{"id":4074,"date":"2025-07-15T09:16:16","date_gmt":"2025-07-15T09:16:16","guid":{"rendered":"https:\/\/peterpodehl.com\/?page_id=4074"},"modified":"2025-07-15T09:24:41","modified_gmt":"2025-07-15T09:24:41","slug":"ich-und-fast-alle-meine-arzte-das-stuck","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/webaid.it\/?page_id=4074","title":{"rendered":"Ich und fast alle meine \u00c4rzte &#8211; Das St\u00fcck"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading has-text-align-center\">***<\/h2>\n\n\n\n<h1 class=\"wp-block-heading has-text-align-center\"><br>Ich und fast alle meine \u00c4rzte<\/h1>\n\n\n\n<h1 class=\"wp-block-heading has-text-align-center\">***<\/h1>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading has-text-align-center\">Ungerechte Farce <br>f\u00fcr <br>eine Frauensperson<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">von <\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading has-text-align-center\">Peter Podehl<br>\u00a9<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">***<\/p>\n\n\n\n<p>DIE FRAUENSPERSON <em>ist von oben nach unten zweigeteilt kost\u00fcmiert: die eine Seite ist Patientin in wenig auff\u00e4lligem Stra\u00dfenkleid oder Kost\u00fcm, die andere ist Arzt in wei\u00dfem Kittel. Die Arztseite l\u00e4sst sich durch halbe Brille, halbes Operationsm\u00fctzchen, halben Mundschutz oder andere halbierte Requisiten variieren.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Ein Cape, das v\u00f6llig neutralisiert, steht zur Verf\u00fcgung; es kann auch ein Maximantel sein, mit Kapuze. Nat\u00fcrlich kann und wird die Frauensperson nicht immer nur exakt das eine oder andere Profil pr\u00e4sentieren; alle \u00dcberlappungen, alle Halbprofile sind sch\u00f6n und versinnbildlichen das Leiden des Arztes und das Heilsein der Patientin: die Einheit, den Eros der Krankheit.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>DIE B\u00dcHNE<\/em><em> ist ein schr\u00e4g nach vorne geneigtes Podest. Am vorderen Podestrand stecken, ziemlich weit rechts und links au\u00dfen, zwei halbe Flachfiguren: die jeweils andere H\u00e4lfte von Arzt und Patientin mit echten Textilien und vielleicht Haaren, Sonstiges, gezeichnet. Tritt die Frauensperson hinter so eine Halbfigur, wird sie sozusagen halbganz: sie bleibt halb, weil die Flachfigur ja leblos ist, sie wird ganz, weil die einheitliche Kleidung solchen Schein erweckt. Die Arme beider Halbfiguren &#8211; jeweils also einer &#8211; sind zum \u00c4rmel ausgebildet, so dass die Frauensperson reinschl\u00fcpfen und mit beiden Armen und H\u00e4nden agieren kann. Zwei Scharniere in Knie- und H\u00fcftgegend erlauben der Figur abzuknicken, also eine sitzende Haltung einzunehmen; wenn die Frau sich dahinter auf einen Schemel setzt und die Halbfigur sozusagen auf den Scho\u00df nimmt, dann kann sie sogar Arztbein \u00fcber Arztbein schlagen. Ansonsten erlauben die Scharniere den v\u00f6lligen Zusammenbruch der Figuren.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Auf dem Podest stehen M\u00f6bel, Utensilien, Requisiten f\u00fcr Krankheit und Gesundwerdung wie in einem Schaufenster oder einer Ausstellung, also nicht organisch wie in einem Zimmer, aber doch sehr ordentlich herum. Kleine Gl\u00fchl\u00e4mpchen, die zu Anfang und bei Szeneneinschnitt und Arztwechsel an- und ausgehen, unterstreichen Neu- und Werbewert, Blitzsauberkeit und Hygiene. Es sind im einzelnen: der Paravent, hinter dem man sich ausziehen und untersuchen lassen kann, hinter ihm eine Stufe, so dass die Frau dahinter ihren Kopf noch deutlich sehen lassen oder ganz verschwinden kann; weitere kleinere Paravents; der lange Tisch, auf R\u00e4dern drehbar, quer ist er Operationstisch oder Psychotherapeutencouch, schmal ist er Schreibtisch; etliche einfache Drehhocker, die der Frau immer wieder den raschen Wechsel von einem Profil zum anderen gestatten; ein Schrank mit Medikamenten und Instrumenten; das Nachtdienstfensterchen einer Apotheke in einem Rahmen; ein \u00fcberdimensionaler Abfalleimer, dessen Deckel mit dem Fu\u00df zu bet\u00e4tigen ist, unten offen, so dass die Frau unter dem Podest rauskriechen kann; eine gro\u00dfe Pauke, sowohl mit dem Fu\u00df zu bet\u00e4tigen, als auch mit einem dicken Schlegel.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Irgendwo h\u00e4ngt eine Scheibe, \u00e4hnlich den Parkscheiben, auf denen der Autofahrer seine jeweilige Parkzeit einstellen kann, mit der festen Aufschrift &#8216;Arzt Nummero&#8217;, diese Nummer ist darunter einzustellen zu Anfang ist keine Nummer zu sehen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>DIE FRAUENSPERSON<\/strong> <em>kommt von hinten \u00fcber eine Treppe auf das Podest gestiegen. Sie hat die neutralisierende Kleidung mit Kapuze an. Sie geht umher und betrachtet einige St\u00fccke der Ausstattung: M\u00f6bel, Ger\u00e4te, sie zieht eine Schublade auf, probiert die Klappenmechanik der Halbfiguren, ohne jedoch schon ihre Funktionen zu demonstrieren, sie trommelt mit den Fingern \u00fcber die Pauke. Ein Gl\u00fchl\u00e4mpchen h\u00e4lt sie sich an, schaut in den Spiegel, ob es als Bijouterie taugt; es taugt nicht. Dieses ganze Inventar ist kein erstauntes Zur-Kenntnis-Nehmen, sondern mehr eine Art \u00dcberpr\u00fcfung, ob auch alles da ist und funktioniert. Sie kann dabei Schlager oder sonst was summen. Schlie\u00dflich geht sie hinter den gro\u00dfen Paravent, nicht auf die Stufe, also ganz verschwindend. Sie zieht den Mantel aus, legt ihn \u00fcber den Paravent und kommt auf der anderen Seite als <\/em>Patientin<em> wieder hervor:<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Guten Tag, Herr Doktor, mir fehlt was.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>DIE FRAUENSPERSON<\/strong> <em>zieht sich zur\u00fcck, ohne dass die Arztseite sichtbar wird, dreht sich um und kommt m\u00f6glichst rasch auf der anderen Seite des Paravents als <\/em><strong>Arzt<\/strong><em> hervor:<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Guten Tag, gn\u00e4dige Frau Patientin, was fehlt Ihnen denn?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>DIE FRAUENSPERSON<\/strong> <em>zieht sich zur\u00fcck, jetzt auf die Stufe, so dass der Kopf sichtbar bleibt, dreht sich ruckartig um und sagt als <\/em>Patientin<em> bissig:<\/em><br>Das m\u00fcssen Sie doch wissen. Sie sind doch Arzt!<br><\/p>\n\n\n\n<p><em>Sie dreht sich ruckartig um und sagt als <\/em><strong>Arzt<\/strong><em> etwas eingesch\u00fcchtert:<\/em><br>Freilich, nat\u00fcrlich, jaja&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p><em>Auch dieses Hin und Her war eine Art Ausprobieren des dramatischen Prinzips. Die Frau geht von der Stufe herunter, so dass sie hinter dem Paravent verschwindet, hustet, etwas unecht, macht ein zun\u00e4chst unverst\u00e4ndliches:<\/em><br>S-s-s-s-s- \u2026<br><em>h\u00e4lt einen gro\u00dfen Taschenspiegel \u00fcber den Paraventrand, mit dem sie sich, was akustisch halbwegs deutlich wird, bei ausgestreckter Zunge in den Hals zu schauen versucht. Dann geht der Spiegel runter. Sie schnarcht zwei Atemz\u00fcge lang, gibt etwas theatralische Schmerzen kund<\/em>:<br>Au-au-au-au-oh!&#8230;&nbsp;<br>\u2026 <em>stellt die Uhr auf &#8216;1&#8217;, geht zur Pauke, wobei sie zum ersten Mal ihre Zweiteiligkeit dem Zuschauer pr\u00e4sentiert, haut mit dem Schlegel kr\u00e4ftig drauf. Dann geht sie als <\/em><strong>Patientin<em> <\/em><\/strong><em>an den schmal stehenden Tisch und f\u00e4ngt an:<\/em><br>Guten Tag, Herr Doktor, ich habe ein Sausen in den Ohren.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Sie geht auf die andere Seite des Tisches und setzt sich:<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Guten Tag, gn\u00e4dige Frau Patientin, mehr nicht als ein Sausen in den Ohren?<\/p>\n\n\n\n<p><em>Sie geht wieder auf die andere Seite des Tisches. Dieser in der ganzen Farce immer wieder vorkommende Wechsel wird k\u00fcnftig mit &#8220;Arzt&#8221; und &#8220;Patientin&#8221; signalisiert. Dabei darf es ruhig vorkommen, dass das Ende eines Satzes der Patientin schon auf dem Weg zur Arztposition gesprochen wird oder umgekehrt. Vielleicht ist auch hier der Ort zu sagen, dass die Farce viel inneres Tempo in Sprache und Aktion verlangt, was nichts mit Hastigkeit zu tun hat.&nbsp;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Patientin:<\/strong><br>Warten Sies doch ab! Sausen in den Ohren ist Ihnen wohl zu wenig Krankheit, was? Und wenn eines Tages alle meine guten Lebensgeister zu den Ohren raussausen und ich tot umfalle? Was dann?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Arzt:<\/strong>&nbsp;<br>Ich kenne in meiner langj\u00e4hrigen Praxis keinen Exitus durch Ohrensausen, aber freilich: &#8211; was bis heute nicht in den Lehrb\u00fcchern steht, kann morgen reinkommen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Patientin:<\/strong>&nbsp;<br>Ich m\u00f6chte aber nicht als beispielhafte Tote in die Lehrb\u00fccher eingehen, sondern m\u00f6chte gesund werden und nicht als beispielhafte Tote in die Lehrb\u00fccher eingehen, sondern gesund m\u00f6chte ich werden und nicht in die Lehrb\u00fccher eingehen, sondern gesund m\u00f6chte ich werden und nicht eingehen als &#8211; sondern &#8211; nicht &#8211; als- sondern&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Arzt:&nbsp;<\/strong><br>Vollkommen berechtigter Wunsch. Nun erz\u00e4hlen Sie mal sch\u00f6n der Reihe nach vom ersten Auftreten Ihres Ohrensausens bis heute.