstellerischen F\u00e4higkeiten. Ich freue mich.\u201c \u2013 \u201eUnd ich schlafe in dieser Nacht gut auf dem k\u00f6niglich schottischen Kissen\u2026\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Welch artige Konversation. Sie w\u00e4re wohl noch einige Zeit weitergegangen, wenn da nicht der Operettenbuffo gekommen w\u00e4re: \u201eHerr Intendant, eine Unterschrift, bitte.\u201c \u2013 \u201eGinge das nicht morgen im B\u00fcro?\u201c \u2013 \u201eNein, leider. Ich muss ja ganz fr\u00fch weg. Geht aber nicht ohne Ihre Unterschrift. Krankschreiben \u2013 Verzeihung, das macht ja der Arzt. Nein, Urlaub bitte, nur einen Tag, habe keine Proben, keine Vorstellung.\u201c \u2013 \u201eUrlaub zum Tingeln, nicht wahr?\u201c \u2013 \u201eIch sags wie es ist: Ja, zum Tingeln. Ihre verehrte Frau Gemahlin kommt ja auch mit. Wir singen \u201aDeine K\u00fcsse, die brennen so hei\u00df\u2018. Und hamstern Kartoffeln und Butter.\u201c Mensch, das war aber ganz sch\u00f6n dreist vor den Ohren Dritter. Aber wenn Frau Intendant mitsingt\u2026 Slatan zog den Kopf zwischen die Schultern und unterschrieb rasch.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich erz\u00e4hlte Jon nichts, weder vom ersten graumelierten T\u00e4nzer, noch von Kubeliks Gequatsche mit meinem Parteieintritt, nur die Sache mit dem S\u00e4nger-Urlaub sollte er wissen. Wir lachten sehr dar\u00fcber. Ich tanzte nochmal mit Kubelik, in aller Absichtlichkeit, ich wollte nochmal in den L\u00f6wenk\u00e4fig taumeln. Nein, es war keine Damenwahl angesagt. Ich wollte ausb\u00fcgeln. Ist mir, glaube ich, gelungen. Kubelik erwies sich als so miserabler T\u00e4nzer, dass ich ihn sehr bald mit einer Bemerkung \u00fcber seine politischen Qualit\u00e4ten, im Gegensatz zu den t\u00e4nzerischen, wieder am Tanzfl\u00e4chenrand abstellte. Ich plumpste in einen Sessel, nahm ein Glas Sekt, das mir nicht geh\u00f6rte, und strahlte alle, die da am Tisch sa\u00dfen, und die ich gar nicht kannte, an. Und sie hoben ihr Glas und strahlten zur\u00fcck. So ein L\u00e4cheln von der Gusi\u010d tut doch Wunder. Aus den Augen der Herren sprach die Eroberung der Widerspenstigen. Ich tue ihnen Unrecht. Sie lieben diese&nbsp; Gusi\u010d und achten die Rampe zwischen uns. Bitte, nichts daran \u00e4ndern. Schei\u00df auf die Partei! Der erste Satz in diesem Tagebuch, der nie das Licht der Welt erblicken darf. Ich werde es zu den anderen ungelesenen Kochb\u00fcchern in die K\u00fcche stellen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Sofia, am Samstag, den 17.9.1947<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ein Tag mit einem Dolchsto\u00df, fast so schlimm, wie die Gyn\u00e4kologen-Auskunft neulich.<\/p>\n\n\n\n<p>Erst kommt Jon heute fr\u00fch mit einem herrlichen Gladiolenstrau\u00df, den Brief in seiner Hand \u00fcbersehe ich. Er macht mir einen Heiratsantrag. Nein, das war nicht der Dolchsto\u00df, war doch eher zum Lachen. W\u00f6rtlich mein lieber Jon: \u201eWas ist? Wir sollten heiraten, oder?\u201c So wunderbar nebenbei. Mein Gott, wie viele Weiber w\u00fcrden jubeln, wenn sie so etwas von Jon gesagt kriegten. Ich juble nicht, wie dieses Tagebuch wei\u00df. Ich denke an seine gestrige kleine Eifersuchtsanwandlung. Ich frage nach dem Sinn einer Ehe mit ihm. Ich muss pl\u00f6tzlich die ganz \u00dcberlegene spielen. Nein, doch nicht spielen, sondern sein! Das gef\u00e4llt mir gar nicht. Ist denn nicht die Freiheit die St\u00e4rke unserer Bindung?&nbsp; Inklusive die leise schw\u00e4rende Angst, sie k\u00f6nnte jemals zerbrechen? \u201eJon, wie soll ich dir antworten, ohne dich schrecklich zu kr\u00e4nken? Ja, ich liebe dich, unver\u00e4ndert, dich und deine herrliche Kreativit\u00e4t. Nein, ich will nicht heiraten, dich&nbsp; nicht und keinen anderen. Wir haben doch hier unser kleines privates Geschlechtsnest und kucken aus dem Fenster \u00fcber die Stadt. Was ver\u00e4ndert sich, wenn wir verheiratet aus dem Fenster schauen? Kinder darf es keine mehr geben. Also: Was solls? Ich muss die Blumen versorgen, die herrlichen Gladiolen. Danke.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Dolchsto\u00df?: Ein anonymer Brief. Die Gladiolen waren gar nicht von Jon, sondern lagen samt Brief vor meiner Wohnungst\u00fcr. Der Brief eine einzige Anklage gegen mich und&nbsp; \u2013 ja, was? mein Schweigen zu den Folterungen im Keller im Haus der Staatssicherheit zwei Stra\u00dfen weg vom Theater. Dort erpresse man Gest\u00e4ndnisse und Denunziationen. Mein Schweigen zu den russischen Gulag-Lagern in Sibirien, zu den zum Himmel schreienden Unrechtsprozessen in unserer bulgarischen Heimat.<\/p>\n\n\n\n<p>Oh, das war so b\u00f6se! Was war b\u00f6se? Ich spreche erst mal von dieser winzigen Hinterkopfstelle, wo die Anklage mir gerechtfertigt erschien. Ich kann sie nicht verdr\u00e4ngen, so gerne ich wollte. Ja, ich schweige, wo ich schreien m\u00fcsste. Damit muss ich leben, damit kann ich leben, das will ich nicht unter den Teppich kehren. Aber so ein Brief ist da ein sehr schmerzhafter Unfall! Da f\u00e4hrt mir einer mit dem Auto ans Bein, und ich liege hilflos auf dem K\u00fchler. Meine Emp\u00f6rung kochte gewaltig hoch. Was erlaubt sich dieser Kerl?! Es ist meine Sache, ganz allein meine Sache, wie ich zu unserem Unrechtsregime stehe. Er wirft mir vor, dass ich mit meiner Widerspenstigen die Leute lachen mache, die doch allesamt heulen m\u00fcssten. Das kann man mir doch nicht zum Vorwurf machen! Das ist doch meine Waffe gegen die Tristesse unseres Lebens! Da kann man doch nur Beifall klatschen! Das tut der Briefschreiber auch:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201aIhre Widerspenstige ist wunderbar, ich m\u00f6chte jetzt noch klatschen, wo ich zu Hause sitze und meine H\u00e4nde stattdessen an diesen Brief gefesselt sind. Oh Gott, darf ich den \u00fcberhaupt schreiben und absenden? Was zerst\u00f6re ich da vielleicht? Leider kann ich meine Emp\u00f6rung nicht z\u00fcgeln, sie will diesen Brief. Nein, er kommt nicht per Post zu Ihnen. Er liegt vor Ihrer T\u00fcr neben einem Strau\u00df blutroter Gladiolen, die ein Zeichen meiner gro\u00dfen Verehrung, ja Liebe f\u00fcr Sie sind. So komme ich wie ein Dieb in der Nacht in Ihr Haus. Dass ich um Lebens oder Sterbens Willen anonym bleiben muss, macht mich ganz krank, weh ums Herz. Vielleicht schaffe ich es, irgendwann in ein Gespr\u00e4ch mit Ihnen zu fliehen. Ich hoffe und setze auf die Kr\u00e4fte einer Zukunft in Freiheit.\u2018<\/p>\n\n\n\n<p>Wer schreibt sowas? Jon war es, der fragte, ob das nicht eine Frau sein k\u00f6nne. Na klar! Und zwar die Slanska, die neidische Kollegin, die in der Partei ist und widerliche Propaganda macht. Sie h\u00e4tte ganz gewiss gerne die Widerspenstige gespielt. Die Slanska ist eine ziemlich putendumme Person. Der Brief ist viel zu geistvoll, um von ihr zu sein. Nein, als wir heute morgen sprachen, war ich nicht so schnell bereit, die Slanska als m\u00f6gliche Briefschreiberin auszuschlie\u00dfen. Das tue ich jetzt, sp\u00e4t am Abend. Zu verlockend war heute fr\u00fch das Gef\u00fchl, die Schuldige dingfest gemacht zu haben: \u201eGanz klar, die Slanska!. Wer sonst? Sie will, dass ich strauchele, dass ich st\u00fcrze. Ganz sch\u00f6n frech, als Genossin so eine Zickigkeit auszubr\u00fcten. Stell dir mal vor, ich gebe den Brief der Kriminalpolizei. Sie fliegt hochkant aus der Partei, und ist weg vom Theater. Was nicht so furchtbar schade w\u00e4re.\u201c Was man so redet in der Erregung. Ja, ich war schrecklich erregt. Nach und nach verschwand die Slanska wieder aus unserer Suche nach m\u00f6glichen Briefverfassern.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDas \u201aa\u2018 springt ein bisschen hoch in der Schrift,\u2018 sagte Jon. \u201eDie Kriminalpolizei hat da schnellstens eine F\u00e4hrte.\u201c \u2013 \u201eDas machen wir nicht,\u201c sagte ich, \u201eich will nicht denunziert werden und ich will erst recht nicht denunzieren. Allerdings \u2013 nein, doch nicht. Die Neugier ist eben wahnsinnig gro\u00df, und man m\u00f6chte so einem Schreiberling die Meinung sagen und den dicken Sieger mimen. K\u00f6nnte man ja gar nicht, ohne politisch in lauter Fettn\u00e4pfchen zu treten.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Pl\u00f6tzlich sagte Jon, ob wir nicht doch heiraten sollten. Nein, ich will nicht, schon gar nicht, weil dieser Brief in mein Leben geschossen ist. Leider wurde ich w\u00fctend auf Jon. Wut in Sachen Liebe ist immer falsch! Naja, wei\u00df nicht, ob das stimmt, Wut kann ja auch ein gro\u00dfer Beweger sein. Wie auch immer: Bitte, die gro\u00dfe, die gr\u00f6\u00dfte Ungebundenheit. Weiterhin. Sie tut uns gut. Der moderne Mensch ist ein Einzeltier. Ich will jedenfalls ein einsamer Wolf sein. Das klingt ja vielleicht pathetisch und stimmt doch wohl nicht. Manchmal habe ich den Verdacht, dass ich Zeug rede, weil mir was fehlt. Sehr heikel. Tagebuch muss man wohl auch proben wie ein Theaterst\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann war ich allein mit dem Brief, Jon musste weg. Meist richtet er es so ein, dass ich die Priorit\u00e4t auf sein Vorhandensein habe. Aber das ging heute nicht. Ich bin dann gegangen und habe die Zeitungen gekauft. Aber ich habe sie bis jetzt, bis zum sp\u00e4ten Abend nicht gelesen. Ganz was Neues. Ich wei\u00df genau, dass sie mich in den Himmel loben. Jaja, liest man dennoch sehr gerne. Es geh\u00f6rt zu den gro\u00dfen Dummheiten der Schauspieler, wenn sie sich ihre Eitelkeiten nicht eingestehen. Davor will ich mein Tagebuch bewahren. Nein, ich habe bis jetzt wirklich nicht nachgelesen, dass meine Widerspenstige eine ungemein vollendete schauspielerische Leistung war, der Tradition ebenso verpflichtet wie dem Fortschritt\u2026 Bla-bla-bla\u2026 Bin ich zum Zeitungskauf gegangen, weil ich mit dem Brief nicht allein sein wollte? Ich ertappe mich bei sehr heiklen Fragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe den Brief im Laufe des Nachmittags noch dreimal gelesen, mit steigender Aufmerksamkeit. Wenn es ein Ende der Welt gibt, dann ist es sicher ein russisches Arbeitslager in Sibirien. Und weil es mein Beruf ist, habe ich keine allzu gro\u00dfen Schwierigkeiten, mich in einen solchen Gefangenen am Ende der Welt zu versetzen. F\u00fcr kurze Zeit, l\u00e4nger ist das nicht auszuhalten. Das gen\u00fcgt nicht? Nein, das gen\u00fcgt nicht. Woher nehmen diese Menschen ihren Lebenswillen? Warum nicht Selbstmord, Selbstmord, Selbstmord? Oft genug ist sicher ein Selbstmord das Schlusswort. Aber der Rest? Was geht da hinter den Stirnen vor? Oder haben sie nur Hunger? Sie tr\u00e4umen von zu Hause und hoffen, hoffen, hoffen, dass sie eines Tages wieder nach Hause kommen. Lauter einsame W\u00f6lfe, oder?<\/p>\n\n\n\n<p>Da ist einer in dieser gro\u00dfen Stadt, der m\u00f6chte mich heiraten, hat er heute zweimal gesagt. Und ich m\u00f6chte ihn nicht heiraten. Wohin f\u00fchrt das? Da gibt es doch keine Koordination. Ich habe ihn ausgelacht. Das war nicht gut! Beim ersten Mal habe ich gelacht, beim zweiten Mal bin ich w\u00fctend geworden. Erst recht nicht gut. Dass ers ausgesprochen hat, das machts so m\u00fchsam. Das kann er ja nie wieder ungeschehen machen, das steht jetzt zwischen uns, dar\u00fcber k\u00f6nnen wir sprechen oder schweigen. Ich habe mich bis heute ihm gegen\u00fcber nie dazu ge\u00e4u\u00dfert, dass ich ihn nicht heiraten will. Nun hat ers gesagt, dass er will. Nun musste ich sagen, dass ich nicht will.<\/p>\n\n\n\n<p>Tagebuch als Schlafmittel. Gute Nacht. Sehr fraglich, ob ich mit diesem Brief im Herzen schlafen kann\u2026<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Sofia, am Sonntag, den 18.9.1947<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe heute in der Kantine gegessen. Oft mache ich das nicht mehr. Das Essen ist einfach lieblos gekocht. Das Essen im Majestic zeigt doch, dass man besser kochen kann, auch mit dem wenigen, das zur Verf\u00fcgung steht. Naja, die im Majestic haben ziemlich sicher ausl\u00e4ndische Zulieferungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mir geht es gut. Der B\u00fchnenmeister hat sein Zuhause im landwirtschaftlichen Distrikt. Bei ihm kaufe ich schwarz ein. Seine Frau ist auch am Theater angestellt, als Kapo der Putztruppe. Sie macht auch bei mir sauber. Sie liefert mir die Schwarzmarktware ins Haus. Besser kann ich es nicht haben. Soll ich am Ende doch noch zu kochen anfangen? Nein. Das bisschen Fressen mal nicht so ernst nehmen. Wir verhungern schon nicht. Aber es gibt Landsleute, die leben am Rande des Hungers, ja, des Hungertodes. Nein, Herr anonymer Briefschreiber, das ist nicht ausgeblendet in meiner Seele. Jon kann wunderbare Omletts brutzeln. Ich kann gar nichts auf diesem Gebiet. Und so soll oder wird es bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe angefangen, die Maria Stuart zu lesen. Sch\u00f6ner, besser als die Widerspenstige. Ungerechter Quatsch! Schiller, wie immer, etwas m\u00fchsam zu lesen. Und das soll ich spielen? Immer, wenn man sowas vor sich hat und wei\u00df, dass man es auswendig lernen muss, kommt diese Phase, in der man v\u00f6llig ausschlie\u00dft, dass man die vorgegebene Rolle jemals spielen kann. Da brummt nur ganz entsetzlich der Kopf. Aber stets auch im Seelen-Untergrund eine s\u00fc\u00dfe Gewissheit, dass man das wunderbar spielen kann. Und wird. Mein Rauschegold wird mir schon helfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Kleiner Schreck \u00fcber mich selbst, dass der Brief so weit weggerutscht ist. Maria Stuart lesen und den Brief ausschalten. Als ob man ihn ausschalten k\u00f6nnte. Nein, er ist da, von einem Mann geschrieben, der mich liebt, den ich nicht wiederlieben kann, weil er mir den Boden unter den F\u00fc\u00dfen wegzieht. Und ich habe ja nicht die geringste Ahnung, wer er sein k\u00f6nnte. Da ist dato nur Emp\u00f6rung. Und, was gar nicht dazu passt, eine beachtliche Wurschtigkeit: Geht mich doch gar nichts an! Geht mich sehr wohl was an. Es gibt, wenn ich das einigerma\u00dfen richtig sp\u00fcre, eine kaum organisierte Opposition in diesem Land. Zu ihr m\u00fcsste ich geh\u00f6ren. Wieder ein Satz, der nicht ins Kochbuch geh\u00f6rt. Nicht weit dahinter winkt das Gef\u00e4ngnis. In unseren Gef\u00e4ngnissen geht es schrecklich zu. Man h\u00f6rt Dinge, die mich gefrieren lassen. Ich werde Alles tun, dass ich weit von ihnen meine Spuren ziehe. Weit, sehr weit, anonymer Briefschreiber, meine Begabung zu Opferrollen ist sehr sehr klein! Nach l\u00e4ngerem \u00dcberlegen habe ich den Brief in meine Handtasche gesteckt. Er ist ja hei\u00df wie Feuer.