{"id":2824,"date":"2025-06-14T13:49:33","date_gmt":"2025-06-14T13:49:33","guid":{"rendered":"https:\/\/peterpodehl.com\/?page_id=2824"},"modified":"2025-06-14T15:41:43","modified_gmt":"2025-06-14T15:41:43","slug":"erinnerungen-gleich-nach-dem-krieg","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/webaid.it\/?page_id=2824","title":{"rendered":"Erinnerungen &#8211; gleich nach dem Krieg"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-text-align-center\">***<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading has-text-align-center\">Gleich nach dem Krieg<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">***<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>Als ich eingezogen wurde, fiel ein Schwarm <\/em><br><em>von sieben Schutzengeln auf die Erde. Das tat ihnen <\/em><br><em>nicht weh, Engel fallen, weil sie Fl\u00fcgel haben, leicht <\/em><br><em>und weich. Weniger h\u00e4tten es nicht geschafft: mich <\/em><br><em>so unversehrt aus diesem infernalischen <\/em><br><em>Hitler-Krieg heil rauszukriegen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\"><strong>&nbsp;&nbsp; <\/strong><strong>Erinnerung 1<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Kriegsende<\/p>\n\n\n\n<p>Welch ein sch\u00f6nes Wort. Los.<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;&nbsp; Ein junger Mann kommt aus einem Zelt der US-Army in Oberbayern, Kirchseeon hie\u00df der Ort. Juni 1945. Er hat ein Entlassungspapier der US-Army bekommen. Er ist frei. Ist er frei? Er ist frei von der deutschen Wehrmacht, desgleichen frei von US-Gefangenschaft. Er war zuletzt \u201aentwaffneter Deutscher\u2019. Das war sicher gut. Junger Mann mit Kanone w\u00e4re kaum so glimpflich davongekommen. Ernster gesagt: Viele dachten sicher: Naja, die Pistole werde ich mal lieber behalten. Oder gar: den Karabiner. Dann wurden sie Kriegsgefangene, mussten nat\u00fcrlich die Waffen abgeben und wurden m\u00f6glicherweise noch nach USA verschifft. Und kamen erst wieder, wenn viele andere schon einen Beruf oder jedenfalls irgendeine Anstellung hatten.<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;&nbsp; &nbsp; Satyrsp., bisschen derbe f\u00fcr den Anfang: Dem deutschen Soldaten bei der Schwanz-Parade (schreckliches Gesch\u00e4ft, musste aber wohl sein, damit m\u00f6glichst wenig Geschlechtskrankheiten ins Volk geschleppt wurden) war mein Glied zu dreckig. Ich musste in die Toilette, und es waschen. Dann aber wurde ich doch entlassen.<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp; &nbsp; Gr\u00f6faz (Gr\u00f6\u00dfter Feldherr aller Zeiten, milder Anti-Hitler-Volksmund) war tot. Selbstmord. Vorher hat er noch seine ihm zwei oder drei Tage vorher angetraute Geliebte, Eva Braun, erschossen. Mord. Einer mehr oder weniger, spielt bei Massenm\u00f6rdern keine Rolle. Alles im Bunker unter der Reichskanzlei. Ein sehr erb\u00e4rmlicher Abgang. Aber zur Niederlage haben Massenm\u00f6rder keinen Mut.<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp; &nbsp; Junger Mann \u2013 bin nat\u00fcrlich ich \u2013 blinzelt in die Sonne. Nun geht also das Leben los. Keinen Abschluss der Berufsausbildung, Ahnung, wo die Eltern sind \u2013 Wien -, keine Gewissheit; Geld? Ja, man kriegte da wohl so ein erstes Zehrgeld. Versuche, zu ergr\u00fcnden, wie er von Kirchseeon nach M\u00fcnchen gekommen ist, scheitern. Wei\u00df nicht. War dann einfach (Naja, ganz so einfach war das wahrscheinlich nicht) in M\u00fcnchen. Ich wollte an den Ammersee. Dort gab es eine mit den Eltern vereinbarte Adresse: das Sanatorium eines amerikanischen Arztes. Fraglich, ob der dort noch wohnte. Probieren. Eine Tram fuhr schon nach Pasing. Wieder keine Erinnerung, wie ich von Pasing an den Ammersee gekommen bin. Wei\u00df nicht. Ich fand das Sanatorium, lag pr\u00e4chtig oberhalb des Sees. Ich l\u00fcmmelte vor dem Eingang herum.