{"id":776,"date":"2023-01-03T18:36:32","date_gmt":"2023-01-03T18:36:32","guid":{"rendered":"https:\/\/peterpodehl.com\/?page_id=776"},"modified":"2023-01-04T07:39:48","modified_gmt":"2023-01-04T07:39:48","slug":"goethe-teil-1","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/webaid.it\/?page_id=776","title":{"rendered":"Goethe &#8211; Teil 1"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-text-align-center\">*<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-medium-font-size\">Goethe, wie er nie im Schulbuch stand<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-medium-font-size\">Teil 1<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=78\">Goethe, wie er nie im Schulbuch stand &#8211; Teil 2<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Charlotte:<\/em><\/strong><br>Lieben belebt!<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Peter:<\/em><\/strong><br>Zwei Worte, ein Goethe, Weimar, den 28. August 1830, des Dichters 81. Geburtstag, auf ein Bl\u00e4ttchen notiert, 10\u00d714 Zentimeter \u2013 das ist ungef\u00e4hr Postkartengr\u00f6\u00dfe \u2013, umr\u00e4ndert mit einer Eichenlaubbord\u00fcre. Empf\u00e4nger unbekannt. Was hindert uns zu glauben, dass wir die Empf\u00e4nger seien, wir, die sp\u00e4ten Nachgeborenen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Charlotte <\/em><\/strong><em>wiederholt<\/em><strong><em>:<\/em><\/strong><br>Lieben belebt!<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Peter:<\/em><\/strong><br>Ein th\u00fcringischer Beamter des Bergbauwesens, der Rentamtmann Mahr, erinnert sich an eine Begegnung mit dem alten Goethe:<\/p>\n\n\n\n<p>Am 26. August 1831 gegen Abend traf Goethe im Gasthofe zum L\u00f6wen hier in Ilmenau ein. Er hatte seine Ankunft mir gleich melden und ihn zu besuchen bitten lassen. Nach mehreren Erkundigungen, ob nicht wieder etwas in geognostischer Beziehung \u2013<\/p>\n\n\n\n<p>Geognosie ist ein heute nicht mehr gebr\u00e4uchliches Wort f\u00fcr Geologie, Ilmenau war ein Bergbaust\u00e4dtchen \u2013<\/p>\n\n\n\n<p>\u2026 in geognostischer Beziehung Merkw\u00fcrdiges vorgekommen sei, fragte er dann: ob man wohl bequem zu Wagen auf den Gickelhahn fahren k\u00f6nne; er w\u00fcnsche das auf dem Gickelhahn, ihm aus fr\u00fcherer Zeit sehr merkw\u00fcrdige Jagdh\u00e4uschen zu sehen, und dass ich ihn auf dieser Fahrt begleiten m\u00f6ge. Also fuhren wir beim heitersten Wetter auf der Landstra\u00dfe \u00fcber Gabelbach. Ganz bequem waren wir so auf den h\u00f6chsten Punkt des Gickelhahns angelangt, als er ausstieg und fragte: &#8220;Das kleine Waldhaus muss hier in der N\u00e4he sein. Ich kann zu Fu\u00df dorthin gehen, und die Chaise soll hier so lange warten, bis wir zur\u00fcckkommen.&#8221; Wirklich schritt er durch auf der Kuppe des Berges ziemlich hoch stehende Heidelbeerstr\u00e4ucher hindurch bis zu dem wohlbekannten zweist\u00f6ckigen Jagdhaus. Eine steile Treppe f\u00fchrt in den oberen Teil desselben; ich erbot mich ihn zu f\u00fchren, er aber lehnte es mit jugendlicher Munterkeit ab, mit den Worten: &#8220;Glauben Sie ja nicht, dass ich die Treppen nicht steigen k\u00f6nnte; das geht mir noch recht sehr gut.&#8221; Beim Eintritt in das obere Zimmer sagte er: &#8220;Ich habe in fr\u00fcherer Zeit in dieser Stube acht Tage im Sommer gewohnt und damals einen kleinen Vers hier an die Wand geschrieben. Wohl m\u00f6chte ich diesen Vers nochmals sehen, und wenn der Tag darunter vermerkt ist, so haben Sie die G\u00fcte, mir solchen aufzuzeichnen.