<\/p>\n\n\n\n<p>Man h\u00f6rt so in der Kantine viel Geraune, dass das mit dem Tendenzschinken, den der Chef inszeniert, gar nicht gut geht. Naja, nicht so direkt. Es herrscht miese Stimmung. Miese Stimmung hat im Theater nichts zu suchen. Nervosit\u00e4t, Krach, Schlussstriche, T\u00fcrenknallen, ja, alles, aber miese Stimmung \u2013 das ist bitter. Dem Himmel sei Dank, dass ich da nicht proben und spielen muss.<\/p>\n\n\n\n<p>Die zweite Vorstellung \u201aWiderspenstige\u2018 heute war die typischste zweite Vorstellung. Eine uralte Theaterweisheit: Wenn die Spannungen der Premiere weg sind, folgt die liebloseste Vorstellung, die man sich nur denken kann. Merkt kein Zuschauer. Das ist eine sehr fragw\u00fcrdige Feststellung. Sie k\u00f6nnten es vermutlich nicht definieren oder erkl\u00e4ren, aber sie merken es doch. Was ist es denn? Die Freude ist reduziert. Der Nastjan muss seinen Bus kriegen, also spielen wir etwas schneller. Er fehlt beim Verbeugen. Nun ja, man schminkt sich ab und geht nach Hause. Da wartet Jon mit einem Omlett. Aprikosenmarmelade von meiner Putzfrau. Was geht es uns gut! Der Blick \u00fcber die Lichter der Stadt. Die Liebe. Darf ich etwa nur Sex sagen?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Sofia, am Montag, den 19.9.1947<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Revolution im Theater. Noch nicht laut und ohne Guillotine. Die Putzfrau-Verbindung ist gro\u00dfartig. Die Situation im Theater ist es weniger. Sie hat mir erz\u00e4hlt, was sie wusste. Sie s\u00e4uberte das Foyer, als Kubelik drei Herren in dunklen Anz\u00fcgen und mit Hut auf dem Kopf im Foyer empfing. Sie kamen von der Stra\u00dfe und gingen sehr leise in den Zuschauerraum. Wahnsinnig komisch Marias Schilderung. Dieser Weg ist ungew\u00f6hnlich. Fachleute, auch politische gehen durch den B\u00fchneneingang. Meine Putzfrau schlich hinterher. Die M\u00e4nner setzten sich. Der erste nahm den Hut ab und stie\u00df den anderen an. Da nahm der auch den Hut ab und stie\u00df den dritten an. Da nahm auch der den Hut ab. Das waren eindeutig keine Kulturbonzen, sondern ziemlich hohe Politbeamte. &nbsp;Slatan drehte sich unwillig zu ihnen um. Kubelik posaunte: \u201eGenosse Slatan, lassen Sie sich nicht st\u00f6ren. Die Herren sind vom Politb\u00fcro. Erlauben Sie uns, ein wenig zuzuschauen.\u201c Ja, das Du-Sagen ist eigentlich unter Genossen obligatorisch. Aber zum Boss sagt man doch lieber Genosse und Sie.<\/p>\n\n\n\n<p>Damit war die Probe nat\u00fcrlich empfindlich gest\u00f6rt. Slatan wurde nerv\u00f6s, ahnte wahrscheinlich schon m\u00f6gliche Konsequenzen. Mit sehr ungehaltener Stimme korrigierte er seine Schauspieler. Die Slanska hatte einen gro\u00dfen Br\u00fcllauftritt, unterbrach sich selber und fing nochmal von vorne an, was Slatan heftig monierte. Die Slanska probte dann weiter. Maria machte sie sehr komisch nach, mit riesigen Gesten und unverst\u00e4ndlichen Tiraden. Ich musste sehr lachen. Kubelik unterhielt sich mit den drei Herren, offenbar unterbreitete er ihnen seine kritische Haltung zu der ganzen Inszenierung. Die Herren stimmten zu, stellten Fragen, immer lauter, bis Slatan sich umdrehte und sehr nobel sagte: \u201eMeine Herren Genossen, es ist uns eine gro\u00dfe Ehre, dass Sie unserer Probe beiwohnen. Aber bitte, seien Sie leise und st\u00f6ren Sie nicht die Genossin Slanska bei ihrem gro\u00dfen Auftritt. Sollten Sie irgendwelche Fragen haben, stehe ich nachher selbstverst\u00e4ndlich ganz zu Ihrer Verf\u00fcgung.\u201c Maria bestand darauf, dass er \u201aMeine Herren Genossen\u2018 gesagt hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Weile ging das so weiter. Ich erfuhr ein bisschen was vom Inhalt des St\u00fcckes, in der Interpretation meiner Putzfrau, die nat\u00fcrlich im Theater nicht weiter putzte, sondern das Geschehen verfolgte und mir br\u00fchwarm erz\u00e4hlte. Es klang Alles nicht gut. Allererste Ahnungen, dass mich das auch betreffen k\u00f6nnte, stiegen in mir auf, wurden aber in der Seele zun\u00e4chst geschickt runtergeteckelt. Nein, das geht Slatan an und die Slanska, mich doch nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann verlie\u00dfen Kubelik und die drei Herren den Zuschauerraum. Die H\u00fcte setzten sie noch im Zuschauerraum auf. Maria schwankte, ob sie die Probe weiter verfolgen, oder wieder ins Foyer gehen sollte. Sie ging raus und wienerte den Marmorboden und h\u00f6rte mit spitzen Ohren bei dauerndem Kopfnicken der behuteten Bonzen etwa Folgendes: Premiere verschieben, Kubelik \u00fcbernimmt die Regie, die M\u00f6glichkeit, Slatan als Intendanten abzusetzen, wird erwogen. Und es fiel, so schw\u00f6rt Maria, leise gefl\u00fcstert mein Name: Henriette &nbsp;Gusi\u010d.<\/p>\n\n\n\n<p>Nein, ich will jetzt noch nicht alle Konsequenzen bedenken, ich will ins Bett. Gute Nacht. Sehr fraglich, dass die Nacht gut wird. Jon w\u00e4re jetzt willkommen. Aber wie, ohne Telefon. Vielleicht m\u00fcssen wir doch heiraten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Sofia, am Dienstag, den 20.9.1947<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ich hasse das! Hetzen, ich brauche Zeit, immer, aber vor allem morgens, so sonderbar das vielleicht f\u00fcr Leute klingt, die mich sonst kennen. Ich bin so p\u00fcnktlich im Theater, zur Probe und zur Vorstellung, dass man die Uhr danach stellen kann. Geh\u00f6rt sicher auch zu meinen k\u00fcnstlerischen Qualit\u00e4ten. Ach Quatsch, ist sehr hilfreich f\u00fcr meine K\u00fcnste. Alles Quatsch. Armbanduhr ist wichtig.<\/p>\n\n\n\n<p>Telefonanschl\u00fcsse bekommen nur bevorzugte Kunden. Schauspielerinnen nicht. Telefon ist konterrevolution\u00e4r. Naja, ganz so einfach darf ich das nicht formulieren. Per Telefon k\u00f6nnen konterrevolution\u00e4re Parolen ausgetauscht und Verschw\u00f6rungen inszeniert werden. Man kann ja nicht alle Teilnehmer von der Geheimen Staatspolizei abh\u00f6ren lassen. Desgleichen kann man nicht in einen Laden gehen und eine Schreibmaschine kaufen. Da lie\u00dfen sich konterrevolution\u00e4re Flugbl\u00e4tter verfassen und vervielf\u00e4ltigen und verteilen.<\/p>\n\n\n\n<p>Also kommt heute morgen um 7 Uhr 30 ein reitender Bote vom Theater: der Fahrer vom Chef, Frau &nbsp;Gusi\u010d bitte um 9 Uhr auf die B\u00fchne zur Probe GROSSE TATEN. Er \u00fcbergibt mir ein Exemplar des St\u00fcckes, ein abgegriffenes, tats\u00e4chlich das Exemplar, das die Slanska benutzt hat, alle ihre S\u00e4tze rot angestrichen. Der reitende Bote geht nicht. Es stellt sich heraus, dass er mit dem Wagen warten soll. Ich bitte ihn sehr nett, doch bitte unten zu warten. Ich lese ein paar S\u00e4tze in dem St\u00fcck: Entsetzlich! Kein Wort bisher, dass ich darin \u00fcberhaupt eine Rolle habe. Aber ich darf heftig spekulieren: Kubelik inszeniert neu, die putendumme Slanska wird umbesetzt, Henriette &nbsp;Gusi\u010d spielt die Propagandalise mit den schrecklichen Texten. Ich hasse es, in Hetze zu fr\u00fchst\u00fccken\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Gl\u00fcck kam Jon, hatte schon gestern Abend fast Alles im Theater geh\u00f6rt. Meine Spekulationen genau richtig. Ich bin ziemlich verzweifelt. Jon versucht, mich zu beruhigen: Irgendwann musste ja mal so eine Rolle kommen. \u201eMach das Beste draus!\u201c&nbsp; Ich schreie: \u201eEs sind entsetzliche Texte!\u201c \u2013 \u201eWoher willst du das denn wissen?\u201c \u2013 \u201eIch habe doch im Buch gebl\u00e4ttert und Einiges gelesen.\u201c \u2013 \u201eLies das Ganze, sagt Jon, du wirst deine sch\u00f6nen Stellen finden, wo dein Rauschegold fl\u00fcstert wie eh und jeh.\u201c \u2013 \u201eNichts werde ich finden, nichts fl\u00fcstert!\u201c \u2013 \u201eAber du bist doch Schauspielerin!\u201c \u2013 \u201eAls ob du nicht w\u00fcsstest, dass ich spiele, immer, und nie heuchle, nie! Ich kann nicht Spielen spielen! Als Chaplin mal versuchte, einen schlechten Komiker zu spielen, ist er kl\u00e4glich gescheitert! Genau heucheln, das kann die Slanska, die putendumme. Ich werde die Rolle ablehnen.\u201c \u2013 \u201eKannst du nicht machen. Unm\u00f6glich! Das w\u00e4re politisch h\u00f6chst gef\u00e4hrlich. Machs nicht schlimmer, als es schon ist. Nimm es als Durchgangsphase. Es werden bessere St\u00fccke kommen. Wir wollen doch trotz allem nicht den Kapitalismus! Also nehmen wir ein paar Schw\u00e4chen des Sozialismus, und seien es schlechte Theaterst\u00fccke, in Kauf.\u201c \u2013 \u201eWas du zusammenquatschst, wenn man dich l\u00e4sst. H\u00f6r auf! Machst ja Alles noch schlimmer. Man kann den Kapitalismus ablehnen und den Sozialismus anbeten und trotzdem diese Texte Schei\u00dfe finden.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ich wurde ins Theater gefahren, Jon kam mit. Auf der B\u00fchne das riesige Ensemble von GROSSE TATEN, ein Haufen Kollegen, die alle offenbar schon ein bisschen fr\u00fcher angetanzt waren. Jon verdr\u00fcckte sich unerkannt in den Kulissen. Kubelik machte aus meinem Empfang eine gro\u00dfe Szene: \u201eLiebe, verehrte Henriette &nbsp;Gusi\u010d, willkommen im Ensemble GROSSE TATEN. Unser bisheriger Intendant, der Genosse Slatan,&nbsp; ist beurlaubt, er wird dem Hause als Regisseur erhalten bleiben, allerdings nur, wenn sich die eher politischen Verdachtsmomente gegen seine F\u00fchrung nicht erh\u00e4rten. Ich habe die kommissarische Leitung des Staatstheaters \u00fcbernommen und ich habe die Regie dieses gewichtigen St\u00fcckes \u00fcbernommen. Sie, liebe, verehrte Henriette&nbsp; Gusi\u010d darf ich mit der Hauptrolle betrauen. Die Genossin Slanska hat abgesagt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Da gab es Beifall. Ich hasse diesen schiefen Applaus nach Moskauer Art, wo die, denen der Applaus gilt, immer mitklatschen. Ja, ich hasse ihn und \u2013 habe mitgeklatscht. Erste h\u00e4ssliche Verkr\u00fcmmung meines R\u00fcckens, katzbuckeln. Hoffentlich geht das gut. Es wirkte ein wenig so, als applaudiere man der Absage der Slanska. Dass sie abgesagt hat, ist doch bestimmt eine \u00fcble L\u00fcge. Genosse Kubelik wird die Genossin deutlich genug gebeten haben. Wer ist der eigentlich? Hat er Theaterqualifikationen? Was steht uns bevor? Ich h\u00f6re auf zu spekulieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Kubelik fuhr fort: \u201eLiebe Kollegen, liebe Genossinnen und Genossen, wir haben irrsinnigen Zeitdruck. Ich will nicht alles neu und anders machen als mein Vorg\u00e4nger. Aber ich will auf Hochglanz polieren. Wir verschieben die Premiere um eine Woche, nein, es sind zehn Tage. Das Hauptproblem wird es sein, dass die Genossin &nbsp;Gusi\u010d \u2013 Pardon, das ist sie ja noch gar nicht! \u2013 dass die hoch verehrte Kollegin&nbsp; Gusi\u010d den umfangreichen Text lernt. Ich erwarte dann von allen Kollegen, dass sie Frau&nbsp; Gusi\u010d mit aller Hilfe zur Verf\u00fcgung stehen, sie in die jeweils richtigen Stellungen weisen und ihr das ganz gewiss sehr schwierige Lernen und B\u00fchnen-Leben erleichtern. Ende der heutigen Probe, wir \u00fcberlassen die B\u00fchne den Genossen Handwerkern, denn am B\u00fchnenbild ist auch Einiges zu ver\u00e4ndern. Morgen fr\u00fch p\u00fcnktlich 9 Uhr, Erster Akt von Anfang.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Noch auf der B\u00fchne suchte mich Jon, der mich in seine Arme nahm und k\u00fcsste, was mich am Schreien vor lauter Emp\u00f6rung hinderte. Er sagte, die Slanska sei auch hier rumgeschlichen, aber es sei viel zu dunkel gewesen, um ihre Gesichtsz\u00fcge zu erkennen. V\u00f6llig \u00fcberraschend h\u00e4nge schon die Besetzung am Schwarzen Brett. Die kleine, aber feine Rolle der Blanche, die ich spielen sollte, spielt die Slanska. Jon inszeniert. Welche Zusammenbr\u00fcche! Jon wollte mit mir im Majestic essen gehen. Ich wollte und konnte nicht. Ich wollte mit diesem entsetzlichen verdorbenen Schwulst von GROSSE TATEN nach Hause gehen und lernen. Ich glaubte selbst nicht daran. \u201eWenn ich nun mitkomme und ganz still irgendwo sitzen bleibe?\u201c \u2013 \u201eJa, komm mit und bleib irgendwo ganz still sitzen. Vorher kannst du mir noch ein Aprikosenmarmeladenomlett brutzeln.\u201c Vielleicht sollten wir doch heiraten.<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, ich nahm all meinen guten Willen zusammen und begann das St\u00fcck in drei Akten GROSSE TATEN zu lesen. Aber ich schaffte erst mal nicht mehr als drei Seiten. Ich soll eine sehr resolute, kr\u00e4ftige Arbeiterfrau spielen, schlechte K\u00f6chin, schlechte Mutter, h\u00f6chst engagierte Genossin, die aber am Ende auch noch gute K\u00f6chin und gute Mutter wird. Nur ja keine Positivismen auslassen. Es geht um einen Streik oder wohl die Vorbereitungen dazu. Kaum zu glauben, aber so war es: Ich habe den ganzen Tag nichts getan, nichts, nicht das St\u00fcck gelesen, geschweige denn eine Zeile gelernt. Ich habe auf die Stadt runtergeschaut, wo hinter irgendeinem Fenster einer einen anonymen Brief an mich geschrieben hat. Jon verhielt sich musterg\u00fcltig still. Nein, in die Liebe konnten wir nicht versinken. Und Gespr\u00e4che wollten sich auch nicht ergeben. Ich darf das nicht hinschreiben, aber ich schreibe es hin: ich spielte wieder alle Selbstmordgedanken durch. Man trampelt mir auf dem Liebsten herum, was ich noch habe: auf dem Theater und degradiert es zum Propagandabordell, ich als Puffmutter\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Dann ging Jon. Da war es ganz aus. Ich zitterte am ganzen K\u00f6rper. Ich zwang mich mit aller Kraft, das Textbuch zu lesen. Ich konnte es nicht. Was sollte ich tun? Ich wei\u00df nicht, wie lange ich regungslos sa\u00df. Wirklich regungslos. Eine Stunde? Zwei? Drei? Kein Telefon, eine Henriette &nbsp;Gusi\u010d kriegt kein Telefon. Eine Henriette&nbsp; Gusi\u010d bleibt mit ihren N\u00f6ten allein. Ich brauche eine Stimme, ich muss eine Stimme h\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe zu Jon, eine gute halbe Stunde. Ich h\u00e4tte irgendeinen Bus nehmen k\u00f6nnen. Aber ich wusste die Nummer nicht mehr. War auch ganz gut zu gehen, sp\u00fclte den Mist aus meinem Blut. Nein, nicht allen Mist, der sitzt zu fest. Wir treffen uns immer bei mir in meiner sch\u00f6nen hellen Wohnung, mal ganz oft und viel, dann wieder seltener, es gibt keine Fahrpl\u00e4ne unserer Liebe. Nat\u00fcrlich hat er eine Schlafstatt bei mir. Ganz selten sind wir mal bei Jon, der wenig heimelig wohnt, was ihn wenig k\u00fcmmert. Er hat zwei m\u00f6blierte Zimmer mit dem Blick in einen Hinterhof. Er ist eben ein Arbeitstier. Ich brauche Wohnwerte, bl\u00f6des Wort.