{"id":4240,"date":"2025-08-03T16:15:07","date_gmt":"2025-08-03T16:15:07","guid":{"rendered":"https:\/\/peterpodehl.com\/?page_id=4240"},"modified":"2025-08-04T14:03:00","modified_gmt":"2025-08-04T14:03:00","slug":"iphigenie-in-deutschland","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/webaid.it\/?page_id=4240","title":{"rendered":"Iphigenie in Deutschland"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-text-align-center\">***<\/p>\n\n\n\n<h1 class=\"wp-block-heading has-text-align-center\">Iphigene in Deutschland<\/h1>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading has-text-align-center\">Kom\u00f6dienfetzen <br>von<br> <br>Peter Podehl<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">***<\/p>\n\n\n\n<p>Iphigenie ist die \u00e4lteste Tochter von Klyth\u00e4mnestra und Agamemnon, aus dem Geschlecht des Tantalus. Der war von den G\u00f6ttern zu ewigem Leiden verdammt, weil er sie hatte verkohlen wollen. Und nun werden sich alle seine Nachkommen gegenseitig ermorden, oftmals aus reiner Wut und Unwissen um die wahren Begebenheiten. Zuletzt hat Klythemnestra zusammen mit ihrem Liebhaber ihren Gatten Agamemnon get\u00f6tet, weil sie glaubt, er habe ihre gemeinsame Tochter Iphigenie der G\u00f6ttin Diana geopfert, um sich aus dem Fluch zu befreien. Orest, Iphigenies Bruder, bringt daraufhin die Mutter und ihren Geliebten um, um den Vater zu r\u00e4chen. Das sind die letzten beiden Opfer einer langen Reihe von Familienmord und -totschlag.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf diesen Stoff wollte Peter Podehl eine Kom\u00f6die aufbauen. Hm? \ud83e\udd14<\/p>\n\n\n\n<p>Aber der kann sowas:<br>Er wendet das Blatt! Think different, 180-Grad-Kehrtwende.<br>Seine Kom\u00f6die spielt hinter den Kulissen, hinter der B\u00fchne, auf der gerade Goethes &#8220;Iphigenie auf Tauris&#8221; zum Besten gegeben wird, in den beiden (Herren- und Damen-) Theatergardroben. <br>Da l\u00e4uft ein ganz anderes St\u00fcck. <br>In einer ersten Schreibmaschinenfassung des ersten Aktes treten folgende Figuren auf:<br>Irene Grundmann (Grundmann war der Nachname meiner Gro\u00dfmutter), Garderobiere<br>Daniel Schr\u00f6tter, Garderobier<br>Meierlich, alter Garderobier<br>Marialene, Schauspielerin<br>Die die Iphigenie spielt (Gisela Linden)<br>Der den Thoas spielt (Anton Goslich)<br>Der den Orest spielt (Winfried Stassen)<br>Der den Pylades spielt (Stefan Sieber)<br>Der den Arkas spielt (Raimund Wohlzogen).<br>Die die Iphigenie spielt, kommt schnaubend von der B\u00fchne und l\u00e4sst alsbald ihren Priesterinnenhabitus und auch gleich das Gewand fallen.<br>Der den Arkas spielt, des K\u00f6nigs von Tauris, Thoas&#8217;, Vertrauter, hat getrunken und lallt, aber sobald er ins Scheinwerferlicht tritt, ist er voll da und wei\u00df das Publikum so zu \u00fcberzeugen, dass niemand die (unsichtbare aber durchaus vorhandene) Fahne bemerkt.<br>Der den Orest spielt, spielt immer Theater, auch hinter der B\u00fchne, da heischt er um Aufmerksamkeit mit allen m\u00f6glichen aussagekr\u00e4ftigen Zitaten aus allen Rollen, die er je gespielt hat. <br>Zwischendurch fahren die beiden Garderobiers, Daniel in der Herren- und Irene in der Damengardrobe, mehrmals den Lautsprecher von der B\u00fchne hoch. Sie m\u00fcssen schlie\u00dflich wissen, wie weit das Drama fortgeschritten ist, denn bald kommt wieder der Pylades dran, Orests Cousin, Freund und Helfer. <br>Da durchfluten f\u00fcnfhebige Goethesche Jamben die Garderoben.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist alles doch nur Theater. <br>Und es gibt Kom\u00f6dienstoff genug. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich m\u00f6chte  Goethe danken, denn in seinem Drama &#8211; wohlgemerkt Drama, nicht mehr Trag\u00f6die &#8211; hat eine Frau das Ruder in der Hand, Iphigenie. Kraft ihres Amtes als Priesterin der Diana wird sie weiteres Morden unterbinden und sogar ihren Bruder Orest vor den blutr\u00fcnstigen Furien retten k\u00f6nnen.