&#8221; Sogleich f\u00fchrte ich ihn an das s\u00fcdliche Fenster der Stube, an welchen links mit Bleistift geschrieben steht:<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Charlotte:<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber alle Gipfeln<br>Ist Ruh,<br>In allen Wipfeln<br>Sp\u00fcrest du<br>Kaum einen Hauch;<br>Die V\u00f6glein<br>Schweigen im Walde.<br>Warte nur, balde<br>Ruhest du auch.<\/p>\n\n\n\n<p>Den 7. September 1780<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\"><strong><em>Peter:<\/em><\/strong><br>Goethe \u00fcberlas diese wenigen Verse und Tr\u00e4nen flossen \u00fcber seine Wangen. Ganz langsam zog er sein schneewei\u00dfes Taschentuch aus seinem dunkelbraunen Tuchrock, trocknete sich die Tr\u00e4nen und sprach in sanftem, wehm\u00fctigem Ton: &#8220;Ja, warte nur, balde ruhest du auch!&#8221;, schwieg seine halbe Minute, sah nochmals durch das Fenster in den d\u00fcsteren Fichtenwald und wendete sich darauf zu mir mit den Worten: &#8220;Nun wollen wir wieder gehen.&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p>Fragte sp\u00e4ter jemand den Rentamtmann Mahr, ob denn Goethe freundlich gewesen sei, als sie so durch den Wald gingen, schaute er den Fragenden an und antwortete nach kurzem Schweigen:<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Charlotte:<\/em><\/strong><br>Er war die Liebe selbst.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Peter:<\/em><\/strong><br>Da haben wir unser Thema. Goethe war die Liebe selbst, sein Leben lang. Liebe zu den Frauen, den Kindern, den Freunden, den Zeitgenossen, zur Welt, zu uns, den sp\u00e4ten Lesern. Liebe als Last und Lust, als Kampf und Frieden, als Weltzerst\u00f6rerin als Welterhalterin.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Damen und Herren, vergessen sie den Goethe, den Sie vielleicht von der Schule her noch in Erinnerung haben. Ich will nicht respektlos sein, aber ich will versuchen, Goethe zu \u00fcberf\u00fchren, ein Mensch gewesen zu sein. Ganz sicher keiner wie du und ich, denn er war des Wortes m\u00e4chtiger als wir alle. Aber eben doch auch einer, den der Betrug anwandelte und der Verrat und die L\u00fcge und die Illusion, einer, der \u2013 so die meisten modernen Goethe-Forscher \u2013 inzestu\u00f6se Neigungen hatte zu seiner Schwester Cornelia und homosexuelle zu seinem Herzog Karl-August, einer, der seinem Sohn ein lausig schlechter Vater war, der das Sterbezimmer seiner geliebten Frau Christiane nicht betrat und nicht zu ihrer Beerdigung ging, der seiner geliebten Frau von Stein \u2013 \u201ageliebten\u2018 kleingeschrieben, seine Geliebte als Substantiv und gro\u00df geschrieben ist sie wohl nie gewesen \u2013 ihr schwor er, nie zu heiraten, welchen Schwur er bekanntlich brach, \u2013 ich finde, dass dergleichen ihn doch unseren Seelen n\u00e4her bringt. Oder sind wir hier eine Versammlung von Tugendholden, die ganz reinen Herzens sind? Doch wohl nicht. Ich jedenfalls nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Lauschen wir dem Liebenden, der am Morgen des 25. M\u00e4rz 1776 an Charlotte von Stein schreibt, in einem Posthaus, in dem er zehn Jahre vorher schon einmal als angehender Student \u00fcbernachtet hatte:<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Charlotte:<\/em><\/strong><br>Ein wunderbares D\u00e4mmerlicht schwebt \u00fcber allem. Ich habe viel gefroren und was das beste ist, auch viel geschlafen. Jetzt schl\u00e4fst du auch! Vielleicht wachst du einen Augenblick auf und denkst an mich. Ich bin ruhig, denke an dich, und von dir aus an alles, was ich lieb habe. \u2013 wie anders! Lieber Gott, wie anders! Als da ich vor zehn Jahren als kleiner eingewickelter seltsamer Knabe in eben das Posthaus trat\u2026<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Peter:<\/em><\/strong><br>Vielleicht darf ich hier noch einf\u00fcgen: Es darf gelacht werden bei meinem Goethe.