{"id":2154,"date":"2023-06-02T15:21:14","date_gmt":"2023-06-02T15:21:14","guid":{"rendered":"https:\/\/peterpodehl.com\/?page_id=2154"},"modified":"2026-03-02T17:20:50","modified_gmt":"2026-03-02T17:20:50","slug":"erwins-dicke-seele","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/webaid.it\/?page_id=2154","title":{"rendered":"Erwins dicke Seele"},"content":{"rendered":"\n<p>***<\/p>\n\n\n\n<p>Erwin Hahs &#8211; Zur Ausstellung in Halle 2014\/15<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Der Japaner Masaru Emoto war beeindruckt von der Tatsache, dass es keine zwei gleichgestalteten Wasserkristalle geben k\u00f6nne, weshalb er sich furchtbar anstrengte, solche zu fotografieren. Dann begann er, Wasser vor dem Einfrieren mit Mozart oder Hard Rock zu bespielen, was die Form der danach entstehenden Wasserkristalle stark beeinflusste. Dann lobte oder beschimpfte er sie, auch das wirkte, bis er zuletzt den Wassertropfen nur noch das Schriftbild seiner Worte zeigte. Auch das hatte seine Auswirkungen. Wasserkristalle werden sch\u00f6n bei Mozart und geschriebenem Lob und traurig und h\u00e4sslich bei Hard Rock und schriftlicher Beschimpfung. Kotodama nennen sie die Japaner, die Wortseele.<\/p>\n\n\n\n<p>Was mag mich damals 1987 bewegt haben, mit Kind und Kegel mal rasch zur Leipziger Messe zu fahren, dort den Stempel einzuholen, der uns \u00fcberhaupt genehmigte, in die DDR einzureisen, nur um dann schleunigst nach Halle zu Erwins Ausstellung zu fahren, wobei wir unerlaubterweise von der Autobahn abfuhren. Gott sei Dank hatte mir das nette Fr\u00e4ulein, das unsere Messebesuche abstempelte, aber gesagt, wir m\u00fcssten ja schlie\u00dflich irgendwo essen, oder?<\/p>\n\n\n\n<p>Mich trieb es nur einfach zu Erwins Bildern.<\/p>\n\n\n\n<p>An ihn pers\u00f6nlich kann ich mich kaum erinnern.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir zu harten Mauerzeiten aus der Aretinstra\u00dfe einmal nach Zernsdorf zu Besuch fuhren, suchte ich, von der Schule auf Demokratie und Rechtsstaat getrimmt, nach einer Verfassung der DDR, um damit laut protestieren zu k\u00f6nnen gegen all die Unfreiheiten hinter der Mauer. Ich erhielt eine DDR-Verfassung von Dieter &#8211; die&nbsp;Jahrzehnte&nbsp;sp\u00e4ter Ausgangspunkt f\u00fcr die Arbeit einer meiner&nbsp;Doktorandinnen&nbsp;wurde -, aber ich sehe den alten und schon recht kranken Erwin abwinken: Ach Claudia, da stehen ja sch\u00f6ne Sachen drin, aber die haben gar keinen Wert!<\/p>\n\n\n\n<p>Ansonsten wenig Erinnerung an seine pers\u00f6nliche Anwesenheit in meinem Leben.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Bilder, ja. \u00dcberall hingen sie zuhause an den W\u00e4nden, lagen in Mappen unter dem Sofa, wurden ausgetauscht, neu gerahmt.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich erwachsener werdend in die gro\u00dfen Kunstgalerien ging, fragte ich mich dann, wo denn eigentlich Erwin sei, der geh\u00f6re doch durchaus da rein.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch erz\u00e4hlte man mir ob meiner kindlichen Unnahbarkeit, ich h\u00e4tte immer zu allen gesagt: \u201classe Ruhe!\u201d, da ich von Charlotte h\u00f6rte: lass sie in Ruhe, mit anderen Worten, die mag es nicht, wenn man ihr zu nahe kommt. So bin ich heute noch. Erwin habe ich aber wohl etwas eleganter abserviert. Er machte bei Tisch in Babelsberg Kinderquatsch mit mir auf meinem hohen St\u00fchlchen sitzend, was ich wohl wieder mal nicht wollte, weshalb ich also konterte: \u201cNun lassen Sie mich bitte erst einmal in Ruhe!\u201d&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Erwin soll sehr verdattert gewesen sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Und nun kam Frau Dr. Angela Dolgner und sagte, sie bereite eine Ausstellung in Halle vor, wieso habe denn Erwin da B\u00fchnenbilder f\u00fcr den kleinen Muck gemalt?<\/p>\n\n\n\n<p>Ich lese also in Peters Tagebuch aus Babelsberg und entdecke, dass Erwin da ziemlich oft gewesen war: Erwin stand heute unangemeldet vor der T\u00fcr. Erwin kam mit Gabriele, Erwin hat sich mit einer Postkarte angek\u00fcndigt. Heute haben wir mit Erwin und Iris Pilze gesammelt. Erwin hat mir gestern den ganzen Nachmittag diktiert. Und auch in kurzen Andeutungen die ganze schief gelaufene Muck-Geschichte, die so wunderbare Bilder aus ihm rausgekitzelt hat. Und das h\u00e4ssliche Theater mit seinem &#8211; zweiten &#8211; Rauswurf aus der Burg.<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwie muss der in Babelsberg eben doch recht oft anwesende Erwin trotz meines Widerstands durch die Poren meiner kindlichen Haut bis in meine f\u00fcr solcherart gestaltetes Imprinting empf\u00e4ngliche Seele vorgedrungen sein und dort ein paar ganz tiefe Zeichen eingeritzt haben.