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Patientin<\/strong>, <em>anma\u00dfend<\/em>:&nbsp;<br>Sie wollen die Anamnese, sagen Sie das doch gleich. Also: seit den Masern habe ich manchmal ein Sausen in den Ohren in der D\u00e4mmerung.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Arzt:&nbsp;<\/strong><br>In der D\u00e4mmerung? Hm&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Patientin:<\/strong><br>Mit D\u00e4mmerung wollte ich zusammenfassend sagen: morgens und abends.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Arzt:<\/strong><br>Ach so. Sie dr\u00fccken sich so sonderbar aus. Sonstige Beschwerden?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Patientin:<\/strong><br>Ja, ich schnarche und habe immer Angst, dass sich dabei eines Nachts die Karotis um die Trach\u00e4a windet, wie Efeu, verstehen Sie, und mich erw\u00fcrgt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Arzt:<\/strong><br>Ha, auch das w\u00e4re der erste Fall in der Geschichte des Efeus &#8211; ich meine: der Medizin. Wir rechnen Schnarchen \u00fcberhaupt nicht zu den eigentlichen Krankheiten oder Beschwerden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Patientin:<\/strong><br>So? Und mein Mann? Der beschwert sich allerdings neuerdings. Der hats festgestellt n\u00e4mlich, \u00fcberhaupt, nat\u00fcrlich, wer denn sonst? Man h\u00f6rt sich ja nicht selber schnarchen, weil man schl\u00e4ft, sondern braucht einen, in der Bettn\u00e4he, der nicht schl\u00e4ft, beziehungsweise sp\u00e4ter einschl\u00e4ft oder fr\u00fcher aufwacht, gegebenenfalls geweckt von ebendemselben Schnarchen des lieben Partners. Deswegen lauert ja etwas so Geheimnisvolles um das Schnarchen von Junggesellen, was die so ungeh\u00f6rt verschnarchen, ebenso Eheleute in getrennten &#8211;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>DIE FRAUENSPERSON<\/strong> <em>steht mitten im Satz auf, dreht sich um und sagt als<\/em>&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Arzt:<\/strong><br>Na, dann wollen wir mal da hineinschauen ins Schnarchinstrument. Da r\u00fcber bitte.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Sie dreht sich um und sagt als <\/em><strong>Patientin<\/strong><em> auf dem Wege zum Instrumentenschrank:<\/em>&nbsp;<br>Ob da viel zu schauen ist, Herr Doktor&#8230; es ist mehr so ein S-s-s-s-s, akustisch, wissen Sie, und \u00e4h&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p><em>Sie steht beim Instrumentenschrank. Entweder \u00f6ffnet sie dessen Schublade nach Drehung in die <\/em><strong>Arzt<\/strong><em>position. Sie kann aber auch als <strong>Patientin <\/strong>vor der Schublade angekommen sein; dann dreht sie den ganzen Schrank unter Gepolter so um, dass sie nun als <\/em>Arzt<em> davor steht. Jedenfalls macht sie beim \u00d6ffnen einen ziemlichen Instrumentenl\u00e4rm. Sie setzt den HNO-Spiegel auf den Kopf, holt Holzpl\u00e4ttchen und eine Menge blitzende Instrumente heraus, ist aber gleich nach der Drehung im Dialog fortgefahren<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Arzt:<\/strong>&nbsp;<br>Gn\u00e4dige Frau, Ihr S-s-s-s-s mag mich auf die Spur setzen, medizinisch-akademisch taugt es wenig. Ich kann auch nicht Ihr Ohr rausnehmen und mir einsetzen. Und schon gar nicht werde ich je in der Nacht in den Genuss oder die Beschwerde Ihres Schnarchens geraten. Haha.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>DIE FRAUENSPERSON<\/strong> <em>geht zur <\/em><strong>Arzt<\/strong>figur<em>, schl\u00fcpft in den \u00c4rmel und setzt sich<\/em>:<br>Nun machen Sie doch mal den Anfang Ihres Verdauungsweges, will sagen: Mund sch\u00f6n weit auf. <br><em>Sie untersucht die imagin\u00e4r vor ihr, also in Richtung und mit dem R\u00fccken zum Publikum sitzende Patientin &#8211; die im Folgenden nur akustisch reagiert, &#8211; indem sie ihr Holzpl\u00e4ttchen und immer mehr Instrumente in den Mund steckt. All das sollte nicht im geringsten Fachgerechtigkeit erheben. Im Gegenteil: Je t\u00f6richter Geste und Worte gehandhabt werden, desto mehr ist die Farce in ihrem Recht. Zun\u00e4chst einige optimistisch gef\u00e4rbte aber undeutbare<\/em>:<br>H &#8211; Aha &#8211; M &#8211; ahm&#8230; Sind denn die s\u00fc\u00dfen Mandelchen mal gekappt worden?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Patientin<\/strong>, <em>Instrumente im Mund<\/em>:&nbsp;<br>Gein.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Arzt<\/strong> <em>untersucht weiter:<\/em>&nbsp;<br>Das sollte aber zumindest &#8230; Hmhm &#8211; Aha&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Patientin<\/strong>, <em>weiter gequetscht:&nbsp;<\/em><br>Gagn Gie gie Gaugegelle gon gegungen?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Arzt:<\/strong>&nbsp;<br>Freilich, nicht nur Verdauungsanfang, Nahrungseingang ist der Mund, sondern auch Wortort, Sprachausgang.&nbsp;<br><em>Er nimmt die Instrumente &#8216;raus&#8217;, h\u00e4lt sie sozusagen im Anschlag und bei folgendem Satz ganz ruhig.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Patientin<\/strong> <em>streckt ihr Profil neben dem Arm hervor:<\/em>&nbsp;<br>Ob Sie die Sausequelle schon gefunden haben? Sie sagten Aha.&nbsp;<br><em>Sie schl\u00fcpft mit dem Gesicht wieder zur\u00fcck.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Arzt:<\/strong>&nbsp;<br>Nein, noch nicht.&nbsp;<br><em>Er hebt die Instrument bedrohlich hoch:<\/em><br>Darf ich noch einmal in den Schlund tauchen? Weit auf, bitte.&nbsp;<br><em>Er st\u00f6\u00dft mit den Instrumenten wieder vor:<\/em><br>Hm, pr\u00e4chtiges Vestibulum, \u00fcberhaupt das ganze Corvum orbis, sehr h\u00fcbsches Z\u00e4pfchen, na und das Gaumensegel erst&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Patientin<\/strong> <em>tut einen kr\u00e4ftigen Spuck. Der Arzt l\u00e4sst die Instrumente fallen und wird gleichsam aus der Arztfigur angespuckt<\/em>.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>DIE FRAUENSPERSON<\/strong> <em>schiebt den Schemel hinter der Figur weg, setzt sich und sagt unter einem Mundwischen als&nbsp;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Patientin:<\/strong>&nbsp;<br>Verzeihen und gestatten Sie, dass ich spucke, Herr Doktor, aber ich bin nicht zu Ihnen gekommen, damit Sie meine orale Inneneinrichtung bewundern, sondern damit Sie mich von meinem S-s-s-s-s im Ohr in der D\u00e4mmerung befreien.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>DIE FRAUENSPERSON<\/strong> <em>dreht sich auf dem Schemel um 180 Grad und sagt ganz \u00fcberlegen als&nbsp;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Arzt:<\/strong>&nbsp;<br>Gut, nehmen wir mal an, ich h\u00e4tte das Ohr auch untersucht, dann sage ich als Aurikul\u00e4rmediziner Folgendes zu Ihnen: Gn\u00e4dige Frau, ein organlicher Befund besteht offensichtlich nicht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Patientin:<\/strong>&nbsp;<br>Was fehlt mir also?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Arzt:<\/strong>&nbsp;<br>Ohrensausen, sagten Sie doch.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Patientin:<\/strong><br>Sagte ich, ja, aber was sagen Sie?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Arzt:<\/strong><br>Das Ohr ist kerngesund. Kein Orthostasesyndrom. Wahrscheinlich h\u00e4ngt&#8217;s am Kreislauf. Die Zehenn\u00e4gel werden nicht mehr gen\u00fcgend durchblutet. Das schl\u00e4gt sich aufs Ohr.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Patientin<\/strong><em> geht zum Schreibtisch und fragt:<\/em><br>Was ist also zu tun, Herr Doktor?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Arzt<\/strong><em> schreibt ein Rezept:<\/em><br>Ich schreibe Ihnen ein paar Tropfen auf, die Sie rasch von Ihrem Leiden befreien werden.&nbsp;<br><em>Er h\u00e4lt ihr das Rezept hin.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>DIE FRAUENSPERSON<\/strong> <em>wechselt es im Hin\u00fcbergehen in die andere Hand und sagt als <\/em><strong>Patientin<\/strong><em> auf der anderen Tischseite:<\/em><br>Dankesch\u00f6n, Herr Doktor, Aufwiedersehn. Oh, ins Ohr die Tropfen, Herr Doktor, oder ins Maul?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Arzt:<\/strong>&nbsp;<br>Maul &#8211; \u00e4h: Ovum, Ovum, Mund!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>DIE FRAUENSPERSON<\/strong> <em>haut auf die Pauke, klemmt den Spiegel an den Arztoberarm, greift eine Medikamentenpackung, geht zur <\/em>Patientin<em>figur, schl\u00fcpft in den \u00c4rmel, \u00f6ffnet die Schachtel, holt den Zettel raus, liest:<\/em>)<br>&#8220;Antidemmiaurisausum, ein hochkonzentriertes, rasch wirksames, rein pflanzliches Antiaurisausraus&#8221;.