{"id":661,"date":"2022-12-19T17:42:15","date_gmt":"2022-12-19T17:42:15","guid":{"rendered":"https:\/\/peterpodehl.com\/?page_id=661"},"modified":"2026-02-19T11:59:19","modified_gmt":"2026-02-19T11:59:19","slug":"fack-ju-gohte-auf-italienisch","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/webaid.it\/?page_id=661","title":{"rendered":"Fack ju, G\u00f6hte \u2013 auf Italienisch"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-text-align-center\">*<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\">Frau Dr. Inge Prinz gewidmet, die mich vor vielen Jahren zu diesem Film ins Kino einlud.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=569\">Italiano<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><em>Was folgt, ist eine 30 Jahre sp\u00e4ter geschriebene Darlegung meiner damaligen Abenteuer in einem Chat mit 3 Freunden, Martina, Michael und Angela<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ostia, Berufsschule, 80er Jahre (also  kein  Computer und kein Handy; \u00fcberhaupt keine Elektronik):<\/p>\n\n\n\n<p>Claudia<br>Noch folgende wahre Geschichte:<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Berufssch\u00fcler konnten durchaus mit Schraubenziehern umgehen und die elektrischen Leitungen in einer Zweizimmerwohnung planen und auf einem gro\u00dfen Brett anlegen. Mit Worten erkl\u00e4ren, was sie da getan hatten, war schon schwieriger, ein Ding der Unm\u00f6glichkeit war Schreiben. Denen sollte ich etwas Fachenglisch beibringen, und sp\u00e4ter Sozialkunde. Anfangs war das wichtigste, nicht entsetzt oder gar verzweifelt aus der Klasse rennen. Es waren 6 Klassen mit jeweils 25 Knaben zwischen 14 und 18.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die italienische Verfassung feierte ihr 40j\u00e4hriges, es gab ein Gratisheft beim Zeitungsh\u00e4ndler.&nbsp;&#8220;Holt euch eine Verfassung im Zeitungshandel!&#8221; Wer kein Heft ergattert hatte, bekam eine Fotokopie des ersten fundamentalen Teils der Verfassung. <br>Also: nicht lesen, nein nein, sucht nur mal schnell die W\u00f6rter da an der Tafel: Recht, Pflicht, gleich, B\u00fcrger, Staat, Freiheit, Gleichheit, Gesetz, verpflichtet (wei\u00df jetzt nicht mehr, was ich sonst noch alles hingeschrieben hatte). Die Jungs:<br>Aha? Na klar, machen wir. \u2013 Totales Schweigen in der Klasse. <br>Dann:<br>\u201eDiese verdammte Tochter einer Hure von Professoressa hat uns schon wieder mal ausgetrickst!\u201c Alle kichern und suchen und unterstreichen weiter, dann wird gez\u00e4hlt, einige haben mehr, andere weniger, was nat\u00fcrlich eine kleine Schmach w\u00e4re, weshalb weitergesucht und verglichen wird.&nbsp;<br>Kommt einer voller Gel in den Haaren und voller Pickel im Gesicht zu mir und protestiert:<br>\u201cA Professor\u00e8, was soll denn das Geschreibsel?\u201d<br>\u201cWie bitte?\u201d&nbsp;<br>\u201cNa, diese Schreiberei hier? Ist doch klar!\u201d&nbsp;<br>\u201cDas ist die italienische Verfassung, das wichtigste Gesetz des italienischen Staates!\u201d donnere ich zur\u00fcck.&nbsp;<br>\u201cSo\u2019n Schei\u00df! Das ist doch alles klar!!!\u201d&nbsp;<br>\u201cWas ist klar?\u201d<br>\u201cNa all das, was hier geschrieben steht! Dieses.., na wie war das? Ja, dieses Briefgeheimnis! Ist doch klar, dass man meine Briefe nicht aufmachen darf!! Oder da, wo die da schreiben, dass wir uns versammeln d\u00fcrfen!!! Ist doch alles klar! Das muss man doch nicht aufschreiben!!! Das ist reinste Papierverschwendung!!!!\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Michael<br>Bei diesem Demokratieverst\u00e4ndnis deiner Sch\u00fcler ist mir nicht mehr bang um Italien und Europa.<\/p>\n\n\n\n<p>Claudia<br>Die hatten das F\u00fcrchten bereits gelernt, Kriminalit\u00e4t rund um sie herum war allt\u00e4glich, Heroin, Heroin-(und nicht nur)leichen, Zukunft vollkommen nebul\u00f6s. Aber junge Menschen sind nun mal unverbesserliche Optimisten, unsere Schule war da so eine Hoffnung. Sie hatten gar keine Manieren, aber das Herz am rechten Fleck. Es war ein seeeeehr anstrengendes Abenteuer, f\u00fcr mich machbar, solange mir die Kollegen R\u00fcckendeckung gaben \u2013 aber auch die musste ich mir erobern, und verlor sie zuletzt \u2013 und ich habe viel von den Jungs gelernt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcbrigens gab es auch 2 M\u00e4dchenklassen, um deren L\u00e4cheln auch die m\u00e4nnlichen Kollegen buhlten.<\/p>\n\n\n\n<p>Michael<br>Ich bewundere dich, wie du das alles gewuppt hast. Und ohne p\u00e4dagogische Ausbildung. Die kleine Claudia muss ganz sch\u00f6n massiv und clever aufgetreten sein. Schade, dass deine Kollegen dich am Ende nicht mehr unterst\u00fctzt haben. Woran lag\u2019s?<\/p>\n\n\n\n<p>Claudia<br>Laaaange Geschichte.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir fahren jetzt nach Porto Pino \ud83c\udf32 . Heute Nachmittag erz\u00e4hl ich weiter. Grunds\u00e4tzlich bekommt man von Kindern und auch von diesen Jugendlichen fast immer mehr zur\u00fcck, als erwartet und als man investiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Das schlimmste an Schulen sind eigentlich immer die Schulleitungen. Bestehend aus Lehrern, die vor den Sch\u00fclern nicht bestehen. Die machen dann schleunigst \u201eKarriere\u201c blo\u00df, um nicht mehr im Klassenzimmer stehen zu m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich hatte vor der Schule in Ostia mit den vielen Jungen schon 4 Jahre in anderen Berufsschulen mit M\u00e4dchen \u2013 Steno und Schreibmaschine \u2013 hinter mir, also doch schon etwas Erfahrung, in Rom, Velletri und Pomezia. Immer 1 1\/2 Stunden Fahrzeit hin und ebenso zur\u00fcck. Wenn die Busse fuhren. Diese erste Schule mit all diesen Filialen wurde von einem total psychopathischen Gewerkschafter aus der sozialistischen Gewerkschaft geleitet. Er verlangte von allen ein paar Tausender (nicht von mir, er meinte, er k\u00f6nne Gianni damit um die Finger wickeln), und daf\u00fcr bekam man dann einen Festanstellungsvertrag. Gleich drauf begann er den Krieg, um dich wieder rauszuschmei\u00dfen. Man verlie\u00df die Schule 5 Minuten vor Dienstschluss? Erste Mahnung wegen unerlaubter Abwesenheit vom Arbeitsplatz. Er \u00fcbte einen unglaublichen Druck auf alle aus und verstand es bestens, die Schw\u00e4cheren gegen die \u201eOppositionellen\u201c auszuspielen. Fast alle Kollegen kamen fr\u00fcher oder sp\u00e4ter vollkommen verst\u00f6rt in die Schule und erz\u00e4hlten, sie h\u00e4tten von dem Mann getr\u00e4umt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Dann bekam er einen Herzinfarkt. Der Direktor der Schulfiliale in Velletri entkorkte eine Flasche Sekt und stie\u00df auf den Herzinfarkt an.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Da habe ich dann auch von ihm getr\u00e4umt: ich f\u00fchrte ihn durch die Pausenh\u00f6fe, alle schreckten entsetzt zur\u00fcck, und ich sagte: Mensch, seht ihr denn nicht? Der Herzinfarkt hat ihm den ganzen Grips genommen.! \u2013 Tats\u00e4chlich gr\u00fc\u00dfte er alle mit einem Vollidiotenl\u00e4cheln. Das nat\u00fcrlich nur in meinem Traum.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch mich wollte er loswerden, weil er mit mir \u00fcberhaupt nichts anzufangen wusste. Dann ergab es sich, dass die Englischlehrerin in Ostia wegging. Diese Schule wurde von der kommunistischen Gewerkschaft gef\u00fchrt. Es gab einige Monate hin und her, bis die beiden Chefs sich einigten, weshalb ich also erst im Dezember in Ostia antrat. Da hatten die Jungs bereits jeden Monat eine neue Aushilfe zerfetzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Michael<br>Das Schulwesen in Italien scheint sich wohl in einiger Beziehung von dem in Deutschland zu unterscheiden. Parteizugeh\u00f6rigkeit spielt in Deutschland sicherlich eine Rolle, wenn es um die Besetzung von h\u00f6heren Positionen geht, also vor allem Schulleitungen von Gymnasien. Und Vorgesetzte, die inkompetent und menschlich nicht integer sind, gibt es \u00fcberall auf der Welt.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Ministerium spielte das Parteibuch bei der Besetzung von Abteilungsleitern (vergleichbar den Generalsr\u00e4ngen) durchaus eine Rolle, im Bund, wo diese Ebene bereits mit politischen Beamten besetzt ist, ist das die Regel; diese werden allerdings beim Regierungswechsel meistens entlassen. Auf der untersten Leitungsebene der Referatsleiter habe ich auch so einiges erlebt. Da verhalten sich aber alle Parteien \u00e4hnlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Claudia&nbsp;<br>Die italienischen Berufsschulen haben mit dem \u00f6ffentlichen Schulwesen wenig zu tun. Die Regionen = L\u00e4nder vergeben Geld und Auftr\u00e4ge zur Leitung solcher Schulen an Private, kath. Kirche allen voran. Das geschah in den 70ern und 80ern, also noch politisch vor allem von links sehr engagiert. ALLE Parteien von damals haben sich mittlerweile in Luft aufgel\u00f6st.<\/p>\n\n\n\n<p>Michael<br>Nur den Papst (mit p) gibt es immer noch!<br>Und auch du l\u00e4sst dich nicht unterkriegen. Finde ich \ud83d\udc4d \ud83d\udc4d \ud83d\udc4d<\/p>\n\n\n\n<p>Claudia<br>Kleinkriegen? Ich KANN nicht anders leben.<\/p>\n\n\n\n<p>Michael<br>UND DAS IST GUT SO!!!!!!<\/p>\n\n\n\n<p>Claudia<br>So, nun kommt der zweite Teil:<\/p>\n\n\n\n<p>In die erste Schule in Rom kam ich nach 5 Wochen zuhause im Dunklen, weil unsere beiden T\u00f6chter nacheinander Masern hatten. Ich war also ziemlich zerquetscht. Da rief Gianni an, er sei auf dem Weg mit einem anderen Gewerkschafter, ich soll ein paar Teller Spaghetti kochen. Mit dem Gewerkschafter quatschten wir dann lustig und fr\u00f6hlich. 2 Tage sp\u00e4ter rief der an, ob ich ein paar Stunden Englisch in der Berufsschule \u00fcbernehmen wollte. Der Psychopath \u2013 von dem ich nat\u00fcrlich noch gar nicht wusste, dass er so psychopathisch war \u2013 hatte eine rausgeschmissen, die uuuuungeheuer \u201eempfohlen\u201c worden war, nie Unterricht hielt und nur mit ihren wichtigen Hinterm\u00e4nnern rumprahlte. Die Sch\u00fcler hatten so lange protestiert, bis ich kam. Da hatte ich insofern einen Vorteil, als ich \u2013 v\u00f6llig unerfahren \u2013 doch immerhin Englisch konnte und auch was davon vermittelte.