{"id":627,"date":"2022-12-11T07:35:25","date_gmt":"2022-12-11T07:35:25","guid":{"rendered":"https:\/\/peterpodehl.com\/?page_id=627"},"modified":"2023-06-02T16:55:10","modified_gmt":"2023-06-02T16:55:10","slug":"politik-und-marchen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/webaid.it\/?page_id=627","title":{"rendered":"Politik und M\u00e4rchen"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-text-align-center\">***<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">Vortrag vor den Studenten der Politischen Wissenschaften an der r\u00f6mischen Universit\u00e4t  <br>&#8220;La Sapienza&#8221; <br>2006<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">***<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><\/p>\n\n\n\n<p>Wie kam man 1946 von Westberlin nach Weimar, das lag&nbsp; in der damals noch sogenannten Ostzone Deutschlands, sp\u00e4tere DDR? Mit der Eisenbahn. Ja, es gab ja noch keine Mauer, die Grenzen waren erstaunlich offen, auch f\u00fcr Spione auf beiden Seiten. Ich selbst bin ohne gr\u00f6\u00dfere Schwierigkeiten im Fr\u00fchjahr 1946 von Wien nach Berlin gelangt. Nein, nicht mit dem Personenzug, sondern im G\u00fcterwagen. Ich wohnte urspr\u00fcnglich in Westberlin.<\/p>\n\n\n\n<p>Und nun also stieg ich in Berlin in den Zug und fuhr nach Weimar, in die ber\u00fchmte Goethe-Stadt, nicht zu vergessen: auch Schiller-Stadt. Ich war Schauspieler und hatte in Weimar mein erstes Engagement, am Deutschen Nationaltheater. Und irgendwann bekam ich einen Personalausweis und irgendwann war ich dann pl\u00f6tzlich ungefragt B\u00fcrger der DDR geworden. Es gab Kollegen aus Westberlin, die waren etwas schlauer und vorsichtiger und behielten ihre Westausweise. Ich nicht. Ich muss das so erkl\u00e4ren: Es k\u00fcmmerte mich wenig, 1946 gab es noch einige Freiz\u00fcgigkeit in Ostdeutschland und auch in ganz Europa. Nur wer einigerma\u00dfen klug war, sah Entwicklungen voraus, die in den Kalten Krieg m\u00fcndeten. So klug war ich nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Es wurden vier wunderbare Jahre in Weimar, so verr\u00fcckt das klingen mag. Ja, es gab nicht genug zu essen, der Schwarzmarkt bl\u00fchte, man bekam nur mit M\u00fche eine Wohnung, das t\u00e4gliche Leben war anstrengend. Aber wir spielten herrliches Theater. Ich entwickelte mich zum Komiker. Ich lernte meine Frau kennen, die auch Schauspielerin war, diese Dame neben mir kam 1948 in Jena zur Welt. Jena liegt kleine 30 Kilometer von Weimar weg. Zwei St\u00fccke von mir wurden am Deutschen Nationaltheater Weimar uraufgef\u00fchrt. Beim zweiten geriet ich zum ersten Mal mit der Politik in kleine Konflikte: Ich schrieb wohl zu sehr im b\u00fcrgerlichen Stil, nicht fortschrittlich genug, oder, wie das damals kursierende Propagandawort hie\u00df: ich schrieb nicht im Sinne des Sozialistischen Realismus. So nannte sich die mehr oder weniger offizielle Kunstrichtung, vorgegeben, ja befohlen von Moskau. Das ist, um das einmal zu bekennen, ein schrecklicher Realismus. Ich denke, es ist wunderbar, dass er ausgestorben ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Die sch\u00f6ne Zeit in Weimar endete, der Intendant, der Boss des Theaters hatte wohl aus irgendwelchen Kassen Gelder entnommen, die ihm nicht zustanden. Aber: er fiel die Treppe rauf, er wurde Chefdramaturg bei der DEFA. Das war die Deutsche Film Aktiengesellschaft, DEFA. Wieso die sowjetischen Beh\u00f6rden 1945 eine urkapitalistische Aktiengesellschaft gr\u00fcndeten, wei\u00df ich bis heute nicht. Dort entstanden einige sehr gute Filme und sehr viel sozialistischer Realismus, Summa Mist, schlechte Propagandafilme. Der erste Film hie\u00df DIE M\u00d6RDER SIND UNTER UNS, das war die Geburtsstunde des sp\u00e4teren Weltstars Hildegard Knef. Und die Geburtsstunde des sp\u00e4teren h\u00f6chst ber\u00fchmten Regisseurs Wolfgang Staudte. Mit der Nennung seines Namens n\u00e4hern wir uns unserem Thema, er hat auch DIE GESCHICHTE VOM KLEINEN MUCK inszeniert.