&nbsp;<br><em>Sie tr\u00f6pfelt einige Tropfen in den Mund, schmeckt sehr gespannt. Langsam ersterbend:<\/em><br>S-s-s-s-Sausen weg, sehr rasch wirkend, in der Tat.&nbsp;<br><em>Sie stutzt:&nbsp;<\/em><br>Aber &#8211; Hat jemals jemand eine Philosophie des Aber vorgelegt? &#8211; Sausen ist weg, aber! &#8211; <em>Sie fasst sich an den Kopf:<\/em><br><em>\u2026 <\/em>mich schwindelt!&nbsp;<br><em>Sie schwankt und muss sich setzen:<\/em><br>Mich schwindelt in der D\u00e4mmerung, so dass ich mich setzen muss. Ich hasse Antidemmiaurisausum.&nbsp;<br><em>Sie h\u00e4lt das Medikament mit dramatischer Geste weit von sich<\/em>:&nbsp;<br>Der Schwindel weicht, &#8211;&nbsp;aber&#8230;<br><em> St\u00e4rker werdend<\/em>:&nbsp;<br>S-s-s-s-Sausen wieder da.&nbsp;<br><em>Sie liebkost die Medizinflasche:<\/em><br>Ich wiederliebe Antidemmiaurisausum: Sausen weg, Schwindel da, es liegt am Mittel, ich lese nach:&nbsp;<br><em>Sie liest auf dem Zettel:<\/em><br>&#8220;Gegenindikation: bei hypersensibler Konstitution ist Nebenwirkung in Form von Labyrinthschwindel und Nystagmus m\u00f6glich&#8221;. Genau das ist es: mich labyrinthschwindelt und ich nystagmusse, ich darf mich hypersensibler Konstitution r\u00fchmen, der Selbsterkenntnisse ist kein Ende.&nbsp;<br><em>Sie liest weiter:<\/em><br>&#8220;Zur Behandlung solcher Nebenwirkungen empfiehlt sich die Nebeneinnahme von Antidotantidemmiaurisausum, ein rein pflanzliches, hochkonzentriertes, rasch wirksames Anystagmusium, vom gleichen Hersteller, rezeptpflichtig&#8221;. Wenns weiter nichts ist.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><strong>DIE FRAUENSPERSON<\/strong><\/strong> <em>geht zur Pauke, haut drauf.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>STIMME VOM TONBAND:<\/strong> <br>Automatischer Anrufbeantworter Praxis Doktor Eins. Doktor Eins befindet sich auf Urlaub in Puerto Costa. In dringenden F\u00e4lle vertritt ihn Doktor Zwei.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>DIE FRAUENSPERSON<\/strong> <em>stellt die Uhr auf 2, haut auf die Pauke und begibt sich in eine beliebige <\/em><strong>Patientin<\/strong><em>position:<\/em><br>Bitte Antidotantidemmiaurisausum.&nbsp;<br><em>Sie trennt hinter &#8220;Antido-&#8220;, so dass &#8220;tanti&#8221; entsteht<\/em>: <br>ein rein pflanzliches &#8211;<\/p>\n\n\n\n<p><em>Sie begibt sich in eine der Patientin entsprechende <\/em><strong>Arzt<\/strong><em>position:<\/em><br>Guten Tag, nehmen Sie doch Platz.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Dies ist die erste kleine Irritation des forschen Planes der Patientin, schnell an das Medikament zu kommen; weitere, zunehmend gr\u00f6\u00dfere werden folgen:<\/em><br>Ach so, ja Verzeihung, Guten Danke, ich meine: Tag &#8211; \u00e4h &#8211; bitte Antidotantidemmiaurisausum, ein rein pflanzliches, hochkonzentrier-<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Arzt:<\/strong><br>Was haben Sie denn f\u00fcr Beschwerden?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Patientin:<\/strong><br>Ach, das wei\u00df ich schon selber, jedenfalls besser als Sie. Machen wirs uns leicht, Herr Doktor, lassen wir alle K\u00e4tzchen- und M\u00e4uschenspiele, geben Sie mir ein Rezept f\u00fcr Antidotantidemmiaurisausum, ein rein pflanzliches, hochkonzentriertes, rasch wirken-<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Arzt:<\/strong><br>Sie sagen immer Antido\/tantidemmiaurisausum. Antidot hei\u00df Gegenmittel, das hat nichts mit Tanti zu tun. Haha. Es hei\u00dft Antidot\/antidemmiaurisausum, ein rein pflanzliches und so weiter.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Patientin:&nbsp;<\/strong><br>Ach nein.&nbsp;<br><em>In erneuerten, unerwarteten Schwierigkeiten:&nbsp;<\/em><br>Antido-tantidot-anti-demmitot-oooh!&nbsp;<br><em>Langsam:<\/em><br>Antidot\/antedemmiaurisausum, \u2026<br>N<em>un aber rasch sprudelnd<\/em>:<br>\u2026ein rein wirkendes, hochpflanzliches, rasch konzentriertes Anystagmusium, vom gleichen Hersteller, rezeptpflichtig, also bitte!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Arzt:<\/strong>&nbsp;<br>Sie sind eine etwas m\u00fchsame Patientin. Wenn Sie mich auch nur in Ermanglung von Doktor Eins aufsuchen, &#8211; deshalb d\u00fcrfen Sie mich doch nicht zum Rezeptspucker degradieren. Ich muss Ihnen schon mal in H, N und O schauen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Patientin<\/strong><em> findet das alles ziemlich l\u00e4stig:<\/em>&nbsp;<br>Herr Doktor Zwei, der Herr Doktor Eins hat meine HNO-Bezirke bis in die letzte Schleimhautfalte durchforscht und keinen organischen Bosheitsbefund festgestellt. Er verschrieb mir wegen schlecht durchbluteter Zehenn\u00e4gel Antidemmiaurisausum, das gute Wirkung tat, aber auch gute Nebenwirkung, weshalb ich Antidotantidemmiaurisausum dringendst brauch-&nbsp;<br><em>Jetzt verschluckt sie in rasanter Rede die meisten Vokale:<\/em>&nbsp;<br>\u2026 ein rn pflzlches, hochknzntrrtes, rasch wirkndes Anystagmusium, glchn Hrsteller,<br><em>Deutlich skandierend:<\/em> <br>Re-zept-pflich-tig! Also bitte, los ran!&nbsp;<br><em>Sie schiebt ihm den Rezeptblock hin.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Arzt<\/strong><em> schiebt den Rezeptblock weg:<\/em>&nbsp;<br>Tja, kleine Frau, das ist nat\u00fcrlich alles ganz anders. Antidotantidemmiaurisausum enth\u00e4lt 0,7 Milligramm Pulvis nisus, zu Deutsch: Niespulver, und das ist bei schlecht durchbluteten Zehenn\u00e4geln sehr gef\u00e4hrlich. <br><em>Pl\u00f6tzlich inquisitorisch:<\/em>&nbsp;<br>Haben Sie tote Z\u00e4hne?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Patientin<\/strong> <em>weicht aus:<\/em><br>Wieso? Brauche ich welche?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Arzt:<\/strong><br>Sie weichen ins Heiter-Unverbindliche aus, also haben Sie welche und Angst, dieselben gezogen zu bekommen. <br><em>Er wird massiver:<\/em><br>Sagen Sie die Wahrheit, die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit: Sie haben tote Z\u00e4hne!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Patientin<\/strong> <em>l\u00e4sst sich einsch\u00fcchtern:<\/em><br>Ja, ich bekenne, tote Z\u00e4hne zu haben. Nun ists heraus.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Arzt:<\/strong><br>Sie gestehen also?&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Patientin:<br><\/strong>Ich dachte, Sie sind Hals-, Nasen-, Ohrenarzt?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Arzt:<\/strong><br>Das darf mich doch nicht hindern, Ihren toten Bei\u00dferchen die n\u00f6tige Aufmerksamkeit zu widmen. Bin ich deshalb Herzdilettant? Diese Leichengiftproduzenten m\u00fcssen flugs raus aus Ihrem Munde.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Patientin:<br><\/strong>Vielleicht k\u00f6nnen Sie mir kurz vorher noch Antidotantidemmiaurisausum verschreiben.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Arzt,<\/strong> <em>ziemlich heftig:<\/em><strong><br><\/strong>Sie schreiben mir nichts vor und ich schreibe Ihnen nichts ver! Das Pulvis nisus in Antidotantidemmiaurisausum ist Gift f\u00fcr Ihre Zehenn\u00e4gel! Denn deren mangelnde Durchblutung ist doch nur eine Syndromsymptom, n\u00e4mlich einer gro\u00dfen Kreislaufliberalit\u00e4t! <em>Damit ist er auf den Stuhl gestiegen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Patientin<\/strong> <em>rutscht vom Stuhl und fleht:<\/em><br>Aber ich will doch nur Antidotantidemmiaurisausum&#8230;!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Arzt<\/strong> <em>steigt im Folgenden auf den Tisch und macht immer mehr Horror:<\/em><br>Nichts da! Das geringste Quantum Niespulver bringt einen von \u00fcbelsten Herden grundverseuchten Kreislauf zum Kollaps! Ich durchschaue Ihr Inneres wie kein Zweiter oder die R\u00f6ntgenbombe von Professor Vier! Unaufh\u00f6rlich senden die Eiterbeulen Ihrer verstorbenen Z\u00e4hne ihre Pestbazillen ins morsche Blut! Das gemarterte Herz pumpt und pumpt und pumpt, aber das nicht mehr h\u00e4moglobalrote, sondern bereits eitergelbz\u00e4hfl\u00fcssige Blut erreicht die armen Zehenn\u00e4gel schon gar nicht mehr. Sie bleiben leer. Leblos, kalt, \u00f6de stecken sie in den Socken, der Kontakt zum Kopf rei\u00dft immer mehr aber, das Ohr saust, die Kehle schnarcht, das Labyrinth schwindelt, der Sensenmann tickt, der Sand rinnt durchs Glas, das schreckliche Ende ist n\u00e4her, als du denkst! <br><em>Er endet in Horror-Pose.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Patientin<\/strong><em> ist zu einem H\u00e4ufchen Elend unter dem Tisch zusammengeschrumpft. Sie wimmert:<\/em><br>Antidotantidemmiaurisausum&#8230;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Arzt<\/strong><em> setzt sich und schreibt ein Rezept, reicht es der Patientin unter den Tisch.