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Chef in Ostia hatte ein starkes kommunistisches Sendungsbewusstsein f\u00fcr die arme ungebildete Unterschicht, war nicht mehr der j\u00fcngste und hatte seine anfangs brillante Karriere in der KPI wegen einer Liebesgeschichte aufgeben m\u00fcssen. Er verliebte sich in Flora, als er bereits verheiratet war und 2 S\u00f6hne hatte. Sowas w\u00e4re in der Democrazia Cristiana kein Problem gewesen, eben sch\u00f6n schw\u00f6ren und abschw\u00f6ren, in der kommunistischen Partei war das nur einfach verboten. Die sch\u00f6ne Flora floh nach Australien, hielt es nicht aus, er auch nicht. Sie kam zur\u00fcck, er trennte sich von seiner Frau \u2013 Scheidung gab es ja nicht. Die Scheidung kam so etwa 30 Jahre sp\u00e4ter, als ich in Ostia war, sie war seine Sekret\u00e4rin. Wir mussten alle mit zur standesamtlichen Trauung. Floras Brustkrebs kam wieder, er ging in Rente, sie starb. Sie lie\u00df mich wenige Tage zuvor noch einmal rufen.<\/p>\n\n\n\n<p>Da sa\u00dfen wir dann, sie im Bett, Renato stand davor, die neue Sekret\u00e4rin und ich an ihrem Bettrand. Man quatschte so ein bisschen, aber dann kamen eben doch die Tr\u00e4nen. Bei allen Vieren. Geistesgegenw\u00e4rtig zupfte ich ein paar T\u00fccher aus der Kleenex-Box auf dem Nachttisch und verteilte sie. Das f\u00fchrte dann zu einem kleinen verschluchzten Lacher. Flora triumphierend: \u201cSiehst du, genau deshalb wollte ich dich noch mal sehen!\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem doch sehr charismatischen Renato kam ein sehr unscheinbarer, teuflisch fieser Typ. Die Schule war schon seit einigen Jahren nicht mehr von der Gewerkschaft gef\u00fchrt, sondern in die Gemeinde Rom eingegliedert. Die Kollegen glichen sich langsam an die Fiesheit des neuen Chefs an. Dann wurde eine zugegebenerma\u00dfen sehr h\u00e4ssliche Feuertreppe gebaut. Das fanden die Bewohner des angrenzenden Eigentumswohnhauses scheu\u00dflich, und eines Tages kam ein M\u00e4nnertrupp von ihnen anmarschiert und wollte sie abrei\u00dfen. Es gab Zeter und Mordio mit meinen Kollegen, die sagten, sie sollen zur Gemeinde gehen und dort protestieren, das hinge schlie\u00dflich von denen ab. Das kam bei Wohnungseigent\u00fcmern aber irgendwie nicht an, und die gegenseitige Beschimpferei wurde immer heftiger. Da st\u00fcrmte ich schlie\u00dflich die Treppe runter und fragte sie, ob sie denn nicht lesen k\u00f6nnten, zeigte ihnen alle Schilder \u201eComune di Roma\u201c, hier steht\u2018s geschrieben und da auch: \u201eComune di Roma\u201c. Damit hatte ich unter den Kollegen mein Todesurteil unterzeichnet. Ich hatte die Wohnungseigent\u00fcmer derma\u00dfen ersch\u00fcttert, dass sie kleinlaut abmarschierten. Zun\u00e4chst wurde viel gelacht, aber die Kleine, das Weib da, nein, das konnten sie nicht auf sich sitzen lassen. Als der fiese Typ mich wenig sp\u00e4ter in einer Sitzung zusammenschiss, wusste er bereits, dass die Kollegen keinen Finger r\u00fchren w\u00fcrden. Er tat es ohne jeglichen Grund und mit grausigem Vergn\u00fcgen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich beantragte 10 Monate unbezahlten Urlaub. Bekam ihn, weil in der Sitzung des f\u00fcr solche Antr\u00e4ge zust\u00e4ndigen Ausschusses der Regionalregierung 3 Antr\u00e4ge als bewilligt in eine Mappe geschoben wurden \u2013 mehr Antr\u00e4ge zu beraten w\u00e4re entschieden zu viel Arbeit gewesen \u2013 und dann ein dazu beauftragter Typ einen Antrag rausnahm und meinen reinlegte. Sonst w\u00e4re ich wohl immer noch in Ostia.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Januar \u201989 ging ich, im September schickte ich meine K\u00fcndigung per Einschreiben von der Post in Palinuro ab.<br>14 Tage sp\u00e4ter klingelte das Telefon:<br>\u201cProfessoressa Podehl? \u201c<br>\u201cJa?&nbsp;<br>\u201cEhm, hier ist das Amt f\u00fcr Berufsschulen der Gemeinde Rom.&nbsp;<br>\u201cAh, guten Tag.\u201d<br>\u201cGuten Tag. \u2026Ehm, \u2026 wie geht es Ihnen?\u201d&nbsp;<br>\u201cGut, danke?\u201d&nbsp;<br>\u201cEhm, Professoressa, wir haben einen Brief von ihnen bekommen?\u201d&nbsp;<br>\u201cJa.\u201d&nbsp;<br>\u201c\u2026 Ehm, in dem Sie k\u00fcndigen?\u201d&nbsp;<br>\u201cJa.\u201d \u2013 (langes Schweigen) \u2026&nbsp;<br>\u201cProfessoressa, Sie haben den Brief nicht unterschrieben!\u201d<br>Ich habe so schallend gelacht, dass das gesamte Amt, das stillschweigend hinter der mutigen Anruferin gestanden hatte, nun ebenfalls kicherte. Ich fuhr schleunigst ins Amt und unterschrieb. Die Dame erz\u00e4hlte mir, sie h\u00e4tten tagelang \u00fcberlegt, was sie machen sollten, denn sie hatten den Verdacht, es sei ein weiterer b\u00f6ser Scherz von denen da in Ostia.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich 9 Jahre zuvor dort angetreten war, war es DIE Vorzeigeschule gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p>2 Monate nach meiner K\u00fcndigung, im November &#8217;89, fiel die Mauer. Ganz Italien war von dem \u201eneuen\u201c Deutschland begeistert und im Fr\u00fchjahr \u201990 schickte mich die Sprachenschule, in der ich als Freiberuflerin Deutsch f\u00fcr Erwachsene unterrichtete, zum Sprecher des Staatspr\u00e4sidenten, einem Diplomaten, der nun Deutsch lernen wollte. Er hatte ausdr\u00fccklich nach mir verlangt. Ich war schon drauf vorbereitet, die Schule nicht. Zur ersten Lektion irrte ich eine halbe Stunde durch die endlosen G\u00e4nge des Quirinalspalastes, der Diplomat war sauer. Eine Stunde sp\u00e4ter beherrschte er die deutsche Aussprache perfekt. Diplomaten k\u00f6nnen das. Zur 2. Lektion kam noch ein Typ dazu. Nach weiteren 2 Lektionen rief mich die Leiterin der Schule an, da sei noch einer, der Deutsch lernen will. Claudia? Was machst du denn bitte mit den M\u00e4nnern des Staatspr\u00e4sidenten??<\/p>\n\n\n\n<p>Angela: w\u00fcnsche dir wohl geruht zu haben. Ich sehe: du bist voll in deinem Element. Genie\u00dfe es in vollen Z\u00fcgen. Ja sicherlich, der unerquickliche Mensch hat dich fortgejagt, aber letztendlich bist du jetzt so frei wie noch nie.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch bei mir ist diese ganze Sache nicht so glimpflich abgelaufen, wie ich hier bis jetzt zu verstehen gebe. Ein Jahr bevor ich dann endg\u00fcltig ging, war pl\u00f6tzlich meine Stimme weg. Ein ganz einfaches laut gesprochenes \u201ca\u201d war mit schlimmen Schmerzen verbunden. Ich war 2 Monate krank geschrieben. Das war, so wie ich es heute sehe, das Zeichen, dass ich Tapetenwechsel brauchte, aber man gibt ja schlie\u00dflich nicht so leicht auf. Ich ging zu einem Hom\u00f6opathen, der das (Stimm-)Problem l\u00f6ste. Sch\u00f6n langsam.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich kann momentan so schnell schreiben,&nbsp; weil ich stundenlang am Strand von Porto Pino lang laufe.<\/p>\n\n\n\n<p>Michael<br>Schreibst du beim Laufen?<\/p>\n\n\n\n<p>Claudia<br>Nein, da denke ich nur.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur\u00fcck zu den Jungs:<br>Fr\u00fchsommer, ich bin schon etwas braun, gehe in einem wei\u00dfen Leinenkleid durch die Klasse zum Katheder. Die Jungs beschie\u00dfen sich mit Papierk\u00fcgelchen und bemerken mich trotz meines energischen Schrittes und klickender Abs\u00e4tze \u00fcberhaupt nicht. Nur ein ziemlich langer Lulatsch auf zu kleinem Stuhl knallt mit der flachen Hand auf sein zu kleines Pult und br\u00fcllt: \u201cSeid still!! Seid doch mal alle bitte still!!! Schaut euch doch Professoressa an!!! Die ist heute so lecker, wie ein ganz ganz frisches deutsches Bier!!!\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Martina<br>\ud83d\ude0d\ud83d\ude02\ud83d\ude02<\/p>\n\n\n\n<p>Michael<br>Das geht dir heute noch runter wie. \u2026Bier\ud83d\ude02<br>Hast Du das kommentiert?<\/p>\n\n\n\n<p>Claudia<br>Ich habe gelacht, was dann zur Folge hatte, dass auch der Rest der Klasse gewahr wurde, dass ich da war und sie ihre Aufmerksamkeit vielleicht besser mir zuwenden sollten.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch mal Ostia:<br>Sie haben einen mickrigen Jungen in einen M\u00fcllcontainer geladen, diesen zugemacht und ihn rasselnd die Abfahrt zu einer unbenutzten Tiefgarage runtersausen lassen. Die entsetzte Mutter st\u00fcrmt die Direktion, die Jungen werden vorstellig, immer mehr: das sei doch alles nicht so wild \u2013 verteidigen sie sich -, es sei ja gar kein M\u00fcll im Container gewesen, im Gegenteil, der sei entleert und sogar gerade von der M\u00fcllabfuhr frisch gewaschen worden. Der Winzling mit seinen paar dunklen H\u00e4rchen \u00fcber der Oberlippe schweigt neben seiner Mamma, die mit dem Finger auf einen gro\u00dfen, blonden, blau\u00e4ugigen Sylvester Stallone zeigt, der Riese sei der Schuldige. Nur, der ist der gutm\u00fctigste aller Sch\u00fcler, aller Menschen Freund, ewig gebeugt, um trotz seiner erheblich H\u00f6he mit allen kommunizieren zu k\u00f6nnen. Die Szene, die ich nur am Rande mitbekommen hatte, endet nach langem Hin und Her mit einer schweren Strafandrohung gegen Unbekannt. Wer\u2019s gewesen war, war nicht rauszukriegen. Der K\u00fcmmerling verl\u00e4sst die Schule trippelnd neben Mamma, die Sch\u00fcler kommen schelmisch l\u00e4chelnd aus der Direktion. Ich halte zwei von ihnen an:&nbsp;<br>\u201cSagt mal, seid ihr total \u00fcbergeschnappt?\u201d&nbsp;<br>\u201cA Professor\u00e9, der ging uns allen st\u00e4ndig auf die Eier! \u2013 Schei\u00dfstichler!\u201d<br>Das kr\u00e4ftig unterstrichen mit der sehr eindeutigen r\u00f6mischen Geste hierf\u00fcr.<\/p>\n\n\n\n<p>Damals waren alle Werbefl\u00e4chen auf der Stra\u00dfe besetzt von einer vertr\u00e4umten jungen Dame mit benebeltem Blick. Dar\u00fcber in Gro\u00dfbuchstaben: \u201eHO FATTO L\u2018AMORE CON CONTROL\u201c . Werbung f\u00fcr Pr\u00e4servative.&nbsp;<br>Pause, alle rennen raus, einer bleibt, pflanzt sich vor mir auf:&nbsp;<br>\u201cA Professor\u00e9, ho fatto l\u2019amore con control! \u201c<br>\u201cBravo, du scheinst dich ja mit recht wenig zufrieden zu geben.\u201d&nbsp;<br>Er bewegt die Lippen, wie ein Fisch im Aquarium, dann macht er kehrt und rennt entsetzt br\u00fcllend raus:&nbsp;<br>\u201cA Barakuda! (so hie\u00df sein Freund), wei\u00dft du, was die Professoressa gesagt hat?!!