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Weshalb wir also im Januar 2015 wieder in Halle sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Zun\u00e4chst \u00e4rgere ich mich ob der miserablen Ecken, in die \u201cDie Liebe\u201d bei uns zu hause immer verbannt war. Immer hing sie irgendwo im Dunklen, das das Bild tragende helle Hoffnungsgr\u00fcn hinter der Tr\u00fcmmerlandschaft erkenne ich erst hier in Halle. Da bin 66 Jahre alt. Peter liebte es, es reiht sich in die Entstehungszeit seines Zwei-Personen-St\u00fcck \u201c<a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=177\">Kommen und Gehen<\/a>\u201d ein, das er Anfang 1948 in Weimar am Nationaltheater mit Charlotte spielte.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"482\" height=\"321\" src=\"https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/image-1.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-2156\" srcset=\"https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/image-1.png 482w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/image-1-300x200.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 482px) 100vw, 482px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Dann die wunderbare Iris als \u201cDie Melancholische\u201d, die ich gar nicht so melancholisch finde. Erwins gro\u00dfe, tiefe Liebe zu ihr, die sich lieben l\u00e4sst, lese ich dem Bild ins Gesicht geschrieben. Gianni hat sie fotografiert, was ist das f\u00fcr ein wundersch\u00f6nes Bild, meint er.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch mit dem gro\u00dfen Requiem schlie\u00dfe ich Frieden. Ich sah es immer nur zu dunkel fotografiert und eben auch vor vielen Jahren in Berlin in der Staatsgalerie in einer zu dunklen Ecke. Erwins Bilder brauchen Licht, Luft und Freiheit. Die haben sie hier in Halle.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann h\u00e4ngen pl\u00f6tzlich die Muck-Bilder vor mir. Gerahmt jagen sie mich ganz schnell zur\u00fcck in die Aretinstra\u00dfe, und zu Thomas, und ein paar salzige Wassertropfen k\u00e4mpfen sich trotz meines Widerstands aus den Augenwinkeln heraus.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image aligncenter size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"678\" src=\"https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/image-2-1024x678.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-2159\" srcset=\"https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/image-2-1024x678.png 1024w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/image-2-300x199.png 300w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/image-2-768x509.png 768w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/image-2-1536x1018.png 1536w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/image-2.png 2000w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>\u201cDas ist der Raum, den ich ganz besonders liebe\u201d, sagt Angela. Nur habe ich diesen ganz kleinen lichten Raum gerade erst ein wenig angeschnuppert.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Zu \u201cWeihnachten im Zirkus\u201d komm ich mehrmals zur\u00fcck. Was da alles los ist! Ein Blick darauf gen\u00fcgt ganz bestimmt nicht. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Bildgespr\u00e4che:<\/p>\n\n\n\n<p>Ist das in der \u201cBegegnung ohne Gesicht\u201d nun eine Mondfinsternis, oder die Mondsichel, in die oftmals die Muttergottes mit dem Kinde stehend dargestellt wird?&nbsp; Ein Symbol f\u00fcr das Weibliche also. Die Frage bleibt unbeantwortet im Raum stehen. Wird sie auch bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Inge hatte mir schon unten vorgeschw\u00e4rmt, wie sch\u00f6n doch die \u201cKlingenden Gef\u00e4\u00dfe\u201d da oben seien. Welche denn, kenne ich nicht? Nein? Also wenn du raufkommst, dann wirst du sie gleich erkennen, die stechen ja so hervor. Wie wunderbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun stehen wir davor und Angela berichtet, Martina habe ihr erz\u00e4hlt, dass das Bild niemandem in der Familie gefallen habe, weshalb es bald verkauft wurde. Nein! Das kann ich nicht glauben, protestiert Inge.<\/p>\n\n\n\n<p>Gianni kommt von seinem Alleingang aus der hintersten Ecke des letzten Raums hervor: \u201cEra inesauribile\u201d, sagt er erstaunt. Er war unersch\u00f6pflich.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, einordnen kann man Erwin nicht. Kein gradliniger Mondrian, auf den ersten Blick erkennbar und Inspiration f\u00fcr unz\u00e4hlige Tapetenmuster. Vielseitig, vielschichtig, vielgesichtig, mannigfaltig, nichts, was er nicht in ein wenig enigmatische, expressive Malerei h\u00e4tte umsetzen k\u00f6nnen, jedes mal etwas anderes, wie das Weihnachten im Zirkus, das man sich wieder und wieder anschaut und dann mit dem Gedanken &#8211; da komm ich dann noch mal zur\u00fcck &#8211; erst mal weiter marschiert. Kein Tapetenmuster.