<\/em>&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Patientin<\/strong> <em>nimmt es, wankt schwindlig zum Apothekenfensterchen, klingelt, klopft, bricht in die Knie, hebt das Rezept in Fensterh\u00f6he, fl\u00fcstert:<\/em> <br>Antidotantidemmiaurisausum&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>DIE FRAUENSPERSON<\/strong> <em>geht hinter das Fensterchen, studiert als Apotheker das Rezept, reicht es dann zur\u00fcck:<\/em><br>Daf\u00fcr h\u00e4tten Sie meine Abendruhe nicht st\u00f6ren brauchen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Patientin<\/strong> <em>unter dem Fenster, schiebt das Rezept zur\u00fcck:<\/em> <br>Antidotantidemmiaurisausum&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Apotheker:<\/strong>&nbsp;<br>He, lassen Sie mein Nachtfensterchen ganz! Sie sind ja eine schreckliche Kranke!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Patientin<\/strong> <em>jammert:<\/em><br>Antidotantidemmiaurisausum&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Apotheker:<\/strong><br>Falls Sie glauben, dass Doktor Zwei Ihnen Antidotantidemmiaurisausum&#8230; verschrieben hat, irren Sie sich. Dies ist einen \u00dcberweisung zum Zahnarzt. Die toten Z\u00e4hne m\u00fcssen raus.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>DIE FRAUENSPERSON<\/strong> <em>geht, normal und neutral, zur Pauke, haut drauf, stellt die Uhr auf 3, dreht sich hinter einem niedrigen Paravent in Arztposition, schiebt den Beinteil eines Zahnarztstuhls hinter dem Paravent hervor &#8211; oder den Paravent vor einem solchen weg -, auf dem zwei kaschierte Patientinbeine liegen, hebt Zahnziehinstrumente eifrig in die H\u00f6he und zieht jeweils mit deutlichem Ruck, Paukenschlag und wimmerndem Aufschrei der Patientin f\u00fcnf Z\u00e4hne, zwischendurch die Instrumente jeweils sieghaft und angespornt erhebend. Au\u00dferdem gehen auch jeweils die kaschierten Beine hoch. Dann kommt <\/em><strong>Arzt<\/strong><em> mit einer zweiten Medizinflasche hervor, geht zur <\/em><strong>Patientin<\/strong><em>figur, schl\u00fcpft in die \u00c4rmel. Nach kurzer regloser Pause spuckt sie in hohem Bogen Z\u00e4hne aus.&nbsp;<\/em><br>Aber ein Gutes hat es doch: Ich konnte bei Doktor Drei mitten im Extraktionsfurioso ein Rezept f\u00fcr Antidotantidemmiaurisausum entlocken. In dieser Luststr\u00e4hne t\u00e4tigen Schaffens h\u00e4tte er mir wahrscheinlich auch reines Hasch aufgeschrieben.&nbsp;<br><em>Z\u00e4rtlich zur neuen Flasche:<\/em><br>Ich habe also um den Preis von f\u00fcnf Z\u00e4hnen Antidotantidemmiaurisausum. Und was habe ich noch in diesem Augenblick einer lieblichen D\u00e4mmerung?: Ohrensausen, Labyrinthschwindel, Zahn- und Vertrauensl\u00fccken. Die Nahrungszerkleinerung macht verminderter Kaufl\u00e4che wegen manche M\u00fche.<br><em>Sie m\u00fcmmelt ein bisschen rum:<\/em>&nbsp;<br>Als ob der Besitz von Antidotantidemmiaurisausum das nicht aufw\u00f6ge! Ich beginne also das d\u00e4mmerliche Ritual.&nbsp;<br><em>Sie nimmt Tropfen aus der ersten Medizinflasche:<\/em> <br>S-s-s-s-Sausen weg.<em> <\/em><br><em>Sie wankt schwindlig, nimmt von der neuen Medizin, das Wanken h\u00f6rt auf:<\/em><br>Sch-schw-schw-Schwindel weg, alles weg: Sausen, Schnarchen, Schwindel, aber &#8211; Hat jemals schon jemand eine Philosophie des Aber geschrieben oder auch nur konzipiert? &#8211; aber &#8211; dieses Seitenstechen in der Seite. Kurz und gut: ich schlafe nicht vor Seitenstechen, erst gegen Morgen l\u00e4sst es nach, ich schlafe kurz ein, um im ersten D\u00e4mmer von bekanntem Ohrensausen geweckt zu werden. Zudem schnarchte ich in den kurzen Schlaf \u00fcber so virtuos, dass mein Mann das b\u00f6se Wort von getrennten Schlafzimmern sprach. Und das bei meinem Zustand und unserer ansonstigen Liebe. Ich muss &#8211; ich muss den Medizinen zusprechen.&nbsp;<br><em>Sie nimmt beide Medizinen:&nbsp;<\/em><br>Kein Sausenschnarchenschwindelnystagmus, nur ein bisschen unertr\u00e4gliches Seitenstechen. Offenbar sticht das f\u00fcr die Nase bestimmte Pulver die Seite. Es niest in meiner Taille. Gr\u00fcndliches Absetzen von Antidotantidemmiaurisausum erbringt unter anhaltendem Schwindel und Nystagmus den Beweis, dass es sich um ein sogenanntes Nebenwirkungsseitenstechen handelt. Aber nichts davon auf dem Waschzettel.&nbsp;<br><em>Unsentimental:<\/em><br>Armer K\u00f6rper einer Frauensperson, der es vor langen Zeiten in der D\u00e4mmerung gelegentlich im Ohr sauste. In meiner Verzweiflung treffe ich unter einem Br\u00fcckenbogen meine junge Freundin Aur\u00e9lie, die einen entfernt verbast oder vervettert angeheirateten Professor der Chirurgiemedizin ihr eigen nennt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>DIE FRAUENSPERSON<\/strong> <em>geht zur Uhr, stellt sie auf 4, haut auf die Pauke und schiebt den Tisch quer, legt sich als Operations<\/em>patientin<em> drauf:<\/em><br>Herr Professor, unsere gemeinsame Freundin Aur\u00e9lie empfahl Sie unter einem Br\u00fcckenbogen als Spezialisten f\u00fcr Schwindel. Sie gelten seit Jahrzehnten als &nbsp; d i e &nbsp; Schwindelkapazit\u00e4t der Weltmedizin.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>DIE FRAUENSPERSON<\/strong> <em>steht auf und beugt sich als sehr alter und zittriger <\/em>Professor<em> \u00fcber den Tisch:<\/em><br>Meinen Sie das Wort Schwindel in standesehrenw\u00fcrdigem Sinne, bin ich nicht bereit, Sie auch nur anzur\u00fchren; meinen Sie es als Symptom der Gleichgewichtsschnecke, f\u00fchle ich mich standesgeehrt und wetze die Messer, um Sie anzuschneiden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Patientin:<\/strong><br>Selbstverst\u00e4ndlich Gleichgewichtsschneckenschwindel, Herr Professor.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Professor:&nbsp;<\/strong><br>Soso, die liebe Aur\u00e9lie, aber wieso unter einem Br\u00fcckenbogen. Sie ist doch tot seit achtzehnhundertsoundsoviel.&nbsp;<br><em>Weinerlich:<\/em><br>Unter meinem Skalpell geblieben\u2026&nbsp;<br><em>S\u00fcffig:<\/em>&nbsp;<br>\u2026Eines meiner ersten und s\u00fc\u00dfesten Opfer.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Patientin:<\/strong><br>Ich spreche von der Enkelcousine der Halbschwester Ihres Vetters Claude.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Professor:<\/strong><br>Ah, gibt es eine neue Aur\u00e9lie? Jaja, ich erinnere mich an die Geburtsanzeige, muss so vierzig Jahre her sein. Und die hat Schwindel?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Patientin:<\/strong><br>Nein, ich, die schrecklichste Patientin der Welt! Ich gehe mit schlecht durchbluteten Zehenn\u00e4geln ins Bett, schnarche gut bis sechs, Ohrensausen setzt gegen sieben ein, nach Einnahme von Antidemmiaurisausum habe ich um acht Layrinthschwindel mit Nystagmus, ich bei\u00dfe die Zahnl\u00fccken zusammen und nehme Antidotantidemmiaurisausum, niese bis neun Uhr, das als Nebenwirkung auftretende Seitenstechen erreicht die Scheitelh\u00f6he gegen zehn. Was empfehlen Sie nun f\u00fcr elf Uhr, Herr Professor?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Professor:<\/strong><br>Als Vorspeise gr\u00fcndliches R\u00f6ntgen, etwas Penicillin-Suppe mit Narkosenudeln, Hauptgericht Operation, und zum Nachtisch sind Sie gesund.&nbsp;<br><em>Er nimmt eine kugelige R\u00f6ntgenr\u00f6hre mit zapfenf\u00f6rmigem Ausgang und r\u00f6ntgt, indem er den Zapfen \u00fcber die imagin\u00e4re Patientin auf dem Tisch von Kopf bis Fu\u00df in die verschiedensten Positionen h\u00e4lt, jeweils zum Zeichen der Aufnahme mit dem Fu\u00df kr\u00e4ftig die Pauke bet\u00e4tigend und immerzu sehr zitternd. Dann \u00f6ffnet er die R\u00f6hre, holt einige R\u00f6ntgenfilmbilder heraus, h\u00e4lt sie mit der typischen Geste hoch gegen irgendein Licht, wiederum sehr zittrig:<\/em><br>Hm-hm-hm&#8230; Also: Die Durchblutung Ihrer Zehenn\u00e4gel ist in der Tat v\u00f6llig ungen\u00fcgend, aber die prim\u00e4re Ursache Ihres Ohrensausens liegt hier! Sie haben einen Milzstein!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Patientin:<\/strong><br>Von meiner Milz habe ich schon lange nichts mehr geh\u00f6rt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Professor:<\/strong><br>Ja, und nun l\u00e4sst sie pl\u00f6tzlich gr\u00fc\u00dfen und winkt mit einem Stein.&nbsp;<br><em>Er zeigt der Patientin das Bild:<\/em><br>Hier, ganz deutlich zwischen Quergrimmdarm und retikulo-endothelialem System, rechts von den Malpighischen K\u00f6rperchen, das ist Ihr Milzstein. Aber der ist so verwackelt.&nbsp;<br><em>Etwas ungehalten:<\/em><br>Wissen Sie, meist kann ich die Verwacklung meiner Aufnahmen mit dem Wackeln meiner Hand beim Betrachten synchronisieren, dann wird alles ganz deutlich, wie in meiner Jugend, aber bei Ihnen &#8230; m\u00fcssen wir noch mal r\u00f6ntgen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Patientin:<\/strong><br>Sollten Sie nicht mal zum Arzt gehen, mit Ihrem Zittern?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Professor:<\/strong><br>Wieso denn? Ich bin doch selber Arzt. M\u00fcsste ich ja zu mir selbst gehen, Hahaha!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Patientin:<\/strong><br>Hahaha. Vielleicht darf ich uns behilflich sein.