\u201d \u2013 Kurzes Schweigen, w\u00e4hrend er erz\u00e4hlt, danach lachen ihn alle aus, weil er sich hat reinlegen lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich will die Sch\u00fcler alle in der Klasse, wenn ich reinkomme. Die Hausmeisterin hat einen riesigen Schl\u00fcsselbund, mit dem sie die Jungen in die Klasse jagt, nur sehr selten landet er mal auf einem Schenkel \u201eNo, Sora (=S(ign)ora) Gina, no,\u201c br\u00fcllen sie, wenn sie auch nur damit droht, und verschwinden in der Klasse. Ich habe weder ihre Statur noch so einen tollen Schl\u00fcsselbund, aber so ein nicht ganz sanfter Fausthieb auf den Oberarm tut\u2019s auch. Das spricht sich rum, und sobald ich das F\u00e4ustchen zeige, verschwinden sie auch bei mir im Klassenzimmer.&nbsp;<br>Nur einer spielt den tollen Macho, etwa 5 cm gr\u00f6\u00dfer als ich. \u201eNach Ihnen, Professoressa\u201c, sagt er galant. Wir debattieren, aber er will\u2019s mir zeigen. Ein Hieb: Ein Indianer kennt keinen Schmerz. Ein zweiter. \u201eNur zu, nur zu, Professoressa\u201c, grinst er und zeigt mir seine tollen Muskeln. Beim dritten Hieb fasse ich ihn am Kragen und schiebe ihn vor mir ins Klassenzimmer. Eine Stunde Unterricht. Als ich nach der Pause wieder zur\u00fcckkomme, grinst die ganze Klasse und schaut auf die Tafel hinter mir. Ich dreh mich um: \u201eAchtun, Achtun, Podel in the classroom!!!\u201c Auf der anderen Tafel: \u201ePodel, the Lion\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Und noch einer l\u00e4sst sich nicht beeindrucken, und das genie\u00dft er sichtlich. Sein sch\u00f6nes Gesicht sieht aus, als sei er von einem Fresko in Pompei herabgestiegen. Er blickt mich schwankenden Auges an, geht nicht zum Platz, setzt sich nicht. Schwankt selber. Das Heroin \u2013 eben nicht ich als unertr\u00e4gliche Erwachsene \u2013 hat ihn bereits im Griff. Jegliche Vernunft schwindet, irgendwann sp\u00e4ter auch die lebenserhaltende F\u00e4higkeit zu atmen. \u201e\u00dcberdosis\u201c. Weil er seine Schulden nicht zahlen kann, so hie\u00df es.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein andermal komme ich an einem Montag in die Schule, es herrschte traurige Aufregung: ein Junge, der die Kurse schon im Sommer mit guten Noten abgeschlossen hatte, war am Samstag Abend feiern gegangen, auf dem R\u00fcckweg fuhr an einer Kreuzung ein Auto mit Vollgas \u00fcber ihn samt Moped hinweg. Ein M\u00e4dchen hatte ihn gebeten mitfahren zu d\u00fcrfen, er hatte sie aber nicht mitnehmen wollen, aus unerkl\u00e4rlichen Gr\u00fcnden. Ich war nie gut im Namenmerken, geschweige denn den Namen mit Gesichtsz\u00fcgen verbinden. Schon gar nicht in der Schule, wo jedes Jahr 100 Sch\u00fcler gingen und ebenso viele neue kamen. Ich brauchte eine Weile, bis ich ihn dann pl\u00f6tzlich vor mir sah, breite Schultern, schmale Lippen, liebensw\u00fcrdige dunkle Augen. Ich habe ihn seitdem nicht mehr vergessen.<\/p>\n\n\n\n<p>Michael<br>Dein Lehrerinnen-Leben war wirklich bunt und du hast dich wacker geschlagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Claudia<br>Lieber Michael, um\u2019s mich Wacker Schlagen ging\u2019s mir in diesen Jahren an den Berufsschulen nur am Rande. Ihr bekommt gerade erst mal die lustigen raschen Geschichten, die bereits auf <a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=569\">Italienisch<\/a> ver\u00f6ffentlicht sind, in unordentlicher Reihenfolge, so wie sie nun gerade auf Deutsch aus mir rauspurzeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Faszination ist f\u00fcr mich das Lernen. Lernen ist die ureigenste F\u00e4higkeit, die den Menschen zum Menschen macht, und das Lernen als solches \u2013 ohne den erzieherischen Unterton (oder \u00dcberton) \u2013 ist ein unglaubliches individuelles Erleben, man vergisst Gott und die Welt, und hinterher dann auch den Lernprozess selbst. Drum sind ungeduldige Lehrer, die ihre eigenen Lernprozesse vergessen haben, schlechte Lehrer. Aber was sich in all meinen Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern abgespielt hat, w\u00e4hrend sie das von mir Vorgeschlagene lernten, war f\u00fcr mich so unglaublich spannend, dass es oft richtig knisterte. Ein Beispiel war eben der Trick, die Burschen dazu zu bringen, sich mal die Verfassung anzuschauen. Die h\u00e4tten sie mit einfach \u201enu lies mal\u201c nie und nimmer gelesen. Diese Stunden mit all den Kommentaren, die aus insgesamt 240 Sch\u00fclernInnen durch die Klassenzimmer flogen, waren unerwartet, lehrreich, witzig, manchmal durchaus auch \u00e4rgerlich. Ich habe in der Erz\u00e4hlung nur die 2 tollsten wiedergegeben.<\/p>\n\n\n\n<p>Michael<br>Mit wacker geschlagen meinte ich, dass du die Jungs (M\u00e4dels) im Griff hattest, in deiner Schule f\u00fcr\u2019s Leben!!!!<\/p>\n\n\n\n<p>Claudia<br>So, nu kriegt ihr auch gleich noch eine l\u00e4ngere, noch nicht ganz ausgefeilte Geschichte:<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Stunde Fahrt durch das tr\u00fcbnasse Rom und die gef\u00e4hrliche Via del Mare. Die Sch\u00fcler erkl\u00e4ren mir, sie werden heute streiken.&nbsp;<br>\u201cSchon wieder? Und warum denn nun diesmal, bitte?\u201d&nbsp;<br>\u201cJa, weil, hm, weil .. Kein Weil, wir streiken!\u201d<br>Sie sind unschl\u00fcssig, etwas zerstritten.<br>(Wie h\u00e4tte ich mich \u00fcber 2 freie Stunden gefreut. Aber das durfte ich nat\u00fcrlich nicht sagen.)<br>\u201cH\u00f6rt zu, ich trage Punkt halb neun die Abwesenden ins Register ein, wer nicht in der Klasse ist, muss morgen eine Entschuldigung bringen! Von den Eltern unterzeichnet!!!\u201d<br>Das tue ich, nur die halbe Klasse ist anwesend.&nbsp;<br>Der Klassensprecher protestiert: \u201cA Professor\u00e9, Sie k\u00f6nnen keinen Unterricht machen, wir sind zu wenig.\u201d<br>Langes Hin und Her, dann kommen wir \u00fcberein, sie machen ein \u201ecollettivo\u201c, ich darf aber im Raum bleiben. Ein echtes collettivo nach \u201968er Art h\u00e4tten sie voranmelden m\u00fcssen. Ich tue so, als ob ich Schulaufgaben korrigiere. Der kr\u00e4ftige Klassensprecher pflanzt sich mit dem R\u00fccken zu mir auf und startet eine heftige Haarw\u00e4sche: So geht das nicht weiter, wir m\u00fcssen jetzt ordentlich lernen, sonst fallen wir bei der Pr\u00fcfung alle durch!! Eine halbe Stunde ehrliche Reue, alle sind zerknirscht und haben Angst durchzufallen. Dann noch etwas Ruhe, die ersten Papierk\u00fcgelchen fliegen durch den Raum.&nbsp;<br>Dann der Klassensprecher:&nbsp;<br>\u201cA ja Kinder, ich muss euch noch was sagen! Wusstet ihr, dass es in dem Haus da und da eine Familienberatungsstelle gibt, und wenn ihr \u00e4h \u00e4h \u00e4h macht \u2013 die einschl\u00e4gige r\u00f6mische Geste ist mehr als eindeutig -, dann k\u00f6nnt ihr da hin gehen, und die l\u00f6sen euch alle Probleme. Und ihr m\u00fcsst noch nicht mal was zahlen!&#8221;<br>Die Luft im Raum steht still, aller Sch\u00fcler Augenpaare sind auf mich gerichtet. Der Klassensprecher folgt deren Blick, dreht sich um und erinnert sich nun, dass ich ja in der Klasse geblieben war.<br>\u201cA Professor\u00e9, warum sagt uns das niemand, dass es so eine Beratungsstelle gibt? Das ist doch wichtig!<br>Ich setze eine graniternste Maske auf: \u201cUnd woher wei\u00dft DU das?\u201d&nbsp;<br>\u201cIch bin da hin gegangen.\u201d<br>\u201cAh?\u201d&nbsp;<br>\u201cDie von der Notaufnahme im Krankenhaus haben uns dorthin geschickt.\u201d<br>Der Granit in meinem Gesicht zerbr\u00f6selt zu Staub: \u201cIn der Notaufnahme?\u201d&nbsp;<br>\u201cJa! Da sind wir beide hingegangen.\u201d<br>Er weist auf seinen unzertrennlichen Freund, schr\u00e4g zur\u00fcckgek\u00e4mmte Haare, schr\u00e4ge Nase, viel kleiner als er, ewig festgenageltes L\u00e4cheln zwischen freundlich und frech. Jetzt nickt er l\u00e4chelnd.<br>Ich sehe nun wohl sehr verwirrt aus, und der Klassensprecher erkl\u00e4rt:&nbsp;<br>\u201cA Professor\u00e9, also ich habe mit seiner Schwester Liebe gemacht.\u201d<br>Der beste Freund nickt wieder, l\u00e4chelnd.&nbsp;<br>\u201cNur danach hatte sie Angst bekommen, und da sind wir da hin gegangen.\u201d&nbsp;<br>\u201cZur Notaufnahme?\u201d&nbsp;<br>\u201cNein, nein, erst sind wir in die Apotheke gegangen. Der Apotheker war vielleicht ein Ignorant, Mammamia: da h\u00e4ttet ihr vorher dran denken sollen! So ein Idiot! Der hat uns dann dahin geschickt.\u201d&nbsp;<br>\u201cDer Apotheker hat euch in die Notaufnahme geschickt???\u201d&nbsp;<br>\u201cJa, Professor\u00e9, und auch die gleich: da h\u00e4ttet ihr vorher dran denken sollen! A Professor\u00e9, wie soll das gehen, vorher dran denken?\u201d, fragt er mich vorwurfsvoll. \u2013 \u201cDas hei\u00dft, jetzt, wo ich das wei\u00df, denke ich nat\u00fcrlich vorher dran!\u201d, triumphiert er.<br>\u201cAlso, die von der Notaufnahme haben euch zuletzt in der Familienberatungsstelle geschickt?\u201d&nbsp;<br>\u201cJa. Also, a Professor\u00e9, wir gehen da rein: lauter Frauen. Und wir so:\u201d \u2013 er schaut pfeifend nach oben. Sein Freund tut\u2018s ihm nach. L\u00e4chelnd. \u2013<br>\u201cDie hatten gesagt, setzt euch und wartet, dann sprecht ihr mit dem Gyn\u00e4kologen. Schlie\u00dflich kommen wir da rein: auch der Gyn\u00e4kologe ist eine Frau!<br>Aber die war nun wirklich soooo nett und freundlich, die hat gar nicht gesagt: da h\u00e4ttet ihr vorher dran denken sollen! Nein, die sagt: Setzt euch! Was ist denn passiert?<br>Ah, Professor\u00e9, warum sagt ihr uns sowas nicht? Dass es so \u2018ne Stelle gibt? Hier wei\u00df das keiner!\u201d<br>Mit riesigen klimpernden Augenlidern hinter dicken Brillengl\u00e4sern blickt er mich vorwurfs- aber auch erwartungsvoll an. Ich bin schlie\u00dflich Vertreterin der Erwachsenenwelt, die diese jungen Menschen nur einfach nicht verstehen will, nicht einmal, wenn sie so wunderbare Dinge machen, wie Liebe.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Familienberatungsstellen gab es noch gar nicht so lange, eine Errungenschaft der Frauenbewegungen der \u201970er Jahre, als Schwangerschaftsabbruch mit Gef\u00e4ngnis bestraft wurde und alle Verh\u00fctungsmittel nur zu teuren Preisen zu erstehen waren. \u2013 Mittlerweile gab es auch kein Familienoberhaupt mehr, und M\u00e4nner durften ihre Frauen nicht mehr verpr\u00fcgeln.&nbsp;<br>Junge Frauen aus einer solchen Beratungsstelle waren vor ein paar Jahren in Pomezia in die Schule gekommen und hatten den M\u00e4dchenklassen alle Verh\u00fctungsmittel erkl\u00e4rt. Den Jungen nicht, die hatten sich in anderen Schulen so unm\u00f6glich benommen, dass die jungen Frauen das nicht mehr auf sich nahmen.