<br>&#8220;Das ewig Weibliche zieht uns hinan&#8221;. (Was nat\u00fcrlich der Schluss vom Faust w\u00e4re, aber so h\u00f6re ich Goethes Herz schlagen.)<\/p>\n\n\n\n<p>In Podehls Kom\u00f6dienkonzeption gibt es auch tragische Parallelen zwischen Irene\/Iphigenie und Daniel\/Orest. Beide sind Vertriebene aus Schlesien. <br>Die ersten Aufzeichnungen zur Kom\u00f6die stammen von Ende der 40er Jahre des vorigen Jahrhunderts, aus der ersten Nachkriegszeit, als Peter und Charlotte am <a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=1860\">Weimarer Nationaltheater engagiert waren<\/a>. Da erlebten sie t\u00e4glich Backstage-Atmosph\u00e4ren aller Art. Sehr inspirierend f\u00fcr Peter, der aufs Spielen gar nicht so scharf war als vielmehr aufs Schreiben.<br>Irene ist eine ruhige umsichtige 39j\u00e4hrige. Daniel hat Blut an den H\u00e4nden, er hat im Krieg zwar immer in die Luft geschossen, wollte aber dann in Liegnitz angesichts der Ausweglosigkeit mit seiner Frau Selbstmord begehen, als &#8220;die Russen&#8221; anrollten, vor denen damals alle berechtigte Angst hatten. Nur: f\u00fcr Daniel gab es keine Kugel mehr. <br>Eine solche reale Geschichte kenne ich von einem Schlesier, der \u00f6fters in unserem Haus in Babelsberg auftauchte. Da war ich vielleicht 5 oder 6 Jahre alt. Er nahm uns mit zum Baden in einem der vielen kleinen Seen, setzte mich auf seine Schultern und schwamm hinaus. Ich sollte so die Angst vor dem tiefen Wasser verlieren. Das hat erstmal nicht geklappt. Einige Jahre sp\u00e4ter, als wir bereits &#8220;in den Westen gegangen&#8221; waren, hat er sich dann doch erschossen. Die Gespenster der Vergangenheit &#8211; Geschichten, die wir uns heute gar nicht mehr vorstellen k\u00f6nnen. <br>Wie ich meinen Vater kenne, d\u00fcrfte Daniel in dieser nur fetzenweise vorhandenen Kom\u00f6die zuletzt mit einer Zukunftsperspektive zur Ruhe kommen. In Irenes Armen.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text has-media-on-the-right is-stacked-on-mobile\" style=\"grid-template-columns:auto 64%\"><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p>Und dann gibt es noch<br>dieses geheimnisvolle <br>Bild von <a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=2154\">Erwin Hahs<\/a>.<br>Mit dem doppelten <br>Titel links unten: <br>Eupa Orest<\/p>\n\n\n\n<p>Orest Ok, das w\u00e4re der gerettete Bruder der Iphigenie. <\/p>\n\n\n\n<p>Eupa  und Ro, die beiden Titelfiguren aus dem St\u00fcck <a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=3087\">Eupa und Ro<\/a>, das Peter zusammen mit Erwin geschrieben hat. Erwin malte hierzu wundersch\u00f6ne B\u00fchnenbilder.<\/p>\n\n\n\n<p><br><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n<\/div><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"473\" height=\"640\" src=\"https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/EupaOrestRahmenlos-1.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4268 size-full\" srcset=\"https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/EupaOrestRahmenlos-1.jpeg 473w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/EupaOrestRahmenlos-1-222x300.jpeg 222w\" sizes=\"auto, (max-width: 473px) 100vw, 473px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Eupa und Orest sind sich in ihrer inneren Zerrissenheit \u00e4hnlich, ja, ich w\u00fcrde sagen, sie \u00fcberschneiden sich in vieler Hinsicht. Gut also, dass dieses Bild so doppelt betitelt ist. Auch in Peter Podehls allererstem Theaterst\u00fcck &#8220;<a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=177\">Kommen und Gehen<\/a>&#8221; ist der m\u00e4nnliche Protagonist nach dem Krieg, nach Ende seines Soldatenlebens, nicht in der Lage, sofort in die Rolle des liebenden Ehemanns und in K\u00fcrze wom\u00f6glich Vaters zu schl\u00fcpfen, so zu tun, als ob gar nichts gewesen w\u00e4re. <br>Erwin und Peter haben in den trotz aller Wunden hoffnungsvollen ersten Nachkriegsjahren viel gemeinsam gesponnen und entwickelt. Sogar ein Werk mit dem Titel &#8220;Kampf um den Erdball&#8221; rumorte in ihnen. Da sollten die Prozesse gegen Oppenheimer und Galilei gegen\u00fcbergestellt, ineinander verflochten werden. Solche Gedanken knistern und krachen. Keine leichten Stoffe.