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich klingle, h\u00e4tte ja Schl\u00fcssel mitnehmen k\u00f6nnen, besitze ich nat\u00fcrlich. Benutze ich h\u00f6chst selten, ich habe sie vergessen. Jon ist nicht zu Hause. Wahrscheinlich hat er Probe mit der Slanska als Blanche. Bisschen Zorn und Wehmut noch drauf auf dieses \u00fcberlastete Herz. Was tun? Da ist dieser kleine Park mit seinen drei oder vier B\u00e4nken. Ich setze mich auf eine. Ich kann gar nicht ruhig sitzen, schwanke vor und zur\u00fcck. Ich halte das zwar f\u00fcr ausgeschlossen, aber es muss so gewesen sein: Ich bin wegged\u00e4mmert, eingeschlafen. Der runterrutschende Kopf weckt&nbsp; mich auf, da sitzt Jon neben mir. \u201eJa,\u201c sage ich. \u201eWas ja?\u201c fragt er. \u201eWir m\u00fcssen heiraten,\u201c sage ich. Weil doch alle Standes\u00e4mter um diese nachtschlafene Zeit geschlossen waren, sind wir dann zu mir gelaufen und haben gut miteinander geschlafen.<br><em>Sie selbst gibt dazu am Ende ihres Tagebuches eine Erkl\u00e4rung.&nbsp;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Sofia, am Mittwoch, den 21.9.1947<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ein Probentag, ein erster? Nicht doch! Chaos, Hypernervosit\u00e4t. Ja, ich konnte die ersten vier oder f\u00fcnf S\u00e4tze, nein, denn doch ein paar mehr, die hatte ich gestern Nacht tats\u00e4chlich noch mit Jons r\u00fchrender Hilfe gelernt. Aber Kubelik dr\u00fcckt aufs Tempo, muss er ja! Und in mir b\u00e4umt sich seit jeher alles auf gegen Hetzen. Erster Krach mit der Souffleuse, die arme Trine. Die wurde pampig, als ich, um von meinen N\u00f6ten abzulenken, ihr die Schuld gab, dass ich keinen Text kann. Das ist ja auch widerlich von mir. Aber das ist nicht die Situation, sowas zuzugeben. Ich habe alle Stacheln ausgefahren, um mich zu sch\u00fctzen, niemand soll mir ans Schienenbein treten! Ich gelte nicht unbedingt als angenehme Probenkollegin. Schon immer. Ich will immer auf der ersten Probe so perfekt sein, wie ich es dann vielleicht zur Premiere bin. Das wollen wir mal so lassen. Ich verwickelte Kubelik in Diskussionen, was er offensichtlich gar nicht leiden kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich muss umdenken. Wenn das so einfach ginge. Ich muss das, was man da von mir verlangt, akzeptieren, ich muss solidarisch sein mit meiner Rolle, mit der ganzen Inszenierung. Sonst m\u00fcndet das in eine Katastrophe! Das will ich nicht, klar seis gesagt, dass ich keine Katastrophe will! Also muss ich mitmachen. Aber wo soll ich denn da mein Rauschegold knistern lassen? Es ist ein uns\u00e4glich trockener Text, die Slanska war vermutlich eine ideale Besetzung. Lauter Leute, kaum zu identifizieren, ohne ernsthafte Beziehungen zueinander stehen da rum und diskutieren, was man auf keiner B\u00fchne je zu diskutieren hat! Keinerlei dramatische Konstellationen, da ist ja die Widerspenstige mit all ihren Botenberichten noch ein vitales Gemenge. Leitartikel, grauslicher Journalismus, ach, \u2013 wenns das noch w\u00e4re. Naja, stimmt schon ein bisschen, deswegen liest man ja auch hierzulande so ungern die t\u00e4glichen Zeitungen und kriegt Abonnements nachgeschmissen. Trotz allem: umdenken, den Part annehmen, der mir da zugedacht ist\u2026 Will ich den Kapitalismus? Deutliches Nein. Will ich den Sozialismus? Sehr schwammiges Ja\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Nachmittags zur Kost\u00fcmprobe. Ich bin dicker als die Slanska. Auch nicht unbedingt eine erheiternde Erkenntnis! Ich \u00e4rgere mich und lass es an der Kost\u00fcmtante aus und rede dummes Zeug. Das St\u00fcck macht mich ungerecht! Vormittags die Souffleuse; nachmittags die Kost\u00fcmbildnerin, die nat\u00fcrlich nicht gl\u00fccklich ist: Kost\u00fcme enger machen, ist verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig leicht, weiter machen, da muss man N\u00e4hte aufmachen und was einsetzen, da braucht man Stoffschnipsel, die m\u00fcssen passen. Warum mach ich mir die Sorgen der anderen, ich hab genug eigene! Sie schlug vor, die engen Kost\u00fcme zu lassen, sie seien eng, aber doch nicht zu eng, da wurde ich wieder w\u00fctend: Ich spiele nicht in zu engen Kost\u00fcmen! Ich lasse vollkommen gegen meine \u00dcberzeugung ein Loblied erschallen auf die Figur, die ich spiele. Eine Schauspielerin muss die Lunge vollkriegen, das geht nicht in zu engen Kost\u00fcmen. Sie schaffte es, dass ich die Bluse noch einmal anprobierte. Ich pustete die Lunge auf, bis vier oder f\u00fcnf Kn\u00f6pfe platzten und \u00fcber den Fu\u00dfboden kullerten. Ich schrie: \u201e\u00dcberlassen Sie es mir, das zu beurteilen. Mir die Luft abschn\u00fcren! Sowas kann nur eine doofe Kost\u00fcmmaus wie Sie vorschlagen! Tun Sie Ihre Pflicht, so wie ich meine tue.\u201c Alles saubl\u00f6des Gequatsche.<\/p>\n\n\n\n<p>Keine Abendprobe, frei zum Textlernen f\u00fcr Frau&nbsp; Gusi\u010d.<\/p>\n\n\n\n<p>Naja, das mit den zu engen Kost\u00fcmen, in denen ich nicht atmen kann, das hatte ja schon sch\u00f6ne, schlimme Bez\u00fcge zu meiner Situation. Ich muss Text lernen, ich kann nicht auf die Probe gehen und mir Bl\u00f6\u00dfen geben!<\/p>\n\n\n\n<p>Und? Wo ist der Brief geblieben? In meiner Handtasche. Ich bin keine Handtaschen-Frau. Ich sto\u00dfe also nur sehr selten auf das St\u00fcck Papier. Es lie\u00dfen sich \u00dcberlegungen anstellen, ob GROSSE TATEN ein schlimmerer Affront gegen\u00fcber dem Publikum ist als eine z\u00e4rtliche Widerspenstige. In diesem Tendenzschinken wird in h\u00f6herem Ma\u00dfe eine L\u00fcgenwelt propagiert als in allen Klassikerdramen zusammen. Hier wird zu einem Streik aufgerufen, in dem man alle Unternehmer an den Galgen h\u00e4ngen will, und Schlimmeres. Es gibt solche Unternehmer ja gar nicht mehr. Es ist ja eine historische Schau. Was solls? Ja, aber ich stecke ganz tief mittendrin. Und dass es morgen besser wird, ist Null!<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe noch versucht, eine Stunde Text zu lernen, bis ich aufs Bett gefallen und eingeschlafen bin. Ich hasse das: in der Nacht aufwachen, angezogen sein, nicht zugedeckt, sich ausziehen, der Schlafrhythmus ist weg.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Sofia, am Donnerstag, den 22.9.1947<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Todm\u00fcde, nein totabgek\u00e4mpft. Im Grunde: hellwach.<\/p>\n\n\n\n<p>In meiner Verzweiflung habe ich heute mit dem Buch in der Hand probiert. Ich tat dabei ganz selbstverst\u00e4ndlich. Kubelik war einigerma\u00dfen verdattert. Irgendwann fasste er Mut und monierte: \u201eVerehrte Henriette &nbsp;Gusi\u010d \u2013 \u201e \u2013 \u201cSagen Sie doch nicht immer verehrte Henriette&nbsp; Gusi\u010d zu mir. Verehren Sie mich, aber sagen Sie es nicht dauernd.\u201c Damit hatte ich ihm erst mal eine Menge Wind aus den Segeln genommen. \u201eMich irritiert sehr, dass Sie mit dem Textbuch in der Hand probieren. Sind Sie immer noch so textunsicher?\u201c Ich reagierte \u00fcberhaupt nicht, sondern las und ballerte einen gerade anstehenden langen Satz in die Gegend, dass es ihm und allen anderen die Sprache verschlug.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWunderbar!\u201c schrie Kubelik. \u201eDas erste Mal, dass ich eine Ahnung davon kriege, wie das St\u00fcck mit Ihnen in der Hauptrolle aussehen wird. Aber das muss eben in f\u00fcnf Tagen passieren!\u201c Da merkte ich zum ersten Mal, dass ich die Rolle nicht nur nicht spielen kann, sondern es auch nicht will, dass sie mir so schrecklich zuwider ist. Aber ich kann die Rolle nicht zur\u00fcckgeben, da hat Jon ganz recht, wir sind in den Fesseln einer v\u00f6llig unbarmherzigen Politik. Kein Schulterklopfen m\u00f6glich. Wir qu\u00e4lten uns weiter, ich immer mit dem Textbuch in der Hand, aus dem ich die Texte ablas, schlimmer als eine Anf\u00e4ngerin im ersten Jahr, ganz trocken, ganz gef\u00fchllos. Kubelik war ganz erstaunt, dass mein einmaliger Ausbruch ohne Folgen blieb. Er war wieder ern\u00fcchtert und arrangierte mich dahin und dahin. Ich folgte widerwilligst. Wo soll das enden? Und wie?<\/p>\n\n\n\n<p>Wir qu\u00e4lten uns weiter. Ich bin nat\u00fcrlich auch eine schreckliche Belastung f\u00fcr alle Kollegen. Ich fing den Satz an: \u201eNur in den solidarischen Gemeinsamkeiten der unteren Parteistrukturen l\u00e4sst sich die neue Zeit erahnen, die uns Kraft finden lassen wird f\u00fcr eine Zukunft ohne -\u201c Und ohne jede Pause f\u00fcgte ich an: \u201eLiebe Kollegen, Genossen, ich muss weiterhin um Eure Geduld bitten, manchmal bin ich schon sehr verzweifelt und bewundere ehrlich eure Nachsicht, f\u00fcr die ich mich sehr herzlich bedanke. Ihr leistet viel.\u201c Dann las ich wieder in dem Text: \u201eNur in den solidarischen Gemeinsamkeiten der \u2013 was? \u2013 unteren \u2013 unteren Parteistrukturen l\u00e4sst sich die neue Zeit erahnen, die uns \u2013 was? \u2013 Kraft finden lassen wird -\u201e Ich schmiss das Textbuch mit gewaltigem Schwung hoch in die Luft, es fiel \u00fcber eine hohe Kulissennwand und verschwand. Ich schrie mit einiger Fassung: \u201eEs ist ein Schei\u00dfst\u00fcck, Genosse Kubelik, der Sozialismus steht so haushoch \u00fcber diesem Gew\u00e4sch des guten Willens! Wir scheitern damit!\u201c Zum ersten Mal sprach Kubelik etwas aus \u2013 und zwar au\u00dfergew\u00f6hnlich ruhig -, was b\u00f6seste Folgen haben kann, was mir aber gar nicht gleich klar wurde: \u201eVielleicht scheitern Sie damit, verehrte Henriette&nbsp; Gusi\u010d. Das Staatstheater wird dieses St\u00fcck rausbringen \u2013 so oder so\u2026\u201c Au, das war aber teuflisch! \u201eIch hole mir das \u2013 mein Textbuch wieder,\u201c sagte ich und verschwand hinter der Kulissenwand.<\/p>\n\n\n\n<p>Dahinter war es dunkel, und es standen M\u00f6bel herum und Podeste, sehr undurchschaubar. Totenstille der Anderen auf der B\u00fchne. Ich fand das Buch, das \u00fcbrigens dunkelblau eingebunden war, nicht. Bis ich schlie\u00dflich rief: \u201eKann mir mal einer helfen?\u201c Sofort kamen vier oder f\u00fcnf, jedenfalls auffallend viele Kollegen hinter die Kulissenwand und suchten eifrig nach dem Buch. Kubelik glaubte wohl, einen guten Witz zu machen und rief: \u201eFrau Gusi\u010d, Sie brauchen doch das Textbuch gar nicht mehr, sonst h\u00e4tten Sie es doch nicht weggeschmissen. Lassen Sie uns weiterprobieren.\u201c \u2013 \u201eNein,\u201c rief ich ironisch, \u201ediesen wertvollsten Text kann man doch nicht hier in den Kulissen vergammeln lassen!\u201c Es dauerte widerw\u00e4rtig lange, bis ein junger Kollege das Buch fand und unter fast akrobatischen Kletter\u00fcbungen wieder ans Licht brachte und mir gab. Ich belohnte ihn mit einem Kuss. (Hat er vielleicht gar nicht als Belohnung empfunden?)<\/p>\n\n\n\n<p>Bei Probenende gab ich mich dann wieder sehr leutselig: \u201eTsch\u00fcs, Kinder, bis heute Abend.\u201c \u2013 \u201eNein,\u201c rief Kubelik, \u201eheute keine Abendprobe!\u201c Ich schrie sofort: \u201eDoch! Ich brauche die Proben dringend, alle! Wir k\u00f6nnen da jetzt leider nichts mehr ausfallen lassen. Tut mir das nicht an!\u201c Aber Kubelik erkl\u00e4rte: \u201eHeute Abend ist die Gr\u00fcndungsfeier der Gesellschaft f\u00fcr die F\u00f6rderung der Freunde der bulgarisch-sowjetischen Freundschaft. Der Name ist schlecht, die Sache ist sehr gut. Bei aller Liebe zum Theater: Wir sehn uns heute Abend im Saal des Gewerkschaftshauses!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ich ging nach Hause und hatte das Gef\u00fchl auf einem d\u00fcnnen Pergamentpapier zu gehen, wie Butterbrotpapier, dauernd in der Gefahr, mit dem Hacken ein Loch zu machen und einen Riss und wegzust\u00fcrzen. Ich hatte wirklich M\u00fche, die Realit\u00e4t des Stra\u00dfenpflasters zu erkennen. Die Situation ist so v\u00f6llig irreal, so absurd, so ohne \u2013 ja wie soll ich es nennen? So im luftleeren Raum taumelnd mit Atemnot und Erstickungsgef\u00fchlen. Erbarmungsw\u00fcrdiges Textelaborat soll am Staatstheater aufgef\u00fchrt werden; Protagonistin k\u00e4mpft verzweifelten Kampf mit den als positiv deklarierten Texten unter schlimmstem Termindruck. Das endet. Wie?<\/p>\n\n\n\n<p>Alle Stunden, die ich nutzen k\u00f6nnte, um Text zu lernen, verrinnen stumm. Ich stehe am Fenster und gucke auf die Stadt. Gegen drei Uhr kommt Jon. Ich bitte ihn, mir ein Aprikosenmarmeladenomlett zu brutzeln, was er widerspruchslos tut. Zum Gl\u00fcck kamen wir ins Gespr\u00e4ch. Nein, ich kann die Rolle nur um den Preis einer unabsehbaren politischen Drangsalierung zur\u00fcckgeben. Nein, Jon kann in der Angelegenheit \u00fcberhaupt nichts tun. Ja, ich stehe vor einer alptraumhaften Flutwelle, die mir den Tod bringen wird. Jon wollte nat\u00fcrlich abwiegeln. Aber da gibt es keine Wellend\u00e4mpfer. K\u00e4mpf ums \u00dcberleben, Henriette! Aber wie? Ohne Text und ohne Rauschegold? Die Katastrophe ist terminiert, in f\u00fcnf Tagen. Ich kriege dann einen Zug um den Mund. Jon kennt und f\u00fcrchtet ihn.<\/p>\n\n\n\n<p>Jon balanciert in den obersten Regionen seiner menschlichen M\u00f6glichkeiten. Mit wahrhaftiger Engelsgeduld schaffte er es, dass ich mich umziehe. Mit fast zwei Stunden Versp\u00e4tung gingen wir zur Gr\u00fcndungsfeier der Gesellschaft zur F\u00f6rderung der Freunde der bulgarisch-sowjetischen Freundschaft. Die&nbsp; Gusi\u010d, deren Ruf in der \u00d6ffentlichkeit noch kein bisschen angeschlagen ist, kann bei sowas zwei Stunden zu sp\u00e4t erscheinen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und ein Anblick, der meiner Seele unendlich wohltat: Unter der selektiven Auswahl von Honoratioren der Stadt mein wunderbarer T\u00e4nzer von der Premierenfeier der \u201aWiderspenstigen\u2018, geliebter Graukopf! Der \u201aZahlen!\u2018 rief, als Kubelik so dummes Zeug quatschte. Ohne Begleitung, wurde von mir augenblicklich registriert, ja: ernsthaft registriert. Und er stand auf, als ich reinkam. Gab keinen ernsthaften Grund dazu. Niemand sonst stand auf. Nichts hielt mich zur\u00fcck, seine N\u00e4he zu suchen. Auf Gegenseitigkeit. Auch er schien sehr erfreut. Alte Bekannte. Man servierte ein russisches Dessert, ich Nachk\u00f6mmling wurde vom Kellner gefragt: \u201eM\u00f6chten Sie noch das ganze Men\u00fc, Frau&nbsp; Gusi\u010d?\u201c Kellner, der mich kennt, sch\u00f6n. \u201eNein nein, nur das Dessert.\u201c Ich bekam nicht gleich eines, er \u2013 wer? Na, wer schon? \u2013 Er stellte mir seins vor die Nase. Es duftete sehr gut. Alle Reden waren schon gehalten. Erw\u00fcnscht war, dass nun \u2019Club-Atmosph\u00e4re\u2018 herrsche. Das kann man wohl w\u00fcnschen, aber doch nicht eigentlich herstellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Da sa\u00df ich bei meinem Geliebten. Ihn so zu nennen, geht nur in diesem Kochbuch. Aber er ist es. Ich stellte mit ihm Atmosph\u00e4re her. Keine \u201aClub-Atmosph\u00e4re\u2018. Wo ist denn Jon? Ich meine, der ist schon da. Aber ich schalte ihn v\u00f6llig aus. Eine \u00fcberaus sympathische Unterhaltung bahnt sich an. Da setzt sich dieser Gorilla Kubelik an unseren Tisch \u2013 \u201aGorilla\u2018 nehme ich zur\u00fcck, die Affen k\u00f6nnten beleidigt sein. Kubelik stellt sich als Intendant vor und sagt: \u201cIch wei\u00df, wer Sie sind: Doktor der Stimmb\u00e4nder und Nasenschleimh\u00e4ute. Doktor, Sie schreiben zu schnell und leichtfertig krank! Ich habe eine Krankmeldung unserer Primadonna Anna Laitzenberger auf den Schreibtisch bekommen. Das bedeutet Gesamtausfall der AIDA am Donnerstag. Das verkraften wir kaum, ein wahnsinniger Einnahmeausfall! Seien Sie doch bitte in Zukunft ein bisschen zur\u00fcckhaltender im Krankschreiben.