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Da fuhren in eleganter Kurve einige Autos vor. Ihnen entstiegen hohe US-Offiziere in Uniform, fr\u00f6hlich schnatternd, und einem entstieg der US-Doctor, den ich ja kannte. Filmreife Szene: Junger Mann in sch\u00e4bigem R\u00e4uberzivil \u2013 ich trug das braune Jackett des Dolmetschers unserer Einheit in Italien, eine wehrmachtgr\u00fcne Hose \u2013 wird von elegantem Arzt angesprochen, doch sehr misstrauisch, was ich denn da wolle, schlie\u00dflich h\u00e4tte ich ja ein Attent\u00e4ter oder sonst was sein k\u00f6nnen. \u201eMein Name ist Peter Podehl.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp; &nbsp; Misstrauen weicht strahlendem L\u00e4cheln. Die erste Frage gilt meinen Eltern, wie es denen denn gehe. Naja, das wollte ich ja gerade von ihm wissen. Er hatte keine Ahnung. Ob ich ihn darum bat oder ob ich so traurig dreinsah \u2013 ich durfte \u00fcbernachten und \u2013 baden! Unter der Bedingung, dass ich die Wanne danach s\u00e4ubere. Wieso dieser Ami w\u00e4hrend des Krieges in Nazi-Deutschland bleiben konnte, ist etwas r\u00e4tselhaft. Hatte das etwa mit Spionage zu tun? Dann sa\u00df ich in der Sonne auf einer Terrasse oberhalb vom Ammersee, kriegte was zu essen. Keine Erinnerung, was. Da war eine blonde junge Frau, Deutsche, Mann in Gefangenschaft oder sonstwo. Wir redeten. Es gab ja viel zu reden nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Ich erinnere mich, animiert gewesen zu sein. Ins Bett zusammen? Kann sein, dass sie wollte. Meine Erfahrungen mit Frauen waren erschreckend mager. Nein, kein Bett. Ich hampelte ja rum mit der \u00dcberzeugung, dass Bett eine Bindung f\u00fcr l\u00e4ngere Zeit bedeuten sollte. Damen sind nicht immer dieser \u00dcberzeugung. One-night-stand. Und seinerzeit die Nachricht, wie erstaunlich viele Kinder verstohlen unehelich sind. Ich bin \u00fcbrigens immer noch \u00fcberzeugt von der Formel: Bett gleich Dauer. Da entsteht doch eine Intimit\u00e4t, die die Welt in Atem h\u00e4lt. Deswegen hatte ich auch nur so wenige Damen in meinem Leben: drei. Naja, nicht der Ort, dies auseinanderzuklam\u00fcsern. Aber ich komme darauf zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;&nbsp; Ich wei\u00df nicht, wie und wo ich da geschlafen habe. Ich wei\u00df nicht, wie ich gefr\u00fchst\u00fcckt habe, wie ich wieder nach M\u00fcnchen kam. N\u00e4chstes Ziel war Wien \u2013 ostw\u00e4rts.<br><em>Mandela, 25.4.2008<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">***<\/p>\n\n\n\n<p><em>&nbsp; <\/em><strong>Erinnerung 2<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>&nbsp;&nbsp; <\/strong>Einander. Ich zitiere Martin Buber: \u201aEinander reichen die Menschen das Himmelsbrot des Selbstseins.\u2019 Ich liebe diesen Satz, seine Wucht und Sch\u00f6nheit und Wahrheit und, ja: Eleganz. Er h\u00e4ngt an einem Wort am Anfang: Einander. Das wird sehr gerne mit \u201asich\u2019 verwechselt. Aber es ist ein Unterschied, von zwei jungen Menschenkindern zu sagen: Sie lieben sich oder einander. Sich \u2013 ja, jeder Mensch hat eine mehr oder weniger gro\u00dfe Portion Eigenliebe im Leibe. Aber ziemlich sicher will man doch sagen, dass sie einander lieben. Vollends deutlich wird der Unterschied, wenn man Buber so zitiert: \u2019Sich reichen die Menschen das Himmelsbrot des Selbstseins.