&nbsp;<br><em>Sie nimmt die R\u00f6ntgenr\u00f6hre, f\u00e4hrt genauso \u00fcber sich herum, wie der Professor, was sehr anmutig wirken mag, bet\u00e4tigt auch bei jeder Aufnahme die Pauke, holt dann Aufnahmen aus der R\u00f6hre, betrachtet sie:<\/em><br>Hm-hm-hm&#8230; Nun wackelt er nicht mehr, der Milzstein rechts vor dem Malpighischen K\u00f6rperchen. Aber was ist denn das? Das ist ja schon fast eine Myloidentartung des Bilirubingehalts. Der Stein muss raus, das schreit nach Blut.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>DIE FRAUENSPERSON<\/strong> <em>ist aufgestanden und dreht sich mir erhobenen Bildern in die <\/em><strong>Arzt<\/strong><em>position: <\/em><br>Moment, jetzt wollen wir die Rollen aber doch wieder re-re-retourg\u00e4ngig machen.<em> <\/em><br><em>Er kriegt einen Greisenfreudenkoller:<\/em><br>Ha, das pr\u00e4chtigste Milzkonkrement, das mir je unter Messer und S\u00e4ge kam!&nbsp;<br><em>Er hantiert fahrig mit vielen Chirurgenmessern und -s\u00e4gen:<\/em><br>Auf zur Jubil\u00e4umsoperation, im sechzigsten Jahr meiner T\u00e4tigkeit der sechshundertste Stein! Reichen Sie mir Ihr Ohr f\u00fcr die Penicillinan\u00e4sthesie!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Patientin,<\/strong> <em>\u00e4ngstlich:<\/em><br>Wie alt sind Sie eigentlich, Herr Professor?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Professor<\/strong> <em>entwickelt mit riesigen Spritzen, die er aufzieht, gro\u00dfe Gesch\u00e4ftigkeit, auch R\u00f6ntgenbilder und Messer spielen noch mit:<\/em><br>Achtundachzigeinhalb, es gibt keine Nachwuchs, die jungen Leute, mein Oberarzt mit 55, demonstriert dauernd, ist in zehn Jahren noch nicht so weit, wie ich mit 17 war. So, ich habe drei Pfund Penicillin vorbereitet und f\u00fcnf Vollnarkosen \u00e0 zwei Liter, wir spritzen gleich drei, kann ich mir sch\u00f6n Zeit lassen mit Ihren Wackelsteinen, &#8211; ach nein: Wackeln tu ja ich. So, zuerst das linke Oberl\u00e4ppchen, bitte.&nbsp;<br><em>Er beugt sich \u00fcber die Patientin.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Patientin<\/strong> <em>kugelt sich in Erwartung des Schmerzes zusammen, schreit auf, gleitet vom Tisch<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der Professor<\/strong><em> kommt von unter dem Tisch hervor:<\/em><br>Nananana, so, das war einmal. Wo sind wir denn? Tje, jetzt werden meine Augen auch noch zittrig, ich finde das rechte Ohr meines Opfers nicht mehr.&nbsp;<br><em>Er b\u00fcckt sich suchend unter den Tisch.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>DIE FRAUENSPERSON<\/strong> <em>kommt unter dem Tisch hervorgerollt, eine gro\u00dfe Spritze klemmt, baumelt an ihrem Ohr. Sie bewegt sich im Folgenden im <\/em><strong>Patientin<\/strong><em>profil wie somnambul \u00fcber das Podest, verweilt irgendwo, rennt irgendwohin, legt sich, steht abrupt auf. Um nicht ins Arztprofil zu geraten, schleicht sie manchmal r\u00fcckw\u00e4rts. Zwischen dem Text, der zunehmend flie\u00dfender und wieder zerhackter gesprochen wird, jedenfalls gegen Syntax und Interpunktion, und ihre G\u00e4ngen und Gesten besteht kein ersichtlicher Zusammenhang<\/em>:<br>Stich ins Ohrl\u00e4ppchen, Stich ins Wachsein, Stich in den Tag. Die r\u00fchrende Anstrengung der in Narkose gest\u00fcrzten Gesch\u00f6pfe, bis zum letzten Augenblick das F\u00e4hnchen des Bewusstseins hoch in die Abgase der Wirklichkeit zu halten. Aber dann saust der Fahrstuhl quer ab ins Erdinnere. Das endet zu Beginn mit den Farben h\u00f6rt es am Anfang auf. Verkleistert vom Nirwana Gassen und Kan\u00e4le des Gewohnten. Eins, zwei, kalt, lila, oben, siebenacht, saumselig, gelbrotbraunduftigsilbren, heutegesternabend\u00fcbrefr\u00fchmorgenmitternachtsnicht &#8211; Ges\u00e4ttigt, zweimal durstig zweigleichen, vollkommen gleich, b\u00f6seb\u00f6seb\u00f6se &#8230; Der Tod ist nichts, das Sterben ist alles. Ich bin da, wo du nicht bist, nur die Liebe ist immerdarda. Liebe ist der Arbeitgeber, der dich nie entl\u00e4sst, aber du hast auch kein Streikrecht, du kannst ihr den R\u00fccken des Herzens zukehren, dann entdeckst du den Hass der Liebe, weite Kolonie, Ableger, Abfall des Gemeinten, wo man mit Wunden und Morden rechnet, anstatt mit K\u00fcssen und Kindern. Sp\u00e4testens mit dem Blaulicht des Notarztes kommt die Liebe zur\u00fcck, oder mit dem Gedenken der Hinterbliebenen. Die Vorstellung, dass etwas au\u00dferhalb der Liebe sein k\u00f6nnte, ist im Erdinnern m\u00fc\u00dfig. Und dann werde ich langsam aufwachen und nichts Gewisses mehr wissen. Und nun wache ich langsam auf und wei\u00df nichts mehr, bin wieder preisgegeben und frage: Wann geht es denn los, wann bin ich dran? Und keine Schwester lacht milde, denn ich bin ja vom ersten Schnitt an unter den OP-Tisch gerollt und mit blutigen Fleischresten, Krebsen, Tumoren, Tupfern, Amputationen, Kan\u00fclen, Aborten, Abw\u00e4ssern, Blut, Watte Mull &#8211; in den M\u00fcll geraten.&nbsp;<br><em>Sie ist in den gro\u00dfen Abfalleimer getorkelt, aus dem sie sich dumpf und deutlich weiter vernehmen l\u00e4sst:<\/em><br>Da schmacht ich mit sausenden Ohren, Stein in der Milz, penicillingesch\u00e4digt und narkosedumpf &#8230; Herr Doktor &#8230; Herr Doktor&#8230;!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>DIE FRAUENSPERSON<\/strong> <em>ist unter dem Podest auf dessen Seite gelangt. Dort taucht sie auf, eine <\/em>Malteserdienstmann<em>sm\u00fctzenh\u00e4lfte auf der Arztseite des Kopfes, eine Erste-Hilfe-Tasche und eine Feldflasche umgeh\u00e4ngt. Ein lustiges Liedchen pfeifend schlendert sie \u00fcber das Podest. Als sie am Abfalleimer vorbeikommt, stutzt sie, lauscht, geht einen Schritt zur\u00fcck, legt das Ohr auf den Deckel, ruft als <\/em><strong>Patienti<\/strong>n<em> dumpf:<\/em><br>Herr Doktor, Herr Doktor&#8230;!<br><strong>Der Malteserkreuzler<\/strong><em> macht den Deckel auf und holt pantomimisch mit ge\u00fcbtem Griff die Patientin aus dem Eimer, dabei kann etwas Blut durch die Gegend auf die Kleider tropfen<\/em>:<br>Nanu, Muttchen, wie kommen wir denn da rein? Da m\u00fcssense aber schleunigst wieder raus, das ist doch kein Aufenthaltsort f\u00fcr einen lebendigen Menschen! Sch\u00f6n leicht machen, Arme sch\u00f6n \u00fcber meine Schultern legen, passiert ja nichts, und sch\u00f6n tief durchatmen, Hoppla, so, wird ja alles gut, na sagense mal, &#8211;&nbsp;<br><em>Er reicht ihr die Feldflasche:<\/em>&nbsp;<br>Trinken Sie mal sch\u00f6n, das wird Ihnen guttun.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>DIE FRAUENSPERSON<\/strong> <em>dreht sich auf den Eimerdeckel, auf den sie als Patientin, ein H\u00e4ufchen Elend, zu sitzen kommt. Sie setzt die Feldflasche ab, reicht sie zur\u00fcck:<\/em>&nbsp;<br>Dankesch\u00f6n. Sind Sie vom Roten Kreuz?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Malteserkreuzler<\/strong> <em>nimmt die Flasche:<\/em>&nbsp;<br>Kreuz ja, rot nein, Malteserkreuz, wei\u00df auf rotem Grund, die Balken werden nach au\u00dfen immer breiter, sieht sch\u00f6n aus, wenn Sie mal gesehen haben, Insel Malta, daher &#8230;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Patientin:&nbsp;<\/strong><br>Ich danke Ihnen, dass Sie am Abfalleimer vorbeigekommen sind.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Malteserkreuzler:<\/strong><br>Dabei bin ich gar nicht im Dienst, aber man ist ja immer im Dienst, wenn man im Dienste dieses Kreuzes steht. Hatte dr\u00fcben Dienst, bei den Boxmeisterschaften, Halbweltsgewichtsklasse. Machen wir denn mit Ihnen?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Patientin<\/strong> <em>zuckt die Achseln<\/em>:<br>Steht denn nichts in Ihren Dienstanweisungen?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Malteserkreuzler:<\/strong><br>Also, dass eine im Abfalleimer liegt, ist nicht direkt vorgesehen. wenn was passiert, sollen wir mit erster Liebe Hilfe leisten, Gebrochenes schienen, Gefallenes aufrichten, Blutendes stillen, Gehunf\u00e4higes abtransportieren, Scheintotes von Mund zu Mund beatmen, das sieht wien Kuss aus, ist aber was anderes. F\u00fcrs mehr Innere sollen wir nach der zweiten Hilfe telefonieren, Arzt sind wir nicht<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Patientin:<\/strong><br>Das mehr Innere w\u00e4re mein Fall.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Malteserkreuzler:<\/strong><br>Ich sehe, dass im Haus gegen\u00fcber vom Abfalleimer und der Sporthalle Doktor F\u00fcnf wohnt, vierter Stock, zu dem gehnse man.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Patientin:<\/strong><br>Schade, dass Sie keine Semester in der Tasche haben.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>DIE FRAUENSPERSON<\/strong> <em>wirft die M\u00fctze weg, garniert sich mit der Feldflasche und der Erste-Hilfe-Tasche, stellt die Uhr auf 5, hat auf die Pauke und geht als<\/em><strong><em> <\/em>Patientin<\/strong><em> unter Zuhilfenahme eines imagin\u00e4ren Treppengel\u00e4nders eine imagin\u00e4re Treppe rauf:<\/em><br>Nat\u00fcrlich qu\u00e4lt man sich bei dem langen Treppensteigen rauf zu Doktor F\u00fcnf rum um die Frage, ob eine operative Milzsteinentfernung nicht schlagartig alle Leiden weggefegt h\u00e4tte. Je schneller der Zweifel, ob man \u00fcberhaupt klingeln wird, desto langsamer der Schritt, auch verjagen ja erfahrungsgem\u00e4\u00df winzige Spuren Karbolgeruch alle Symptome, und oben fragt man sich dann, ob man \u00fcberhaupt jemals ernsthaft krank war.