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber kehren wir zur heitern Iphigenie-Backstage zur\u00fcck. Zum Theater. Ich habe in den unordentlichen und stinkigen Papieren gew\u00fchlt, insbesondere nach einem Schluss gesucht, die Frage eben, worauf die ganze Kom\u00f6die abzielt.<\/p>\n\n\n\n<p>Fand ich nicht. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich fand die Spuren eines Scheiterns. <br>Zum ersten Akt gibt es eine Menge handschriftlicher Fassungen, und eine schreibmaschinengeschriebene. Die enth\u00e4lt viele Korrekturen und Streichungen, die Anmerkung, dass 138 Zeilen zu streichen w\u00e4ren. Eine Verschlankung, die diesem Akt sicher gut getan h\u00e4tte. <br>Dann gibt es mehrere feierliche Deckbl\u00e4tter f\u00fcr den zweiten und den dritten Akt, aber mehr auch nicht. Nur Unmengen nummerierter und umnummerierter Aufzeichnungen, Gedanken, Fetzen, \u00dcberlegungen, \u00fcber Jahrzehnte gesammelt, die nicht unbedingt kom\u00f6dienhaft sind. <br>Hm? \ud83e\udd14<br>1951 verlie\u00dfen Peter und Charlotte das Weimarer Nationaltheater. Ich war gerade 3 Jahre alt. Damit waren diese von Frieren, Entbehrungen und Essensmarken (ohne die gab&#8217;s nur einfach nichts zu Essen), aber auch von unstillbarem Hunger nach Kultur gezeichneten magischen Theaterjahre vorbei. Charlotte h\u00e4tte nie mehr so intensiv Theater spielen k\u00f6nnen. Es war das Ende ihrer beruflichen Karriere und der Beginn von Peters als Geschichtenschreiber und Regisseur. <br>Verloren gingen auch einige Voraussetzungen f\u00fcr das Fortschreiben dieser Kom\u00f6die. Die Vertriebenen waren kein soooo aktuelles Thema mehr, man dachte an Aufbau, weshalb man Daniel und auch Irene dann ein anderes Schicksal h\u00e4tte andichten m\u00fcssen. Und es fehlte am laufenden Anschauungsunterricht der Theatergarderoben. &#8220;Iphigenie auf Tauris&#8221; wurde in den Theatern immer seltener gespielt. Damit wurden auch die kom\u00f6diantischen Parallelen zwischen den beiden St\u00fccken nicht mehr unmittelbar erkennbar. <br>So what?<br>Peter murkst rum, wie er oft selber von sich sagte, wenn er nicht weiter wusste. Die z\u00fcndende Idee, der Click, ist offensichtlich ausgeblieben. Das schl\u00e4gt sich in allen zum Teil sehr reichhaltigen Aufzeichnungen bis in die 70er Jahre nieder. Viele gute Ans\u00e4tze, ein paar spr\u00fchende Ideen, aber das Ganze f\u00fcgt sich nicht zusammen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn geneigter Leser so eine z\u00fcndende Idee hat, die sicher irgendwo rumfliegt, m\u00f6ge er sich bei mir melden. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\">Claudia Podehl<br>\u00a9 <\/p>\n\n\n\n<p>P.S.<br>Ich wollte noch einige Ausz\u00fcge aus Peters umfangreichem Papierwust hinzuf\u00fcgen, aber das Papier stinkt derma\u00dfen, dass mir davon schlecht wird. Allen Ernstes. Ich habe alles in einer Plastikt\u00fcte fest verschlossen in die Tiefk\u00fchlbox gesteckt. Dort soll &#8220;Iphigenie in Deutschland&#8221; mindestens 14 Tage bleiben, dann soll der Papiermoder abget\u00f6tet sein, so hei\u00dft es. <br>Also bitte Geduld. <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>*** Iphigene in Deutschland Kom\u00f6dienfetzen von Peter Podehl *** Iphigenie ist die \u00e4lteste Tochter von Klyth\u00e4mnestra und Agamemnon, aus dem Geschlecht des Tantalus. Der war von den G\u00f6ttern zu ewigem Leiden verdammt, weil er sie hatte verkohlen wollen. 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