\u2019 Nein, das klingt ja schrecklich! Und ist auch schrecklich. Ich bin ja nur ein recht dilettantischer Sprachfex, aber auf das geliebte \u201aEinander\u2019 lasse ich nichts kommen. Das wissen die Menschen meiner Umgebung und achten darauf.<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;&nbsp; Ich habe den Buber-Satz aus einem Insel-B\u00e4ndchen. Das war ja ein genialer Verleger-Gedanke, der \u00fcber so viele Jahrzehnte und Kriege erhalten blieb. Das Ehepaar Kippenberg waren ja wohl die Gro\u00dfeltern. Ach, was w\u00e4re ich rundum gl\u00fccklich geworden, wenn je in meinem Leben ein Verleger von einigem Format eine Rolle gespielte h\u00e4tte. Hat aber nicht. Doch: Ich bin mit meinen St\u00fccken bei Bloch Erben gelandet. Immerhin, einer der gro\u00dfen Theaterverlage: <a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=177\">KOMMEN UND GEHEN<\/a>, zun\u00e4chst im Verlag \u2013 Name weg, in Z\u00fcrich. Ich glaube, dahinter steckte eine Vermittlung durch G\u00fcnther Stapenhorst. Sp\u00e4ter der ungl\u00fcckliche Schiffbruch mit <a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=3087\">EUPA UND RO<\/a>. Als ich <a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=3901\">SCHEIDUNG AUF PROBE<\/a> zu Bloch Erben schickte, bekam ich eine ziemlich bl\u00f6de Antwort. Nein, sicher nicht bl\u00f6de, sondern fachgem\u00e4\u00df mit der Betonung auf die ver\u00e4nderte Spielplansituation an den deutschen Theatern. H\u00f6ren wir (wer wir?) auf, von versandeten Tr\u00e4umen zu reden. Schreibe ich halt meine Erinnerungen ohne welche an Verleger.<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;&nbsp; Aber an Biggi. Das war noch lange vor dem Blinzeln auf der oberbayrischen Wiese. Ich wurde ihr nicht gerecht. Naja, kleine Vorsicht mit solchen Feststellungen. Wir waren an der Schauspielschule des Burgtheaters, sehr eng befreundet, nicht ganz eng. Wir knutschten gerne. Weiter gings nicht. Lag an mir. Ich hatte zu wenig Verst\u00e4ndnis f\u00fcr Frauenherzen. Ich ahnte nicht, mit welcher Selbstverst\u00e4ndlichkeit die Frauen ab einem bestimmten status der Liebe das Intime wollen, als eine Kr\u00f6nung des Knutschens. (Ja, ziemlich doof, dass es da in der deutschen Orthographie kein langgezogenes U gibt, aber ich kann doch nicht Knuutschen schreiben, macht der Computer gleich einen roten Strich drunter, wie der Deutsch-Lehrer.) Und ich war spr\u00f6de, wie fast immer, wollte viel mehr Pr\u00fcfen und Abw\u00e4gen vor irgendwelchen Spr\u00fcngen ins Bett. Sehr sp\u00e4tes Bedauern? Nein, eigentlich nicht. Ich habe Biggi in sehr sch\u00f6ner Erinnerung. Sie war klein, stupsnasig, frech. Frech ein viel zu direktes Wort, ja: frech aus Unsicherheit. Sie rief mich an und sagte: \u201eIch bin splitterfasernackt.\u201c Unser erotischer Gipfel. Das Ende ein wenig getr\u00fcbt durch meine Zuppeleien. War auch Krieg und meine Einberufung. Sehe sie noch auf dem Wiener West-Bahnhof, als ich nach St.P\u00f6lten fuhr, wo ich eine Kraftfahrerausbildung machte. Da gab&#8217;s noch einen Kuss. Ich habe sie nach dem Krieg irgendwo wiedergesehen. Aber wer war denn das? Doch nicht Biggi. Und sie wird vielleicht gedacht haben: Wer ist denn das? Trag\u00f6die? N\u00f6, Lawatschan. (Dreimal langes a.)