&nbsp;<br><em>Sie bleibt stehen:<\/em><br>Nein, Doktor F\u00fcnf wohnt zu oben.&nbsp;<br><em>Sie geht einige Schritte &#8211; Stufen runter. Aber Sie greift sich nacheinander an Ohr, Seite, Zehen<\/em>:<br>Au-au-au! Ich bin nicht Herr meiner Entschl\u00fcsse, sondern Knecht meiner Schmerzen. Ich werde beim F\u00fcnftbesten klingeln.&nbsp;<br><em>Sie geht wieder rauf:<\/em>&nbsp;<br>Zur Not kann ich ein letztes Mal z\u00f6gern, bevor ich wirklich auf dem Klingelknopf dr\u00fccke.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>DIE FRAUENSPERSON<\/strong> <em>dreht sich ins <\/em><strong>Arzt<\/strong><em>profil, steckt das Stethoskop ins Ohr und schaut nach unten:<\/em><br>Kommen Sie rauf, gute Frau. Ich benutze das Treppensteigen meiner Patienten immer gleich als Belastungsprobe zu einer Funktionskontrolle. Wenn Sie sich auf den letzten Stufen gleich mal freimachen wollen. <br><em>Er horcht sie ab:<\/em><br>Sie k\u00f6nnen sich wieder unfreimachen. Sind Sie in der letzten Zeit mit Penicillin verseucht worden?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Patientin,<\/strong> s<em>ich zukn\u00f6pfend, und etwas den \u00c4rmel auf die Schulter schiebend:<\/em>&nbsp;<br>Ich bewundere Ihr Scharfohr, Herr Doktor. Ich bin in der Tat penicillin- und narkosegesch\u00e4digt, unter anderem, denn ich bin auch antidemmiaurisausum- sowie nebenwirkungsweise antidotantidemmiaurisausumgesch\u00e4digt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Arzt:<\/strong><br>Aber gehen wir doch rein.<em>&nbsp;<\/em><br><em>Er tut es:<\/em>&nbsp;<br>Die Treppe ist ja nicht das Ordinationszimmer, Haha. Ein Wartezimmer werden Sie bei mir vergeblich suchen, ich warte vielmehr, wie Sie gesehen haben, auf meine Patienten. Das liegt einerseits, ich sags wies ist, daran, dass ich in dieser Arme-Leute-Gegend keine Kassenpatienten ergattern konnte, andrerseits an meiner ungemein schnellfl\u00fcssigen Therapie, wie Sie sehen werden. Ich bin n\u00e4mlich der traditionsreichen Volksmedizin des Staates Vermont, USA, ebenso verpflichtet, wie dem genialen Semiten Siegmund aus Wien. Meerrettich ist das nebenwirkungsfreie Penicillin, das im Garten w\u00e4chst. Aber nun haben Sie mal die Sch\u00e4digung, die kriegen Sie spielend leicht weg mit zwei Essl\u00f6ffel Obstessig in den Fr\u00fchst\u00fcckskaffee, das mindert zwar das r\u00f6stfrische Aroma, aber wir wollen ja gesund werden, nicht wahr? Nun aber: Penicillinsch\u00e4digung ist eine Folge, &#8211; was war die Ursache? Sie sprachen von Antidemmiaurisausum?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Patientin<\/strong>:<br>Ja, aber das liegt weit zur\u00fcck, Nein, zuletzt lag ich mit einem Milzstein auf dem Operationstisch, behielt ihn aber drin, weil ich eine schreckliche Patientin bin.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Arzt:<\/strong> <br>Aber Milzsteine operiert man doch nicht mehr! Zwei Mokkal\u00f6ffel Obstessig jeden Abend aufs Butterbrot zermalmen auch das h\u00e4rteste Konkrement. Das mindert zwar etwas das Brot- und Butterarome, aber wir wollen ja gesund werden, nicht wahr? Lassen Sie mich \u00fcbrigens weiterzur\u00fcckkombinieren: Milzsteine als Folge von Seitenstechen &#8211; gegen Seitenstechen einen Teel\u00f6ffel ins Fondue, das mindert zwar etwas den Bourguingnon-Geschmack, aber wir wollen doch gesund werden, nicht wahr? Seitenstechen als Nebenwirkung von Antidotantidemmiaurisausum, weil zuvor eingenommenes Antidemmiaurisausum Labyrinthschwindel und Nystagmus hervorriefen: &#8211; zwei Suppenkellen Obstessig in den five o&#8217;clock tea. Das mindert etwas das First-flush-darjeeling- orangee-broken-pekoe-Auslese-Aroma, aber wir wollen ja gesund werden, nicht wahr? Und damit sind wir bei der ersten und letzten Krankheit, dem Ohrensausen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Patientin<\/strong>, <em>hocherfreut:<\/em><br>Herr Doktor, F\u00fcnf! Ich verleihe Ihnen hiermit feierlichst den von mir soeben erfundenen Titel Medizinaldetektiv summa cum grano salis. Ach, ich war schon lange nicht mehr so lustig und vertrauensselig!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Arzt:<\/strong><br>Und gegen Ohrensausen t\u00e4glich ein aufsteigende Obstessigbad.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Patientin<\/strong>:<br>Nur eins noch: &#8211;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Arzt:<\/strong><br>Sie schnarchen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Patientin:<br><\/strong>Jawohl, bravo! Gegens Schnarchen wann worein und wie viel welche L\u00f6ffelsorte Obstessig, bitte?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Arzt:<\/strong><br>Schnarchen bis sieben Phon ist nun allerdings weder eine Krankheit im Sinne der Vermonter Volksmedizin noch der Psychoanalyse, und Obstessig hilft, wie Versuche ergaben, da wenig. Schnarchen Sie also unbedenklich weiter, aber achten Sie darauf, dass der Schnarchpegel sieben Phon nicht \u00fcbersteigt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Patientin:<\/strong><br>Jaja, aber &#8211; mein Mann &#8211;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Arzt:<\/strong>&nbsp;<br>&#8211; hat was gegen Ihr Schnarchen? Geben Sie ihm Obstessig. Morgens, mittags und abends je eine ganze Flasche Obstessig \u00fcber die Zigarette gie\u00dfen. Das mindert zwar das im Rauch nikotinarme Aroma, aber &#8211;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Patientin:<\/strong><br>Mein Mann ist Nichtraucher.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Arzt:<\/strong><br>Egal! Obstessiggetr\u00e4nktes Nikotin bricht den seelischen Widerstand gegen das Schnarchen des Partners.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Patientin:<\/strong><br>Hm. M\u00fcsste er also mir zuliebe das Rauchen anfangen? Woher wei\u00df man das alles so genau?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Arzt:<\/strong><br>Tierversuche der Volksmedizin in Vermont, USA.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Patientin:<\/strong><br>Mit armen kleinen M\u00e4uschen?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Arzt:<\/strong><br>Nein, mit reichen gro\u00dfen Rindviechern.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Patientin:<\/strong><br>Aber seit wann rauchen Ochsen?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Arzt:<\/strong><br>Nicht doch, so plump volkst\u00fcmlich geht es in Vermont nun auch nicht zu. Da hat in Vinegartown mal eine Kuh so stallsprengend geschnarcht, dass ihr Ochse von Tag zu Tag nerv\u00f6ser wurde und immer weniger Milch leistete. Nee, Moment -: Ochse und Milch? Nein, so war das: Der Ochse verlor durch das Schnarchen seiner Frau Kuh immer mehr Gewicht. Schlie\u00dflich hat man der Kuh drei Flaschen Obstessig ins Futter gegeben, aber &#8211; sie schnarchte weiter. Die Vermonter Volksmedizin stand zum ersten Mal vor einem R\u00e4tsel: nie hatte bis dahin der Obstessig versagt. Da kam der ber\u00fchmte Doktor F\u00fcnf-Minuten-l\u00e4nger Leben auf den genialen Einfall, dem Ochsen sieben Flaschen Kraftfutter ins Obstessig zu sch\u00fctten, &#8211; nein, umgekehrt: Obstessig ins Kraftfutter, und siehe da: die Kuh schnarchte weiter, aber der Ochse entnerv\u00f6ste schlackenlos und gewann zusehends zunehmend wieder an Gewicht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Patientin<\/strong>, <em>leise kokett:<\/em><br>Wunderbar&#8230; Und wie sch\u00f6n Sie das erz\u00e4hlen! Ich \u00fcberlege, ob ich meinen Ochsen &#8211; \u00e4h: Mann nicht alle Woche mal ein Omlett mit Obstessig flambiere.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Arzt:<\/strong><br>Tun Sies doch!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Patientin<\/strong>, <em>verwundert:<\/em>&nbsp;<br>Sie scheinen zu wissen, warum?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Arzt:<\/strong><br>Aus langj\u00e4hriger Praxis nur zu gut: Ihr Mann hat nicht nur was gegen Ihr Schnarchen, sondern gegen alle Ihre sch\u00f6nen Leiden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Patientin:<\/strong><br>Sie sprechen es wortw\u00f6rtlich aus. Was bin ich froh, dass ich es nicht sagen musste.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Arzt:<\/strong><br>Aber nun legen Sie sich auf die Couch.&nbsp;<br><em>L\u00fcstern:<\/em><br>Da wollte ich Sie schon lange haben. Raus mit dem Wiener Kaiserschmarrn im Walzertakt, eins, zwei, drei&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Patientin,<\/strong> <em>auf der Hut, zunehmend verschlossener:<\/em><br>Ich m\u00f6chte eigentlich nicht auf die Couch.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Arzt:<\/strong><br>Nehems Sies wissenschaftlich. Das geh\u00f6rt zur Therapie.