{"id":402,"date":"2022-11-23T05:20:34","date_gmt":"2022-11-23T05:20:34","guid":{"rendered":"https:\/\/peterpodehl.com\/?page_id=402"},"modified":"2023-06-02T17:07:41","modified_gmt":"2023-06-02T17:07:41","slug":"peters-kommentar-von-2005","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/webaid.it\/?page_id=402","title":{"rendered":"Peters Kommentar von 2006"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Politik und M\u00e4rchen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>2006 hielt Peter Podehl vor den Studenten der politischen Wissenschaften an der Universit\u00e4t Rom La Sapienza einen kurzen Vortrag zum Film, der gleich darauf gezeigt wurde. <\/p>\n\n\n\n<p>Er diente den Studenten in erster Linie als Deutsch-\u00dcbung.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier seine kurze Einf\u00fchrung<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Anmerkungen zum Film<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>DIE GESCHICHTE VOM KLEINEN MUCK<\/p>\n\n\n\n<p>Das war eine sehr aufw\u00e4ndige, gro\u00dfe Filmproduktion der staatlichen ostdeutschen Defa. Produktionsjahr 1953. Der ber\u00fchmte Wolfgang Staudte f\u00fchrte Regie und schrieb mit mir nach meinen umfangreichen Vorarbeiten das Drehbuch. Ich war auch sein Regieassistent und lernte au\u00dferordentlich viel f\u00fcr mein weiteres Berufsleben. Mein damals elfj\u00e4hriger Stiefsohn Thomas Schmidt spielte die Hauptrolle.<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;&nbsp; &nbsp; Der ganze Film hat eine Laufzeiut von 100 Minuten. Man kann eine l\u00e4ngere Episode &#8211; \u00fcber die Kriegs- und Friedensspiele des Sultans &#8211; separat vorf\u00fchren, was freilich schade w\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;&nbsp; &nbsp; Die literarische Vorlage ist das gleichnamige Kunstm\u00e4rchen &#8211; im Gegensatz zu den deutschen Volksm\u00e4rchen, wie die Br\u00fcder Grimm sie sammelten &#8211; von Wilhelm Hauff (1802-1827)<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;&nbsp; &nbsp; Die Episode mit den Kriegs- und Friedensspielen des Sultans stammt nicht von Hauff. Sie wurde von den Drehbuchautoren erfunden, um die Zauberpantoffel, mit denen Muck unglaublich schnell laufen kann, dramaturgisch augenf\u00e4llig zu machen. Er ist zum Oberleibl\u00e4ufer des Sultans ernannt worden&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;&nbsp; &nbsp; Der Vorwurf, es sei politisch tendenzi\u00f6s gewesen, der DDR, die ja bei m\u00e4chtiger Kriegsaufr\u00fcstung gleichzeitig einen zuweilen fatalen propagandistischen Friedenswillen heuchelte, zu dienen, l\u00e4sst sich nur mit einem Satz entkr\u00e4ften: Ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr&nbsp; den Frieden ist nie falsch. Es hat in dem Film auch nicht im Geringsten mit Heuchelei zu tun. \u00dcberempfindlichen Seelen, die dennoch Ansto\u00df nehmen, wei\u00df ich nicht zu helfen.<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;&nbsp; &nbsp; Der Film wurde ein Welterfolg, haupts\u00e4chlich in allen Ostblock-L\u00e4ndern. Aber er katapultierte mich samt Familie aus der DDR in den Westen. Und das kam so:<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;&nbsp; &nbsp; Alle in der Defa waren high ob des gro\u00dfen Erfolges. Man bot mir an, ein weiteres M\u00e4rchen-Drehbuch zu schreiben: DAS TAPFERE SCHNEIDERLEIN.