<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;&nbsp; Als ich eingezogen wurde, fiel ein Schwarm von sieben Schutzengeln auf die Erde. Das tat ihnen nicht weh, Engel fallen, weil sie Fl\u00fcgel haben, leicht und weich. Weniger h\u00e4tten es nicht geschafft: mich so unversehrt aus diesem infernalischen Hitler-Krieg heil rauszukriegen. Ich kann meine soldatische Laufbahn wirklich nur wie ein einziges Gnadengeschenk sehen. Ende 1942 wurde ich eingezogen, Stalingrad war in vollem Gange. Ich landete in Jugoslawien und Italien auf Schl\u00f6ssern und inmitten von Weinbergen. Ich wurde ja sogar am Ende noch Unteroffizier von Hitlers Gnaden, was meine Mutter so wenig verstand, dass sie Briefe an mich weiterhin mit \u201aGefreiter\u2019 adressierte. Der Dienstgrad passte zu mir wie der Titel Graf zu Herrn Koks. Ich gehe ein bisschen holterdipolter \u00fcber meine Milit\u00e4rzeit weg. Da bleibt Einiges nachzuholen.<br><em>Mandela, 30.4.2008<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">***<\/p>\n\n\n\n<p><strong>&nbsp;<\/strong><strong>Erinnerung 3<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Freundschaft<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp; &nbsp; Am Morgen des Tages, an dem ich endg\u00fcltig nach St.P\u00f6lten fuhr (Meine Gro\u00dfmutter in Berlin-Reinickendorf konnte mit dem St. nichts anfangen und sagte, ihr Enkel sei in P\u00f6lten Soldat), schrieb ich ins Tagebuch: \u201a\u2026und geh aus meiner Wirklichkeit in euren grauenhaften Traum \u2013 ein leises L\u00e4cheln auf den Lippen\u2019. Genau das war es: meine Wirklichkeit war die Schauspielschule des Burgtheaters im Palais Cumberland drau\u00dfen in Hitzing. Wir spielten ab und zu im Schlosstheater Sch\u00f6nbrunn. Rollenstudium, Sprachunterricht, Gymnastik, Fechten, Literatur bei Professor Schreyvogel, den ich nicht besonders gut leiden konnte. Biggi, viel Flirt, viel Heiterkeit. Ja, auch Oberfl\u00e4chlichkeit, wieso denn nicht? Gunther Plachetta, der sich sp\u00e4ter Gunter Philipp nannte und als bravour\u00f6ser Klamottenkomiker des deutschen und \u00f6sterreichischen Films sehr bekannt wurde. Approbierter Arzt mit Hang zum Schauspielen. Der grauenhafte Traum, &#8211; das war der Krieg: Fronten, Schlachten, Blut, Tode. Meine Mutter brachte mich runter zur T\u00fcr der Stiege 7 des Hochhauses in der Herrengasse, zweiter Innenhof. Unsere Wohnung hie\u00df: 7\/7\/15: Stiege 7, 7. Stock, T\u00fcr 15. Wir k\u00fcssten einander, und sie sagte: \u201eGott sch\u00fctze dich.\u201c Und ich antwortete: \u201eWird er schon machen.\u201c Schnoddrig, nicht wahr? Nein, zutiefst gl\u00e4ubig. Er tat es. Glaube, einigerma\u00dfen ernsthaft verankert, fragt nicht nach Schnoddrigkeit. Ich lasse mir diesen Glauben so wenig rauben wie das Wort \u201aEinander\u2019.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;&nbsp; Nach einigen Wochen wurden wir von St.P\u00f6lten nach Enns an der Enns verlegt. Sehr alte Kaserne aus k.u.k.-Zeiten, in Spuren sogar heimelig. Wir machten alle den F\u00fchrerschein Klasse 2 (f\u00fcr Lastwagen) und zitterten unserem ersten Einsatz entgegen. Russland? Nein, Jugoslawien. Zun\u00e4chst nach Petrinja, St\u00e4dtchen nicht allzu weit westlich von Agram, B\u00e4ckerei-Kompanie 197 ohne Lastwagen. Wir schoben Wache und backten. Die Lastwagen sollten kommen, kamen aber nicht. Dann wurden wir nach Agram verlegt, Kaserne am Rande der Stadt, wir Kraftfahrer waren da etwas heimatlos, keine gute Zeit in der Erinnerung. Da fragte der Spie\u00df (Feldwebel, der die Gesch\u00e4fte einer Einheit f\u00fchrt, etwas verallgemeinert gesagt) eines Tages, ob denn Jemand Schreibmaschine schreiben k\u00f6nnte. Ich glaube, er fragte auch nach