<\/p>\n\n\n\n<p>Wolfgang Staudte hat f\u00fcr die DEFA einige hervorragende Filme gedreht, am besten gef\u00e4llt mir seine Verfilmung des Romans von Heinrich Mann, wohlgemerkt, nicht Thomas Mann, sondern sein j\u00fcngerer Bruder Heinrich: DER UNTERTAN. Eine bitterb\u00f6se, zynische Satire auf das Deutsche Kaiserreich, ein Welterfolg mit dem ph\u00e4nomenal guten Hauptdarsteller Werner Peters.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Frage, was denn Wolfgang Staudte als n\u00e4chstes machen soll, wurde aktuell. Bertolt Brechts MUTTER COURAGE UND IHRE KINDER stand auf dem Programm der DEFA. Es m\u00fcssen sehr unerquickliche Vor-Arbeiten gewesen sein. Brecht hielt erstmal nichts vom Film \u00fcberhaupt, von Staudte war er wohl auch nicht begeistert. Brecht wollte seine Theaterinszenierung verfilmen, Staudte wollte nat\u00fcrlich Film mit seinen ganzen Freiheiten machen Freiheiten der Schaupl\u00e4tze, der Besetzung. Sie kamen nicht zusammen. Hinzu kam politischer Druck: Nicht bei allen Politgr\u00f6\u00dfen war Brecht unumschr\u00e4nkt anerkannt, besonders die MUTTER COURAGE galt als pazifistisch und &#8211; schreckliches deutsches Neuwort!: &#8211; vers\u00f6hnlerisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Das war meine Stunde! Wir waren von Weimar nach Potsdam-Babelsberg gezogen, wo das riesige DEFA-Gel\u00e4nde war, auf dem ehemals die ber\u00fchmte UFA ihr Zentrum hatte. Ich hatte \u00fcber den ehemaligen Intendanten des Weimarer Theaters einen Vertrag mit der DEFA als Autor bekommen. Das war ein sehr lockerer Vertrag: der Autor bekam ein monatliches Sal\u00e4r, das ihm abgezogen wurde, wenn er gr\u00f6\u00dfere Honorare f\u00fcr seine Schreibarbeiten bekam. So konnte er seine Miete bezahlen und die Kartoffeln. Eine kluge Einrichtung, Erfindung meines Vaters, der bei der Vorg\u00e4ngerin der DEFA, bei der UFA Chefdramaturg war. So kam ich sp\u00e4t in den Genuss seiner Erfindung.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich profitierte von dem Streit um die MUTTER COURAGE. Man verschob die Produktion dieses Films und wollte erstmal ein gutes Drehbuch erarbeiten und bot Wolfgang Staudte an, vorher noch einen gro\u00dfen M\u00e4rchenfilm zu inszenieren. DIE GESCHICHTE VOM KLEINEN MUCK, ein Stoff des deutschen romantischen Dichters Wilhelm Hauff, was man im Deutschen ein Kunstm\u00e4rchen nennt, im Gegensatz zu den Volksm\u00e4rchen der Br\u00fcder Grimm. Und Staudte sagte zu, was wohl die DEFA-Oberen einigerma\u00dfen verwundert hat. Der bei weitem erfolgreichste Film der DEFA, ihr Welterfolg war eigentlich ein L\u00fcckenb\u00fc\u00dfer, entstanden, weil Brecht und Staudte nicht \u00fcbereinkamen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich war flei\u00dfig bei den Vorarbeiten. Das M\u00e4rchen ist die Geschichte eines Ausgesto\u00dfenen, Nicht-Anerkannten. Muck hat einen Buckel und wird deshalb auf der Stra\u00dfe immer geh\u00e4nselt, also: ausgelacht und ge\u00e4rgert. Er ist zun\u00e4chst ein Kind, dem die Mutter gestorben ist und dem dann auch der Vater ganz pl\u00f6tzlich stirbt, eine Kinderwaise also.