<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;&nbsp; &nbsp; Zur Erinnerung: Der Schelm von einem Schneiderlein erschl\u00e4gt mit einem Schlag sieben Fliegen und stickt auf seinen G\u00fcrtel \u201aSiebene auf einen Streich\u2018. Alle, die das lesen, sollen denken, er habe sieben Ritter auf einen Streich erschlagen.<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;&nbsp; &nbsp; Ich leistete viel Vorarbeit am Schreibtisch: Skizze, Expos\u00e9, Szenarium. Eines Tages wurde ich mit dem stofff\u00fchrenden Dramaturgen, Dr. Helmut Spie\u00df, nach Pankow bestellt. Pankow ist ein Stadtteil von Ost-Berlin und war der Sitz vieler Regierungs- und Partei-Institutionen, nicht jedoch Sitz der volkseigenen Film-Firma Defa. Ich h\u00e4tte politisch auf der Hut sein sollen, ich war aber nicht auf der Hut und antwortete auf die Frage, warum denn das Schneiderlein \u201aSieben auf einen Streich\u2018 auf seinen G\u00fcrtel stickt: \u201eDas ist eine ungemein liebensw\u00fcrdige Hochstapelei.\u201c Das war sehr unklug geantwortet, ich hatte die politische Falle, die sich hinter der Frage verbarg, nicht zur Kenntnis genommen.<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;&nbsp; &nbsp; \u201eNein! Niemals!\u201c Emp\u00f6rter, vehementer Widerspruch der Parteifunktion\u00e4re: \u201eDer Mann aus dem Volke, der K\u00f6nig wird, ist nie und nimmer ein Verbrecher und Hochstapler!\u201c Und dann kam der schlimmste Satz: \u201eDas tapfere Schneiderlein ist Wilhelm Pieck.\u201c Das klingt nat\u00fcrlich im Jahre 2005 in der Sapienza in Rom \u00fcberhaupt nicht schlimm. Wei\u00df denn Jemand von Ihnen, wer Wilhelm Pieack war? Der amtierende Pr\u00e4sident der ostdeutschen Demokratsichen Republik, ein gelernter Tischler. Wohlgemerkt: Nichts gegen einen Tischler als Staatspr\u00e4sidenten. Aber alles gegen ein tapferes Schneiderlein, das aus politischen Gr\u00fcnden kein Frechdachs und kleiner Hochstapler sein darf!<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;&nbsp; &nbsp; Ich fuhr nach Hause und sagte zu meiner Frau: \u201eCharlotte, pack die Koffer. Hier wird das nichts mehr.\u201c Das klingt jetzt witzig-pointiert, stimmt aber nicht ganz: der Kofferpacker in der Familie war ich. Sieben Schutzengel breiteten ihre Fl\u00fcgel aus und geleiteten uns ohne Not nach M\u00fcnchen. (Es m\u00fcssen sieben gewesen sein, weniger h\u00e4tten das nicht geschafft.)&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;&nbsp; &nbsp; Ich habe meiner Frau gegen\u00fcber noch ein anderes Wort benutzt, das m\u00f6glicherweise in Ihrem deutschen Wortschatz fehlt. Ein etwas altert\u00fcmliches Wort, voller Nostalgia: \u201eHier,\u201c habe ich gesagt, \u201ehier gedeih ich nicht.\u201c Gedeihen, das im heutigen Deutsch eher noch im Zusammenhang mit dem Leben von Blumen gebraucht wird, Gedeihen w\u00fcrde sich ab heute gut machen in Ihrem deutschen Wortschatz.<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;&nbsp; &nbsp; Ich danke Ihnen f\u00fcr Ihre Aufmerksamkeit und will gerne Fragen beantworten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\">\u00a9 P.P.<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;Hier der vollst\u00e4ndige Vortrag: <a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=627\">Politik und M\u00e4rchen<\/a><\/p>\n\n\n\n<p> <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Politik und M\u00e4rchen 2006 hielt Peter Podehl vor den Studenten der politischen Wissenschaften an der Universit\u00e4t Rom La Sapienza einen kurzen Vortrag zum Film, der gleich darauf gezeigt wurde. Er diente den Studenten in erster Linie als Deutsch-\u00dcbung. 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