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Patientin:<\/strong><br>Ich m\u00f6chte eigentlich keine Wissenschaft und keine Therapie auf der Couch.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Arzt:<\/strong><br>Nur zu, gute Frau: die frei werdenden Abw\u00e4sser schaffen Platz f\u00fcr den von mir verordneten Obstessig.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Patientin<\/strong>:<br>Nein, ich m\u00f6chte eigentlich keine Abw\u00e4sser!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Arzt<\/strong> <em>will sie einfangen:<\/em><br>Ihr Mann schl\u00e4gt sie, betr\u00fcgt sie, verschandelt sie, erpresst, entw\u00fcrdigt, vergewaltigt sie!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Patientin,<\/strong> <em>emp\u00f6rt:<\/em><br>Na, h\u00f6ren Sie ma! Nichts dergleichen! Er l\u00e4sst es allerh\u00f6chstens mal an ein bisschen Mitleid fehlen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Arzt<\/strong> <em>tut das ab, um sie zu locken:<\/em><br>Aber ich bitte Sie: sonst nichts weiter? Das ist doch einfach l\u00e4cherlich.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Patientin:<\/strong><br>Es tut mir wirklich leid, dass ich Ihnen keine Schlafzimmereien bieten kann.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Arzt:<\/strong><br>Das bisschen fehlende Mitleid ist nicht der Rede wert.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Patientin<\/strong><em> f\u00e4llt darauf rein:<\/em><br>Ich w\u00e4re aber sehr froh, wenn ich mal dar\u00fcber reden k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Arzt<\/strong>, <em>zwischen Triumph und Rollenweiterspiel:<\/em><br>Na also, doch auf die Couch, reden Sie endlich: er hat kein Mitleid, stattdessen &#8211; ?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Patientin<\/strong> <em>legt sich auf die Liege:<\/em><br>&#8211; hat er meine Krankheiten im Handumdrehen immer gleich selbst und st\u00f6hnt und jammert und trinkt und frisst mir meine Medikamente weg. Ohrensausen, Schwindel, Seitenstechen, Penicillin, &#8211; gleich schreit er immer: Ich auch! Blo\u00df beim Z\u00e4hneziehen hat er gekniffen, der Schuft, daran sieht man, dass es die reine Heuchelei ist, &#8211; dagegen bei den Milzsteinen wollte er mich sogar \u00fcbertrumpfen und hat doch glatt behauptet, er h\u00e4tte zwei, ich blo\u00df einen, \u00c4tsch! Und w\u00e4re ich schwanger, w\u00e4r er wahrscheinlich vierzehn Tage fr\u00fcher dran, aber mit Drillingen! Also manchmal m\u00f6chte ich ihm mit l\u00e4ssiger Gewalt den Obstessig pur in den Hals sch\u00fctten, bis er daran ertrinkt und erstickt und ers\u00e4uft.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Arzt<\/strong> <em>ist im Anblick der liegenden Patientin in bester b\u00f6ser Laune:<\/em><br>Tun Sies doch!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Patientin,<\/strong> <em>erstaunt, verst\u00e4ndnislos:<\/em><br>Was?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Arzt,<\/strong> <em>kr\u00e4ftig:<\/em><br>Ertr\u00e4nken, ersticken, ers\u00e4ufen Sie Ihren Gatten!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Patientin:<\/strong><br>Was soll dieser Aufruf zum Gattenhass?!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Arzt:<\/strong><br>Dieser hysterische Hampelmann ist ja Ihre hinrei\u00dfend sch\u00f6nen Krankheiten gar nicht wert!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Patientin<\/strong> <em>wird pampig:<\/em><br>Wie reden Sie denn von meinem Mann, Sie essigsauerer Tonheini, Sie!?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Arzt<\/strong> <em>gibt contra:<\/em><br>Aber Sie sagten doch eben selbst, &#8211; ?!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Patientin:<\/strong><br>Ich habe nichts gesagt, ich habe geschimpft.!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Arzt:<\/strong><br>Und das wollen Sie mir verwehren?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Patientin:<\/strong><br>Jawohl, was einer leidenden Kuh erlaubt ist, ist einem heilenden dritten Ochsen noch allemal verboten!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Arzt:<\/strong><br>Ihr Mann ist ein hartherziger, egoistischer, widerlicher, heuchlerischer, verlogener, roher, idiotischer &#8211;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Patientin<\/strong> <em>springt auf, sehr laut:<\/em><br>Schluss! Nicht ein Tropfen Obstessig gibt Ihnen das Recht, meinen Mann schlechtzumachen. Das kann ich allein. Ich liebe ihn n\u00e4mlich!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Arzt<\/strong> <em>f\u00e4llt vor ihr auf die Knie:<\/em><br>Und ich liebe Sie! Sie sind die schrecklichste Kranke, der ich je Obstessig verschrieb.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Patientin<\/strong>, <em>mit moralischer Emp\u00f6rung:<\/em><br>Gehen Sie auf die Couch, Sie unreiner Doktor!&nbsp;<br><em>Sie beschw\u00f6rt ihn:<\/em><br>Husch-husch! Inhalieren Sie Obstessig in Ihren l\u00e4dierten Hormonhaushalt. Geben Sie her, das Ges\u00f6ff, es kann nichts daf\u00fcr, dass es von einem moralisch heruntergekommenen Naturheiler angepriesen wird!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>DIE FRAUENSPERSON<\/strong> <em>tritt in eine Schlaufe, an der f\u00fcnf Obstessigflaschen h\u00e4ngen, die sie k\u00fcnftig mitschleppt, sie greift eine Art gro\u00dfen Schl\u00fcsselring, an dem alle Arten und Gr\u00f6\u00dfen L\u00f6ffel h\u00e4ngen, von der Suppenkelle bis zum Mokkal\u00f6ffel, geht zur<\/em><strong><em> <\/em>Patienti<\/strong>n<em>nenfigur, schl\u00fcpft in die \u00c4rmel. Sie kostet Obstessig. Nach kurzer Pr\u00fcfung verr\u00e4t ihre Miene Zufriedenheit:<\/em><br>Schmeckt reizvoll und scheint von guter Wirkung.&nbsp;<br><em>Sie schmeckt mit Zunge und Lippen nach:<\/em><br>Ja, die geb\u00fcndelten Symptome im Obstessig ersoffen.&nbsp;<br><em>Sie sitzt sehr bequem und trinkt gen\u00fcsslich weiter:<\/em>&nbsp;<br>So gem\u00fctlich und leidensfrei habe ich mich seit langem nicht mehr gef\u00fchlt.&nbsp;<br><em>In erster Wallung kommt ihr der Obstessig hoch, was sie zwar deutlich zur Kenntnis nimmt, aber gleich darauf mit einem etwas m\u00fchsamen L\u00e4cheln ignorieren m\u00f6chte. Sie trinkt per L\u00f6ffel weiter:<\/em><br>Auch bei meinem Mann tut der Obstessig Wirkung. Zwar hustet er stets etwas, wenn er die obstessiggetr\u00e4nkten Zigaretten raucht, aber ansonsten k\u00f6nnte man von geradezu liebeselixierischer Wirkung, genauer: Nebenwir-&nbsp;<br><em>Wieder, st\u00e4rker meldet sich der Obstessig, von unten aufsteigend. Nach kurzer kleiner Panik erkl\u00e4rt sie:<\/em><br>Nat\u00fcrlich, Rindvieh ist Wiederk\u00e4uer <br><em>Aufsto\u00df<\/em>: <br>und nat\u00fcrlich Wieder- <br><em>Aufsto\u00df<\/em>:&nbsp; <br>-s\u00e4ufer, ganz nat\u00fcrliche Neben- <br><em>Noch st\u00e4rker st\u00f6\u00dft es ihr auf und sie erkl\u00e4rt kl\u00e4glich-ehrlich:<\/em><br>Mensch, ist mir schlecht. <br><em>Dann verk\u00fcndet sie heroisch:<\/em><br>Schluss, Ende, radikale Nullstellung, medizinischer Neuanfang!<\/p>\n\n\n\n<p><em>Die folgenden Texte werden von einem Tonbandger\u00e4t aufgenommen. Ein zweites Ger\u00e4t gibt sie mit Versatz von zwanzig bis drei\u00dfig Sekunden L\u00e4nge wieder. Nach dem Versatz beginnt dann ein fortgesetzter R\u00fcckkopplungseffekt, der sich &#8211; durch Erh\u00f6hung der Lautst\u00e4rke unterst\u00fctzt &#8211; zu einem ungeheuren Salat steigert. Zun\u00e4chst ist die Wiedergabe gespenstisch leise.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>DIE FRAUENSPERSON<\/strong> <em>l\u00e4uft zu Pauke und Arzt-Uhr und schreit als<\/em>&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Patientin<\/strong>:&nbsp;<br>Herr Doktor, mir fehlt was! Was fehlt mir?&nbsp;<br><em>Sie stellt die Uhr auf 6, haut auf die Pauke und dreht sich rasch ins&nbsp;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Arzt<\/strong>profil:&nbsp;<br>Aber Kindchen, das sollte Ihnen doch ihr kranker Menschenverstand sagen, dass aus solchen Mengen Obstacetum als Intermedi\u00e4rprodukt des Aminos\u00e4urestoffwechsels nur Diabetes Mellitus resultieren kann. Pumpen wir den Ventriculus gleich mal aus.&nbsp;<br><em>Er hebt eine Riesenflasche eines Medikamentes hervor und hebt sie hoch:<\/em>&nbsp;<br>Und dann pumpen wir dieses Fl\u00e4schchen Magenovit liquidor fortissimo rein. So ein Magen ist doch kein Salatacker, das ist doch kindisch!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>DIE FRAUENSPERSON<\/strong> <em>stellt die Uhr auf 7, haut auf die Pauke, setzt sich in <\/em><strong>Kinderarzt<\/strong><em>position, wei\u00df nicht, ob er-sie hoch- oder runterschauen soll:<\/em><br>Also, dass die Kinder heute so gro\u00df sind, wie die ausgewachsenen Erwachsenen, &#8211; kostet mich richtig \u00dcberwindung, Du zu Ihnen zu sagen.&nbsp;<br><em>Er verf\u00e4llt schlagartig in albernste Kindernachahmung:<\/em><br>Na, wo hattu denn Wehwehchen, wittu wohl tillhalten, mattu s\u00f6n Acetus-B\u00e4uerchen.&nbsp;<br><em>\u00c4rgerlich werdend:<\/em><br>Nu muttu aba fein danz tillhalten.