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt ein paar ganz simple Regeln, die der Filmautor immer bedenken muss, wenn er einen literarischen Stoff bearbeitet. Wenn im Original etwa steht: \u201eDer Mann \u00fcberlegte lange und viele Ideen gingen ihm durch den Kopf&#8230;\u201c Dann muss es daf\u00fcr einen optischen oder verbalen Ausdruck geben, denn ein Mann, der lange \u00fcberlegt und dem Ideen durch den Kopf gehen, &#8211; das ist nicht Film, sondern Literatur, das ist Prosa. Ich arbeitete mit einem Dramaturgen zusammen, den ich von Weimar her gut kannte. Wir erfanden eine Rahmenhandlung, in der der alte Muck sein Leben, seine Biografie erz\u00e4hlt. Und wir erfanden eine umfangreiche Geschichte dazu, die bei Wilhelm Hauff nicht vorkommt, weil wir Angst hatten, dass der Film sonst&nbsp; nicht lang genug werden k\u00f6nnte. Es ist die Geschichte mit der Kriegserkl\u00e4rung, die wir uns nachher ansehen wollen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und eines Tages im Herbst 1952 meine erste Begegnung mit Wolfgang Staudte. Ich war mal gerade drei\u00dfig Jahre alt, hatte keinerlei Drehbuchschreibeerfahrungen, und geriet als Mitautor an diesen damals doch weltber\u00fchmten Regisseur. Er wohnte in Westberlin und lieb\u00e4ugelte mit den Ideen des Sozialismus. Die Zusammenarbeit&nbsp; ging sehr gut, um es vorweg klar und deutlich zu sagen. Was er an Erfahrungen einbrachte, konnte ich mit einiger Poesie und Naivit\u00e4t erg\u00e4nzen. Wolfgang Staudte diktierte ein Drehbuch, eins, das er sp\u00e4ter verfilmen konnte, er dachte und diktierte radikal optisch, mit den Augen einer Kamera. Die DEFA-Mitarbeiterin, die das Diktierte stenografierte, war vermutlich mit der Stasi verbandelt, eine Vermutung, die uns allerdings nie best\u00e4tigt wurde. Staudte wusste schon ziemlich genau, wo die Kamera fahren oder schwenken sollte und wo geschnitten werden musste. Alles, was ich im sp\u00e4teren Berufsleben als Regisseur an Fachwissen beherrschte, habe ich bei ihm gelernt. Vielleicht sollte ich dazu sagen, dass ich offiziell sein Regieassistent war. Auch da war ich ja noch sehr unerfahren, aber ein Mann wie Staudte hatte bei so einem Riesenfilm drei Assistenten. Die anderen passten so genau auf, wie ich das als Anf\u00e4nger gar nicht gekonnt h\u00e4tte. Staudte hatte auch gesagt: \u201eIch brauche Jemanden, mit dem ich reden kann.\u201c Das reduzierte meine Verantwortung. Ich habe dann sp\u00e4ter noch zwei Mal als Regieassistent gearbeitet. Beide Male war ich sehr schlecht. Keine guten Erinnerungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Besetzung der Hauptrolle war ein sehr gro\u00dfes Problem. Ich war der Meinng, dass das kein Kind spielen kann, das fordere einfach eine zu schwere schauspielerische Leistung von einem Kind. Staudte sagte: \u201eKinder k\u00f6nnen sehr viel.\u201c Aber wir suchten unter kleinw\u00fcchsigen und sehr jungen Schauspielern. Es war ziemlich deprimierend: keiner brachte die notwendige kindliche Naivit\u00e4t mit. Wir machten riesige Mengen von Probeaufnahmen. Auch mit meiner Frau, die nicht sehr gro\u00df war. Als sie die Aufnahmen machte, wusste sie, dass sie f\u00fcr die Rolle nicht in Frage kam. Aber sie hatte nicht ohne Hintergedanken ihren Sohn Thomas aus ihrer ersten Ehe, meinen Stiefsohn, zu den Aufnahmen mitgenommen. Und irgendwann setzte sie ihm den Turban auf den Kopf. Ich wei\u00df nicht mehr, wer zuerst auf ihn aufmerksam wurde. Aber Thomas machte Probeaufnahmen und bekam die Rolle und war sehr sehr gut, wurde auf seine Weise weltber\u00fchmt. Auf einem Festival in Schwerin fragte ihn, den nunmehr b\u00e4rtigen 60-j\u00e4hrigen, eine Frau: \u201eSie sind der Kleine Muck?