<\/p>\n\n\n\n<p>Der \u201ekleine eingewickelte seltsame Knabe\u201c war auf dem Weg von Frankfurt nach Leipzig, zum vom Vater verordneten Jura-Studium. Er hat dort nicht viel Jura studiert. Um es gleich vorweg zu nehmen: Goethe war von 1771 bis 1775 in Frankfurt Rechtsanwalt. Man titulierte ihn als Doktor, aber er hat seinen Doktor nie gemacht; er ist an der Universit\u00e4t von Stra\u00dfburg nur Litentiat der Rechte geworden. In Leipzig im ersten Semester gibt er zum \u00c4rger seines Vaters viel zu viel Geld aus und verliebt sich in Anette, Kellnerin, des Gastwirts Tochter. Schon eine erste gro\u00dfe Liebe des Knaben in Frankfurt war Kellnerin, Gretchen mit Namen. Ein weitere Kellnerin in Rom wird folgen. Anette in Leipzig k\u00fcsste und umarmte er, ohne jedoch alles zu wagen. Von ihr tr\u00e4umt er w\u00fcstes Zeug und schreibt am Morgen darauf aufgew\u00fchlt an seinen Freund Behrisch:<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Charlotte:<\/em><\/strong><br>Noch so eine Nacht wie diese, Behrisch, und ich komme f\u00fcr alle meine S\u00fcnden nicht in die H\u00f6lle. Erst konnte ich nicht schlafen, w\u00e4lzte mich im Bette, sprang auf, raste\u2026 Darnach h\u00fcbsche Tr\u00e4ume. Die gew\u00f6hnlichen Mienen, die Winke an der T\u00fcr, die K\u00fcsse im Vorbeifliegen \u2026 und dann auf einmal, Ft! Da hatte sie mich in den Sack gesteckt, einen Menschen wie mich, das ist unerh\u00f6rt! Ich philosophierte im Sacke. Darnach schien mirs, als wenn ich weg w\u00e4re, weg von ihr, aber nicht aus dem Sacke, ich w\u00fcnschte mich in Freiheit und wachte auf. Der verfluchte Sack lag mir im Kopfe.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Peter:<\/em><\/strong><br>Dieser Traum l\u00f6ste in Goethe eine regelrechte kleine Psychose aus. Die Metapher vom In-den-Sack-gesteckt-Werden hat sicher eine kr\u00e4ftige sexuelle Komponente: wir brauchen nur Scho\u00df statt Sack zu sagen, und schon sind wir zum Embryo redegiert. Und nichts f\u00fcrchten die einigerma\u00dfen sensiblen J\u00fcnglinge mehr, als dies: die Bindung, die Selbstaufgabe, die Ehe, da schwingen alle Kastrations\u00e4ngste mit, Goethe machte da keine Ausnahme. Und dies f\u00fcr sehr lange Zeit, vermutlich f\u00fcr Jahrzehnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ob es stimmt oder nicht, und ob wirs glauben wollen oder nicht: Viele Anzeichen sprechen daf\u00fcr, dass Goethe erst als Endneununddrei\u00dfiger den Weg ins Bett einer Frau fand, als er nach Italien gezogen war. In Rom also, und wieder wars eine Kellnerin, die dritte. Pikanterweise hie\u00df die vermutlich erste Geliebte des Autors des FAUST \u2013 Faustina. Erst sehr viel sp\u00e4t fand sie Einlass in die Goethe-Biografien; die r\u00f6mische Kellnerin wurde in den Zeiten des anbetenden Klassiker-Kults konsequent totgeschwiegen. Springen wir doch einfach von der Leipziger Kellnerin Anette zur r\u00f6mischen Kellnerin Faustina. Frage: wie verabredet man sich mit ihr unter den Augen und Ohren des Oheims? Die Antwort stehe in der V. R\u00f6mischen Elegie und noch woanders: In einem viel sp\u00e4teren Gespr\u00e4ch, das der aus Rom zur\u00fcckgekehrte Architekt Karl Wilhelm von Zvahn mit dem greisen Goethe f\u00fchrte. Der Alte fragte:<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Charlotte:<\/em><\/strong><br>Kennen Sie auch die Osteria della Campana?<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Peter:<\/em><\/strong><br>Die Weinschenke zur Glocke? Gewiss. Wir deutschen K\u00fcnstler haben noch im vorigen Jahr Ihren Geburtstag dort gefeiert.