Stenographie. Ich meldete mich: Schreibmaschine ja, Stenographie nein. Bissige Bemerkungen der Kameraden: \u201e\u2026mit einem Finger\u2026\u201c Aber ich kam zu Oscar in die Hauptabteilung V (Motorisierung) des Divisionsstabes der 187. Reserve-Division in Agram, direkt neben dem Theater. Zun\u00e4chst fuhr ich noch t\u00e4glich mit der Stra\u00dfenbahn zur Arbeit, war schon eine etwas sonderbare Existenz: B\u00fcroangestellter in Agram. Bald zog ich bei Oscar ein. Ich f\u00fcrchte, er schrieb sich Oskar. Er wurde mein Freund.<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp; &nbsp; Ich hatte in meinem Leben wenige Freunde. Lag sicher auch wieder an mir. Leichtfertig konnte ich auf diesem Gebiet nie sein. Oskar besch\u00fctzte mich in einer f\u00fcr mich denn doch eher bedrohlichen Welt. Was war ich f\u00fcr ihn? Poet in Uniform, kleines Wunderfig\u00fcrchen. Nur kam ich mir so \u00fcberhaupt nicht vor. Ja, ich schrieb Gedichte und zeigte sie ihm. Fand er nicht selbstverst\u00e4ndlich. Weder das Schreiben noch das Zeigen. Wir waren beide abgeschnitten von unseren Bindungen in Wien. Er von seiner Frau, ich von meinen Eltern, die ja doch noch meine entscheidenden Bezugspersonen waren.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp; &nbsp; Noch einmal in meinem Leben habe ich jemanden mit einer lyrischen Produktion verbl\u00fcfft: Wolfgang Staudte. Wir schrieben das Drehbuch zum <a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=45\">kleinen Muck<\/a>. Jeden Vormittag fuhr ich von Babelsberg nach Dahlem, und wir diktierten einer DEFA-Sekret\u00e4rin, die m\u00f6glicherweise mit der Stasi in Verbindung stand. Wir kamen zu der Szene, in der Prinzessin Amarza auf ihren Prinzen wartet. Wir nannten ihn immer nur den guten Prinzen, im Gegensatz zum schlimmen Bajazid. Amarza singt ein Lied des Wartens. Ja, das musste ja geschrieben werden. Und ich schrieb das an einem sp\u00e4ten Nachmittag und brachte es am n\u00e4chsten Morgen mit zur Arbeit. \u201aWie des Mondes liegende Sichel von silbernem Licht\u2026\u2019 Staudte war v\u00f6llig baff: da setzt sich Podehlchen \u2013 Name, den ich nie leiden konnte, Charlotte schon gar nicht &#8211; hin und schreibt ein so sch\u00f6nes Gedicht. Rothers hat es \u00fcbrigens sehr sch\u00f6n vertont. Ist das derselbe junge Mann, mit dem ich das Drehbuch schreibe? fragte sich wohl Staudte. Er wars.&nbsp; &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;&nbsp; Das Ende der Beziehungen zu Oskar, um das vorweg zu nehmen: Kam er eigentlich noch nach Italien mit? Er ging auf Dienstreise und beschaffte in der Heimat Gegenst\u00e4nde, die der Stab der aufzubauenden J\u00e4ger-Division brauchte. Er blieb sehr lange weg, war lange und gern bei seiner Frau in Wien. Aber er hatte wohl ein Gef\u00fchl, mich zum Kriegsende hin nicht allein lassen zu d\u00fcrfen und kam sp\u00e4t nach Italien zur\u00fcck und wollte zu unserer Einheit, die er jedoch nicht fand. Er betonte, er sei nur nach Italien zur\u00fcckgekommen, um mich weiterhin zu besch\u00fctzen, machte mir fast einen Vorwurf, dass ich mich nicht finden lie\u00df. Und \u2013 geriet in US-Gefangenschaft, der ich ja bekanntlich mit einigem Hakenschlagen entging. Das untermauerte seinen Vorwurf.