&nbsp;<br>Weshalb nun die Jungen beleidigt waren. Ich hatte in 2 Klassen Sozialkundestunden \u2013 in einer sa\u00df der Biertrinker \u2013 und nahm es unter strengen Verhaltensregeln auf mich, ihnen diese Erkl\u00e4rung zu liefern. Die Jungen damals hatten keine Ahnung von weiblicher Anatomie oder Menstruation.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich wusste also, worauf ich mich da in Ostia einlie\u00df, als ich antwortete:&nbsp;<br>\u201cWeil ihr immer nur bl\u00f6de Bemerkungen macht!\u201d<br>\u201cNooo, Professor\u00e9, wir sind gaaanz mucksm\u00e4uschenstill und sagen keinen Ton\u201d, als ich zu verstehen gebe, dass ich ihnen durchaus die Verh\u00fctungsmittel erkl\u00e4ren k\u00f6nnte. Mit einer Geste schlie\u00dfen sie den Mund ab und werfen den Schl\u00fcssel weg.<br>\u201cAlso gut, bei der ersten Bemerkung daneben bekommt ihr ALLE sofort ein h\u00f6llisches Englischdiktat verpasst mit Noten drauf, die f\u00fcr den Abschluss z\u00e4hlen.\u201d<br>Die Drohung wirkt, ist aber nicht n\u00f6tig. In der n\u00e4chsten Unterrichtsstunde sitzen ALLE gewaschen und geb\u00fcgelt an ihrem Platz. Sie wissen, dass sie von mir reinen Wein eingeschenkt bekommen. Weibliche Anatomie ist auch bekannt, seit ein paar Jahren gibt es ein gro\u00dfkotzig beworbenes Hardcoreheft im Zeitungshandel.<br>Am Ende der Stunde habe ich doppelt so viele Jungen im Raum, es hatte sich herumgesprochen und sie hatten sich auf Zehenspitzen eingeschlichen. Auch ein paar Lehrer. Ein \u00e4lterer Kollege staunte Baukl\u00f6tzer, er kannte all diese Mittel nicht und hatte viele Kinder.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Unsere Sch\u00fcler haben viel von uns gelernt, aber auch wir von ihnen. Am meisten staunten die externen Pr\u00fcfungskommissare, ordentliche Beamte von Region, Kommune, Arbeitsamt und Gewerkschafter. \u201eJa, wie ist das m\u00f6glich, die kennen Pythagoras nicht und Garibaldi auch nicht!\u201c&nbsp;<br>Dass man auch ohne Kenntnisse von diesen beiden hochber\u00fchmten Pers\u00f6nlichkeiten Elektriker sein kann, war ihnen unverst\u00e4ndlich. M\u00fcndliche Pr\u00fcfung, Sozialkunde:&nbsp;<br>\u201cNa, sprich \u00fcber ein Thema nach deinem Belieben!&nbsp;<br>\u201cAIDS.\u201d Damals ein seeeehr aktuelles Thema.<br>Heimliches Schlucken.&nbsp;<br>\u201cNa, gut.\u201d<br>\u201cDer n\u00e4chste, Thema nach Belieben?\u201d&nbsp;<br>\u201cDrogen: Es gibt 3 Arten von Rauschgift, die einen machen wach, die anderen machen das Gegenteil und die Dritten bewirken Halluzinationen.\u201d<br>Allererstes Thema nach Belieben waren nat\u00fcrlich die Verh\u00fctungsmittel. Da schluckten die Kommissare noch heftiger.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn diese Pr\u00fcfungskommissare dann anfingen, &#8220;kompetente&#8221; Fragen zu stellen (nach mehreren Erkl\u00e4rungen verschiedener Pr\u00fcflinge), wusste ich: auch der\/die hat&#8217;s gepackt.  <\/p>\n\n\n\n<p>Michael<br>Liebe Claudia,<br>Du bist eine echte p\u00e4dagogische Begabung. Ich habe keinerlei Begabung als P\u00e4dagoge. Ich wei\u00df das, Gott sei Dank. Nach dem Vordiplom hatte ich mich als Diplom-Handelslehrer eingeschrieben. Einige meiner Kommilitonen hatten das getan mit 6 Wochen Sommerferien und jeder Menge Freizeit und Freiheit, schien das doch ein prima Job zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe meine Einschreibung aber sehr schnell r\u00fcckg\u00e4ngig gemacht, denn mir war klar geworden, dass ich nicht nur angehende Abiturienten am Wirtschaftsgymnasium unterrichten w\u00fcrde, sondern auch Schuhverk\u00e4uferinnen in Staatsb\u00fcrgerkunde in einer Berufsschule. Ich hatte mal eine Stunde bei den jungen Damen erlebt, als ich in der 12. Klasse am Wirtschaftsgymnasium war. Die Lehrerin ist permanent beleidigt, gest\u00f6rt und ignoriert worden und war am Ende der Stunde weitgehend demontiert. Dann doch lieber in der Wirtschaft seine Knete verdienen, ist im Endeffekt schonender, sagte ich mir.<\/p>\n\n\n\n<p>Also liebe Claudia, ich ziehe der Hut vor dir.<\/p>\n\n\n\n<p>Claudia<br>Jeder hat seinen Job, wichtig ist, dass man ihn ehrlich und kompetent aus\u00fcbt. Lehrer werden, ohne es zu m\u00f6gen und zu verm\u00f6gen, nur, weil man da viel Freizeit hat, da bel\u00fcgt man sich selbst. Und nat\u00fcrlich die Sch\u00fcler. Ich h\u00e4tte deinen Job auch nicht machen k\u00f6nnen. Aber mir hat das alles Spa\u00df gemacht, bei aller M\u00fche. Die Geschichten, die ich euch erz\u00e4hle, kann man nicht erfinden. Die muss man erleben. Und es kommen noch ein paar mehr. Was kann man denn an solch wunderbaren Jungen bem\u00e4ngeln, wie diesen beiden ums M\u00e4dchen besorgten, wunderbar ehrlichen, sicherlich lauten und krachigen? Sie kennen die italienische Orthografie nicht, k\u00f6nnen schon gar nicht rechte S\u00e4tze mit Punkt und Komma schreiben, aber sie haben das Herz am rechten Fleck.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>M\u00e4dels lernen \u00fcbrigens anders. Sie kommen, weil sie etwas bestimmtes lernen wollen. Es sind intensive Stunden, aber fast nie kontradiktorisch. Sie f\u00fchlen dir sofort auf den Zahn, ob du kompetent bist, wenn nicht, bist du bei diesen M\u00e4dchen nur einfach gleich unten durch. Das war ja mein Vorteil in der allerersten Zeit, als ich da so einfach reinkatapultiert wurde.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der \u00e4tzende Direktor \u2013 der letzte \u2013 konnte unglaublich sch\u00f6n schreiben, beherrschte B\u00fcrokratendeutsch perfekt, alles andere war Schei\u00dfe. Als ich ging, gab er mir nonchalant die Hand:&nbsp;<br>\u201cNichts f\u00fcr ungut, wir sind ja schlie\u00dflich erwachsene Menschen.\u201d&nbsp;<br>Ich bin nicht Katholikin, ich glaube nicht an Gott und das Paradies, also auch nicht an den Teufel und die H\u00f6lle. Aber sollte es doch eine H\u00f6lle geben, dann landest du dort. Dachte ich, sagte es aber nicht. Meine W\u00fcnsche h\u00e4tten seine zuk\u00fcnftigen H\u00f6llenqualen nicht erheblich intensiviert. Er hatte den Schwanz eingezogen, weil er wusste, wie schwierig es war, unbezahlten Urlaub zu kriegen und glaubte nun, ich h\u00e4tte eben doch m\u00e4chtigere Besch\u00fctzer und die k\u00f6nnten ihm noch schaden.<\/p>\n\n\n\n<p>B\u00fcrokratenitalienisch, nat\u00fcrlich<\/p>\n\n\n\n<p>Michael<br>Heftige Zeiten an der Schule damals. Nicht die Sch\u00fcler, wie bei vielen Lehrern, sondern der Schulleiter hat dir das Leben schwer gemacht. F\u00fcr die Sch\u00fcler sehr schade, eine gute Lehrerin zu verlieren, f\u00fcr dich sehr schade, einen Job mit Berufung aufgeben zu m\u00fcssen. Du hast dich im vorstehenden Text so liebevoll f\u00fcr deine r\u00fcpelhaften Sch\u00fcler eingesetzt, das kann nur Berufung gewesen sein. Schade, Schade! Es gibt wirklich miese und inkompetente Typen, die einem den Spa\u00df an seinem Beruf versauen k\u00f6nnen. Angela kann ja auch ein Lied davon singen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich hatte zwar auch jede Menge Zoff mit Vorgesetzten, hatte aber auch menschlich wirklich gute Chefs. Mir hat immer meine ruppige Art geholfen, mit solchen Typen meine K\u00e4mpfe auszufechten und sicherlich auch etwas meine Spezialkenntnisse und dann nat\u00fcrlich, dass ich meine meisten Berufsjahre bei einer Beh\u00f6rde verbracht habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Da wird keiner so leicht gefeuert, wobei es immer Leute gab, die mich gerne gefeuert h\u00e4tten. Wie gesagt, mein letzter Minister hat mich mit den Worten entlassen\u201d Sie haben doch immer gemacht, was Sie wollten\u201d.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist alles jetzt tempi passati und das ist gut so.<\/p>\n\n\n\n<p>Claudia<br>Die F\u00e4hre nach Civitavecchia machte diesmal einen Zwischenhalt und kam viel sp\u00e4ter an. Ich habe viel geschrieben, mein Handy platzt aus allen N\u00e4hten.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier die ebenfalls ungeschliffene Geschichte von Francesco aus der Zeit in der Sprachenschule f\u00fcr Erwachsene:<br>Franscesco ist Fotograf. Ein Vollblutfotograf. Als Kind fiel ihm unversehens ein Fotoapparat in die H\u00e4nde, er begriff sofort, und damit war sein Schicksal besiegelt.&nbsp;<br>Nun fotografiert er g\u00f6ttlich sch\u00f6ne alte Handschriften in der vatikanischen Bibliothek. Mit Glac\u00e9ehandschuhen, h\u00f6chster Vorsicht, nichts darf kaputtgehen, ein einziger Kratzer w\u00e4re eine Katastrophe, aber jede Seite muss perfekt fotografiert werden. Ein deutscher Verlag macht daraus Facsimile-Ausgaben. Deshalb soll er Deutsch lernen. Hat er schon ein paar mal versucht, aber er hat einen Fotografen- und keinen Sprachenkopf. Dritter Versuch in unserer Sprachenschule: Ob er alles auf Tonband aufnehmen darf? Das hilft ein bisschen.&nbsp;<br>\u201cJa, nat\u00fcrlich.\u201d&nbsp;<br>Die Didaktikh\u00e4ppchen werden immer kleiner.&nbsp;<br>\u201cWarum gibt es im Deutschen F\u00e4lle?\u201d&nbsp;<br>\u201cJa, Deutsch funktioniert halt so.\u201d&nbsp;<br>\u201cAber kann ich denn nicht einfach ohne F\u00e4lle Deutsch sprechen?&nbsp;<br>\u201cNein, das funktioniert leider gar nicht.\u201d<br>\u201cAber im Italienischen geht das doch auch ohne?!\u201d<br>\u201cNun ja, ganz so ist das auch wieder nicht. Es gibt complemento di termine und complemento oggetto: <em>io gli do la mano<\/em> (ich gebe ihm die Hand) und <em>io lo vedo<\/em> (ich sehe ihn).\u201d&nbsp;<br>Sehr langes Schweigen. Irgendwo kommt der Sinn von Dativ und Akkusativ ganz vorsichtig an. ABER: das alles andauernd, mit allen Adjektiven, Substantiven, m\u00e4nnlich, weiblich, s\u00e4chlich, Plural, merken, bei welcher Pr\u00e4position welcher Fall drankommt, dann gibts ja sogar noch welche mit vollkommen unverst\u00e4ndlichem Genitiv, und in die Schule und in der Schule.<br>Allerdings bleibt Francesco bei uns, macht weiter, jede Stunde ein paar Minuten fr\u00fcher, 20 Minuten fr\u00fcher zur 7. Lektion. Er platzt mitten in meine Vorbereitung:&nbsp;<br>\u201cIch bin ein Vollidiot!\u201d Und knallt die Tasche auf den Tisch.&nbsp;<br>\u201cIch verstehe doch \u00fcberhaupt nichts!!\u201d Und knallt den Motorradhelm auf den Tisch.<br>\u201cFrancesco, um Himmels Willen, was ist denn los?