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Doktor also \u2013 er nahm Kubeliks Ansinnen recht ungn\u00e4dig zur Kenntnis und verwahrte sich gegen Vorschriften, wie er krankzuschreiben habe. \u201eDoch keine Vorschriften, Doktor! Ein bisschen Solidarit\u00e4t mit uns vom Theater, mit dem Publikum, mit unserer Kasse. Wer bin ich, Ihnen ins Handwerk pfuschen zu wollen? Nein! Aber vielleicht ein bisschen mehr Zusammenarbeit. Der Buffo geht fast regelm\u00e4\u00dfig zum Wochenende tingeln, entweder auf Urlaubsschein oder auf Krankenschein. Den Urlaubsschein verantworte ich, den Krankenschein Sie. Beim letzten Intendanten Slatan hatte er es noch einfacher, weil die Frau vom Slatan ja die Soubrette ist und mitging zum Singen im H\u00fchnerstall.\u201c \u2013 \u201eWas macht eigentlich Ihre Frau, Herr Kubelik?\u201c fragte ich aus ziemlich reiner Neugier. \u201eIch habe keine \u2013 jedenfalls keine st\u00e4ndige,\u201c glaubte er grinsend hinzuf\u00fcgen zu m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWas soll ich tun?\u201c fragte mein geliebter Doktor mit verhaltener Skepsis. \u201eWeniger krankschreiben, weiter nichts.\u201c &#8211; \u201eIch bitte mir zu glauben, dass ich nach medizinischen Kriterien krankschreibe, nach keinen anderen.\u201c Das hat er aber fein hochm\u00fctig hingekriegt, fand ich.<\/p>\n\n\n\n<p>Kubelik landete einen dicken Coup: \u201eEs ist ja wunderbar, dass die verehrte Henriette&nbsp; Gusi\u010d hier am Tisch sitzt. Passen Sie auf, was ich vorhabe: Wir machen ein Kollektiv auf. Sie, Herr Doktor schreiben krank wie eh und je, nach Ihren medizinischen Kriterien. Sollten Sie einmal nicht so genau abgeh\u00f6rt und Sie den Verdacht&nbsp; haben, dass die Lungen der Laitzenberger in bester Ordnung sind, kann ja mal vorkommen, so eine \u2013 also Fehldiagnose, dann rufen Sie mich an, f\u00fcr Sie bin ich dann immer zu sprechen, dann gehen die&nbsp; Gusi\u010d und ich zu ihr und ertappen sie beim Einkaufen oder im Kino statt Bettruhe. Wie finden Sie das?! Das hebt die Gesamtarbeitsmoral. Henriette, machen Sie mit? Wir holen dann auch Presse dazu mit Fotografen, machen das Ganze zu einem allgemeinen Volksfest und steigern die Arbeitsmoral im ganzen Land. \u201aSeht ihr,\u2018 sagen die Zeitungsleser, \u201aso gehts Leuten, die sich vor der Arbeit dr\u00fccken! Und die Henriette&nbsp; Gusi\u010d macht da auch mit. Eine Teufelsperson!\u2018 \u201c Und er lachte breit und unangenehm.<\/p>\n\n\n\n<p>Er erntete zun\u00e4chst Schweigen, aber die Backenknochen meines Graukopfs arbeiteten und er sah bissig aus. Ich war in einem ziemlich ekelhaften Dilemma: Dem Kubelik zu dieser schrecklichen Idee Beifall zu klatschen oder jedenfalls nicht zu widersprechen und auszuweichen, schien opportun, aber die Gefahr, dann in den Augen meines Liebsten als \u00fcble Denunziantin dazustehen, \u00fcberwog. Also fuhr ich die hochm\u00fctige Tour: \u201eGenosse Kubelik, \u00fcber Spitzelt\u00e4tigkeit steht nichts in meinem Vertrag.\u201c Der Kerl wiegelte nat\u00fcrlich ab: \u201eWer redet denn von Spitzelei? Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser, um den Genossen Lenin zu zitieren. Der Krankenstand im singenden Personal muss runter. Oder den Buffo im Bett treffen und sich mit kleinen Entschuldigungen zur\u00fcckziehen, mit Foto: Buffo im Bett, hat er gleich zehn neue Freundinnen mehr!\u201c Kubelik lachte wieder schallend \u00fcber seinen Witz oder das, was er wohl als Witz empfand. Ich war in Bedr\u00e4ngnis: \u201eAlso, ich wei\u00df nicht\u2026\u201c \u2013 \u201eWir machen das mit der Spa\u00dfkiste, mit Ihrer Widerspenstigen haben Sie doch gerade erst die Leute zum Lachen gebracht. Doktor, wie finden Sie die Idee?\u201c Der wickelte sich geschickt aus der Aff\u00e4re: \u201eDas sind theaterspezfische \u00dcberlegungen, zu denen ich keine Stellung nehmen kann.\u201c Und ich nahm einigen Mut zusammen: \u201eSchlagen Sie sich die Idee aus dem Kopf, Genosse Kubelik. Oder machen Sie das mit der Kollegin Genossin Slanska.\u201c (Ja, ich habe ihr die beiden Titel Kollegin Genossin auf einmal verpasst.) \u201eSo reizvoll ich es f\u00e4nde, mit dem Herrn Doktor in einem Kollektiv zu arbeiten, aber\u2026\u201c Oh, diese Weiber!, zu denen ich geh\u00f6re. War ja die Wahrheit, aber doch auch feine und gemeine Verf\u00fchrung\u2026 Nein, doch nicht gemein. Doch gemein.<\/p>\n\n\n\n<p>Kubelik ging. Endlich. Jon kam. Ungelegen\u2026 Das feine Gespr\u00e4ch, das ich nun mit dem Doktor zu f\u00fchren w\u00fcnschte, war jetzt nicht mehr m\u00f6glich. Ich lie\u00df die M\u00e4nner allein. Sie w\u00fcrden nicht schlecht \u00fcber mich sprechen. Ich musste auf die Toilette. Gucken sollte man, wohin man geht, nicht, wohin man liebt. Ich stie\u00df sehr heftig und ungl\u00fccklich mit dem Kellner zusammen. Ihm rutschten drei Eisbecher vom Tablett in der hocherhobenen Rechten, einer so richtig flatsch in mein Dekollt\u00e9, die anderen auf den Teppich. Mir fiel die Handtasche runter, und ich wei\u00df bis jetzt nicht, wieso ihr Inhalt \u00fcber den Teppich rollte. Der Lippenstift aus Paris ganz weit weg. Um den k\u00fcmmerte sich Jon. Mein Doktor hockte sogleich neben mir, um mir zu helfen. H\u00e4tte er doch lieber nicht. Da war die Damenbinde, die ich immer zur Sicherheit bei mir habe, die anzufassen er einige Scheu hatte. Ich nahm sie ihm gleich weg. Warum sind wir da so schnell peinlich ber\u00fchrt? Die Menstruation und ihre Hygiene sind seit Menschengedenken nat\u00fcrlichste Selbstverst\u00e4ndlichkeit und er ist schlie\u00dflich Arzt. Aber wir tun so, als sei das eine ganz schmutzige Sache. Ich muss richtigstellen: Mein Doktor blieb eigentlich ganz gelassen, hatte nur Scheu, sie anzufassen. Er griff dann nach dem Brief, aber auch da kam ich ihm zuvor. Ich wei\u00df nicht, ob er in der Handtasche prinzipiell gut aufgehoben ist. Wieso zuckte er beim Griff nach dem Brief so erschrocken zur\u00fcck, als sei er gl\u00fchendes Eisen. Schlie\u00dflich standen wir alle wieder auf Augenh\u00f6he. Um mein Dekollt\u00e9 k\u00fcmmerte ich mich selber, da konnte mir nur Jon ein wenig zur Hand gehen. Bezaubernde Ausmalungen, dass mir der Herr Professor da geholfen h\u00e4tte\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Es blieb ein s\u00fc\u00dfer Schleim kleben, der mir so zuwider war, dass ich mich entschloss, nach Hause zu gehen. \u201eJon,\u201c sagte ich, \u201eimmer, wenn ich zu einer Probe mit dir gehe, freue ich mich. Zu den derzeitigen Proben gehe ich wie zu einer Folterkammer. Doktor, es war mir ein gro\u00dfes Vergn\u00fcgen, ein bisschen zu s\u00fc\u00df vielleicht.\u201c Viel Augensprache meinerseits. Ich konnte gar nicht anders.<\/p>\n\n\n\n<p>Das war ein langer Tag. Und ich habe wunderbar lange durchgehalten, ihn zu beschreiben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Sofia, am Freitag, den 23.9.7.47&nbsp;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ich war auf dem Weg zur Kost\u00fcmprobe, sehr fr\u00fch vor der Probe in meiner Folterkammer. Im Turm die Wendeltreppe rauf zur Schneiderei. Ich schaute aus einem der kleinen Fenster auf den Theaterplatz. Da fuhr eine schwarze Limousine vor, drei Herren stiegen aus, H\u00fcte auf den K\u00f6pfen, ich musste an Marias Schilderungen denken. Kubelik kam aus dem Theater gerannt. Unterhaltung am Rinnstein in ziemlich heftigem Wind, die drei M\u00e4nner mit wilden Gestikulationen der Arme, hatte was von K\u00f6pfeabschlagen mit langen Schwertern. Maria Stuart. Mir wurde einen Moment schlecht im Magen. Schlugen die&nbsp; mir den Kopf ab? Eine sehr heftige Unterredung von einer halben Minute. Kubelik nickte eigentlich nur mit dem Kopf. Dann stiegen die M\u00e4nner wieder ins Auto und fuhren ab. Und Kubelik rannte in einem f\u00fcr seine st\u00e4mmige Figur sehr schnellen Lauf ins Theater zur\u00fcck. Sehr nachdenklich schlich ich langsam zur Schneiderei hinauf. Aus der kam mir Kubelik schwer atmend entgegen. Er konnte nur keuchen: \u201eGenossin &nbsp;Gusi\u010d, verehrte\u2026\u201c War der hier rauf geflogen? Ich hielt das Textbuch ganz unabsichtlich auf Taillenh\u00f6he in der Hand. Er nahm es mir ab, sagte \u201eDanke\u201c und verschwand. Zum ersten Mal der Gedanke, ob es hier wirklich um meinen Kopf gehen wird.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Schneiderei h\u00f6chst fatale Situation. Die Kost\u00fcmmaus wundert sich: \u201eWieso kommen Sie denn nochmal zur Anprobe, Genossin&nbsp; Gusi\u010d?\u201c Ich denke, sie will mir doch die zu engen Kost\u00fcme aufschwatzen: \u201eIch spiele die Rolle nicht in diesen engen Klamotten!\u201c \u2013 \u201eIch denke, Sie spielen die Rolle \u00fcberhaupt nicht.\u201c \u2013 \u201eWas?\u201c \u2013 \u201eHat mir der Genosse Kubelik eben gesagt.\u201c Ich rase runter, ist ein langer Weg durch das ganze Haus von dieser Schneidereimansarde bis auf die B\u00fchne. Irgendwo proben die Symphoniker ein schmetterndes Mozart-Finale. Kaum bin ich durch die B\u00fchnent\u00fcr, h\u00f6re ich meine Kollegin Slanska meinen Text sprechen. Ich schleiche mich zum Inspizientenpult und schiele aus der ersten Gasse auf die B\u00fchne. Keiner sieht mich. Die Slanska probt mit den Kollegen eine Szene aus GROSSE TATEN. Pl\u00f6tzlich h\u00f6re ich in meinem Nacken eine samtweiche Stimme: \u201eVerehrte Henriette&nbsp; Gusi\u010d -\u201c Ich bin so erschrocken, dass ich aufschreie. Die Probe erstarrt, alle schauen zum Inspizientenpult. \u201eSchade,\u201c sagt Kubelik, \u201eich h\u00e4tte es gerne diskreter erledigt. Ich denke, wir tun uns alle einen gro\u00dfen Gefallen, wenn ich Sie umbesetze.\u201c Ich bin zutiefst getroffen und ma\u00dflos emp\u00f6rt: \u201eWas? Mich umbesetzen? Das nennen Sie einen gro\u00dfen Gefallen?\u201c \u2013 \u201eEtwa nicht?\u201c fragt Kubelik. \u201eDie Kollegin Slanska ist schon wieder am Probieren. Gehen Sie zu Ihrem Freund Jon, er wird sich freuen, wenn Sie die Blanche spielen.\u201c &#8211; \u201eMoment mal!\u201c Ich gehe mit gro\u00dfen Schritten und weit ausgreifenden Armbewegungen wie eine Schwimmerin beim Kraulen auf die B\u00fchne. \u201eEinen Moment! Eine solche Umbesetzung, \u2013 das haben Sie ja nicht allein zu entscheiden. Das kann man ja nur, \u2013 das k\u00f6nnen doch nur wir beide im beiderseitigen Einvernehmen, also nur mit meinem Einverst\u00e4ndnis.\u201c Kubelik ist denn doch sehr erstaunt: \u201eSie sind nicht einverstanden?\u201c \u2013 \u201eMitnichten und keineswegs! Man kann einer Henriette &nbsp;Gusi\u010d nicht einfach eine Rolle wegnehmen und sie einer putendummen Kollegin hinschmei\u00dfen. Das wird nichts! Noch dazu in einem St\u00fcck von so hoher politischer Bedeutung!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eGestern beliebten Sie zu sagen, das St\u00fcck sei Schei\u00dfe!\u201c \u2013 \u201eDass das St\u00fcck Schw\u00e4chen hat, wird ja wohl Niemand leugnen. Aber in der Gesinnung und so\u2026 Wie stehe ich denn da? Die gro\u00dfe Henriette&nbsp; Gusi\u010d kann keine sozialistischen Texte sprechen, was? Die kann keine Arbeiterfrau spielen. Die ist ein Fall f\u00fcr die Staatssicherheit. Nein, nicht mit mir! Mich kann man nicht umbesetzen. Das h\u00e4tten Sie sich fr\u00fcher \u00fcberlegen sollen. Wir proben weiter, los. Slanska, gib mir mein Textbuch. Wo waren wir?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Kubelik wurde ziemlich eiskalt: \u201eWir proben weiter, ja. Aber die Genossin Slanska spielt die Hauptrolle. Und Sie, Kollegin &nbsp;Gusi\u010d, spielen sie nicht. Was Sie da von der Staatssicherheit brabbeln, ist Quatsch, das wissen Sie selber. Ich m\u00f6chte Sie bitten, die B\u00fchne zu r\u00e4umen.\u201c Da stand ich pl\u00f6tzlich am B\u00fchnenrand, rechts vorne an der Rampe. V\u00f6llig ungeniert fing Kubelik an zu probieren. Ich r\u00fchrte mich nicht. Ich lie\u00df es geschehen. Wie ein sanfter Wind wehten die schrecklichen Texte an mein Ohr. Sekundenfetzen von Freiheit glucksten mir durch die Seele. Ich habe keine Ahnung, wie lange ich da unbeweglich stand. Nur ganz am Rande bekam ich mit, wie die Slanska mit Kubelik fl\u00fcsterte. Und der dann sagte: \u201eKollegin &nbsp;Gusi\u010d, wir w\u00e4ren dankbar, wenn Sie die B\u00fchne verlassen w\u00fcrden. Der Kollege Jon wartet auf Sie und Ihre Blanche.\u201c Ich verstand und ging. Nein, nicht durch die erste Gasse, sondern durch den Zuschauerraum, langsam wie Medea im f\u00fcnften Akt. Kurz bevor ich die T\u00fcr in die Freiheit des Foyers erreichte, fiel mir etwas ein, etwas sehr Ungutes, wie sich herausstellen wird. Ich holte den Brief aus meiner Handtasche und rannte zur B\u00fchne zur\u00fcck: \u201eHier habe ich den Beweis meines Rechts! Hier! Wer so einen anonymen Brief bekommt, hat alle Rechte eines loyalen B\u00fcrgers, der steht zum Sozialismus ohne Wenn und Aber! Dem kann man nicht eine gro\u00dfe Rolle der Staatsbejahung wegnehmen und ins Putendumme schmei\u00dfen. Lesen Sie!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Reichlich verwundert nahm Kubelik den Brief und las. Ich rief: \u201eGenossen, lest mit und seht, welches Unrecht mir beinah geschehen w\u00e4re.\u201c Die Kollegen str\u00f6mten hinter Kubelik, der ziemlich bald sagte: \u201eWarum zeigen Sie mir das?\u201c \u2013 \u201eUm Ihnen zu beweisen, was das Volk von meiner politischen Gesinnung h\u00e4lt.\u201c \u2013 \u201eDas verstehe ich nicht,\u201c sagte Kubelik. Ich war so erregt, dass ich nicht mehr wusste, was ich sage und den n\u00e4chsten Riesenquatsch machte: \u201eDer Brief ist von der Slanska, das ist doch klar.\u201c \u2013 \u201eWas?\u201c rief die Slanska, \u201edie &nbsp;Gusi\u010d spinnt! Ich habe gar keine Schreibmaschine.\u201c Kubelik hatte sich das Papier noch einmal genauer angesehen: \u201eKollegin&nbsp; Gusi\u010d, warum Sie mir diesen Brief zeigen, verstehe ich nicht. Dieses hochspringende A erinnert mich \u00fcbrigens an andere Schrifts\u00e4tze, ich wei\u00df nur nicht, welche. Seines Inhalts wegen geh\u00f6rt der Brief zur Kriminalpolizei, das ist doch klar.\u201c Pl\u00f6tzlich erkannte ich alle Folgen: \u201eNein!