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Charlotte:<\/em><\/strong><br>Ist der Farlerner Wein immer noch so gut?<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Peter:<\/em><\/strong><br>Vortrefflich!<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Charlotte:<\/em><\/strong><br>Und was liefert die K\u00fcche?<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Peter:<\/em><\/strong><br>Ah, man erh\u00e4lt Stuffato, eine Art Schmorbraten, Maccaroni und ein Gebackenes, das sie Fritti nennen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Charlotte:<\/em><\/strong><br>Es ist noch alles wie zu meiner Zeit!<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Peter:<\/em><\/strong><br>&#8211; sagte Goethe und schmunzelte behaglich. Dann fuhr er fort: &#8211;<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Charlotte:<\/em><\/strong><br>In dieser Osteria traf ich die R\u00f6merin, die mich zu den Elegien begeisterte. In Begleitung ihres Oheims kam sie hierher, und unter den Augen des guten Mannes verabredeten wir unsere Zusammenk\u00fcnfte, indem wir die Finger in den versch\u00fctteten Wein tauchten und die Stunde auf den Tisch schrieben.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Peter:<\/em><\/strong><br>Goethe schrieb mit Tinte oder Bleistift, mit seiner r\u00f6mischen Geliebten verabredete er seine Sch\u00e4ferst\u00fcndchen mit Wein auf der Tischplatte einer Kneipe.<\/p>\n\n\n\n<p>Verzeihen Sie, Damen und Herren, bitte verzeihen Sie, dass wir hier so w\u00fcst in Goethes Leben herumspringen. Aber wir wollen hier ja keinen chronologischen Abriss seiner Biografie vermitteln, \u2013 dies sind recht willk\u00fcrlich ausgew\u00e4hlte Fragmente aus einer immerdar liebenden Existenz. \u00dcber zehn Jahre hat er es mit der strengen Frau von Stein \u2013 aber sie war nicht nur streng \u2013 ausgehalten, die ihm nichts gew\u00e4hrte, keinen Kuss, keine Umarmung, keine Streicheleinheiten, von Kanapee oder Bett ganz zu schweigen. Wir werden darauf zur\u00fcckkommen. In Rom ist nun endlich die gro\u00dfe Freiheit ausgebrochen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Charlotte:<\/em><\/strong><br>Uns erg\u00f6tzen die Freuden des \u00e4chten nacketen Amors<br>Und des schaukelnden Betts lieblicher knarrender Ton.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Peter:<\/em><\/strong><br>Diese Verse erschienen nicht zu Lebzeiten Goethes. Diese Erste R\u00f6mische Elegie in dieser Fassung galt als anst\u00f6\u00dfig und ging erst nach des Dichters Tod in Druck. Lange hat man den Olympier abgeschottet gegen sich selbst, alles Obsz\u00f6ne oder Frivole \u2013 und es gibt eine ganze Menge davon \u2013 wurde durch z\u00fcchtige Bindestrichlein ersetzt und erst Jahrzehnte sp\u00e4ter gedruckt, zum Teil erst im vorigen Jahrhundert.<\/p>\n\n\n\n<p>So, jetzt rei\u00dfen wir uns aber am Riemen und geben der Chronologie die Ehre. Die Geburt am 28. August 1749, mittags zwischen elf und zw\u00f6lf Uhr, wie sie Bettina von Arnim nach den Schilderungen von Goethes Mutter festgehalten und an Goethe \u00fcbermittelt hat:<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Charlotte:<\/em><\/strong><br>\u2026 wenn ich dir erz\u00e4hle, dass das Wochenbett Deiner Mutter, worin sie Dich zur Welt brachte, blaugew\u00fcrfelte Vorh\u00e4nge hatte. Sie war damals achtzehn Jahre al und ein Jahr verheiratet \u2026 Drei Tage bedachtest Du dich, eh Du ans Weltlicht kamst, und machtest Deiner Mutter schwere Stunden. Aus Zorn, dass Dich die Not aus dem eingeborenen Wohnort trieb, und durch