\u201d&nbsp;<br>\u201cNa also, verdammt noch mal, auf diesem Tonband: da erkl\u00e4rst du, und dann kommt Schweigen. Dann: ich wiederhole, du erkl\u00e4rst wieder, und ich sage wieder nichts! Und du erkl\u00e4rst und erkl\u00e4rst und \u201eich wiederhole\u201c und \u201eich wiederhole\u201c, und immer kommt Schweigen! Was mache ich denn um Himmels Willen, wenn da so viel Schweigen ist?\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Dass Schweigen, die Stille in einem vollen Klassenzimmer f\u00fcr mich knistert, dass deine Fehler f\u00fcr mich der Schl\u00fcssel in deinen Kopf, in deine Denkvorg\u00e4nge sind, kann ich ihm nicht erkl\u00e4ren.&nbsp;<br>\u201cDu denkst.\u201d<br>Nun ist er vollkommen \u00fcberrascht.<\/p>\n\n\n\n<p>Er nimmt noch weitere 20 Stunden, h\u00f6rt sich die Lektionen immer wieder an, w\u00e4hrend er unermesslich wertvolle Inkunabeln fotografiert. Der Verlag ist dann doch zufrieden mit seinem Deutsch. Die f\u00fcr ihn immer vorteilhafteren Vertr\u00e4ge \u00fcbersetze ich ihm dann aber doch pr\u00e4zise, sicherheitshalber, bevor er sie unterschreibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Michael<br>Sch\u00f6ne Geschichte! Anfang des Jahres habe ich Geschichten (Erz\u00e4hlungen) von V.S. Naipaul gelesen. Der Band hei\u00dft \u201cIn einem freien Land\u201d. Ich glaube, die Anthologie w\u00fcrde dir auch gefallen. Eine Geschichte hei\u00dft: Sag mir, wen ich umbringen soll\u2026\u2026..Sch\u00f6n schr\u00e4g, nicht wahr.<\/p>\n\n\n\n<p>Claudia<br>Zu deinem letzten Kommentar, vorletzten: Ja, die Jungens sind gro\u00df, kr\u00e4ftig, sie bilden Gruppen, sie k\u00f6nnen mich ohne weiteres umhauen, es gibt Meuten, die Blut gerochen haben und einige Jahre zuvor Pasolini da in Ostia ziemlich grausam umgebracht haben. Aber sie sind eben doch gerade etwas zu schnell gewachsene Kinder, die die Mamma brauchen, all uns Erwachsene, um ihren Weg zu finden. Dass sie mal einfach draufhauen, geh\u00f6rt zum Erwachsenwerden dazu, das sind notwendige Unbh\u00e4ngigkeits\u00fcbungen.<br>Manchmal haben sie mich f\u00fcrchterlich ge\u00e4rgert, und gleich danach mit allen Mitteln versucht, mich wieder zum Lachen zu bringen.<br>Was ihnen bei all der Kreativit\u00e4t, die sie besa\u00dfen, nat\u00fcrlich fr\u00fcher oder sp\u00e4ter gelang.<\/p>\n\n\n\n<p>Michael<br>Auf jeden Fall hast du keine Verletzungen erlitten und offensichtlich positive, fast etwas wehm\u00fctig Erinnerungen an die Zeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Claudia<br>Nee, ich blieb unversehrt, die schlimmste Angst hatte ich in der h\u00e4sslichen Sitzung, nach der ich dann gegangen bin, vor den Kollegen. Eben wegen des Meuteverhaltens.<br>Sie waren danach alle ungeheuer lieb zu mir, aber f\u00fcr mich war das nur einfach zu Ende.<br>Wehm\u00fctig eigentlich weniger, ich erinnere mich gern daran, und aus der Entfernung so vieler Jahre entdecke ich auch ganz andere Perspektiven und Zusammenh\u00e4nge.<br>Macht Spa\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Michael<br>Das merke ich!<\/p>\n\n\n\n<p>Claudia<br>Ich hoffe, es macht euch auch Spa\u00df, ihr werdet so langsam meine Versuchskaninchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Angela<br>Auf jeden Fall, du kannst sehr kurzweilig und lebendig erz\u00e4hlen \ud83d\ude00<\/p>\n\n\n\n<p>Michael<br>Martina hat beruflich viel um die Ohren, deshalb ist sie momentan etwas schweigsam<\/p>\n\n\n\n<p>Claudia<br>Ich w\u00fcnsche ihr, dass sie nicht wieder in die \u00dcberarbeitungsfalle saust.<\/p>\n\n\n\n<p>So, nu kriegt ihr noch die Geschichte vom Zauberlehrling<br>Nach der 5. Unterrichtsstunde mit den beiden ungleichen Diplomaten beim Staatspr\u00e4sidenten ging ich also zum neuen dritten Sch\u00fcler im Quirinalspalast. Ich hatte keine Ahnung, was mich erwartete. Er nat\u00fcrlich schon.&nbsp;<br>\u201eDottoressa, buon giorno.\u201c Kaffee? Er redet eine Weile um den hie\u00dfen Brei, dann:&nbsp;<br>\u201cJa, wissen Sie, ich habe mir Deutsch selber beigebracht, ich lese Thomas Mann, aber ich kann nicht sprechen.\u201d (? oh Gott). <br>Dann klingelt das Telefon:&nbsp;<br>\u201cPronto? \u2013 Ja, unseren verehrten Pr\u00e4sidenten.\u201d \u2013 Er wird weiterverbunden. Unser verehrter Staatspr\u00e4sident redet eine ganze Weile. Dann: \u201cJa, also wei\u00dft du . .. . (oh gottogott!).\u201d<br>Wir vereinbaren Datum und Uhrzeit der ersten Lektion.&nbsp;<br>2 schlaflose N\u00e4chte.&nbsp;<br>Ich war im \u2013 noch \u2013 ziemlich von Langweile gepr\u00e4gten Quirinal mittlerweile bekannt wie ein bunter Hund: die Deutsche, die dem hohen Herrn Minister den Kopf verdreht hatte. Minister ist der Diplomatentitel des Sprechers. Der muss wohl ziemlich viel von mir erz\u00e4hlt haben.&nbsp;<br>Als ich nun h\u00f6chst konzentriert zu dieser Lektion aus dem Kab\u00e4uschen am Eingang kam, wo ich den Personalausweis hinterlegt hatte, salutierte der Corazziere mit Hackenknall, S\u00e4belrassen und Helmschweifrascheln. Ich erschrak heftig und sah mich um, welchem hohen Tier ich wohl den Weg geschnitten hatte. Alle lachten sich tot, einschlie\u00dflich Corazziere, der das gar nicht durfte.&nbsp;<br>Meine gerade erst begonnene Karriere als qualifizierte Freiberuflerin stand auf dem Spiel.&nbsp;<br>Ich konnte diesem den Staatspr\u00e4sidenten duzenden Hochstapler ja nicht sagen: na, nu schalt mal ein bisschen runter. Thomas Mann im Alleingang! Gibts nicht.&nbsp;<br>Ich hatte den Zauberberg aus dem B\u00fccherschrank geholt, eine sch\u00f6ne Settembrini-Szene fotokopiert, eine Doppelseite, auf der keine Namen genannt werden.&nbsp;<br>Die gebe ich ihm kommentarlos. Er studiert sie kurz, dann: \u201cAh, si, \u201eLa montagna incantata\u201c.\u201d<br>Er liest schr\u00e4g und holprig, \u00fcbersetzt miserabel, weil er das Deutsche als deutsch versteht. Welch ein Kopf!<br>Zur n\u00e4chsten Stunde komme ich etwas zu sp\u00e4t, die beiden Diplomaten hatten mich mit Fragen gel\u00f6chert. Er empf\u00e4ngt mich mit einem herrlichen Grinsen:<br>\u201eIch harrte Ihrer!\u201c&nbsp;<br>Also nun: Tonbandger\u00e4t mit Anfangslektion:<br>Guten Tag, J\u00e4ger mein Name \u2013 Sehr erfreut! Ich hei\u00dfe Hase. \u2013 Kaffee oder Tee? \u2013 Mit Zucker? Ja, bitte. \u2013 Nein, danke. Milch.&nbsp;<br>Das versteht intuitiv jeder noch so sprachunbegabte Italiener.&nbsp;<br>Mein toller Sch\u00fcler sitzt stocksteif von Panik ergriffen, entsetzt, ich spule hin und zur\u00fcck, nichts zu machen, er versteht nicht mal Kaffee, ihm stehen alle Haare zuberge.&nbsp;<br>Plan B hatte ich nat\u00fcrlich mitgenommen, Goethes Zauberlehrling. Meine Stimme beruhigt ihn, der Zauberlehrling gewinnt ihn wieder f\u00fcr gesprochenes Deutsch. Zuletzt: \u201cDottoressa, wagen Sie ja nicht, dieses entsetzliche Ger\u00e4t da noch einmal mitzubringen.\u201d&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wenig sp\u00e4ter bring ich es doch noch mal mit, mit Zauberlehrling, etwas Zauberberg und vielen Zahlen. Das Band schenke ich ihm.&nbsp;<br>Der Staatspr\u00e4sident war ziemlich am Ende seiner Amtszeit angekommen und hatte nun so ein paar dr\u00fcckende Steinchen aus dem Schuh auf die von Gorbatschows weltver\u00e4ndernden Initiativen eh schon recht verwirrten Politiker gefeuert. Die H\u00f6lle war los, die beiden Diplomaten hatten den Deutschkurs schon aufgegeben, mein Zauberlehrling opferte das Mittagessen zuhause, um noch ein paar Lektionen weiterzumachen.<br>Aber dann gab auch er auf, und ich verschwand wieder aus der Gespr\u00e4chsthemenliste im Staatspr\u00e4sidentenpalast.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">***<\/p>\n\n\n\n<p>Heute bekommt ihr die Geschichte von der Zauberfl\u00f6te und die vom Erwerb meiner beruflichen Kompetenzen.<br>Im Zug nach Mailand werde ich dann noch die von Meckie Messers J\u00fcngstem aufschreiben.<\/p>\n\n\n\n<p><br>Die Bahn nach Ostia war ein Krupp\u2018sches Wunderwerk aus den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Manchmal, vor allen Dingen im Winter, blieb sie wom\u00f6glich mal eine Viertelstunde mit weit ge\u00f6ffneten T\u00fcren an einem Bahnhof stehen, Heizung gab\u2018s nat\u00fcrlich nicht, aber wenn dann noch die Tramontana pfiff, der eiskalte Nordostwind, dann wurde es richtig ungem\u00fctlich.&nbsp;<br>In den letzten Jahren fuhr ich dann eben doch mit dem Auto.<br>\u201cA Professor\u00e9, nimmste uns mit bis zur Ampel in Acilia?\u201d&nbsp;<br>Ich bin guter Laune und die beiden d\u00fcrfen einsteigen. Haarscharfe Kontrolle, wie die aus Parkplatz rauskommt. Dann:&nbsp;<br>\u201cA Professor\u00e9, haste denn keine Musik?\u201d&nbsp;<br>\u201cDoch, nat\u00fcrlich habe ich Musik!\u201d&nbsp;<br>\u201cNa dann, schalt mal ein und spiel uns was vor! \u201c<br>\u201cNa klar! \u201c<br>Mozart, Zauberfl\u00f6te. Sarastros Stimme steigt in die tiefsten Tiefen der Unterwelt und erntet leisen Protest. Dann die K\u00f6nigin der Nacht. Die beiden schweigen und steigen schlie\u00dflich mucksm\u00e4uschenstill an der Ampel in Acilia aus.&nbsp;<br>Eine Woche sp\u00e4ter:<br>\u201cA Professor\u00e9, nimmste uns mit?\u201d&nbsp;<br>\u201cBis zur Ampel in Acilia? \u201c<br>\u201cJa.\u201d&nbsp;<br>Diesmal sind sie zu viert. Wieder Parkplatzausfahrtkontrolle, dann leise von hinten, wo einer der neuen sitzt:&nbsp;<br>\u201cUnd die Musik?\u201d<br>\u201cNa klar\u201d, sagt der etwas Draufg\u00e4ngerischere, der den Mut hatte, sich neben mich zu setzen. \u201cA Professor\u00e9, schalt mal die Musik ein! Aber bitte diese Musik da, die vom letzten Mal, diese .. diese\u2026, na dieses Weib da, was da so singt!\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Martina<br>Deine Geschichten lese ich sp\u00e4ter, im Moment komme ich nicht hinterher. Da kriegst du auch noch eine R\u00fcckmeldung. Du bist ja richtig im kreativen Schwung \u263a\ufe0f<\/p>\n\n\n\n<p>Claudia<br>Schwung, ja genau. Bin aber nun fast durch. Lies, wann es dir Spa\u00df macht. Bin neugierig.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Angela<br>Ich komme auch gar nicht mehr hinterher.&nbsp; Beim Autofahren liest es sich so schlecht. \ud83d\ude31<br>Ich bin jetzt in Chemnitz und war heute Vormittag noch im Museum. Fotos folgen.<br>Ich war bei Dix, Felixmuller und Co. Delaunay konnte mir aber auch sehr gefallen.&nbsp;<br>Claudia, deine Geschichten sind schon kurios.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Claudia<br>Kinder, lest bitte, wann es euch Spa\u00df macht. Nicht in Hetze. Ihr k\u00f6nnt mir auch in 2 Jahren euren Senf dazu geben.