\u201c schrie ich und wollte den Brief wiederhaben. Aber Kubelik entzog ihn meinem Zugriff und beauftragte seinen Assistenten: \u201eJaver, erledigen Sie das. Bringen Sie den Brief zur n\u00e4chsten Polizeistation. Das h\u00e4tten Sie schon lange machen m\u00fcssen, Genossin &nbsp;Gusi\u010d. Das sind doch eindeutig staatsfeindliche konterrevolution\u00e4re Umtriebe.\u201c Ich versuchte, an den Brief zu kommen: \u201eHergeben, das ist mein Brief, hat nichts mit der Polizei zu tun! Ja, ich geh zur Polizei, wenn Sie mir mein Eigentum nicht wiedergeben!!\u201c Kubelik donnerte: \u201eJaver!, gehen Sie.\u201c Dieser Javer meinte: \u201eSoll ich nicht lieber gleich r\u00fcber zur Staatssicherheit?\u201c Und Kubelik best\u00e4tigte: \u201eJa, noch besser. Weg mit Ihnen!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ich war den Brief los. Schrecklich! Was tun? Dieser Javer ging. Ich auch. Wieder durch den Zuschauerraum, aber nicht wie Medea, letzter Akt, sondern wie von Furien gejagt. Ich wollte Javer noch abfangen. Aber auf der Stra\u00dfe war er nicht zu entdecken. Doch! Da dr\u00fcben ging er in ein Haus. Genau das Haus, das der anonyme Briefschreiber als Zentrale der Staatssicherheit beschrieben hatte, zwei Stra\u00dfen weiter vom Theater. Ich war viel zu aufgeregt, um bremsen zu k\u00f6nnen. Ich rannte hinterher, rein in die H\u00f6lle. Nein, war gar keine H\u00f6lle. Altes Adelspalais. Da standen lauter Bewaffnete. Einer fragte, was ich denn wolle. Da kam ich langsam wieder zu mir. Wie sollte ich das erkl\u00e4ren? Einen anonymen Brief wiederhaben, den der Javer vom Theater \u2013 ich stockte und wusste nicht weiter. Der Soldat fragte in die Runde: \u201eWei\u00df hier Einer was von einem anonymen Brief?\u201c \u2013 \u201eJa, da kam ein junger Mann, haben wir gleich raufgeschickt zur WOT\/III.\u201c \u2013 \u201eDa muss ich auch hin!\u201c rief ich sofort und rannte zur breiten Treppe. Aber da wurde ich am Arm gepackt und zur\u00fcckgehalten. \u201eHalt! Das geht nur mit Passierschein!\u201c Ich schaffte es nicht, den Mund zu halten: \u201eHatte denn der Javer auch einen Passierschein?\u201c Nein, der habe doch diesen Brief gehabt, der ja nur so strotzte von volksrepublikfeindlichen \u00c4u\u00dferungen, der musste sofort zur WOT\/III. \u201eAber dass das Alles so schnell geht.\u201c \u2013 \u201eWenns bei der Staatssicherheit nicht schnell geht, Genossin, dann stirbt die Revolution!\u201c Beim Ausf\u00fcllen des Passierscheins durch einen der Soldaten kam es zu bl\u00f6desten Missverst\u00e4ndnissen: Zweck des Besuches: Anonymen Brief abholen. Was? Der sei doch h\u00f6chst staatsgef\u00e4hrlich! Also \u2013 Was also? \u201eDer Brief ist mein Eigentum! Den muss ich wiederhaben.\u201c Da s\u00e4he er aber keine Chance \u2013 was einmal in die WOT\/III komme, das laufe sehr schnell zu den damit befassten Organen der Staatssicherheit, und dann zu den Ausf\u00fchrungsorganen. \u201eAber es ist mein Brief.\u201c Ein Soldat sagte eisig: \u201eW\u00fcrde ich nicht so laut sagen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Da kam Javer die Treppe runter und rief: \u201eAlles erledigt, Genossin&nbsp; Gusi\u010d.\u201c Ich rief: \u201eWas? Wieso erledigt? Moment!\u201c und rannte zu ihm, wollte ihn aufhalten, er aber war geschickter und schneller: \u201eIch muss ins Theater zur\u00fcck. Der Genosse Kubelik wartet ja!\u201c Und schon war er weg. Ich rannte noch hinterher, aber er hatte einen zu gro\u00dfen Vorsprung. Und was h\u00e4tte er mir sagen k\u00f6nnen? Vor dem \u00dcberqueren des Fahrdamms blieb ich abrupt stehen und fragte mich: War ich eigentlich noch in Bulgarien, in meiner Heimat? Zur\u00fcck in die Staatssicherheit? Unsinn \u2013 zu Jon ins Kleine Haus.<\/p>\n\n\n\n<p>Der war mitten in der Probe und wusste nat\u00fcrlich von gar nichts. Nur, dass die Slanska nicht gekommen war, die er doch f\u00fcr die Blanche brauchte. Jon unterbrach die Probe, und wir gingen in meine Garderobe. Ich war au\u00dferstande, in einiger Ordnung zu erz\u00e4hlen. Jon verstand das mit dem Brief gar nicht und freute sich wahnsinnig, dass ich die Blanche spielen w\u00fcrde. Ach Gott, war das im Augenblick sch\u00f6n! Aber im n\u00e4chsten Augenblick stie\u00dfen wir schrecklich aneinander: \u201eJon, ich sterbe,\u201c sagte ich, \u201edie Staatssicherheit -\u201c Jon kann mich so nicht leiden, das wei\u00df ich, er unterbrach mich: \u201eRed keinen Unsinn! Und red dir nicht ein, dass du stirbst! So leicht geht das nicht.\u201c \u2013 \u201eLeicht! Er redet von leicht. Er ist ahnungslos wie ein bl\u00f6der Knabe, du hirnrissiger Schwachkopf!\u201c Da wurde er pampig und drechselte einen seiner ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten S\u00e4tze: \u201eWenn ich auch nur ein bisschen von dem verstanden habe, was du heute angestellt hast, inklusive der Beschimpfung deines treuesten Freundes als Schwachkopf, dann scheint mir die Hirnrissigkeit mehr auf deiner Seite zu liegen. Henriette, h\u00f6r zu, du h\u00e4ttest um die Rolle k\u00e4mpfen m\u00fcssen, du musst jetzt noch um sie k\u00e4mpfen! Du kannst dich nicht einfach umbesetzen lassen.\u201c \u2013 \u201eUm diese Schei\u00dfrolle k\u00e4mpfen? Nein!\u201c \u2013 \u201eEs geht nicht um die Schei\u00dfrolle.\u201c \u2013 \u201eSondern um was?\u201c \u2013 \u201eUms Politische. Wir kommen in Teufels K\u00fcche. Die Staatssicherheit klingelt bei mir und bei dir. Sie durchw\u00fchlen unsere Wohnungen.\u201c \u2013 \u201eIch habe nichts zu verbergen.\u201c \u201eDu redest Quatsch! Du wei\u00dft doch aus dem Brief, wie sie mit Leuten umspringen, bei denen sie den leisesten Verdacht haben.\u201c \u2013 \u201eHast du etwa Angst?\u201c \u2013 \u201eJa. Du nicht?\u201c \u2013 \u201eNicht die geringste. Jon, hilf mir!\u201c \u2013 \u201eIch kann dir nicht helfen.\u201c Ich wurde lauter: \u201eHilf mir!\u201c \u2013 \u201eWie soll ich dir denn helfen?\u201c Ich schrie: \u201eHilf mir!!!\u201c Ich japste nach Luft und wollte noch was sagen, aber die Stimme gehorchte mir nicht mehr. Nichts, ein leises R\u00f6cheln: \u201eMeine Stimme!\u2026\u201c Sofort wurde Jon wieder f\u00fcrsorglich: \u201eRed jetzt nicht, das geht ganz schnell wieder weg. Komm r\u00fcber, wir proben, du spielst die Blanche.\u201c Nur mit gr\u00f6\u00dfter M\u00fche sagte ich: \u201eKann ich nicht, Stimme weg.\u201c Er hatte ein Einsehen: \u201eWie ernsthaft?\u201c Gekr\u00e4chz: \u201eGanz ernsthaft.\u201c \u2013 \u201eGut, ich bring dich sofort zum Arzt.\u201c Ich schw\u00f6re, dass ich in diesem Augenblick nicht wusste, wer dieser Arzt ist. Ich folgte Jon, sehr verunsichert.<\/p>\n\n\n\n<p>Jon sagte seiner Spielerschar, er m\u00fcsse eine weitere Viertelstunde was erledigen. Sie sollten dann bitte wieder da sein. Und wir gingen zum HNO-Arzt Professor Doktor Fabricius Capet.&nbsp; Als ich dessen Schild sah, wurde mir schlagartig klar, wohin Jon mich f\u00fchrte: Zu meinem Liebsten. Ich wollte nicht. Jon wurde wieder etwas pampig: \u201eHenriette, bitte h\u00f6r jetzt mit deinen ewigen Widerst\u00e4nden auf. Komm mit rauf zum Arzt und lass dich behandeln. Du kennst ihn.\u201c \u2013 \u201eJa,\u201c hauchte ich. Er lieferte mich ab und verabschiedete sich z\u00e4rtlich: \u201eIch schaue nach der Probe auf jeden Fall hier noch einmal vorbei. Sonst sehen wir uns bei dir und ich brutzle dir ein Aprikosenmarmeladeomlett.\u201c Ich konnte nur \u201eDanke\u201c fl\u00fcstern. Er ging und ahnte nicht, wo er mich zur\u00fcck lie\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Sprechstundenhilfe war \u00e4u\u00dferst h\u00f6flich und zuvorkommend: \u201eWarten Sie bitte hier, Frau&nbsp; Gusi\u010d. Herr Doktor wird Sie dann gleich drannehmen.\u201c Sie ging ins Sprechzimmer und meldete mich wohl an. Ja, von diesem Doktor w\u00e4re ich liebend gern gleich drangenommen worden. Sehr bald kam sie wieder raus, der Doktor mit weit ge\u00f6ffneten Armen hinterher: \u201eHenriette&nbsp; Gusi\u010d, welch ehrenvoller Besuch in meiner bescheidenen Praxis. Zwei Minuten, vielleicht drei und ich darf Sie bitten.\u201c Labsal war das ganz einfach. Wo war alles andere, was an diesem Vormittag passiert war?<\/p>\n\n\n\n<p>Es dauerte dann doch f\u00fcnf Minuten oder gar noch etwas l\u00e4nger. Die T\u00fcr ging auf, und ein Patient kam heraus; ich fand, er sah geheilt aus, wahrscheinlich Quatsch der Liebe. Capet hinterher: \u201eDarf ich nun bitten, verehrte Frau &nbsp;Gusi\u010d.\u201c Wir gingen ins Sprechzimmer, sa\u00dfen einander in der bekannten Position gegen\u00fcber, sein Schreibtisch zwischen uns. Bis er sehr schnell merkte, dass ich kaum sprechen konnte. Da untersuchte er meinen Hals \u2013 von innen, mit seinen Instrumenten und den Augen, von au\u00dfen mit den H\u00e4nden, Kinn, Wangen, Hals. F\u00fcr mich waren es Ber\u00fchrungen von gro\u00dfer erotischer Fingerf\u00fchligkeit. F\u00fcr ihn? Arztroutine \u2013 oder? \u201eHm,\u201c sagte er schlie\u00dflich, \u201eeine leichte Reizung der Stimmb\u00e4nder, aber dass Sie so gar nicht sprechen k\u00f6nnen\u2026\u201c Er pinselte etwas in den hinteren Rachen, was gar nicht angenehm war. Ich rotzte etwas Schleim hervor, spuckte in die daf\u00fcr vorgesehene Schale. Nah sa\u00dfen wir hier einander gegen\u00fcber und er erl\u00e4uterte: \u201eDas sieht nicht irgendwie be\u00e4ngstigend aus. Ruhe, Stimmb\u00e4nder schonen, soll ich Sie krankschreiben?\u201c &#8211;&nbsp; \u201eJa, das w\u00e4re sicher gut.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Er f\u00fcllte das Formular aus und unterschrieb es und gab es mir. Ich nahm es. Er fuhr fort: \u201eSowas kann oft psychische Ursachen haben. Frage also: Sind Sie in letzter Zeit psychisch belastet worden? Hat es irgendwie innere K\u00e4mpfe oder sowas gegeben?\u201c Ich nickte lebhaft und versuchte zu erkl\u00e4ren: \u201eJa, N\u00f6te im Theater \u2013 und ein anonymer Brief, der mir schwer zu schaffen machte und mit dem -\u201c \u201eDer Brief ist von mir.\u201c Ganz erstaunlich ruhig kr\u00e4chzte ich nur: \u201eDie Gladiolen auch?\u201c Er l\u00e4chelte ein Dammbruch-L\u00e4cheln: \u201eJa, die Gladiolen auch. Nat\u00fcrlich.\u201c \u2013 \u201eWas ist daran nat\u00fcrlich?\u201c Dann hastete ich kr\u00e4chzend hervor: \u201eSie sind in gr\u00f6\u00dfter Gefahr, der Brief ist bei der Staatssicherheit.\u201c Er schien mir nur ganz kurz irritiert: \u201eAber \u2013 Sie haben ihn nicht dorthin gebracht?\u201c Ich entr\u00fcstete mich: \u201eNein! Aber durch meine Dummheit ist er \u2013 Sie m\u00fcssen sofort fliehen!\u201c Er sch\u00fcttelte den Kopf. Es klingelte, lange und \u2013 wie mir schien \u2013 scharf.<\/p>\n\n\n\n<p>Er stand auf. Ich auch, ich umarmte ihn sehr heftig, er erwiderte die Umarmung mit festen, so wunderbar zupackenden Armen. So standen wir, als die T\u00fcr aufging und zwei Milizion\u00e4re eintraten. \u201cB\u00fcrger Capet, Sie sind verhaftet!\u201c schnarrte der eine Milizion\u00e4r. Oh, wie bezaubernd er fragte: \u201eEin Kuss ist noch erlaubt?\u201c Der Milizion\u00e4r war irritiert, schaute den Kollegen an. Der nickte. \u201eJa,\u201c sagte der andere zu Capet. Und Fabricius Capet k\u00fcsste mich. Zum ersten Mal\u2026 F\u00fcr die Milizion\u00e4re musste es den Anschein haben, als sei es ein Abschiedskuss zwischen lange Liebenden. \u201aGut so,\u2018 dachte ich, wei\u00df nicht, wieso. Der eine Milizion\u00e4r wollte Fabricius\u2018 Arm von meiner Schulter nehmen. Er drehte sich rasch um und sagte: \u201eIch gehe freiwillig mit Ihnen. Ist das klar?\u201c \u2013 \u201eIst klar, Genosse Doktor.\u201c Er ging zur T\u00fcr und wies mit dem Arm nach drau\u00dfen: \u201eBitte, Genosse Doktor.\u201c Fabricius nahm einen Arm von meiner Schulter. Mit dem anderen fuhr er \u00fcber meine Schultern und mit der Hand den Arm hinunter, bis seine Hand in meiner landete. So gingen wir Hand in Hand durch die T\u00fcr und durch die Reception zu Praxist\u00fcr. Er zog meine Hand hoch und k\u00fcsste sie, innig, anders kann ich es nicht nennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann? War er weg. Ich versuchte, mit Trippelschritten das eben Geschehene zur\u00fcckzulaufen: T\u00fcr zu, Abgang Fabricius durch die T\u00fcr der Praxis, die ins Treppenhaus f\u00fchrte, Handkuss, kurzer Gang zur T\u00fcr, Liebkosung meines R\u00fcckens, Hand findet Hand,&nbsp; Kuss, Umarmung\u2026 Nein, ich war nicht von dieser Welt, wie ich da vor der verschlossenen T\u00fcr stand. Sehr behutsam fasste mich die Sprechstundenhilfe an den Schultern. Ich wachte auf, zutiefst erschrocken. \u201eSie haben Ihren Chef verloren,\u201c kr\u00e4chzte ich. Sehr liebevoll erwiderte sie: \u201eUnd wen haben Sie verloren?\u201c Ich nickte nur. Und fragte dann fast ohne Stimme: \u201eWie soll das weitergehen?\u201c \u2013 \u201eVielleicht mit einem Taxi?\u201c fragte sie nett. Ich nickte wieder. Taxis besorgen, das schaffen bei uns dato nur \u00c4rzte oder Bonzen. \u201eBitte, zu Hause hinlegen. Nicht oder nur das N\u00f6tigste sprechen.\u201c \u2013 \u201eIch geh mal schon runter,\u201c sagte ich und \u00f6ffnete die T\u00fcr. \u201eSoll ich mit runterkommen?\u201c \u2013 \u201eNein nein, das schaff ich schon.\u201c Ich schaffte ein L\u00e4cheln: \u201eWiedersehn \u2013 und sch\u00f6nen Dank. Ich wei\u00df aber nicht, wof\u00fcr\u2026 Doch: f\u00fcr Ihre Liebe.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Da stand ich im fr\u00fchen Abendverkehr. Wenige Autos, viele Pferdefuhrwerke vom Land, vom Landwirtschaftsg\u00fcrtel, Leute mit Schubkarren, Radfahrer. War ich noch in der Heimat, in Bulgarien? Waren die Leute alle meine Landsleute, vielleicht sogar mein Publikum? Oder lauter Spitzel?<\/p>\n\n\n\n<p>Zu Hause war Jon, in der K\u00fcche brutzelte ein Aprikosenmarmeladenomlett. Er wollte nun alles ganz genau wissen, hatte ja meine Erz\u00e4hlung von den Vorf\u00e4llen im Theater kaum verstanden. Sollte ich alles erz\u00e4hlen? Nein, ich erz\u00e4hlte nur das Medizinische, dass ich krankgeschrieben sei, redete mich raus mit der Stimmbandreizung und dem Schweigegebot des Arztes. Kein Wort vom Brief und seiner h\u00f6chst fatalen Rolle. Nein, es w\u00fcrde schwer werden, \u00fcber alles zu sprechen, mit Jon oder mit anderen. Was war ich denn nun? Eine Frau zwischen zwei M\u00e4nnern? Klassisches Dreieck? Lustspiel? Lustig ganz bestimmt nicht. Ich bat mit ersterbender Stimme: \u201eBleibst du bitte die Nacht \u00fcber hier?\u201c \u2013 \u201eIch w\u00fcsste nicht, was ich lieber t\u00e4te.\u201c Ein wenig erstaunt war er wohl, als ich auf seine Intimit\u00e4ten nicht einging. Nein, das konnte ich nicht \u2013 Fabricius hatte mich umarmt und gek\u00fcsst. Und da warteten ziemlich sicher noch andere \u00dcberraschungen in der Kulisse. Jon fl\u00fcsterte mit hei\u00dfem Atem in meinen Nacken: \u201eMeinst du nicht, Amore w\u00fcrde dir guttun?