\u201c Thomas bejahte, und sie folgerte: \u201eSie sind unsterblich!\u201c Der Film war der Lieblingsfilm von Ho Tschi Min, er l\u00e4uft immer noch und immer wieder, im Fernsehen, auf Festivals, in Schulen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Film hatte am 23. Dezember 1953 Premiere in Ostberlin. Er lief in der ganzen Welt, aber nur sehr selten in Westdeutschland. Der ungl\u00fcckselige Kalte Krieg verhinderte das. Deshalb erlebte er nach der Wende in Westdeutschland sowas wie eine Renaissance.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Kleine Muck hat bei einer leise irren Katzenmutter mitten in der W\u00fcste ein Paar wundert\u00e4tiger Pantoffel gefunden: Wenn man die Hacken hochzieht, rennen die Pantoffel mit einem davon. Macht man die Hacken wieder runter, geht man ganz normal durch die Welt. Mit Hilfe dieser Pantoffel ist er der Oberleibl\u00e4ufer des m\u00e4chtigen Sultans geworden.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Sultan hat eines Tages die Sklaven in seinem Bad gez\u00e4hlt: es waren nur 34, unm\u00f6glich, findet er, ob er sich denn alleine abtrocknen solle. Woran liegts? Kein Geld, murmeln seine Ratgeber. Man beschlie\u00dft, dem Sultan des Nachbarlandes den Krieg zu erkl\u00e4ren, um mit dessen Reichtum die eigenen Kassen zu f\u00fcllen. Oberleibl\u00e4ufer Muck wird mit der \u00dcbergabe der Kriegserkl\u00e4rung beauftragt und rennt los und trifft auf den ehemaligen Oberleibl\u00e4ufer Murad&#8230; So, genug vorerz\u00e4hlt. Bitte, sehen Sie selbst:<\/p>\n\n\n\n<p>* * *<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Entstehung des Drehbuches und des Films, die Sommerarbeit des Jahres 1953, Thomas war elf Jahre alt, waren die Einfl\u00fcsse der Politik verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig geringf\u00fcgig.<\/p>\n\n\n\n<p>Nein, ich muss da doch etwas erz\u00e4hlen. Alle Dekorationen, auch die Au\u00dfenbauten standen auf dem DEFA-Gel\u00e4nde in Potsdam-Babelsberg: W\u00fcsten, St\u00e4dte, Flussufer, D\u00f6rfer. Wir drehten unseren Orient im Sand der Mark Brandenburg. Der Ton war original, ein Mann mit Mikro nahm die Sprache auf. Eines Tages kam ein dauerndes Rasseln von der Stra\u00dfe. Staudte wurde einen Augenblick nerv\u00f6s: \u201eSorgt verdammt nochmal daf\u00fcr, dass da nicht dauernd Traktoren die Stra\u00dfe langfahren!\u201c Es waren keine Traktoren, sondern sowjetrussische Panzerkolonnen auf der Fahrt nach Berlin. Es war der 17. Juni 1953. Kleine Nachhilfe in Geschichte: Der 17. Juni war der Tag, an dem die Arbeiter in Berlin und der DDR einen Aufstand riskierten, der dem DDR-Regime gef\u00e4hrlich zu werden drohte. Nat\u00fcrlich behaupteten die Parteibonzen, die Anstifter k\u00e4men aus dem b\u00f6sen Westen, der ja mitten in Berlin wirklich nicht weit lag. Aber die Protestierer waren Steinewerfer und br\u00fcllten im Chor ihre anti\u00f6stlichen Parolen. Sie waren so schlecht organisiert, vor allem waren sie unbewaffnet, dass die Russen sehr schnell mit ihnen fertig wurden und den Aufstand niederschlugen. Es gab einige Tote, nicht sehr viele. Die Partei \u00e4nderte etwas an ihrer Taktik, sie wurde liberaler, aber nicht wirklich liberal.