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Staatspr\u00e4sidentschsftsabenteuer hatten mit Politik und Politikern nichts zu tun. Es war professionelles K\u00f6nnen, das ich in der Berufsschulenzeit zum Teil von mir selber unbemerkt erworben hatte. Sch\u00fclergerechte didaktische H\u00e4ppchen zubereiten, dazu muss man die Sch\u00fclerInnen genau studieren, um herauszufinden, worauf man aufbauen kann und wo es noch hapert. Das machte mir Spa\u00df. In den ersten 2 Jahren in Ostia erarbeitete ich einen auf die nicht gerade gro\u00dfartigen sprachlichen F\u00e4higkeiten zugeschnittenen Englischkurs. Mit der Schreibmaschine. Computer waren v\u00f6llig unbekannt. Zuletzt konnten sie eine Installationsanweisung mit allen verf\u00fcgbaren Hilfsmitteln eben doch verstehen. Das war dann eine ganz tolle Errungenschaft f\u00fcr sie.<br>Ich stellte diesen Kurs einem Kollegen aus der ersten Schule mit dem psychopathischen Leiter zur Verf\u00fcgung: Nein, Claudia, sowas w\u00fcrde ich niiiiie erfinden, so einen Gefallen tu ich dem Chef nun wirklich nicht.&nbsp;<br>Mir waren die denkbehinderten Neurotiker in den Chef- und Zwischenetagen vollkommen egal. Wenn ich in der Klasse war, sa\u00dfen vor mir 20 Jugendliche, die etwas von mir erwarteten, und das war meine Aufgabe. Das war immer kreative Zukunftsarbeit.<br>Zum Zweiten fuhr ich jeden Morgen anderthalb Stunden mit Bussen und Bahn zur Schule. Eine fr\u00fche Morgenstunde Zeitungslekt\u00fcre mit klarem Kopf. Ich las \u201eil manifesto\u201c, eine sehr d\u00fcnne, ganz linke Tageszeitung, die es in sich hatte; da gab es zwei Journalisten, Luigi Pintor und Rossana Rossanda, die praktisch t\u00e4glich interessante Beitr\u00e4ge schrieben, in gro\u00dfartigem Italienisch.&nbsp;<br>Nach 10 Jahren solcher Morgenlekt\u00fcre und sp\u00e4ter Radioh\u00f6ren im Auto beherrschte ich die italienische Sprache schon fast besser als mancher meiner neuen \u00dcbersetzerkollegen.<br>Nun musste ich mir Kunden suchen, unbezahlten Urlaub, das konnte ich mir nicht leisten. Schon einen Monat bevor ich Ostia verlie\u00df, hatte ich die gelben Seiten genauestens studiert, fand \u00dcbersetzungsb\u00fcros, eines nicht weit von zuhause weg (es gab ja noch kein Internet), eine deutsche J\u00fcdin hatte h\u00f6llisch viel Arbeit, zu Billigstpreisen. Zum Lernen war das ausgezeichnet.&nbsp;<br>Dann suchte ich nach Sprachenschulen, um weiter ein bisschen unterrichten zu k\u00f6nnen. Eine bot auch ein Simultandolmetschtraining an. Da wollte ich hin, unterrichten und gleichzeitig lernen. Wow!&nbsp;<br>\u201cJa, Sie m\u00fcssen hier einen Fragebogen ausf\u00fcllen.\u201d<br>Tu ich, fahre wieder nach Hause. Kaum angekommen klingelt das Telefon:&nbsp;<br>\u201cKommen sie doch bitte zu einem Gespr\u00e4ch mit der Direktorin her.\u201d \u2013 Tu ich.&nbsp;<br>Die Leiterin \u2013 die mich dann sp\u00e4ter fragte, was ich mit den M\u00e4nnern im Quirinalspalast anstelle -, hatte ein helles und ein dunkles Auge. Damit studierte sie ihr Gegen\u00fcber eingehend. Sie fragt mich alles m\u00f6gliche, dann:&nbsp;<br>\u201cIch w\u00fcrde Ihnen gerne den Simultankurs anvertrauen.\u201d&nbsp;<br>\u201cWie bitte?!!\u201d<br>\u201cJa, die Signora, die das grade macht, ist Bildhauerin, das hier ist ihr viel zu anstrengend. Sie will aufh\u00f6ren.\u201d&nbsp;<br>\u201cJa, aber .. -\u201d<br>\u201cSie haben gro\u00dfartige Lehrerfahrung und ein ausgezeichnetes Italienisch. Die Kollegin wird Sie einweisen. Und dann kommt hier als Beraterin einmal im Monat die Deutschdolmetscherin aus dem Au\u00dfenministerium.&nbsp;&#8220;<br>V\u00f6llig neue Didaktikh\u00e4ppchendimensionen. Ich hatte vier StudentInnen. Deutsche Zeitungen suchen, lesen, Artikel ausarbeiten. Einmal verwendete ich einen Artikel aus der \u201eZeit\u201c mit Zukunftsvisionen: \u201eTelefon in der Tasche\u201c.&nbsp;<br>Die Dame aus dem Au\u00dfenministerium kam, war erfreut \u00fcber die frische Luft. Ich lie\u00df sie aus ihrer Erfahrung berichten, die Dolmetscher dolmetschten, alle vier gleichzeitig, zum Schluss hatten alle hochrote K\u00f6pfe vor Anstrengung und Begeisterung.<br>Die Mauer fiel, da gab es wieder hochinteressanten zu verdolmetschenden Gespr\u00e4chsstoff, Dolmetscher brauchen immer viel Hintergrundwissen. Und dann fragte mich diese Dame eben mal so beil\u00e4ufig, ob ich mir das zutrauen w\u00fcrde, einem Diplomaten da im Quirinal Deutschunterricht zu geben.<\/p>\n\n\n\n<p>Michael<br>Was du dir autodidaktisch an F\u00e4higkeiten und Wissen mit sehr viel eisernem Willen, aber auch totaler Begeisterung f\u00fcr Menschen und die Sache erworben hast, finde ich mehr bemerkenswert.&nbsp;<br>Da finde ich den Weg \u00fcber die Uni bedeutend bequemer. Mir w\u00e4r\u2019s zu anstrengend gewesen, ich h\u00e4tte es auch nicht geschafft.<br>In Deutschland w\u00e4re eine Karriere, wie du sie gemacht hast, ohne die entsprechenden formalen Bildungsabschl\u00fcsse auch \u00fcberhaupt nicht m\u00f6glich gewesen. Das finde ich auf der einen Seite sehr schade, dass wir keine Flexibilit\u00e4t erlauben, die auch dem K\u00f6nnen eine Chance gibt, auf der anderen Seite ist bei der hier gegebenen relativ guten Vergleichbarkeit der Hochschulabschl\u00fcsse zumindest eine gewisse Fachkompetenz nachgewiesen. In meinem Referat hatten alle einen BA oder einen MA. Trotzdem gab\u2019s Mitarbeiter, die man vergessen konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Claudia<br>Ich bin ein paar Jahre sp\u00e4ter zweimal nach Bonn gefahren und habe die Dolmetscher- und \u00dcbersetzerpr\u00fcfung f\u00fcr Quereinsteiger gemacht. Das gab es schon. Vor allem im Sprachenfach geht Auslandserfahrung weit \u00fcber jegliches Studieren hinaus.&nbsp;<br>Das wusste ich zun\u00e4chst nur nicht.<br>Eisern war ich nicht, sondern z\u00e4h, also doch etwas elastisch.<br>Alle Kollegen in der Berufsschule hatten einen Beruf, den sie dort lehrten und durchaus h\u00e4tten aus\u00fcben k\u00f6nnen. Keiner hat sich getraut zu gehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Michael<br>Mut tut gut!!!\ud83d\udc4d\ud83d\udc4d<\/p>\n\n\n\n<p>Claudia<br>\u201cA Professor\u00e9, in was f\u00fcr einer Welt leben Sie denn?\u201d&nbsp;<br>\u201cJa, \u00dcberdosis, ist doch allgemein bekannt! \u201c<br>\u201c\u00dcberdosis? Haha! Die kriegen Strichnin oder Marmorstaub. \u201c<br>Ich sehe wohl \u2013 mal wieder \u2013 etwas verwirrt aus: \u201cStrichnin? Das ist doch Gift!\u201d&nbsp;<br>\u201cJa eben! Glauben Sie denn wirklich, dass ein Dealer wertvolles Heroin verschwendet, um einen um die Ecke zu bringen? \u201c<br>\u201cUm die Ecke bringen? \u201c<br>\u201cNa klar!\u201d&nbsp;<br>\u201cJa, wieso denn?\u201d&nbsp;<br>\u201cAh, Professor\u00e9, einer, der aussteigen will, einer, der einen Entzug gemacht hat und so, der ist gef\u00e4hrlich. Der k\u00f6nnte auspacken und alles kaputt machen, den ganzen Giro verraten, und das kann sich kein Dealer leisten. Und dann kriegt der eben Marmorstaub, oder Strichnin ins T\u00fctchen und dann ist er gleich weg.\u201d&nbsp;<br>\u201cAber das ist Mord!\u201d<br>\u201cJa. Mord. Ein Drogentoter, das ist gezielter, geplanter, vors\u00e4tzlicher Mord. Alle anderen, die \u00c4rzte im Krankenhaus und so, die l\u00fcgen mit \u201c\u00dcberdosis\u201d, sonst sind die fr\u00fcher oder sp\u00e4ter auch dran. \u00dcberdosis, dass ich nicht lache, \u00dcberdosis! Das gibts nicht.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist die Welt, in der unsere Jungens leben. Jeder 15j\u00e4hrige hat eigene Ideale, mit denen er gegen diese Erwachsenenwelt bestehen will. Ein Teil ihrer Hoffnung ist unsere Schule, mit der sie hoffen, dieser Gewaltt\u00e4tigkeit um sie herum zu entkommen in eine bessere Welt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Meckie Messers J\u00fcngster, der letzte von 7, war eine erstaunliche Pers\u00f6nlichkeit. Neurotisch bis zum geht nicht mehr, Zappelphilipp, hochintelligent, schreiben kann er nicht, er kennt mit M\u00fch und Not noch die Gro\u00dfbuchstaben. Kein Lehrer seiner katastrophalen schulischen Vergangenheit war in der Lage gewesen, ihm irgendetwas beizubringen. Bei uns bleibt er, laut, krachig, ich schmei\u00dfe ihn unz\u00e4hlige Male raus, immer kommt er wieder, versucht mit seinen wackeligen Gro\u00dfbuchstaben zu schreiben, nichts von dem, was er h\u00e4tte lernen k\u00f6nnen, kommt irgendwie oder -wo wieder zum Vorschein, weder m\u00fcndlich noch \u2013 geschweige denn \u2013 schriftlich. Aber er kommt, immer, t\u00e4glich, obwohl er nicht stillsitzen kann, macht Krach, aber er hat eben das K\u00f6pfchen, das ich oben im \u00dcberdodis-Dialog beschrieben habe. Im M\u00e4rz des 2. Jahres \u2013 M\u00e4rz ist der entscheidende Monat eines Schuljahres \u2013 klappt pl\u00f6tzlich alles. Er schreibt, Gro\u00dfbuchstaben, aber glatt und mit Charakter, alles kommt ziemlich ordentlich wieder raus, was er in anderthalb Jahren verschlungen hat, wie in schwarzes Loch. Er besteht die Pr\u00fcfung am Ende des Jahres schon fast gl\u00e4nzend.&nbsp;<br>Und er freut sich, wenn ich ihm zuh\u00f6re, endlich mal eine aus der anderen nicht sehen und nicht begreifen wollenden Welt, die ihn reden l\u00e4sst. Und zuh\u00f6rt. Nat\u00fcrlich ist er der Chef der Klasse, aber er ist in den sozialen Beziehungen zu den Gleichaltrigen schon fast zu weise.<br>Sein Vater hat auch ein paar Morde auf dem Gewissen, so munkelt man, beweisen konnte man ihm nichts. Er geht im Gef\u00e4ngnis ein und aus und: er h\u00e4lt eiserne Kontrolle \u00fcber den schlimmsten Platz in Ostia, Piazza Gasparri, China Town, eigentlich hei\u00dft die Piazza schon seit Jahren Piazza Pasolini.&nbsp;<br>Rom war bis Mitte der 70er Jahre voller Wellblechh\u00fctten, die die neue aufregende kommunistische Regierung der Stadt ab 1975 aus dem Weg r\u00e4umte. Es wurden soziale Wohnanlagen gebaut, nat\u00fcrlich nicht gerade auf teurem Innenstadtgrund. Eine davon war Piazza Gasparri, am n\u00f6rdlichen Rand von Ostia, ohne jegliche soziale Anbindung, wom\u00f6glich 40 km entfernt von der Barackenstadt, in der die Familien zuvor doch im Umfeld ein kleines Einkommen hatten erarbeiten k\u00f6nnen. Sch\u00f6ne Wohnungen in der H\u00f6lle organisierter Kleinkriminalit\u00e4t, mit Blick aufs Meer.