\u201c Ich kann diese Anspielungen auf die gute Wirkung von Sex nicht leiden und fl\u00fcsterte zur\u00fcck: \u201eAmore w\u00fcrde im Augenblick alles kippen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Jon schl\u00e4ft. Drei Stunden lang habe ich dieses Tagebuch geschrieben, wei\u00df der Himmel, wo ich die Kraft daf\u00fcr hernehme.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Sofia, am Samstag, den 24.9.1947<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Alleine aufgewacht. Jon hat sich davongeschlichen. Mir sehr recht. Denn ich muss ja nun Strategien entwickeln. Ja, ich muss Fabricius, meinen Liebsten, aus den Gef\u00e4ngnissen oder Lagern der staatlichen bulgarischen Securitate befreien. Das mag ungeheuerlich klingen, aber es bleibt so stehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum ersten Mal schreibe ich am fr\u00fchen Morgen, im Licht der fr\u00fchen Sonne. Ich bin krankgeschrieben, ich muss nicht auf die Probe, Rolle Blanche geistert irgendwo in einer anderen Welt. Bin ich Schauspielerin? Wer mich fragte, wen ich denn aus dem Gef\u00e4ngnis zu befreien h\u00e4tte, so hie\u00dfe die Antwort ganz deutlich: meinen Liebsten. Dass das klar ist: Ich will keinen Coup landen, nicht ausbrechen, nicht einbrechen, ich will nicht meinerseits kriminell werden, es soll keine Sensationen geben. Hoffentlich kann ich das durchstehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Maria kam sehr fr\u00fch, brachte Eier und ein H\u00e4hnchen, das sie am Abend zu braten versprach. Ich fragte sie nach ihrem Bruder, der ein Milizion\u00e4r ist. Sie tr\u00e4fe sich ohnehin heute am sp\u00e4ten Nachmittag mit ihm. Ob sie ihn mitbringen solle? Ich sagte Ja. Ich tastete mit ein paar Fragen herum, ob er von der schlimmeren Sorte sei. Nein, ist er nicht, w\u00e4re mir als Bruder von Maria auch verwunderlich gewesen. Aber Milizion\u00e4r bedeutet erst mal gar nichts. Alle Geheimdienstler sind Milizion\u00e4re, aber nicht alle Milzion\u00e4re sind Geheimdienstler. Ich fragte Maria, in welchen Funktionen ihr Bruder denn diene. Das wusste sie nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Einen Anwalt suchen. Was f\u00fcr eine \u00e4u\u00dferst heikle Angelegenheit. Wie offen spricht man da, was muss man verschweigen, was ist die effektvollste Vorgehensweise? Vielleicht k\u00f6nnte mir der fr\u00fchere Intendant Slatan helfen. Wie mag es ihm gehen? Rausfinden, in welchem Gef\u00e4ngnis Fabricius sitzt. Ich muss mir dar\u00fcber im Klaren sein: an falscher Stelle offen reden, k\u00f6nnte Fabricius\u2018 Tod bedeuten. Aber: Angst bannen, Angst ist kontraproduktiv, Angst ist ein ganz schlechter Lotse! Mut ist eine Klugheit, dabei radikales Nein zum \u00dcber-Mut. Das Schifflein zwischen den m\u00f6rderischen Riffen mit gr\u00f6\u00dfter Behutsamkeit steuern. Mensch, Henriette, jetzt wirst du niedlich!\u2026 Lass das!<\/p>\n\n\n\n<p><em>Am selben Tag abends.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Wegen eines Rechtsanwaltes war ich in der Praxis. Die Sprechstundenhilfe war sehr hilfreich, hat mir Fabricius\u2018 Rechtsanwalt genannt, ihn gleich angerufen, mir einen Termin f\u00fcr \u00fcbermorgen ausgehandelt, Montag, 10 Uhr 30.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann war ich noch dabei, wie die Staatssicherheit klingelte und die Praxis durchw\u00fchlte, \u00e4u\u00dferst brutal und ohne die geringste Achtung vor dem Eigentum eines B\u00fcrgers. Das ist sicherlich Absicht, Angst machen steht gro\u00df auf ihren Transparenten. Nicht wirklich. Die Sprechstundenhilfe und ich k\u00fcmmerten die Milizion\u00e4re \u00fcberhaupt nicht. Sie suchten verbissen und fanden nichts, und je weniger Verd\u00e4chtiges zum Vorschein kam, desto w\u00fctender wurden sie. Man darf unterstellen, dass es f\u00fcr ihre Position bei der Truppe h\u00f6chst wichtig war, Beweise abzuliefern, Erfolge zu haben. Aber hier war kein Flugblatt, keine westeurop\u00e4ische Zeitung, keine Notizen, nichts Verd\u00e4chtiges. Aber eins war da: eine Schreibmaschine. Sie zwangen die Sprechstundenhilfe ein Blatt einzuspannen und einige S\u00e4tze zu schreiben, \u201eegal was\u201c. \u201eIch schreibe nur, was Sie mir diktieren,\u201c sagte sie. \u201eSchreiben Sie: Volksfeind Professor Doktor Fabricius Capet ist ein Sch\u00e4dling im Volksk\u00f6rper und muss eliminiert werden. Solche wollen wir&nbsp; nicht. Das gen\u00fcgt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Milizion\u00e4r riss das Blatt aus der Maschine und schaute es genau an: \u201eGenosse, das ist die Maschine, mit der der anonyme Brief geschrieben wurde. Immer springt das a hoch. Beschlagnahmt.\u201c Er klemmte die Maschine unter den Arm und verschwand mit seinem Genossen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir standen sehr bel\u00e4mmert da, die Sprechstundenhilfe und ich. Dann umarmten wir einander, wortlos, heulend.<\/p>\n\n\n\n<p>Mittags habe ich in der Theater-Kantine gegessen. Ich will keinerlei Abschottung praktizieren. Die Slanska sa\u00df allein an einem Tisch. Ich setzte mich zu ihr. Sie sagte als erstes: \u201eIch freue mich sehr, dass du dich an meinen Tisch setzt. Ich hoffe, wir werden ein paar Worte miteinander reden.\u201c \u2013 \u201eWann ist nun deine Premiere?\u201c \u2013 \u201eH\u00f6r auf!\u201c Ich hielt es f\u00fcr klug, erst mal nichts weiter zu sagen. Wir l\u00f6ffelten Suppe. Die Slanska erz\u00e4hlte dann doch noch ein bisschen was: \u201eWir gehen alle auf dem Zahnfleisch. Kubelik kann nicht mehr verschieben. Wir haben vier Tage verloren. Die Sache mit dir an meiner Stelle war Quatsch.\u201c \u2013 \u201eGanz sicher.\u201c Die&nbsp; Slanska war sehr erstaunt: \u201eDas sagst du selber?\u201c \u2013 \u201eWas sonst?\u201c Suppe l\u00f6ffeln. Ich redete dann weiter: \u201eIch meine, Kubelik fehlt es an ganz simpler Theaterpraxis.\u201c \u2013 \u201eGenau so ist es. Er wei\u00df zum Beispiel gar nicht, was Auswendiglernen bedeutet, dass man dazu nicht Milizion\u00e4re abkommandieren kann, dass Geduld auch unter schrecklichem Termindruck praktiziert werden muss,- nun h\u00e4ngt alles an dieser minderbemittelten Souffleuse. Das St\u00fcck ist nicht sehr doll.\u201c \u2013 \u201eAber es ist politisch\u2026\u201c \u2013 \u201eEinwandfrei. Jeden Satz kann ich als Genossin unterschreiben. Aber das macht noch kein gutes St\u00fcck.\u201c \u2013 \u201eGenau das fand ich auch. Die beste Gesinnung macht aus Thesen noch keine Kunst, nicht mal Kunstgewerbe.\u201c \u2013 \u201eDu sprichst genau das aus, was ich auch meine. Es hilft nur Alles nichts\u2026\u201c Ich stand auf: \u201eIch w\u00fcnsch euch was.\u201c \u2013 \u201eDanke, wir k\u00f6nnens brauchen.\u201c Ich ging und fand, dass die Slanska keineswegs eine Putendumme ist. Ich hatte da ein ganz bl\u00f6des Vorurteil. Nicht gut.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich sah Jon aus der Ferne, ich ging ihm aus dem Weg. Wo ist mein Liebster Fabricius? Ahnt er, dass ich ihn suche? Er wei\u00df, dass ich ihn liebe, nicht wahr? M\u00fcsste man vielleicht mal ein paar Sekunden Gedanken daran verwenden, ob er nicht gebunden ist? Da k\u00f6nnte eine Ehefrau sein, eine t\u00e4glich vertraute oder vernachl\u00e4ssigte. Wieso vernachl\u00e4ssigt? Das macht Fabricius schlecht. Nein, aber vielleicht getrennt, in beiderseitigem Einvernehmen. Was man da so alles losspinnt. Da k\u00f6nnte eine langj\u00e4hrige Geliebte sein, da k\u00f6nnte ein junges Reh auf ihn so warten wie ich. Oder geht er mit seiner Sprechstundenhilfe ins Bett? Ja, dar\u00fcber kann man nachdenken. Oder auch nicht! Lieber nicht. Ich will versuchen, nur an die Dinge zu denken, die zu seiner Befreiung f\u00fchren. Er wird nicht mit Gedanken befreit, nur mit Taten! H\u00e4tte es irgendeinen Sinn, mit der Opposition Verbindung aufzunehmen? Nicht definierbares Feld. Also weg. Nein, vorsichtig suchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Am sp\u00e4ten Nachmittag brachte Maria ihren Bruder mit zu mir. Sie ging in die K\u00fcche und briet das H\u00e4hnchen. Ich hatte einige M\u00fche, mit ihrem Bruder zu sprechen. Aber es war am Ende gut, sehr gut.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWas tun Sie denn?\u201c fing ich an. Er blieb das ganze Gespr\u00e4ch \u00fcber sehr k\u00fchl, engagierte sich nicht irgendwie: \u201eIch bin Milizion\u00e4r.\u201c \u2013 \u201eDas sehe ich an Ihrer Uniform. Aber nicht alle Milizion\u00e4re tun dasselbe.\u201c \u2013 \u201eNein,\u201c war alles, was er dazu sagte. Ich holte Luft und sprudelte los: \u201eIch frage Sie jetzt ganz direkt und wei\u00df, dass es ein Riesenzufall w\u00e4re, wenn Sie es mir sagen k\u00f6nnten: Wissen Sie, in welchem Gef\u00e4ngnis mein Liebster, der Arzt Professor Doktor Fabricius Capet eingekerkert ist?\u201c \u2013 \u201eJa, ich habe ihm heute morgen einen Brief von der Staatsanwaltschaft \u00fcberbracht.\u201c Das war denn doch eine erstaunliche Nachricht, viel Grund zur Freude: \u201eWas? Ihm ganz pers\u00f6nlich?\u201c \u2013 \u201eJa. Durch die Gitter gereicht. Von ihm den Empfang per Unterschrift best\u00e4tigt.\u201c \u2013 \u201eUnd was in dem Brief drinstand..\u201c \u2013 \u201eKeine Ahnung, nicht mein Dienst.\u201c Ich wollte es nun genau wissen; \u201eWo ist er?\u201c Und er stellte die \u00fcberaus wunderbare Gegenfrage: \u201eM\u00f6chten Sie zu ihm?\u201c Mein Herz kochte: \u201eJa.\u201c \u2013 \u201eIch kann das einrichten.\u201c Ich wollte wissen: \u201eOffiziell?\u201c K\u00fchl bis ans Herz: \u201eNein, nicht offiziell.\u201c \u2013 \u201eWie nennt sich denn Ihre Funktion?\u201c wollte ich nun wissen. \u201eIch bin Bote.\u201c \u2013 \u201eMuss ich verstehen, wieso mir ein Bote zu so einem inoffiziellen Besuch verhelfen kann?\u201c \u2013 \u201eNein, das m\u00fcssen Sie nicht verstehen. Muss der eine Bonze zum Mittagessen gehen, ist der andere Bonze noch nicht da. Mehr m\u00fcssen Sie nicht verstehen.\u201c Ich wollte wissen: \u201eIst das gef\u00e4hrlich?\u201c \u2013 \u201eJa.\u201c \u2013 \u201eF\u00fcr wen?\u201c \u2013 \u201eF\u00fcr alle, die mitmachen.\u201c \u2013 \u201eWas kostet es?\u201c \u201e2.000 Lewa.\u201c Ich zog ein Gesicht und lie\u00df ein ganz leises \u201eOh\u2026\u201c h\u00f6ren. Gleich sagte er: \u201eEs geht auch f\u00fcr 200 Lewa oder 20 oder 2 Lewa.\u201c \u2013 \u201eWer entscheidet das?\u201c \u2013 \u201eIch.\u201c&nbsp; Seine Antworten verbl\u00fcfften mich immer mehr und mir fiel die Bemerkung ein, die mir klug schien: \u201eVielleicht entsteht der Eindruck, ich sei&nbsp; reich.\u201c \u2013 \u201eNein,\u201c sagte er, \u201enichts, keine Lewa f\u00fcr Henriette&nbsp; Gusi\u010d.\u201c \u2013 \u201eDanke. Wann?\u201c \u2013 \u201eZiemlich sicher am n\u00e4chsten Mittwoch, Mittagszeit. Ich m\u00f6chte nicht mehr in dieses Haus kommen. Man wird so schnell observiert. Sie erfahren alles von Maria.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ich f\u00fchlte mich in surrealistischen Gefilden. \u201eEssen!\u201c rief Maria und brachte das gebratene H\u00e4hnchen rein, sch\u00f6n umrandet mit Bratkartoffeln und Gem\u00fcse. Ich fragte den jungen Mann: \u201eDarf ich Sie zu einer kleinen Portion Brath\u00e4hnchen einladen?\u201c \u2013 \u201eGern,\u201c sagte er ganz gelassen. Warum attestiere ich ihm Gelassenheit? Warum sollte er nicht gelassen sein? Ich sagte: \u201eMehr haben wir nicht. Wir essen mit Ihrer Schwester.\u201c Das taten wir. Bei der Verabschiedung hauchte ich zwei K\u00fcsse auf seine Wangen. V\u00f6llig unerwartet wurde er dunkelrot vor Verlegenheit. Ich habe in meinem Leben schon manches M\u00e4nnerr\u00e4tsel knacken m\u00fcssen, hier scheiterte ich zun\u00e4chst. Was f\u00fcr ein Mann ist dieses J\u00fcngelchen?<\/p>\n\n\n\n<p>Und dass er wusste, wo Fabricius einsitzt!\u2026 Welch ein Zufall! Immer wieder in meinem Leben, in Abst\u00e4nden muss ich fragen: Was ist Zufall? Dann kroch die Angst vor der Begegnung mit dem gefangenen Geliebten, der er ja noch gar nicht ist, \u2013 gefangen schon \u2013 \u00fcber mich. Was sagen, was h\u00f6ren, was entscheiden? Wo hinschauen? Wie ist er gekleidet? Wieviel Wachleute stehen da rum? Viele sehr b\u00f6se Ger\u00fcchte kursieren \u00fcber die Zust\u00e4nde in unseren Gef\u00e4ngnissen. Und ich wei\u00df doch genau, dass von der Beantwortung solcher Fragen gar nichts abh\u00e4ngt! Um meine Freiheit von mir selbst k\u00e4mpfen. Nur wenn ich in gr\u00f6\u00dfter Unabh\u00e4ngigkeit diesen Kampf durchstehe \u2013 Hygienischer Quatsch! Vielleicht manchmal die H\u00e4nde falten statt waschen. Im wilden Durcheinander stecken ungeahnte Kr\u00e4fte! Muss ich ihm frische W\u00e4sche mitbringen? Nein, eine Gladiole. Wegen der W\u00e4sche werde ich ihn fragen. Heute ist Samstag. Wie soll ich die Zeit bis Mittwoch zur Mittagszeit \u00fcberstehen? Gr\u00f6\u00dften Bammel vor der Leere des morgigen Sonntags. Als ich ein Kind war, gingen wir in den Gottesdienst. \u00dcbermorgen wenigstens der Anwalt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Sofia, am Sonntag, den 25.9.1947<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Aequinoctium, Wort aus der Schulzeit, Tag- und Nachtgleiche. Nein, war, war vor drei Tagen. Fand ich immer sehr aufregend. Warum eigentlich? Ich habe noch eine alte Petroleumlampe, sie hat in Kriegszeiten gute Dienste getan. Jetzt brauche ich sie immer noch, denn die Stadt Sofia kann ihre Einwohner nicht ausreichend mit Strom versorgen. Pl\u00f6tzlich geht das Licht aus, aber ich sitze dann nicht im Dunkeln, sondern kann im Licht der Petroleumlampe dieses Kochbuch schreiben. Hat etwas Altert\u00fcmliches, auch Gem\u00fctliches, auch ein bisschen verf\u00fchrerisch, Urlaub von der Wirklichkeit zu nehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war gar nicht der ereignislose Sonntag, den ich bef\u00fcrchtet hatte. Es war ein guter Tag. Weil ich zum Denken gekommen bin. Ich habe einfach mal sehr gr\u00fcndlich \u00fcberschlagen, was mir bevorsteht: Der Rechtsanwalt am Montag. Der Besuch im Gef\u00e4ngnis der Staatssicherheit am Mittwoch. Wenn ich daran denke, f\u00e4llt mir das Kinn auf den Hals. Komisch zu sagen, dass ich den Sonntag n\u00fctze, damit das Kinn auf den Hals f\u00e4llt. Auch ein sehr schlimmer Satz. Hinrichtung der K\u00f6nigin Maria Stuart. Der Henker war wohl nicht gut, er soll mehrere Male zugeschlagen haben. Dann irgendwann der Prozess vor der Staatssicherheit. Sie k\u00f6nnen daraus sowas wie einen Schauprozess machen. Ich f\u00fcrchte, dass sie das tun werden, und sie werden mich als Zeugin laden. Der Angeklagte hat einen anonymen Brief geschrieben auf einer Schreibmaschine, auf der das a immer hochspringt. Sehr leicht zu identifizieren. Es wird keinerlei Hilfe sein, die Abfassung des Briefes zu leugnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Jon kam etwa um 11 Uhr, hatte Angebratenes in der Tasche (nein, nicht doch Angebranntes), sogar Salat, Kartoffeln, packte alles aus wie ein Weihnachtsmann, brutzelte alles fertig und richtete ein wundersch\u00f6nes Mittagsmahl her. Als wir a\u00dfen, einander gegen\u00fcber sitzend, fiel es mir doch schwer, dass ich diese Latte mit erotischer Verheimlichung mit mir herumschleppe, nicht nur erotischer, sondern einen Haufen hochbrisanter verschw\u00f6rerischer politischer Staatsgeheimnisse. Ich w\u00e4re so gerne offen gewesen, aber es ging nicht: Mein Liebster sitzt im Gef\u00e4ngnis, und Jon kocht f\u00fcr mich, als sei noch er mein Liebster. Ich kann daran im Moment nichts \u00e4ndern. Ich gefiel mir nicht in dieser Heimlichtuerei. Ich kann ihm nicht erz\u00e4hlen, dass ich morgen zum Rechtsanwalt gehe, noch gar, dass ich am Mittwoch im Gef\u00e4ngnis der Staatssicherheit mit einem prominenten Gefangenen zusammentreffe. Ist Fabricius eigentlich prominent? Erstaunlicherweise steht kein Wort in der Zeitung. Bis jetzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sprachen ziemlich ausf\u00fchrlich \u00fcber die Rolle der Blanche, die ich ja nun ab morgen endlich proben k\u00f6nnte. Nein, ich bin doch krankgeschrieben (gehe stattdessen zum Rechtsanwalt, was Kubelik dampfen lie\u00dfe). Die Stimme ist \u00fcbrigens wieder einigerma\u00dfen in Ordnung).