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201cHier auf diesem Bild fehlen Menschen, meinte einer der Kuratoren\u201d, erkl\u00e4rt mir Gabriele zu \u201cK\u00fcnitsch\u201d, \u201cund das sei schade. Aber dieses Gelb da, das ist das sch\u00f6nste an dem Bild, sagt er.\u201d &#8211;<\/p>\n\n\n\n<p>\u201cAber da ist doch eigentlich einer,\u201d sage ich, \u201cder da lang geht, ein Schatten, wie bei einer fotografischen Langzeitaufnahme.\u201d<br>Nach einer Weile entdecke ich noch einen zweiten ganz feinen Schatten.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"482\" height=\"321\" src=\"https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/image-3.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-2160\" srcset=\"https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/image-3.png 482w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/image-3-300x200.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 482px) 100vw, 482px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Ein gezeichnetes Portr\u00e4t seiner ersten Frau, Liebe sehe ich nicht, sie mag eine Menge etwas schr\u00e4ger Fragen aufgeworfen haben, deren Beantwortung sie gar nicht interessierte.<\/p>\n\n\n\n<p>Und die elegante Schattengestalt auf dem \u201cGespr\u00e4ch\u201d. Aber reden die denn wirklich miteinander? Eine Figur liest, zwei sitzen in Sesseln, zwei andere wickeln Wolle ab, alle gesichtlos.&nbsp;<br>\u201cSag mal, Gabriele,\u201d stichle ich, \u201cmeinst du denn, dass die miteinander reden?\u201d &#8211; \u201cJa nat\u00fcrlich, das da ist Erwin in unserem Wohnzimmer in Halle, das ist Gunda, die liest, das ist Iris, das ist Sempronia, und die beiden, die da Wolle abwickeln sind Tizia und Frau Caia.\u201d Ich habe die Namen nicht alle gespeichert.<br>Naja eben, nat\u00fcrlich Erwin, ganz klar, hatte ich schon erkannt, war aber eben zuvor noch nicht ganz bis auf die Bewusstseinsebene gelangt.<br>Hm, Erwin beato tra le donne? Er f\u00fchlte sich wohl unter Frauen, gem\u00fctlich gesch\u00e4ftigen, geschw\u00e4tzigen, lesenden Frauen. Wie Peter.<br>Er k\u00f6nnte sich da sogar einfach als Wunschtraum hineingemalt haben. Seine Seele lacht mich an. Unersch\u00f6pflich? Er muss eine ganz besonders dicke Seele mit Achterbahnschlingen gehabt haben, gef\u00fcllt mit Lebenslust und -freude, \u00fcber Dummheit konnte sie sich heftig \u00e4rgern und dem Ausdruck verleihen, musste auch leiden, eine spannungsgeladene und gefr\u00e4\u00dfige, die nie ruhte und alles aufsog, die bereit war, jedgestaltige Anregung auf ganz eigene, das Fraktale ins Lineare, uns Einsicht gew\u00e4hrende Weise umzusetzen. Ihre Bilder erz\u00e4hlen unersch\u00f6pflich viele komplexe Geschichten.<\/p>\n\n\n\n<p>Erwin mag kein leichtes Leben gehabt haben. Die Macht der Dummheit hat zu seinen Lebzeiten&nbsp; gleich zweimal riesige, absolutistische Dimensionen angenommen, aber Dummheit regiert auch heute noch, in kleineren, aber auch durchaus die Existenz einzelner bedrohenden Ma\u00dfst\u00e4ben. Erwin hat gelebt, trotz allem, geliebt, er wurde geliebt, hat seinem Unmut Luft gemacht, oftmals so intelligent, dass die pingeligen Seelen der Schreih\u00e4lse das gar nicht erfassten. Waren es die gemalten Bilder, die die kleinen und gr\u00f6\u00dferen M\u00e4chtigen \u00e4rgerten, oder eher seine Unabh\u00e4ngigkeit, sein Nicht-Mitl\u00e4ufertum, seine Nicht-Unterw\u00fcrfigkeit, und die nicht gemalten Bilder leerer Huldigung, die sie so gern geschenkt bekommen h\u00e4tten? Und die Erwin ebensowenig malen konnte, wie Charlotte am Nationaltheater in Weimar die Phrasendrescherei der moskautreuen Tochter Titos zu spielen vermochte.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn es Erwins Karma war, Zeugnis seiner Zeit abzulegen, dann hat er das erf\u00fcllt. In hunderttausend eigenartigen Schattierungen. Japanische W\u00f6rter m\u00f6gen Seelen haben, Erwins Bilder haben eine starke, und die schwebt und flattert hier in diesen R\u00e4umen herum und freut sich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\">\u00a9 Claudia Podehl<br>2015<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>*** Erwin Hahs &#8211; Zur Ausstellung in Halle 2014\/15 Der Japaner Masaru Emoto war beeindruckt von der Tatsache, dass es keine zwei gleichgestalteten Wasserkristalle geben k\u00f6nne, weshalb er sich furchtbar anstrengte, solche zu fotografieren. 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