<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;&nbsp; Die Beziehung wurde nie wieder so intim wie sie in den kargen Stuben der 187. Reservedivision war. Das lag an den Frauen. Seiner ihm angetrauten, meiner Mutter. Dazu taugte diese Freundschaft nicht. Meine Mutter fertigte kleine K\u00e4rtchen mit Zeichnungen zu Weihnachten, die sie im gro\u00dfen Papierwarenladen am Kohlmarkt verkaufte. Das tat ihr Oskars Frau nach, dann sogar Oskar, der Schuhmodellzeichner, viel behender und schmissiger. Es gab Zwistigkeiten. Seine Tochter verliebte sich in mich, wohl vor allem, weil ich im Schmierentheater den M\u00e4rchenprinzen spielte, konnte dann mit der sehr viel sp\u00e4ter auftauchenden Charlotte nichts anfangen. Und wer mit Charlotte nichts anfangen konnte\u2026 Aus, Ende, nie wieder was geh\u00f6rt.<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;&nbsp; Hinter dem Geb\u00e4ude, in dem der Divisionsstab untergebracht war, lag ein kleiner langgezogener Hof, wo die Autos des Divisionsstabes parkten, dann ein ebenerdiger Bau mit B\u00fcros, auch unserem. Da schliefen wir auch. Irgendwo war da auch die Schirrmeisterei des Stabes, einige Autos f\u00fcr den General und die h\u00f6heren Chargen. Diese Existenz in der Schreibstube f\u00fcr Autos \u2013 haupts\u00e4chlich nat\u00fcrlich Lastwagen \u2013 war eigentlich ganz gem\u00fctlich. Ich bekam einen britischen Beutewagen zugeteilt, Linkslenker. Einmal habe ich den General gefahren, wurde mir vorher eingebl\u00e4ut, mich vorschriftsm\u00e4\u00dfig zu melden. Kann es sein, dass er nach meinen privaten Umst\u00e4nden fragte und ich gestand, dass ich auf der Schauspielschule war?&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;&nbsp; Wir hatten nat\u00fcrlich auch noch einen Offizier: Hauptmann Sporer, hatte Psoriasis, war nicht sehr angesehen im Stabe, betonte immer wieder, er leite die Abteilung h-mot, kein Mensch wusste, was das hei\u00dfen sollte, war eine veraltete Bezeichnung. Aber ich schriebs in die Briefk\u00f6pfe. War ein Pingeliger. Sp\u00e4ter leitete Inspektor Conradi die Abteilung, der fiel auf einer Tour ins Umland im Kampf mit Partisanen, an der teilzunehmen er nicht gezwungen war, dann Hauptmann Pfeiffer (\u201emit drei f\u201c) aus dem Schwabenland. Den Herrn Sporer traf ich eines Tages in der N\u00e4he von Linz wieder, auf einer F\u00e4hre. Ich war da in Gesellschaft der K\u00f6ller-Truppe \u2013 davon sp\u00e4ter mehr \u2013 auch reizende junge Damen, ich glaube, Sporer war ein bisschen neidisch.<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp; &nbsp; Vielleicht gute Gelegenheit, einmal zu bekennen, was ich von meiner sehr schmalen lyrischen Produktion halte: nichts. Ein paar sch\u00f6ne Zeilen \u2013 \u201adie blauen Fl\u00fcgel wehen leis\u2019 \u2013 einige gute Gedanken \u2013 \u201amuss dich auch um Dinge fragen, die sonst keiner wei\u00df\u2019 \u2013 mit dem \u00f6sterreichischen \u201aum\u2019, ansonsten Geschwafel, Gezirpe und Murks. Ad acta.<br><em>Mandela, 1.5.2008<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">***<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Erinnerung 4-8 findet ihr <a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=1860\">HIER<\/a>. Da gehts ums Theater (und Charlotte) in Weimar. <br>Wie gesagt, besonders linear sind diese Mandela-Erinnerungen nicht. <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>*** Gleich nach dem Krieg *** Als ich eingezogen wurde, fiel ein Schwarm von sieben Schutzengeln auf die Erde. Das tat ihnen nicht weh, Engel fallen, weil sie Fl\u00fcgel haben, leicht und weich. Weniger h\u00e4tten es nicht geschafft: mich so unversehrt aus diesem infernalischen Hitler-Krieg heil rauszukriegen. &nbsp;&nbsp; Erinnerung 1 Kriegsende Welch ein sch\u00f6nes Wort. 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