{"id":2204,"date":"2023-06-10T15:03:30","date_gmt":"2023-06-10T15:03:30","guid":{"rendered":"https:\/\/peterpodehl.com\/?page_id=2204"},"modified":"2023-06-10T15:11:11","modified_gmt":"2023-06-10T15:11:11","slug":"warum-schuttelts-die-deutschen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/webaid.it\/?page_id=2204","title":{"rendered":"Warum sch\u00fcttelt&#8217;s die Deutschen?"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-text-align-center\">***<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><strong>Warum sch\u00fcttelt&#8217;s da die Deutschen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wolfgang, der Regisseur, und die 77-j\u00e4hrige Margot sitzen sich gegen\u00fcber, ganz \u00fcberrascht, in Rom aufeinander getroffen zu sein. Er hat sie dem sonderbaren m\u00e4nnlichen Wesen, das auf der anderen Seite neben mir sitzt, als seine zweite Mutter vorgestellt. Mir gegen\u00fcber seine Freundin, die f\u00fcr Radio Hamburg in Rom lebende Deutsche interviewt. Etwas sp\u00e4ter trifft&#8217;s mich dann auch, aber zun\u00e4chst wollte sie ja die Stra\u00dfenfeger auf dem Campo de&#8217; Fiori aufnehmen, die zu ihrem Erstaunen am Tag zuvor beim Marktgem\u00fcse Wegfegen gesungen haben. Heute ist ein zwischen Sonne und Regeng\u00fcssen wechselnder Oktobertag, und da kommt f\u00fcr r\u00f6mische Tr\u00e4ller nicht die richtige Stimmung auf. Doch die Journalistin ist nun wiederum erstaunt, dass die Stra\u00dfenfeger, als ein Regenguss niedergeht, unter das Vordach unserer Trattoria fl\u00fcchten und vom Wirt ein Gl\u00e4schen Wein spendiert bekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Stimmung unter uns zwischen penne all&#8217;arrabbiata und saltimbocca alla romana ist schw\u00e4rmerisch. Ach, was ist Rom f\u00fcr eine sch\u00f6ne Stadt, und die Kastendecken, die man da sieht, wenn die Fenster ge\u00f6ffnet sind, und die Platanen am Tiberufer. Ja, hast du denn wieder einen neuen Film gedreht? Sag mal, Claudia, wie viel kosten denn Italienischstunden bei dir? Aber vorhin, da waren wir doch auf dem Kapitol, und was ist das denn eigentlich f\u00fcr ein Bogen, den man da sieht, wenn man auf das Forum hinunterblickt. Ja, nat\u00fcrlich, ich habe mehrere Filme gedreht. Aber Rom ist wirklich wunderbar, ich finde manchmal, dass die R\u00f6mer diese Stadt eigentlich gar nicht verdient haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich \u00e4rgere mich \u00fcber diese gedankenlose deutsche Arroganz und schlage zur\u00fcck:<\/p>\n\n\n\n<p>&#8220;Schlie\u00dflich sind es ja die R\u00f6mer, die diese Stadt so gebaut haben!&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p>Wolfgang kassiert ein. Ich habe seit diesem Mittagessen nichts mehr von ihm geh\u00f6rt.<\/p>\n\n\n\n<p>An einem hei\u00dfen Juliabend sitze ich auf Hannelores Dachterrasse vor dem Ministero del Lavoro. \u00dcber uns kreischen die Schwalben, dazwischen flattern Flederm\u00e4use. Wir sind vollkommen durchgedreht, fast am Ende von den vierhundert Seiten Mondriankatalog\u00fcbersetzung angekommen. Wir kichern vor Ersch\u00f6pfung vor uns hin. Eine Amerikanerin und eine Holl\u00e4nderin, Hannelores Untermieterinnen, schw\u00e4rmen davon, was Rom doch so sch\u00f6n sei. Da erz\u00e4hle ich die Geschichte von Wolfgang. Allgemeine Entr\u00fcstung f\u00fcr so viel deutsche Hochn\u00e4sigkeit, dass ich den armen Regisseur am Ende sogar verteidige. Rom ist nun mal ziemlich unordentlich, da hat er schon Recht.