&nbsp;<br><em>Wieder freundlich:<\/em><br>Ei, un ein hypoplastisches Nabebr\u00fcdelche hatte auch.&nbsp;<br><em>Ganz b\u00f6se:<\/em><br>Du soll tillhalten!&nbsp;<br><em>Wieder \u00fcbergangslos freundlich:<\/em><br>Un da hattu lauter Pickel-Pickel-Puckelchen&#8230;!&nbsp;<br><em>Er richtet sich auf:<\/em><br>Ja, liebe Eltern, &#8211; wo sind denn die Eltern? Schwester Eustochium, schreiben Sie auf: Morbili, Masern, Rotsucht, Augenbinde, Bettruhe, anderthalb Pfund Biotikummer, \u00dcberweisung an Frauenarzt wegen dringendem Verdacht auf Hysteriotitis.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>DIE FRAUENSPERSON<\/strong> <em>stellt die Uhr auf 8, haut auf die Pauke, rennt zur <\/em><strong>Arzt<\/strong><em>figur, schl\u00fcpft in die \u00c4rmel, nimmt zwei Telefonh\u00f6rer, deren einen sie in der folgenden Auseinandersetzung jeweils an ein Ohr h\u00e4lt:<\/em>&nbsp;<br>Hier Frauenarzt Doktor Acht, bitte Professor Vier.&nbsp;<br><em>H\u00f6rerwechsel:<\/em><br>Vier hier.&nbsp;<br><em>H\u00f6rerwechsel:<\/em><br>Ja, hier Doktor Acht, verehrter Herr Kollege, bei mir ist Ihre ehemalige Frauenspersonpatientin, ich w\u00e4re Ihnen sehr verbunden, wenn ich einen Blick in den seinerzeit angefertigten R\u00f6ntgenstatus werfen k\u00f6nnte.&nbsp;<br><em>H\u00f6rerwechsel:<\/em><br>Tut mir schrecklich leid, aber seit siebenundvierzig Jahren halte ich alle R\u00f6ntgenogramme unter Tresorverschluss.&nbsp;<br><em>H\u00f6rerwechsel:<\/em><br>Aber es besteht der dringende Verdacht, dass das, was Sie als Ihren Milzstein diagnostizierten, in Wirklichkeit mein Rhabdom-Myom ist!&nbsp;<br><em>H\u00f6rerwechsel:<\/em><br>Kommen Sie erst in meine Jahre, Herr Kollege, bevor Sie solche Frechheiten \u00fcber angebliche Fehldiagnosen loslassen.&nbsp;<br><em>H\u00f6rerwechsel:<\/em><br>In Ihrem Alter bin ich Pension\u00e4r und mache keine verzitterten R\u00f6ntgenbilder mehr!&nbsp;<br><em>H\u00f6rerwechsel:<\/em><br>Wir sprechen uns vor dem Ehrengericht der hessen-nassauischen Kreis\u00e4rztekammer.&nbsp;<br><em>Beide H\u00f6rer weg:<\/em><br>Tja, gn\u00e4dige Frau, Sie haben also ein Myom im Leib, oder Milzsteine oder Zwillinge oder was wei\u00df ich, alles muss raus, sobald ein Bett auf dem Gang frei ist. Zur Vorbereitung Penicillin, und damit die Granulomatose nicht als Nebenwirkung sprohytiert, gleich Antipenicillin dazu, und gehen Sie zum Rechtsanwalt, kl\u00e4ren Sie das Copyright an den R\u00f6ntgenbildern Ihrer Innereien.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>DIE FRAUENSPERSON<\/strong> <em>stellt die Uhr auf 9, haut auf die Pauke, bleibt &#8211; auch bei den folgenden \u00c4rzten &#8211; nahe bei Uhr und Pauke &#8211; im <\/em>Arzt<em>profil stehen\u201a und lacht jetzt als grobschl\u00e4chtiger Orthop\u00e4de<\/em>:&nbsp;<br>Hahahaha! Aber das brauchen wir doch keinen Rechtsanwalt! Nur gut, dass Sie gleich zu einem erfahrenen Wirbels\u00e4ulologen wie mir gekommen sind. Passen Sie auf: alle Ihre traumatischenSubluxationen kuriere ich im Handumdrehen chiropraktisch.&nbsp;<br><em>Er knetet und chiropraktiziert kr\u00e4ftig an der imagin\u00e4ren Patientin herum<\/em>:&nbsp;<br>So, noch ein Paar Kr\u00fccken, ein bisschen H\u00e4ngen und W\u00fcrgen, kleines Gipskorsett und schon habe ich Sie fix und fertig gemacht! Und jetzt eine Kur in Bad Bad.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Das Tonband wird immer lauter.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>DIE FRAUENSPERSON<\/strong> <em>stellt die Uhr auf 10, haut auf die Pauke und verk\u00fcndet:<\/em>&nbsp;<br>Ich bin aber aber ein dynamischer Kurarzt, in diesem idyllischen Heilbad, Bad Bad flie\u00dfen nicht nur die Jodquellen, sondern sondern auch Blut! Also ab mit Arm und Bein, her mit Ihren Innereien, raus raus mit dem Myom, den Zwillingen, den Milzsteinen!<\/p>\n\n\n\n<p><em>Das Tonband wird immer lauter.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>DIE FRAUENSPERSON<\/strong> <em>dreht die Uhr auf 11, haut auf die Pauke und schnarrt:<\/em> <br>Der Milzstein muss wieder rein, hoffentlich haben Sie ihn gut aufbewahrt, raus muss der Blinddarm mit seiner \u00dcberfunktion, den ersetzen wir. Sobald beim n\u00e4chsten Auffahrunfall bei Kilometer dreiundsechzig ein Blinddarm heil bleibt, machen wir eine Appendizitistransplanation. Und lassen viel Bluttransplantationen flie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>DIE FRAUENSPERSON<\/strong> <em>dreht auf 12, haut auf die Pauke und ruft:<\/em><br>Ich kann kein Blut sehen, bin ich Doktor Dracula?! Alles eine Frage der Nerven. Als neueste Hutmode den Elektroenzephalographen. Ich mache multiple Sklerotiker wie Sie zum k\u00fcnstlichen Bluter!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>DIE FRAUENSPERSON<\/strong> <em>dreht auf 13, haut auf die Pauke, laut:<\/em><br>Eine Frage der Ern\u00e4hrung. Ich mache Sie zum k\u00fcnstlichen Fresser.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>DIE FRAUENSPERSON<\/strong> <em>dreht auf 14, haut auf die Pauke, schreit:<\/em><br>Ich mache Sie zum k\u00fcnstlichen Pisser und Schwei\u00dfer!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>DIE FRAUENSPERSON<\/strong> <em>greift nach der Uhr.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Es donnert, das Tonbandger\u00e4t steht.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>DIE FRAUENSPERSON<\/strong> <em>schaut, mit noch ausgestrecktem Arm zur Uhr, will noch mal drehen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Es donnert kurz.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>DIE FRAUENSPERSON<\/strong> <em>zuckt mit dem Arm, geht zur Arztfigur, stellt sich nur andeutend dahinter:<\/em>&nbsp;<br>So weit die \u00c4rzte sechs bis vierzehn.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><em>Sie l\u00e4sst die Arztfigur umst\u00fcrzen, rennt hinter die <\/em><strong>Patientin<\/strong><em>figur:<\/em>&nbsp;<br>Was f\u00fcr eine miserable Figur aber machte die Patientin?&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><em>Sie l\u00e4sst die Patientinfigur zusammenbrechen und rennt hinter den gro\u00dfen Paravent.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Zugleich l\u00e4uft das Tonbandger\u00e4t h\u00f6rbar im Schnellgang auf den Anfang zur\u00fcck, wird umgeschaltet und gibt noch einmal das Aufgezeichnete zur\u00fcck, eine oder gar zwei Geschwindigkeiten zu schnell.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>DIE FRAUENSPERSON<\/strong> <em>schmei\u00dft einen Arm, ein Bein, eine blutende Innerei \u00fcber den Paravent, kommt dann als v\u00f6llig invalide Patientin hervor, gliedverst\u00fcmmelt, mit einigen weiteren Diagnose- und Therapieger\u00e4ten beladen-belastet-garniert. Noch weitere Dinge nimmt sie auf immer m\u00fcder und langsamer werdenden G\u00e4ngen \u00fcber die Schr\u00e4ge auf sich, sie m\u00f6gen hinter den Paravents oder M\u00f6beln versteckt sein oder offen daliegen, und was sie nicht mehr tragen kann, schleppt sie schleifend hinter sich her, wobei das Arztprofil so eingedeckt werden kann, dass es seine Signalfunktion verliert. Es handelt sich um: Magenauspumpger\u00e4t, R\u00f6ntgenbombe, Medikamente, in langen Ketten von gro\u00dfen Anstaltspackungen aufgereiht, Lichtbogen, Augenbinde, Bruchband, Kr\u00fccken, Gipskorsett, Chirurgenmesser und -s\u00e4gen, Elektroenzephalograph auf dem Kopf, St\u00e4nder mit Flaschen f\u00fcr k\u00fcnstlicher Ern\u00e4hrung und sonstige Ger\u00e4te. Nur noch kriechend erreicht sie den Platz unter der Uhr, dort bricht sie zusammen, hebt mit letzter Kraft eine Kr\u00fccke oder sonstwas Langes zur Uhr.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Es donnert wieder, das Tonband steht.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>DIE FRAUENSPERSON<\/strong> <em>erreicht mit dem verl\u00e4ngerten Arm die Uhr und stellt sie auf ein christliches Kreuz. Sie befreit sich so rasch und elegant wie m\u00f6glich von den Lasten, was vermutlich nur geht, wenn sie die \u00dcberkleidung abwirft, holt den Kapuzenmantel, wirft ihn \u00fcber oder zieht ihn an und geht nach einem weiten Bogen \u00fcber das Schlachtfeld nach hinten weg.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><em>ENDE<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><em>*****<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=3930\" data-type=\"page\" data-id=\"3930\">Peter Podehls Kom\u00f6dien<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=4045\" data-type=\"page\" data-id=\"4045\">K\u00f6nig gefangen<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=3661\" data-type=\"page\" data-id=\"3661\">Da lachten Philemon und Baucis<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>*** Ich und fast alle meine \u00c4rzte *** Ungerechte Farce f\u00fcr eine Frauensperson von Peter Podehl\u00a9 *** DIE FRAUENSPERSON ist von oben nach unten zweigeteilt kost\u00fcmiert: die eine Seite ist Patientin in wenig auff\u00e4lligem Stra\u00dfenkleid oder Kost\u00fcm, die andere ist Arzt in wei\u00dfem Kittel. 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