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich h\u00f6re die ungeheuerlichsten Geschichten, von der Logik des Autodiebstahls, zum Beispiel. Das gestohlene Auto verschwindet erstmal, \u2013 es k\u00f6nnte ja einer f\u00fcr diesen Giro unantastbaren Pers\u00f6nlichkeit geh\u00f6ren -, wenn nicht, dann wird es total umfrisiert, vollkommen unkenntlich, auch die Fahrgestellnummer \u00e4ndert sich perfekt. Das Auto wird nun als Gebrauchtwagen verkauft, ein paar Tage sp\u00e4ter wird es wieder gestohlen. Denn die Polizei hat durchaus Mittel, um die Umfrisierung der Fahrgestellnummer zu erkennen. Das darf nicht passieren, denn dann w\u00fcrde auch dieser ganze Giro auffliegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich eines Tages ziemlich verst\u00f6rt zur Schule komme:&nbsp;<br>\u201cA Professor\u00e9, was ist Ihnen denn \u00fcber die Leber gelaufen?\u201d&nbsp;<br>\u201cEinbrecher.\u201d&nbsp;<br>\u201cBei Ihnen zuhause?\u201d&nbsp;<br>\u201cJa.\u201d&nbsp;<br>\u201cA Professor\u00e9, wo wohnen Sie denn?\u201d&nbsp;<br>\u201cTiburtina.\u201d<br>\u201cWo ist das?\u201d&nbsp;<br>\u201cAm anderen Ende von Rom.\u201d\u201d&nbsp;<br>\u201cVerdammt noch mal, neee, da k\u00f6nnen wir nichts machen. Das sind andere. Weil, wenn Sie hier wohnen w\u00fcrden, dann w\u00fcrden wir ihnen alles wiederbringen. Alles.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Michael<br>Was fangen solche Jungs mit ihrem Leben an? Sicherlich gibt es in deutschen Gro\u00dfst\u00e4dten auch soziale Brennpunkte, vor allem solche, mit hohem Migranten Anteil.<br>Ich kann die italienische Gesellschaft nicht beurteilen und wei\u00df nicht, ob das eher ein s\u00fcditalienisches Problem ist.<br>Habe mich vor langer Zeit, im Grundstudium, mal mit franz\u00f6sischer Parteien und Gewerkschaftsgeschichte besch\u00e4ftigt und damit auch mit der franz\u00f6sischen Gesellschaftsstruktur. Hieraus erkl\u00e4ren sich f\u00fcr mich schon Le Pen, die Banlieues etc. \u00dcber Italien wei\u00df ich nur ein wenig \u00fcber seine Geschichte, aber nichts \u00fcber seine Gesellschaft.<\/p>\n\n\n\n<p>Claudia<br>Das ist die erste Frage, was k\u00f6nnen die mit ihrem Leben anfangen? Wenig oder nichts. Unsere Schule war die gro\u00dfe Hoffnung, jedes Jahr standen sie Schlange, um zugelassen zu werden, rigoros die ersten 100 Bewerber durften rein, wer die erste Woche nicht kam, war raus. Der n\u00e4chste, bitte. Ob es allerdings dann in Ostia Arbeit f\u00fcr 50 Elektriker und 25 Sekret\u00e4rinnen pro Jahr gab, ist eine andere Frage. Immerhin lernten sie dazu, auch in ihren sozialen Beziehungen, festigten ihre Pers\u00f6nlichkeit, waren ein paar (entscheidende) Jahre nicht den ganzen Tag auf der Stra\u00dfe.&nbsp;<br>Daf\u00fcr arbeiteten wir.<\/p>\n\n\n\n<p>Die andere Frage: Wieso schweigen die Versicherungen, die ja einen Diebstahl zweimal zahlen m\u00fcssen? Einfach: h\u00f6here Beitr\u00e4ge, ergo WIR zahlen. Unsere Steuer an die OK. Aber: wie wissen die, welche Fahrgestellnummer sie vergeben k\u00f6nnen? Woher kommt der Fahrzeugbrief, woher die Zulassung? Woher das Nummernschild? Was wei\u00df der Autoh\u00e4ndler, der es verkauft?<\/p>\n\n\n\n<p>Und zuletzt: Wie viel \u2013 eben leider \u2013 kriminelle Energie, Kreativit\u00e4t, Zusammenhalt sind da vorhanden? K\u00f6nnten die denn nicht in Positives umgeleitet werden?<\/p>\n\n\n\n<p>Aber alle \u201enormalen, ehrlichen B\u00fcrger\u201c haben nur ihre begrenzte Scheuklappensicht, und letztlich war auch meine Erfahrung \u00fcber die Scheuklappen hinaus nur m\u00f6glich, weil ich in eine mir Sicherheit gew\u00e4hrende Struktur eingegliedert war. Im Alleingang w\u00e4re ich untergegangen, abgesehen davon, dass ich schon gar nicht drauf gekommen w\u00e4re, da mal reinzublicken.&nbsp;<br>F\u00fcr mich sind es sehr wertvolle Lebensmomente, f\u00fcr die ich dankbar bin.<\/p>\n\n\n\n<p>Michael<br>Das ist nat\u00fcrlich schon alles recht lange her und das eine oder andere wird sich -wie in Deutschland- ge\u00e4ndert haben. So ist f\u00fcr eine Ausbildung als Elektriker, aufgrund der komplexen Entwicklung auf diesem Gebiet zunehmend ein Realschulabschluss erforderlich. Nur wirklich sehr gute Hauptsch\u00fcler haben eine Chance.<br>In den technischen Lehrberufen bem\u00fcht sich das Handwerk sehr um Abiturienten. Auch im Sekret\u00e4rinnenberuf ist diese Entwicklung gleicherma\u00dfen vorzufinden. Schulabbrecher oder schlechte Hauptsch\u00fcler haben nur wenig Chancen. Solche jungen Menschen haben es sehr schwer, eine vern\u00fcnftige Ausbildung und Besch\u00e4ftigung zu finden.<br>Ich denke, deine Sch\u00fcler von damals k\u00f6nnen dir sehr dankbar sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Claudia<br>Stimmt vollkommen. Ich wei\u00df nat\u00fcrlich \u00fcberhaupt nicht, was da heute los ist, Heroin ist kaum mehr ein Thema. Und damals konnte sogar mein Schwiegervater sich als Elektriker verkaufen, berufliche Kompetenz wurde in der Praxis erworben.<br>Tja, was bei denen von uns h\u00e4ngen geblieben ist? Wer wei\u00df? Und wer wei\u00df, wo sie heute 50j\u00e4hrig gelandet sind?<\/p>\n\n\n\n<p>Letzte wilde Geschichte:<br>Der L\u00f6wenanteil dieser Kriminalit\u00e4t ist Heroin, DIE Droge der 80er Jahre.<br>50000 Lire, also etwa 50 Mark, braucht ein Heroins\u00fcchtiger t\u00e4glich, er klaut, was das Zeug h\u00e4lt, eben auch bei uns zuhause, bringt dem Hehler alles, wom\u00f6glich teure Juwelen, kriegt daf\u00fcr sein Geld f\u00fcr die t\u00e4gliche Dosis.&nbsp;<br>In diesen Jahren ist kaum ein Italiener von Wohnungs- oder Taschendiebstahl verschont geblieben.&nbsp;<br>Man lernt nat\u00fcrlich auch, sich davor zu sch\u00fctzen. Das kam uns sp\u00e4ter in Buenos Aires sehr zugute.<br>\u201cA Professor\u00e9, warum d\u00fcrfen wir dieses Jahr nicht nach Rimini fahren?\u201d<br>\u201cWer hat euch denn das gesagt?\u201d<br>\u201cDer Profess\u00f2re, der sagt, die von der Comune wollen das nicht erlauben.\u201d<br>Die Fahrt nach Rimini, ein verl\u00e4ngertes Wochenende im M\u00e4rz zu Billigpreisen, fahren, reisen, weg von Ostia, rumstromern und die Discos. Viele von den Jungens waren noch nicht mal bis Rom gekommen, weshalb diese Klassenfahrt der gro\u00dfe Traum aller Sch\u00fcler dieser Schule war. Und nun versaute uns die B\u00fcrokratie der Gemeinde Rom auch diesen kleinen Bonbon. Wir protestieren mit den Jungens in allen \u00c4mtern, aber hinter den Schreibtischen sitzen graue Typen: nein, daf\u00fcr gibts keine Vorschriften, also d\u00fcrft ihr auch nicht nach Rimini.<br>Zuletzt \u00fcbernimmt der scheidende Renato stillschweigend die Verantwortung, sie fahren heimlich, still und leise.&nbsp;<br>Am Montag kommt eine katastrophale Meldung in der Direktion an: wir schicken Titus, Caius und Sempronius zur\u00fcck, sie haben Rauschgift genommen. Um Himmels Willen! Bis zur R\u00fcckkehr der Gruppe am Mittwoch herrscht Ausnahmezustand, allen stehen die Haare zu Berge. Eltern werden einberufen, manche sind hilfloser als wir. Am Mittwoch erfahren wir, was passiert war. Da es nun nicht mehr eine offizielle Klassenfahrt war, waren auch andere Jungens mitgefahren, und die hatten Haschisch dabei. Am Samstag alle in die Disco, am Sonntag wollen einige nicht mitkommen. \u201eWir bleiben ganz brav im Hotel.\u201c Von der Disco zur\u00fcck gehen die Kollegen zur Kontrolle durch die Zimmer und finden die Abtr\u00fcnnigen mitten im Haschrausch. Im Zimmer von Meckie Messers J\u00fcngstem. Der verteidigt sich mit H\u00e4nden und F\u00fc\u00dfen, er hatte nichts genommen. W\u00e4re er zur\u00fcckgeschickt worden, dann h\u00e4tte der Vater ihn vermutlich kurz und klein gepr\u00fcgelt.&nbsp;<br>Noch eine herzzerrei\u00dfende Szene in der Direktion, M\u00fctter, Jungens, Direktor, Lehrer, Sekret\u00e4rin, alle entsetzt. Ich sehe aber, dass die Jungens nicht so recht mitmachen, mit dem Ausdruck im Gesicht: verdammte Erwachsene, ihr versteht mal wieder nichts.&nbsp;<br>Ich will\u2019s wissen, gehe zur\u00fcck in die Klasse. Die Sch\u00fcler sind erstaunlich ruhig, sprechen leise in kleinen Gr\u00fcppchen.&nbsp;<br>\u201cIhr seid totale Vollidioten!!!\u201d \u2013 Leises Erstaunen&nbsp;<br>\u201cJa, ihr versteht doch wirklich \u00fcberhaupt nichts!!\u201d&nbsp;<br>\u201cA Professor\u00e9, jetzt fangen Sie auch noch an!!\u201d&nbsp;<br>\u201cNa, verdammt noch mal, ihr seid doch mit uns mitgekommen in diese bl\u00f6den \u00c4mter mit diesen bl\u00f6den Leuten, habt gesehen, mit wem wir\u2019s zu tun haben. Meine Kollegen haben eine Riesen Verantwortung \u00fcbernommen, und was macht ihr ? Wenn ihr dieses verdammte Zeug schon mal probieren wollt, dann tut das bitte da drau\u00dfen auf der Wiese oder am Strand, aber doch nicht, wenn ihr unter der Verantwortung eurer Professoren unterwegs seid. Ihr habt das Vertrauen meiner Kollegen missbraucht!!!!\u201d&nbsp;<br>\u201cDas ist das erste vern\u00fcnftige Wort, was in all diesem Verhau bisher geh\u00f6rt habe,\u201d kommt es leise aus einer Ecke.&nbsp;<br>Ich warte, die Klasse ist ruhig.<br>Es dauert eine Weile, bis Meckie Messers Junior zu mir kommt, gefolgt von seinem unzertrennlichen Freund, blond, blau\u00e4ugig und h\u00e4sslich wie die Nacht.&nbsp;<br>\u201cA Professor\u00e9, warum benehmt ihr euch blo\u00df so?<br>\u201cJa, was sollen wir denn machen? Wir haben eine riesige Verantwortung f\u00fcr euch, verdammt noch mal! \u201c<br>\u201cJa, ihr wart aber doch auch mal jung!\u201d&nbsp;<br>\u201cJa nat\u00fcrlich!\u201d&nbsp;<br>\u201cUnd habt doch auch mal solche Sachen probiert?\u201d&nbsp;<br>\u201cWir? Drogen? Nee, die gab es damals nicht.\u201d&nbsp;<br>Diesmal ist es umgekehrt: der Junge schaut mich nun wirklich sehr erstaunt an:&nbsp;<br>\u201cKeine Drogen?\u201d&nbsp;<br>\u201cNein.\u201d<br>Das ist ein heftiger Schlag. Er steht auf, muss nachdenken, geht auf und ab: wer h\u00e4tte das gedacht? Eine Welt ohne Drogen? Unvorstellbar.&nbsp;<br>Nach langem Auf und Ab \u2013 der Blonde stets hinter ihm her \u2013 kommt er wieder:&nbsp;<br>\u201cA Professor\u00e9, ist das wahr, dass es keine Drogen gab?\u201d&nbsp;<br>\u201cJa, gab\u2019s nicht.\u201d<br>\u201cAber die Beatles, die haben doch LSD genommen?\u201d&nbsp;<br>\u201cJa, die Beatles, das waren DIE Beatles, und ich kannte eine \u00c4rztin, die hatte im Krankenhaus Zugriff auf Morphin, der ging\u2019s auch gar nicht gut. Aber f\u00fcr uns gab\u2019s das nicht, es gab vor allem nicht diesen allgegenw\u00e4rtigen Markt, mit dem ihr es hier st\u00e4ndig zu tun habt.