die Misshandlung der Amme kamst Du ganz schwarz und ohne Lebenszeichen. Sie legten Dich in einen sogenannten Fleischarden und b\u00e4heten Dir die Herzgrube &#8211;<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Peter:<\/em><\/strong><br>Das Wort Fleischarden fand ich in keinem W\u00f6rterbuch. Ich nehme an, es handelt sich um eine ausgeh\u00f6hlte Holzschale. Das Wort B\u00e4hen fand ich im grimmschen W\u00f6rterbuch. Es hei\u00dft w\u00e4rmen und trocknen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Charlotte:<\/em><\/strong><br>&#8211; legten Dich in einen sogenannten Fleischarden und b\u00e4heten Dir die Herzgrube mit Wein, ganz an Deinem Leben verzweifelnd. Deine Gro\u00dfmutter stand hinter dem Bett; als Du dann die Augen aufschlugst, rief sie hervor: \u201eR\u00e4tin! Er lebt!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Peter:<\/em><\/strong><br>Und er wurde der gr\u00f6\u00dfte Dichter deutscher Zunge, wobei wir uns immer bewusst bleiben wollen, dass dieser Superlativ &gt;der gr\u00f6\u00dfte&lt; etwas willk\u00fcrlich ist. Wie wird man Dichter? Auch dar\u00fcber wei\u00df Bettina h\u00f6chst anschaulich und vergn\u00fcglich aus Frankfurt von Goethes Mutter zu berichten:<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Charlotte:<\/em><\/strong><br>Denn einmal &#8211;<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Peter:<\/em><\/strong><br>&#8211; sagte Frau Aja, also Goethes Mutter, &#8211;<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Charlotte:<\/em><\/strong><br>&#8211; konnte ich nicht erm\u00fcden zu erz\u00e4hlen, so wie er nicht erm\u00fcdete zuzuh\u00f6ren. Kein Mensch war so eifrig auf die Stunde des Erz\u00e4hlen. Da sa\u00df ich, und da verschlang er mich bald mit seinen gro\u00dfen schwarzen Augen, und wenn das Schicksal irgendeines Lieblings nicht recht nach seinem Sinn ging, da sah ich, wie die Zornader an der Stirn schwoll, und wie er die Tr\u00e4ne verbiss. Wenn ich nun halt machte und die Katastrophe auf den n\u00e4chsten Abend verschob, konnt ich sicher sein, dass er bis dahin alles zurecht ger\u00fcckt hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Gro\u00dfmutter, die im Hinterhaus wohnte, und deren Liebling er war, vertraute er nun allemal seine Ansichten, wie es mit der Erz\u00e4hlung wohl doch werde, und von dieser erfuhr ich, wie ich seinen W\u00fcnschen gem\u00e4\u00df weiter im Text kommen sollte. Es war ein geheimes diplomatisches Treiben zwischen uns, das keiner dem anderen verriet. Und so begr\u00fc\u00dfte der Wolfgang mit gl\u00fchenden Augen das Ausmalen seiner k\u00fchn angelegten Pl\u00e4ne und bedachte sie endlich mit enthusiastischem Beifall.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Peter:<\/em><\/strong><br>Soweit Bettine von Arnim, \u00fcber die wir sp\u00e4ter noch ein wenig plaudern wollen.<\/p>\n\n\n\n<p>Goethe ist also der Erstgeborene, 28. August 1749, Cornelia die zweite, 12. Dezember 1750. Es folgen noch f\u00fcnf Geschwister, die zwischen f\u00fcnf Tagen und zwei Jahren leben, der Bruder, der noch am \u00e4ltesten wird, stirbt siebenj\u00e4hrig.