<\/p>\n\n\n\n<p>Unser Film DIE GESCHICHTE VOM KLEINEN MUCK wurde sehr schnell ein Riesenerfolg. Erst in der DDR, aber schon sehr schnell auch in der ganzen Welt. Als ich mal einem Regisseur als der Autor des Films vorgestellt wurde, sagte er: \u201eSie haben einen Welterfolg geschrieben.\u201c Naja, fand ich sehr sch\u00f6n, sowas gesagt zu bekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf den Wogen dieses Erfolges wurde ich gefragt, was ich denn als n\u00e4chstes schreiben wolle. Ich sagte, ich h\u00e4tte keinerlei exakte Pl\u00e4ne. Da schlug man mir vor, das M\u00e4rchen vom TAPFEREN SCHNEIDERLEIN zu schreiben. Wer hat es nicht im Kopf? Ich glaube, das gibt es auch im Italienischen. Das Schneiderlein erschl\u00e4gt mit einer Fliegenklatsche sieben Fliegen und stickt auf seinen G\u00fcrtel: \u201aSieben auf einen Streich.\u2018 Die Leute, die das lesen, sollen denken, er habe sieben Ritter auf einen Schlag umgebracht, dabei waren es doch nur Fliegen. Aber das muss man den Leuten ja nicht sagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich fand das einen guten Vorschlag und machte mich an die Vorarbeiten: Expos\u00e9, Szenarium. Bevor es ans Drehbuchschreiben ging, wurden der Dramaturg und ich zu einem Treffen nach Pankow bestellt. Wir waren gewarnt: Pankow, ein Ortsteil von Berlin, war Partei, nicht Film oder gar Film\u00e4sthetik. Aber wir waren guten Mutes. Und ich tappte prompt in die Falle, als ich gefragt wurde: \u201eWarum stickt denn das tapfere Schneiderlein \u201aSieben auf einen Streich\u2018 auf seinen G\u00fcrtel?\u201c Ich \u00fcberlegte nicht lange und antwortete, dass sei eine sehr liebensw\u00fcrdige Hochstapelei. Ich l\u00f6ste damit einen Aufschrei der Entr\u00fcstung aus: \u201eNein! Niemals! Niemals ist der Mann aus dem Volke, der K\u00f6nig wird, auch nur im geringsten ein Hochstapler! Da muss eine ganz andere L\u00f6sung her.\u201c Und dann kam der Kn\u00fcller: Wilhelm Pieck war damals der Pr\u00e4sident der Deutschen Demokratischen Republik, ein ehemaliger Tischler. Warum nicht ein ehemaliger Tischler? Aber mir wurde mit auf den Weg an den&nbsp; Schreibtisch gegeben: \u201eDas tapfere Schneiderlein, das ist Wilhelm Pieck.\u201c &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>In meiner Seele machte es Klick. Ich fuhr nach Hause nach Babelsberg und sagte zu meiner Frau: \u201eCharlotte, pack die Koffer, das wird nichts mehr hier. Hier gedeih ich nicht.\u201c&nbsp; Wir zogen unter sehr gl\u00fccklichen Umst\u00e4nden mit M\u00f6beln und Hausrat &#8211; es war eine Tauwetterperiode in der DDR, einige Monate sp\u00e4ter w\u00e4re das gar nicht mehr m\u00f6glich gewesen &#8211; nach M\u00fcnchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Film wurde gedreht, unter der Regie ebendes Dramaturgen, den ich von Weimar her kannte und mit dem ich den Stoff entwickelt hatte. Ich sags jetzt mal so klipp und klar: Ein schrecklicher Film! Im M\u00e4rchen heiratet das Schneiderlein die Prinzessin, im Film deren Zofe, weil das ein M\u00e4dchen aus dem Volke war.<\/p>\n\n\n\n<p>Nein: So viel Politik darf beim M\u00e4rchen nicht sein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\">\u00a9P.P.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>*** Vortrag vor den Studenten der Politischen Wissenschaften an der r\u00f6mischen Universit\u00e4t &#8220;La Sapienza&#8221; 2006 *** Wie kam man 1946 von Westberlin nach Weimar, das lag&nbsp; in der damals noch sogenannten Ostzone Deutschlands, sp\u00e4tere DDR? Mit der Eisenbahn. 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