<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sprachen \u00fcber Slatan, den alten Intendanten, der sich im Theater gar nicht mehr sehen l\u00e4sst. Jon hat einen Blick in das kleine Zimmerchen getan, das man ihm zugewiesen hat: vollkommen aufger\u00e4umt und unbenutzt. Es geht die Rede, dass er das Weihnachtsm\u00e4rchen inszenieren soll. Welch eine Dem\u00fctigung. Ja? Oder nicht? Eine Kollegin habe Jon zugefl\u00fcstert, dass es Slatan gar nicht gut gehen soll. Wer ihn besuchen will und kann, soll es bitte tun.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann kam er doch justament heute wieder auf die Heirat zu sprechen. Nein, erkl\u00e4rte ich deutlich, ich will nicht. \u201eEs ist gar nicht so lange her, da wolltest du. Wir sa\u00dfen auf einer Bank, aber die Standes\u00e4mter waren in der Nacht zu.\u201c \u2013 \u201eJa, aber ich bin zur\u00fcckgekehrt zu meiner alten Position. Liebe ja, alles, aber nicht heiraten.\u201c Das h\u00e4tte ich nicht sagen sollen. Es war ja eine L\u00fcge: keine Liebe mehr mit Jon, Heirat mit Fabricius. Manchmal darf man auch k\u00fchne Dinge denken.<\/p>\n\n\n\n<p>Und nat\u00fcrlich hatte Jon Sehnsucht nach mir. Ich wimmelte ihn ab mit M\u00fcdigkeit, war mir fatal. Man wei\u00df, wie h\u00f6chst ungern ich spiele, au\u00dfer auf der B\u00fchne. Er war ein bisschen verstimmt und ging bald, gab mir \u00fcbrigens noch die Adresse von Slatan. Ich dankte ihm sehr herzlich, dass er mich so aufmerksam versorgt hatte. Sp\u00fcrt er schon was? Ich zweifle sehr, er ist kein Sensibler. Das steht nun so im Tagebuch: Jon ist kein Sensibler. Ist er nat\u00fcrlich. Aber dass ich ihm verlorengehen k\u00f6nnte \u2013 nein, das ist jenseits seines Vorstellungsverm\u00f6gens. Wer sollte denn da kommen? Ein J\u00fcngerer? J\u00fcnger als ich, der wunderbare Jon? Oder ein \u00c4lterer? Doch nicht in Henriettes Bett. Wenn die Herren Kerle ihrer selbst so sicher sind \u2013 das kann ich nicht leiden, auch so ein Kapitel.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann zu Slatan. War das seine Wohnung als Intendant? Ich war nie bei ihm zu Gast. Oder hatte man ihn schon zu einem Umzug gezwungen? Wohnte Kubelik schon in der Intendanten-Villa? Es war ziemlich weit drau\u00dfen, da, wo sich Sofia ins Umland verliert und nicht mehr sonderlich sch\u00f6n ist. Aber die Busverbindung war gut. Ich suchte am Gartentor des ziemlich verfallenen Zauns nach einer Klingel. \u201eZu wem wollen Sie?\u201c keifte \u2013 ja, ich kanns nicht anders nennen, auch wenn sich sp\u00e4ter herausstellte, dass es Slatans Frau, die Soubrette, war: keifte eine pl\u00f6tzlich hinter dem Haus hervorrennende Frau, sehr schlampig angezogen, str\u00e4hnige Haare, deutlich nicht nachgef\u00e4rbt, ungepflegt. Mit sehr viel Frage in der Stimme sagte ich: \u201eIch suche den Herrn Slatan\u2026\u201c Sie keifte weiter: \u201eSchon wieder so eine Zimtzicke von der Partei oder von der Presse. Ach nein!: die &nbsp;Gusi\u010d ganz pers\u00f6nlich \u2013 die&nbsp; Gusi\u010d.\u201c Zum ersten Mal ein menschlicher Ton in der Stimme. So blieb es leider nicht. Slatan kam durch die Haust\u00fcr: \u201eHenriette&nbsp; Gusi\u010d, welch wunderbarer Besuch!\u201c Wir umarmten einander, was wir bis dahin nie getan haben. \u201eIch sch\u00e4me mich sehr, Sie ins Haus zu bitten, in ein Haus, das so heruntergekommen ist. Aber der Gartenweg ist ja auch nicht der rechte Platz. Kommen Sie also rein.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Drin war es weniger erschreckend, als ich bef\u00fcrchtet hatte. Nur Slatans Frau war erschreckend wankelm\u00fctig. \u201eSie hat unter meiner Dem\u00fctigung mehr gelitten als ich,\u201c sagte Slatan. \u201eEr \u00fcbertreibt,\u201c sagte sie und keifte weiter: \u201eWas wollen Sie hier? Wir brauchen keine Mitleidsheuchler. Wir sind uns selbst genug.\u201c Ich fragte: \u201eIst es vielleicht besser, wenn ich wieder gehe?\u201c \u2013 \u201eJa,\u201c keifte sie, \u201eNein, bitte nicht,\u201c sagte Slatan zugleich. Er wandte sich seiner Frau zu: \u201eBella, bitte beruhige dich. Henriette&nbsp; Gusi\u010d ist willkommen als eine Gesandte von drau\u00dfen, die keine N\u00f6te mit der Partei hat.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ich platzte heraus: \u201eH\u00f6ren Sie auf! Sie ahnen nicht, in welche N\u00f6te ich geraten bin, mit der Securitate. Aber erz\u00e4hlen Sie erst mal.\u201c Sie sagte bissig: \u201eEr erz\u00e4hlt lauter Quatsch! Er ist ein Schei\u00dfheld!\u201c Slatan sprach, etwas genervt von ihrer Hysterie: \u201eMir h\u00e4ngt ein Parteiverfahren an, das sie absichtlich hinausz\u00f6gern, um uns zu qu\u00e4len und zu dem\u00fctigen. Wir hatten sehr schlimme Tage und Erlebnisse. Bella, machst du uns bitte einen Tee? Wir versuchen alles Menschenm\u00f6gliche, um nicht aus dem Netz zu fallen. Dazu geh\u00f6rt eine Tasse Tee f\u00fcr Henriette&nbsp; Gusi\u010d.\u201c Bella stand widerspruchslos auf und ging hinaus: \u201eGern,\u201c sagte sie, was mich wieder erstaunte. Slatan fuhr fort: \u201eDas lief schon vor dem Ungl\u00fcck mit Gro\u00dfe Taten. Ich hoffte, ich k\u00f6nnte es mit der Inszenierung aus der Welt schaffen und strengte mich wahnsinnig an. Aber Sie wissen ja selbst, dass Anstrengung im Theater im Grunde sinnlos ist und niemals aus einem sehr schlechten Theaterst\u00fcck ein gutes macht. Goethes Tasso sagt bekanntlich: \u201aMan merkt die Absicht, und man ist verstimmt.\u2018 Nun soll ich das Weihnachtsm\u00e4rchen inszenieren, warum nicht?, aber nur, wenn das Parteiverfahren aus der Welt ist. Es ist so v\u00f6llig absurd, diese Verquickung von Weihnachtsm\u00e4rchen und Parteiverfahren. In meinem Gr\u00f6\u00dfenwahn habe ich davon getr\u00e4umt, Sie, verehrte Henriette&nbsp; Gusi\u010d, mit der Rolle der b\u00f6sen Hexe zu besetzen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIhr Gr\u00f6\u00dfenwahn ist so wahnvoll nicht. Ich habe nicht die geringste Ahnung, wie es mit mir am Theater weitergehen soll.\u201c \u2013 \u201eWas? Was ist passiert? Das Staatstheater wird nicht auf eine so gro\u00dfartige Schauspielerin wie Sie verzichten k\u00f6nnen.\u201c \u2013 \u201eDas steht dahin. Ich wei\u00df nicht, wie viel Verbindung Sie noch zum Theater haben. Wissen Sie, dass Kubelik mich mit der Hauptrolle in dem St\u00fcck besetzt hat?\u201c \u2013 \u201eJa, das wurde mir zugetragen.\u201c \u2013 \u201eUnd dass das vollkommen schief gelaufen ist, und nun doch die Slanska spielt?\u201c \u2013 \u201eAlso, das wusste ich noch nicht. Ich dachte nur, wenn ich die Rolle mit der &nbsp;Gusi\u010d h\u00e4tte besetzen k\u00f6nnen, dass es mir dann doch um Einiges besser gegangen w\u00e4re.\u201c \u2013 \u201eWarum konnten Sie mich nicht besetzen?\u201c \u2013 \u201eWeil es eine Art unausgesprochenes Stillhalteabkommen zwischen uns gab, Sie mit dergleichen Propagandaquatsch nicht zu behelligen.\u201c \u2013 \u201eDanke, sehr herzlichen Dank! Es sind Texte von so bodenloser Dummheit, die ich einfach nicht sprechen konnte. Da spielt dann noch ein anonymer Brief rein, voller Beschimpfungen des Staates, der durch mein Versehen zu einer Verhaftung gef\u00fchrt hat, weil ich so entsetzlich t\u00f6richt war, in meiner Kr\u00e4nkung \u00fcber meine Umbesetzung, den Brief als Argument vorzuzeigen. Lassen wir das.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Slatans Frau kam mit dem Tee. Wir tranken und schwiegen eine Weile. \u201eBesonders guter Tee,\u201c r\u00fchmte ich. Slatan erkl\u00e4rte: \u201eEr ist noch aus dem Vorzugsladen f\u00fcr Prominente, den ich nun auch nicht mehr betreten darf.\u201c Und seine Frau keifte pl\u00f6tzlich wieder los: \u201eMan will uns verhungern lassen! Das ist es, sie sind so unmenschlich, Bestien und Teufel!\u2026\u201c \u2013 \u201eBella,\u201c sagte ich, \u201eich darf Sie Bella nennen, \u2013 Sie m\u00fcssen sich fangen. Die \u00c4u\u00dferungen Ihrer Not n\u00fctzen niemandem. Ja, doch: der Partei. Und genau das wollen Sie doch bestimmt nicht. Machen Sie Slatan zum Objekt Ihres Mitleides, Mitleid in des Wortes Bedeutung. Er braucht Sie, nicht als Widersprecherin, sondern als F\u00fcrsprecherin.\u201c Bella stand auf und kam zu mir und gab mir einen Kuss auf den Scheitel. Slatan schien richtiggehend ger\u00fchrt: \u201eDanke, Henriette&nbsp; Gusi\u010d, f\u00fcr Ihre Worte. Brauchen Sie einen Rechtsanwalt?\u201c \u2013 \u201eNein, danke, ich habe den Rechtsanwalt von Professor Capet, zu dem gehe ich morgen fr\u00fch.\u201c \u2013 \u201eZu Professor Capet? Das ist doch der HNO-Arzt?\u201c \u2013 \u201eNein, zum Rechtsanwalt. Zu Fabricius gehe ich am Mittwoch.\u201c \u2013 \u201eIst der nicht verhaftet? Ich unterstelle, dass er das Opfer ist.\u201c \u2013 \u201eJa, durch mein Verschulden! Das ist entsetzlich und macht mir schwer zu schaffen.\u201c \u2013 \u201eSollen nun wir Sie tr\u00f6sten?\u201c \u2013 \u201eNein, es ist \u2013 ich hoffe, das klingt jetzt nicht zynisch, \u2013 es tut mir sehr wohl, wenn ich neben das eigene Ungl\u00fcck das Ungl\u00fcck anderer stellen kann.\u201c Da wurde Bella wieder fuchsteufelswild: \u201eSie nascht nur bei uns! Sie ist eine zynische Schmarotzerin, ein Vampir! Raus! Ich will Sie nicht mehr hier sehen!\u201c Sie steuerte so vehement auf mich zu, dass ich aufsprang und zur T\u00fcr rannte. Slatan war best\u00fcrzt. Ich ging, um es knapp zu sagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Heimweg im rumpelnden Bus pl\u00f6tzlich ein riesiger Schreck: Wie weit bin ich denn von diesem Slatan und seiner Bella entfernt? Empf\u00e4ngerin eines staatsfeindlichen anonymen Briefes, den sie nicht zur Kriminalpolizei bringt: ein Straftatbestand. Verhaftung eines Staatsfeindes, als ich in seinen Armen liege. Wie beachtlich ist denn meine Fallh\u00f6he? Wo lande ich, genauer: Wo schlage ich auf? Als wer oder was? Kann ich im n\u00e4chsten Monat noch die Miete f\u00fcr meine sch\u00f6ne helle Hochhauswohnung bezahlen? Werde ich aus Sofia verbannt, wie es so vielen Menschen ergangen ist? Eine ganz perfide Bestrafung w\u00e4re das f\u00fcr eine Schauspielerin, alle Wurzeln gekappt, keinen einzigen Menschen mehr zum Lachen bringen, verdorren irgendwo im Landwirtschaftsg\u00fcrtel, Rauschegold auf dem Misthaufen. Es kann so schnell gehen. Nein, es muss gar nicht dazu kommen! Es gibt auch Gnaden, v\u00f6llig unerwartete Pausen im Tragischen, und sei es mal wieder der Zufall.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann dachte ich sehr intensiv dar\u00fcber nach, dass solche Heimsuchung die Erotik zwischen zwei Menschen abt\u00f6tet. Und dass man sich so einer wunderbaren Gr\u00f6\u00dfe im Leben begibt, die einem vielleicht doch helfen k\u00f6nnte, mit diesen Anfechtungen fertig zu werden. Ich dachte auch an Jon und mich, an all die Gefahren, die der Liebe drohen, weil die politischen Umst\u00e4nde keinen Raum f\u00fcr sie lassen. Sonderbarerweise dachte ich kaum an Fabricius und mich. Dabei w\u00e4re doch Liebe die beste Hilfe, die es geben kann. Was hat diese Bella, der nun die dunklen Haare nachwachsen und der Fingernagellack abbl\u00e4ttert, \u2013 was hat sie in ihren Operetten von der Liebe gezwitschert, meist mit unserem Buffo zusammen. \u201aDeine K\u00fcsse, die brennen so hei\u00df\u2026\u2018 Nein, es war ja eben keine Liebe, es waren Sentimentalit\u00e4ten, es war Kitsch, kein Romeo, keine Julia, kein z\u00e4rtliches Morgenget\u00e4ndel: \u201aEs war die Lerche \u2013 Die Lerche wars \u2013 und nicht die Nachtigall\u2018\u2026 Und selbst das ist ja noch Literatur, von der wahren Liebe noch immer meilenweit entfernt.<\/p>\n\n\n\n<p>In mir flackert eine kleine wunderbare Flamme, die meiner Liebe zu Fabricius. Oh Gott, beh\u00fcte sie, besch\u00fctze sie. Lass sie in keinem Sturm verl\u00f6schen! Und die Zeiten werden st\u00fcrmisch f\u00fcr uns. Uns, uns, uns\u2026 Dass ich \u201auns\u2018 schreiben kann, das ist das Wunder. Gnade. Gedanken, die ich mir nie mit Jon gemacht habe.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Sofia, am Montag, den 26.9.1947<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ein m\u00fchsamer Tag war das. Kampf um Fabricius. Am Vormittag bei seinem Rechtsanwalt, der mich \u00fcberfreundlich empfing. Ich schilderte ihm die Situation so ausf\u00fchrlich wie nur m\u00f6glich. Ich nahm keinerlei R\u00fccksichten auf eventuelle Umst\u00e4nde, die mit Vorsicht h\u00e4tten behandelt werden m\u00fcssen. Nicht \u201aWas sagt man, was verschweigt man lieber?\u2018 Gerade heraus, was Sache ist. Der Rechtsanwalt bedankte sich geradezu f\u00fcr meine Offenheit. Sah sich dann aber au\u00dferstande, Fabricius zu verteidigen: \u201eIch w\u00e4re der schlechteste Anwalt f\u00fcr ihn. Ich habe einen Ruf\u2026\u201c \u2013 \u201eZu verlieren.