\u201d&nbsp;<br>Wieder auf und ab. Keine Drogen? Wie soll ich der das jetzt erkl\u00e4ren?<br>Nach einer Weile \u00dcberlegen mit krausen Falten auf der Stirn kommt er wieder, der Blau\u00e4ugige neben ihm:<br>\u201cA, Professor\u00e9, stellen Sie sich vor, Sie fahren mal so mit ihren Freunden im Auto in der Gegend herum, Sie allein, ohne ihr Mann, ja? Und dann halten die irgendwann an und holen ihre T\u00fctchen raus und dann geht\u2018s los! Was machen Sie dann?!\u201d<br>\u201cIch? Ich haue ab, aber schleunigst. \u201c<br>\u201cNo, Professor\u00e9, das geht nicht, Sie sind da mitten auf dem Land, wo niemand ist.\u201d&nbsp;<br>\u201cDas ist mir vollkommen egal, ich laufe auch viele Kilometer, aber mit Drogen will ich nichts zu tun haben!\u201d&nbsp;<br>\u201cWir denken da anders,\u201d fl\u00fcstert der Blonde leise.&nbsp;<br>Und der Junior: \u201cUnd wenn\u2018s denen dann schlecht geht? Die umkippen? Wenn die schlechtes Zeug erwischt haben? Ne Mogelpackung?<br>A, Professor\u00e9, das waren doch unsere Kameraden, da im Zimmer! Wir haben auf sie aufgepasst. Wenn einer umgekippt w\u00e4re, dann h\u00e4tten wir ihm geholfen, jemanden gerufen, einen Professoren, jemanden vom Hotel. Wir sehen Freundschaft so.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe also rausgekriegt, was ich wissen wollte. Und ich sch\u00e4me mich sehr.<\/p>\n\n\n\n<p>Michael<br>Wieder eine sch\u00f6ne Geschichte von einer Lehrerin, die Menschen liebt (schlie\u00dflich sind Sch\u00fcler auch Menschen, meistens wenigstens).<br>Das Drogenthema war in den 60er Jahren noch nicht so pr\u00e4sent, vor allem nicht in den B\u00fcrgerreservaten, in denen wir gro\u00df geworden sind.<br>Mich w\u00fcrde interessieren, ob und in welcher Form Drogen f\u00fcr Jugendliche in der DDR verf\u00fcgbar waren und ob Probleme dadurch ausgel\u00f6st wurden (sofern dieses Thema \u00fcberhaupt in die \u00f6ffentliche Diskussion gelangt ist).&nbsp;<br>Claudia: in welcher Zeit warst du an der Schule, das ist doch schon geraume Zeit her?<\/p>\n\n\n\n<p>Angela<br>Nein, Drogenprobleme gab es wohl keine, h\u00f6chstens Schnapsleichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Claudia<br>Ich habe 1977 angefangen und bin 1989 gegangen, Ostia waren voll die \u201880iger.<\/p>\n\n\n\n<p>Schnapsleichen: bei den unz\u00e4hligen Debatten um Drogen und deren Wirkung gab\u2019s auch ein heftiges Pochen der Jungens darauf, dass Gras bei weitem nicht so gef\u00e4hrlich ist, wie Alkohol.<\/p>\n\n\n\n<p>Sicherlich gab es unter den Jungs auch unangenehme Typen, die nur bl\u00f6de Bemerkungen von sich gaben, oder eben der Fiesling, der dann in die Tiefgarage rattern musste. Ich musste immer auf der Hut sein und durfte nichts durchgehen lassen, aber sehr oft wurden die von den anderen Sch\u00fclern zum Schweigen gebracht. Oder so ausgelacht, dass sie aufgaben. Die bereits total \u201eVerdorbenen\u201c aus diesem Getto kamen ja gar nicht erst zu uns.<\/p>\n\n\n\n<p>Martina<br>Ich habe auch angefangen, Deine Geschichten \u00fcber die Sch\u00fcler zu lesen. Langsam fange ich an zu begreifen, was Dich gepackt hat. \u2026.Morgen mehr.<br>Nun bin ich schlapp und reif f\u00fcr die Koje. Gute Nacht \ud83d\ude34<\/p>\n\n\n\n<p>Claudia<br>Bin gespannt.<\/p>\n\n\n\n<p>Michael<br>Apropos hochbegabt, sind wir ja alle nicht, aber Max war Legastheniker und sollte von der Grundschule nur eine Hauptschulempfehlung bekommen. Seine Lehrerin meinte, er k\u00f6nne weder lesen noch schreiben, und vor allem zu Mathe h\u00e4tte er nun \u00fcberhaupt keinen Zugang. Wir waren verzweifelt und fragten uns (mit K\u00e4stner gesprochen): Was soll nur aus dem Jungen werden? Nun, ist doch etwas aus ihm geworden: An der Uni Bremen, immerhin damals \u201cExzellenz Uni\u201d war er Tutor an der Ingenieurwissenschaftlichen Fakult\u00e4t und hat einen Abschluss mit Auszeichnung hingelegt. Hat sich alles zum Guten entwickelt und der Junge ist in seinem Job gut angekommen. Du siehst, liebe Claudia, nicht alle Lehrer glauben an ihre Sch\u00fcler und erkennen oftmals auch ihr Potenzial nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Martina<br>Trotzdem, wir k\u00f6nnen uns \u00fcber unser Schul- und Ausbildungssystem bestimmt nicht beklagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Claudia<br>Legastheniker? Ist Gianni auch, so ziemlich, was damals keinen Menschen was scherte.<\/p>\n\n\n\n<p>Martina<br>Die Ausbildung im dualen Schulsystem, als auch an den Hochschulen ist im internationalen Vergleich gut und kostenfrei. Eine ordentliche Uni in USA und GB kostet ein Verm\u00f6gen. Unser Nachbarsjunge hat seinen Master in London gemacht. Reine Studiengeb\u00fchren pro Semester 15.000 \u00a3.<\/p>\n\n\n\n<p>Michael<br>Ich bin auch Legastheniker, kannte damals kein Mensch. Ich hatte, so mein Vater, keine Lust zur Schule. Leider hat er nicht mehr erlebt, dass auch ich einen guten Uni Abschluss hingelegt habe. War aber mit Schulwechseln, zwischendurch Banklehre, nicht so einfach.<\/p>\n\n\n\n<p>Claudia<br>Aber du hast deinen eigenen Weg gefunden, das ist wichtig. In die Generation vor uns, zu der aus schulischer Sicht \u2013 da kommt alle 2 Jahre eine neue Generation \u2013 Gianni geh\u00f6rt, wurde ja alles reingepr\u00fcgelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Michael<br>Damals konnte man seinen Weg aber auch ohne Abi gehen. Ist heute kaum noch m\u00f6glich. Das Positive: bei uns ist das Schulsystem viel durchl\u00e4ssiger geworden. Auch Sp\u00e4tentwickler und solche, die von Haus aus keine Unterst\u00fctzung haben, k\u00f6nnen noch die Kurve kriegen. Trotz der Zweifel meines Vaters hatte ich schon Hilfe von meiner Familie, die viele nicht hatten. Meine Lehre bei einer Gro\u00dfbanken (ich war damals 15 Jahre) war nur aufgrund der Verbindungen meines Vaters m\u00f6glich. Fast alle anderen Lehrlinge der Bank hatten Abitur. Aber ich habe mich als j\u00fcngster und frechster Lehrling damals wieder gefangen und konnte anschlie\u00dfend aufs Wirtschaftsgymnasium gehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Claudia<br>Das hei\u00dft, dein Vater wusste letztlich schon, dass bei dir ein \u2013 anders gelagertes \u2013 Potenzial vorhanden war und hat dir auf seine Weise auf die Spr\u00fcnge geholfen.<br>Gut \ud83d\udc4d\ud83c\udffe so<\/p>\n\n\n\n<p>Angela<br>Bei Euch komme ich ja gar nicht hinter her.<br>\u00dcbrigens, Erwin hatte auch so seine Probleme in der Schule, f\u00fchlte sich unverstanden und hat viel Pr\u00fcgel bezogen. \ud83d\ude31<br>Ein guter K\u00fcnstler und Lehrer ist es dennoch geworden.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Claudia<br>Was muss meine Gro\u00dfmutter f\u00fcr eine tolle Frau gewesen sein, die meinen Vater vor nun schon fast hundert Jahren in die Steinerschule gesteckt hat? Da gab es keine Pr\u00fcgel.<\/p>\n\n\n\n<p>Martina<br>Wahrlich, eine weitsichtige Mama<\/p>\n\n\n\n<p>Claudia<br>Ich habe schon \u00f6fters erwachsene wundervolle Menschen erlebt, die mit wahrem Entsetzen auf ihre Finger schauten sich an die Stockhiebe erinnernd, und nur daran, wie sie versuchten, den Schmerz zu \u00fcberleben.<\/p>\n\n\n\n<p>Michael<br>Pr\u00fcgel habe ich sogar noch in den ersten beiden Jahren auf dem Gymnasium bekommen. War meiner Freude an der Schule nicht gerade f\u00f6rderlich.<br>Vielleicht auch Angst, die Funktionsf\u00e4higkeit ihres wichtigsten Instruments einzub\u00fc\u00dfen<br>Zu Erwin: ich kenne auch einige schlechte Sch\u00fcler, aus denen wirklich etwas geworden ist. Letztlich ist der Charakter und die Begeisterung f\u00fcr eine Sache, ein Thema entscheidend, um seinen (eigenen) Weg zu gehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Claudia<br>Ja genau, das meinte ich, als ich sagte, dass du eben dann doch deinen eigenen Weg gefunden hast, ich geh\u00f6re ja nun auch nicht gerade zu den Gradlinigen \u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Michael<br>Aber doch Erfolgreichen, h\u00e4tte dich gern als Lehrerin gehabt\ud83d\ude01<br>War ja \u2018ne richtige Wort Kanonade. Jetzt muss ich mir ein Sm\u00f6rrebr\u00f6d schmieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Claudia<br>Ja, war viel, gestern. Daf\u00fcr sind wir manchmal auch tage- und wochenlang still. Michael, ich glaube, so viel auf einmal hast du hier noch nie geschrieben. Ich hoffe, deine Finger sind nicht \u00fcberstrapaziert.<br>Ich habe versucht, dich mir als meinen Sch\u00fcler vorzustellen \ud83d\ude2f , ging nicht \ud83d\ude05 \ud83d\ude02 ; Gianni hat sich vollkommen schief gelacht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\">\u00a9 Claudia Podehl<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>* Frau Dr. Inge Prinz gewidmet, die mich vor vielen Jahren zu diesem Film ins Kino einlud. Italiano Was folgt, ist eine 30 Jahre sp\u00e4ter geschriebene Darlegung meiner damaligen Abenteuer in einem Chat mit 3 Freunden, Martina, Michael und Angela Ostia, Berufsschule, 80er Jahre (also kein Computer und kein Handy; \u00fcberhaupt keine Elektronik): ClaudiaNoch folgende [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":492,"menu_order":4,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-661","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/webaid.it\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/661","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/webaid.it\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/webaid.it\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/webaid.it\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/webaid.it\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=661"}],"version-history":[{"count":50,"href":"https:\/\/webaid.it\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/661\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4487,"href":"https:\/\/webaid.it\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/661\/revisions\/4487"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/webaid.it\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/492"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/webaid.it\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=661"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}