<\/p>\n\n\n\n<p>In meinem vom skurrilen bis bizarren Kunstkritikerenglisch des franz\u00f6sischen Mondrianexperten recht verwirrten Gehirn steigt eine Vision auf. &#8220;Stellt euch mal vor, wir w\u00fcrden Rom von den R\u00f6mern befreien und mit lauter Deutschen f\u00fcllen, damit die hier endlich mal Ordnung machen!&#8221; An den Gesichtern meiner mehrsprachigen Gespr\u00e4chspartnerinnen entlese ich, dass auch sie Visionen haben:<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcnf Millionen Deutsche in Rom!<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, richtig symmetrisch angereihte, farblich abgestimmte Geranien an den Fenstern! Aber nur Geranien! Und nicht dieses Gemisch, der eine hat Blumen, der andere nicht, die m\u00fcssten f\u00fcr jede Fassade alle gleich sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Und die Fassaden w\u00e4ren alle makellos neu gestrichen, wundervoll sauber, keine Schmierereien drauf.<\/p>\n\n\n\n<p>Und auch keine halb abgerissenen Plakate.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann w\u00fcrde man auch dieser Wasserverschwenderei ein Ende machen, da k\u00e4me bestimmt kein Wasser mehr aus den Stra\u00dfenbrunnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und die Stra\u00dfen, endlich ordentliche Spurstreifen, sch\u00f6n solide, schneewei\u00df, richtige Spuren, aus denen man nicht rausfahren darf, die Autos alle sch\u00f6n neu, ordentlich geparkt, nicht ein Rad auf dem B\u00fcrgersteig, und auch kein Auto in der zweiten Reihe geparkt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe diese Geschichte oftmals erz\u00e4hlt, die Deutschen hat&#8217;s dabei jedes mal gesch\u00fcttelt und dann haben sie ihre eigenen Visionen hinzugef\u00fcgt:<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, und ganz ordentlich geputzte Treppen in den H\u00e4usern. Mein Bruder, der lebt in Schwaben, der hat da seine Putzwochen. Du kannst dir ja gar nicht vorstellen, wie blank die da alles putzen m\u00fcssen!<\/p>\n\n\n\n<p>Neffe Julian ist besonders entsetzt: Nicht ein einziges kleines Unkr\u00e4utchen auf den Ruinen, da in Ostia Antica!<\/p>\n\n\n\n<p>Und die Spanische Treppe, die ist ja ganz windschief, die Deutschen w\u00fcrden sie endlich mal grade r\u00fccken, heize ich weiter auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Nein, nein. Das w\u00e4re das Ende von Rom. Das w\u00e4re das Ende der Stadt Rom!<\/p>\n\n\n\n<p>Herr Fr\u00f6hlich, der sehr ordentliche Sprecher beim Hessischen Rundfunk, meint, ich solle die Geschichten mal alle aufschreiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Huhu, prustet Thomas, nachdem es auch ihn heftig gesch\u00fcttelt hat, den Kohl!! Den schicken wir nach Rom, zum Saubermachen!!<\/p>\n\n\n\n<p>Der wird n\u00e4mlich gerade von allen Deutschen verp\u00f6nt, wegen der Spendenaff\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch Dino, dem ebenfalls in Rom verliebten Mail\u00e4nder Gewerkschafter, habe ich sie erz\u00e4hlt, mit all den hinzugekommenen Sch\u00fcttelfrostvisionen. Er h\u00f6rte sehr aufmerksam zu, schnaufte ein wenig und erkl\u00e4rte zuletzt: &#8220;Mica male, l&#8217;idea. I romani, nel frattempo, li mandiamo a Francoforte.&#8221; (Gar nicht so schlecht, diese Idee. Die R\u00f6mer schicken wir in der Zwischenzeit nach Frankfurt.)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\">Claudia Podehl<br>\u00a9<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>*** Warum sch\u00fcttelt&#8217;s da die Deutschen? Wolfgang, der Regisseur, und die 77-j\u00e4hrige Margot sitzen sich gegen\u00fcber, ganz \u00fcberrascht, in Rom aufeinander getroffen zu sein. 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