\u201c erg\u00e4nzte ich schnell. \u201eNein, den habe ich schon lange verloren. Wo immer ich als Verteidiger auftauche, geht mir der Ruf eines Regimekritikers voraus. Das mag sich bei einem Eigentumsdelikt nicht auswirken. In jedem Verfahren, in dem es um Politik geht, bin ich fehl am Platze. Nach allem, was Sie erz\u00e4hlt haben, wird er vor ein Gericht der Securitate gestellt werden. Wenn ich da mein Pl\u00e4doyer er\u00f6ffne, werde ich sofort unterbrochen. Das tut mir gerade in einem Verfahrern gegen Professor Capet ganz besonders Leid, den ich \u2013 ja, eigentlich sehr verehre. Aber ich w\u00fcrde ihm nur schaden. Bitte, halten Sie mich nicht f\u00fcr feige. W\u00e4re ich feige, h\u00e4tte ich meinen Ruf nicht verloren. Ich m\u00f6chte Ihnen auch keinen Kollegen empfehlen, weil ich nicht wei\u00df, wo die politisch stehen. Bitte, suchen Sie behutsam weiter. Es tut mir so Leid, dass ich kneifen muss.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Treppe, vom zweiten Stock abw\u00e4rts, kam mir mit einiger Intensit\u00e4t der Verdacht, dass er gekniffen hat. Oder doch nicht? Jedenfalls war meine Situation durch diese Begebenheit sehr schwierig geworden. Mit solchem R\u00fcckzieher seines Rechtsanwaltes hatte ich nicht gerechnet. Ich stieg unverz\u00fcglich in den Bus und fuhr raus zu Slatan und Bella. Ich hatte Angst vor ihr, ja. Aber er hatte mir einen Rechtsanwalt empfohlen und ich hatte selbstsicher geantwortet, dass ich keinen brauche, weil ich ja den von Fabricius habe. Henriette, es stehen schwere Tage bevor, du musst \u00fcbertrieben aufmerksam sein. Was h\u00e4tte es geschadet, wenn du dir gestern von Slatan die Adresse seines Rechtsanwaltes h\u00e4ttest geben lassen? Erspart h\u00e4tte es dir jedenfalls zwei Stunden Busfahrt heute und den erneuten Besuch bei Slatan und Bella. Du bist Schauspielerin. Nun musst du noch etwas anderes sein. Was? Eine Liebende gewiss. Wo ist Jon? Sehr weit weg. Wo ist das Theater? Ich bin krankgeschrieben. Wann gibt es Telefon in diesem Ungl\u00fccksstaat?<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich gab es an Slatans Zaun heute so wenig eine Klingel wie gestern. Aber wieder kam er aus dem Haus, als h\u00e4tte er mein Kommen geahnt. Ich fing an: \u201eWir k\u00f6nnen mein Begehr schnell erledigen: Ich brauche doch die Adresse Ihres Rechtsanwaltes. Der von Fabricius kann die Verteidigung nicht \u00fcbernehmen. Oder er will nicht.\u201c \u2013 \u201eKommen Sie kurz rein. Bella ist beim Friseur. Es geht ihr heute viel besser. Gestern ziemlich sp\u00e4t kam noch der Buffo mit zwei Tingelterminen mit Butter- und Speckzusagen. Das hat sie ungemein aufgem\u00f6belt, ja geradezu normalisiert. Sie ist ein so armes W\u00fcrstchen.\u201c \u2013 \u201eIch auch.\u201c \u2013 \u201eIhr Kummer, Ihrer, Henriette, geht mir sehr ans Herz. Und ich w\u00fcnsche Ihnen so sehr, dass Sie mit meinem Rechtsanwalt klarkommen.\u201c Er schrieb mir die Adresse auf einen Zettel, Telefonnummer dazu: \u201eSagen Sie Ihren vollen Namen, er kennt Sie bestimmt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Erst wollte ich da drau\u00dfen eine Telefonzelle suchen, aber ich bekam derartige Angst vor der Pisse und dem Gestank in so einem H\u00e4uschen, dass ich erst reinfuhr, auch wenns dadurch um Einiges sp\u00e4ter wurde, und die Kanzlei m\u00f6glicherweise schloss. \u00dcberhaupt keine Telefonzelle, auch in der Innenstadt nicht, ich ging direkt pers\u00f6nlich zu dem Rechtsanwalt. Und das erwies sich als sehr gut. Schon die Sekret\u00e4rin erkannte mich. Sehr bald sa\u00df ich dem Mann gegen\u00fcber und fasste sofort Vertrauen. Auch heikel: Ich k\u00f6nnte Vertrauen fassen, weil ich Vertrauen fassen will. Wir Menschen in Panik sind doch so arm dran: In jedem Strohhalm sehen wir einen Rettungsbalken.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder schilderte ich die Situation, wieder dachte ich nicht dar\u00fcber nach, was ich etwa verschweigen sollte. \u201eKein angenehmer Fall,\u201c sagte der Rechtsanwalt schlie\u00dflich, \u201eaber meinen Mut haben sie mir noch nicht wegpolieren k\u00f6nnen. Ich \u00fcbernehme das. Meine Zusage ist allerdings keine Garantie auf Erfolg. Aber besser als ein Pflichtverteidiger werde ich doch wohl sein. Noch was: Wie weit sind Sie autorisiert, in diesem Fall den Rechtsbeistand zu suchen?\u201c \u2013 \u201eJuristisch gesehen \u00fcberhaupt nicht.\u201c \u2013 \u201eUnd? Erotisch gesehen?\u201c Ich musste lachen: \u201eVoll autorisiert.\u201c Er schmunzelte: \u201cGut. Dann will ichs wagen, auch wenn die Vorschriften ein wenig umgangen werden. Ich mache mir jetzt Notizen, ich rede dabei laut, Sie korrigieren mich sofort, wenn ich etwas falsch oder unzureichend notieren sollte.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>So schnell w\u00fcrde ich auch gerne Text lernen. Ganz erstaunlich, wie pr\u00e4zise er meine Schilderungen wiederholte und aufschrieb. Also: Hier ist Fabricius erst einmal in guten H\u00e4nden. Und wie mir daran liegt: dass Fabricius in guten H\u00e4nden ist. \u201eNoch etwas, ganz dringend: Sie sollten nicht als diejenige auftreten, die den Rechtsanwalt f\u00fcr Professor Capet engagiert hat. Wir br\u00e4uchten einen Strohmann.\u201c Ich fragte l\u00e4chelnd: \u201eTuts auch eine Strohfrau?\u201c Er lachte: \u201eWissen Sie eine?\u201c \u2013 \u201eJa, seine Sprechstundenhilfe.\u201c \u2013 \u201eReden Sie mit ihr.&nbsp; Sie soll m\u00f6glichst bald zu mir kommen. Sehr gut. Sie kann hier ein- und ausgehen. Sie, Frau Gusi\u010d, kommen tunlichst nicht mehr in meine Kanzlei. Es steht zu bef\u00fcrchten, dass sie von Spitzeln observiert wird.\u201c \u2013 \u201eSagen Sie mal\u2026\u201c \u2013 \u201eSie haben keine Ahnung, wie gespickt dieses Land ist mit Spitzeln. H\u00e4tten wir so viel zu essen wie wir Spitzel haben, \u2013 keiner m\u00fcsste hungern. Ein etwas zynischer Satz. Frau&nbsp; Gusi\u010d, alles, was wir eventuell noch zu besprechen haben, nur \u00fcber die Sprechstundenhilfe.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>In mir brennt eine kleine Flamme: meine Liebe zu Fabricius. Oh Gott, beh\u00fcte sie, besch\u00fctze sie.&nbsp; Sie ist so sturmgef\u00e4hrdet, die kleine Flamme\u2026<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Sofia, am Dienstag, den 26 27..9. 47<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Fr\u00fch kam Jon, noch vor der Probe, wollte wissen, wann ich komme, die Blanche probieren, es gebe zwar eine Menge Szenen ohne Blanche, aber er brauche mich denn doch bald. Jeder Besuch Jons war fr\u00fcher eine Freude f\u00fcr mich. Ich teilte alle N\u00f6te mit ihm, nat\u00fcrlich auch die sch\u00f6nen Dinge. Ich konnte mit ihm reden, wenn es etwas zu bereden gab. Jetzt renne ich rum mit meinem Geheimnis in der Geb\u00e4rmutter. Aber ja nicht nur in der Geb\u00e4rmutter. Und habe eher Angst vor seinen Besuchen. Blanche? Ach ja, das ist diese Rolle in \u2013 aber ich bin doch krankgeschrieben. Nein, ich brauch noch nicht probieren, weil ich doch krankgeschrieben bin \u2013 und Blanche \u2013 wegen der Stimme\u2026 Meine Argumente waren wohl ziemlich durcheinander und verworren, bis Jon mich mit einer K\u00e4lte fragte, die ich an ihm sonst kaum kannte: \u201eHenriette, was ist los? Du bist seit Kurzem sehr ver\u00e4ndert. Ich bin nicht blind. Was ist passiert?\u201c \u2013 \u201eIch werde dir wehtun.\u201c Er schaute etwas verdutzt, sagte dann aber: \u201eTu mir weh.\u201c So, jetzt konnte ich nichts anderes sagen als: \u201eIch bin verliebt.\u201c Das war der Satz, vor dem ich Angst hatte, dass Jon ihn aussprechen k\u00f6nnte, seitdem ich mit ihm ins Bett ging. Aber jetzt hatte ich ihn ausgesprochen. Und ich muss ihn wohl in die Geb\u00e4rmutter getroffen haben, wenn M\u00e4nner eine h\u00e4tten, diese unzul\u00e4nglichen Gesch\u00f6pfe. \u201eWas? Nein. Wie ernst?\u201c Was konnte ich sagen: \u201eTodernst.\u201c \u2013 \u201eWas? Nein!\u201c \u2013 \u201eDauernd sagst du Nein, als h\u00e4tte ich behauptet, es g\u00e4be keinen Mond mehr am Himmel.\u201c \u2013 \u201eWenn du mich verl\u00e4sst, gibt es keinen Mond mehr am Himmel.\u201c Doch eigentlich ein wunderbares Liebesbekenntnis. Er ackerte weiter: \u201eSag, dass du dir einen Scherz erlaubst \u2013 einen sehr faulen noch dazu.\u201c Aber ich sagte: \u201eIch bin sehr froh, dass ich es gesagt habe.\u201c Jon schien nach Worten zu japsen: \u201eHen- Ich \u2013 Wir \u2013 Ich muss mich setzen.\u201c Er plumpste auf die Couch. Ich sagte: \u201eF\u00fchl dich wie zu Hause.\u201c Er brauste auf: \u201eIch bin hier zu Hause, verdammt nochmal!\u201c Ich konterte hart: \u201eDas bist du nicht! Und du warst es nie! Und das wei\u00dft du ganz genau!\u201c \u2013 \u201eWas ist in dich gefahren?\u201c \u2013 \u201eEtwas sehr Sch\u00f6nes, wie du dir denken kannst.\u201c \u2013 \u201eIch bin fassungslos, wirklich fassungslos!\u2026\u201c \u2013 \u201eJon, wir haben nie \u00fcber ein Ende gesprochen, aber war es so v\u00f6llig undenkbar?\u201c \u2013 \u201eErz\u00e4hl genauer,\u201c forderte er. \u201eNein,\u201c sagte ich, \u201eda gibt es nichts dir zu erz\u00e4hlen.\u201c \u2013 \u201eWer ist es?\u201c Ich sch\u00fcttelte nur behutsam den Kopf. \u201eKenne ich ihn?\u201c Wieder sch\u00fcttelte ich den Kopf, aber weniger als eine Anwort auf seine Frage, vielmehr als Unm\u00f6glichkeit, das zu beantworten. Dann kam seine Frage aus tiefster Seele: \u201eWas wird aus mir?\u201c Die Frage traf mich, ich redete mich raus: \u201eIch br\u00fch uns einen Tee auf.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ich ging in meine kleine K\u00fcche und machte Tee. Nach kurzer Weile h\u00f6rte ich ein Schluchzen aus dem Wohnzimmer. Was? Ich lugte vorsichtig hin\u00fcber: Ja, Jon weinte tats\u00e4chlich, sa\u00df auf der Couch, und es sch\u00fcttelte ihn. Nie h\u00e4tte ich gedacht, dass ihn die Gef\u00fchle so \u00fcberw\u00e4ltigen k\u00f6nnen. H\u00e4tte ich behutsamer vorgehen m\u00fcssen? H\u00e4tte ich behutsamer vorgehen k\u00f6nnen? Ich blieb froh, dass es ausgesprochen war. Und keine Sekunde zweifelte ich, ob da etwas falsch sein k\u00f6nnte. Nein, wenn Henriette &nbsp;Gusi\u010d den Fabricius Capet liebt, dann k\u00f6nnen die Tr\u00e4nen des Jon sie nicht wankelm\u00fctig machen. Brutal? Nicht doch brutal. Diktat der Liebe. Und dass sie etwas Diktatorisches hat, ist ja wohl inzwischen bekannt. Ich ging mit dem Tee rein.<\/p>\n\n\n\n<p>Jon wandte sich mir zu, das heftige Sch\u00fctteln hatte sich beruhigt, er sagte: \u201cUnd das sagst du mir alles ins Gesicht hinein?\u201c Mich ritt ein bisschen der Teufel: \u201eWas w\u00e4re gewonnen, wenn ich es dir in den Hintern hinein gesagt h\u00e4tte?\u201c Er folgerte mit verklebter Stimme: \u201eDein derzeitiger Umgang ist ein bisschen derbe oder?\u201c Wieder ein Satz von mir, den es zu bereuen galt: \u201eJa, ein Kutscher aus dem Landwirtschaftsdistrikt.\u201c Er schaute fassungslos. Ich beeilte mich zu versichern: \u201eNein, das ist eine L\u00fcge.\u201c \u2013 \u201eWir haben L\u00fcgen gemieden, seit wir uns lieben.\u201c \u2013 \u201eIch wei\u00df, und das war sehr gut. Jon, kippen wir keine Schei\u00dfbr\u00fche auf unsere vergangene Liebe. Sie war \u2013 auch \u2013 sehr sch\u00f6n!\u201c Ich merkte, wie er darauf nicht eingehen wollte: \u201eIch muss gehen, die warten ja auf mich, kann ja nicht Proben ausfallen lassen, weil du mir abhanden kommst.\u201c Ich wollte vers\u00f6hnlich sein: \u201eIch freu mich auf die Blanche.\u201c Und er ballerte eine Breitseite gegen mich: \u201eIch bin gar nicht mehr sicher, ob du die richtige Besetzung f\u00fcr die Blanche bist.\u201c Weg war er.<\/p>\n\n\n\n<p>Mir mal sch\u00f6n alles abr\u00e4umen, mich blo\u00dfstellen, ausziehen, nackt an die Wand stellen\u2026 Ich konnte ja nicht annehmen, dass mir Jon uneingeschr\u00e4nkt erhalten bleiben w\u00fcrde, erf\u00fchre er die neue Wahrheit. Nun habe ich sie ausgesprochen. Und er ist geflohen. Damit muss ich leben, damit kann ich leben. Aber einsam ist es schon. Der Mann, mit dem ich reden kann, den muss ich mir erst aus dem Gef\u00e4ngnis holen. Morgen werde ich ihn sehen \u2013 wenn alles gut geht. Ich bin miserabel vorbereitet. Nein, ich brauche gar keine Vorbereitung, nur Liebe.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich dachte an den Rechtsanwalt und dann fiel mir ein, dass ich ja zu der Sprechstundenhilfe gehen muss, um ihr Bescheid zu sagen, dass sie die Strohfrau sein soll. Ich ging zum Essen ins Majestic, dann gleich in die Praxis. Da sauste ein Mann herum und tat furchtbar gesch\u00e4ftig: \u201eIch kriege dann aber auch alle Unterlagen, nichts aussparen. Ich habe Leute an der Hand, die das bestrafen w\u00fcrden.\u201c Die Sprechstundenhilfe bem\u00fchte sich um einen etwas rigiden Ton: \u201eHerr Doktor Dell, der Inhaber dieser Praxis, Herr Professor Capet ist in Untersuchungshaft. Bevor er nicht etwa verurteilt wird, k\u00f6nnen Sie in dieser Praxis gar nichts tun, sie geh\u00f6rt Ihnen nicht.\u201c \u2013 \u201eJaja, aber wenn sie frei wird, dann will ich der Erste sein. Henriette &nbsp;Gusi\u010d, werden Sie zu meinen Patienten z\u00e4hlen? Da freue ich mich schon drauf.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.webaid.it\/wordpress\/tagebuch\/herniette-gusic\/henriette-gusic-teil-2\/\">Henriette Gusi\u010d \u2013 Teil 2<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=1903\">Claudias Klappentext hierzu<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=1860\">Lotte in Weimar<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>*** Henriette Gusi\u010d von Peter Podehl Als bei der Aufl\u00f6sung des Fl\u00fcchtlingslagers Hohentwil im Herbst des Jahres 1952 die gro\u00dfe Mittelbaracke abgerissen wurde, fand ein Arbeiter hinter einem der Holzbetten festgeklemmt ein sehr verstaubtes ledergebundenes Buch.&nbsp; &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; In goldenen Lettern und in kyrillischer Schrift stand darauf MEIN KOCHBUCH. Die Sprache erwies sich als Bulgarisch. Es [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":1901,"menu_order":2,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-1908","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/webaid.it\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1908","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/webaid.it\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/webaid.it\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/webaid.it\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/webaid.it\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1908"}],"version-history":[{"count":15,"href":"https:\/\/webaid.it\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1908\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2327,"href":"https:\/\/webaid.it\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1908\/revisions\/2327"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/webaid.it\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1901"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/webaid.it\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1908"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}