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kindersterblichkeit ist in der Goethe-Zeit noch immer sehr hoch. Frau von Stein hatte sieben Kinder, vier T\u00f6chter starben, drei S\u00f6hne \u00fcberlebten. Goethe hatte mit seiner Geliebten und sp\u00e4teren Frau Christiane f\u00fcnf Kinder, nur der \u00e4lteste, August, \u00fcberlebte. Die anderen starben jeweils wenige Tage nach der Geburt. Wir sehen heute im Kindestod die Ausnahme, f\u00fcr die Menschen der Goethe-Zeit war es die Ausnahme, ja, das Wunder, wenn ein Kind am Leben blieb. Die Kinderheilkunde war h\u00f6chstlich unterentwickelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Goethe und seine anderthalb Jahre j\u00fcngere Schwester liebten einander sehr heftig und leidenschaftlich. Sie sahen f\u00fcnf Geschwister sterben und hatten bei aller Trauer sicher auch ihre \u00dcberlegenheitsgef\u00fchle allein durchs \u00dcberleben. Inzest? Ich mag diese schnellen Worte nicht. Geschwisterliebe, ja, mit leisen oder auch deutlichen inzestu\u00f6sen Beimengungen. Als Goethe in Leipzig mehr tr\u00e4umte und dichtete als Jura studierte, gehen die Briefe zwischen den Geschwistern hin und her. Viele \u00fcbrigens in tadellosem Franz\u00f6sisch oder Englisch. Auf Deutsch l\u00e4sst sich da ein recht arroganter junger Mann vernehmen:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\"><strong><em>Charlotte:<\/em><\/strong><br>Sei stolz darauf Schwester, dass ich dir ein St\u00fcck Zeit schenke, die ich so notwendig brauche. Neige dich f\u00fcr diese Ehre, die ich dir antue, tief, noch tiefer, ich sehe gern, wenn du artig bist, noch ein wenig. Genug!<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Peter:<\/em><\/strong><br>Und ein pingeliger, pedantischer Schulmeister ist er auch gewesen:<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Charlotte:<\/em><\/strong><br>Wirst du nun dieses alles nach meiner Vorschrift getan haben, wenn ich nach Hause komme, so garantiere ich, du sollst in einem kleinen Jahr das vern\u00fcnftigste, artigste, angenehmste, liebensw\u00fcrdigste M\u00e4dchen, nicht nur in Frankfurt, sondern im ganzen Reich sein.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Peter:<\/em><\/strong><br>Der Bruder flunkert und weckt falsche Hoffnungen! Cornelia war weder liebensw\u00fcrdig noch angenehm, auch nicht h\u00fcbsch, von einer Reichs-Miss Germany weit entfernt. Stellen Sie sich vor: Goethe verdonnerte sie, in ihren Briefen stets genug Platz zu lassen, damit er seine Korrekturen an ihrem Schriftsatz anbringen konnte. Ekelhafter, despotischer gro\u00dfer Bruder, wie er im Buche steht. Sie war rasend eifers\u00fcchtig auf diese Leipziger Kellnerin Annette. Goethe seinerseits spielte mit Selbstmordgedanken, aus Eifersucht, als Cornelia heiratete. Er hatte sich immer in seinen sp\u00e4tpubert\u00e4ren Hoffnungen ausgemalt, sie werde \u00c4btissin oder die Vorsteherin in einer edlen Gemeinde, aber heiraten \u2013 entsetzlich! Da ist der WERTHER entstanden. Die Kulisse bietet allerdings Wetzlar mit Charlotte Buff und ihrem Verlobten Kestner, aber man vergisst leicht, dass der WERTHER gar nicht unmittelbar nach Goethes Abreise aus Wetzlar entstanden ist, sondern fast zwei Jahre sp\u00e4ter, Cornelias Verlobung war der Anlass.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie trieb den Bruder an, den G\u00d6TZ zu schreiben, und sie hintertrieb mit b\u00f6sartigen Argumenten seine Liebesgeschichten.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Beispiel mit Lilli Sch\u00f6nemann, sch\u00f6n, geistreich, kultiviert, eine vorz\u00fcgliche Partie f\u00fcr diesen jungen Goethe. Aber Cornelia st\u00e4nkerte, so dass Goethe in gr\u00f6\u00dfte Zweifel \u00fcber seine Liebe geriet. Er dichtete. Ob das folgende Gedicht im Traum entstanden ist, wei\u00df ich nicht. Aber es ist erwiesen, dass Goethe einige Gedichte wirklich getr\u00e4umt hat, die er dann am Morgen aufschreiben konnte. Dies hier hei\u00dft: &#8211;<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Charlotte<\/em><\/strong>:<\/p>\n\n\n\n<p>NEUE LIEBE NEUES LEBEN<\/p>\n\n\n\n<p>Herz, mein Herz, was soll das geben?<br>Was dr\u00e4ngt dich so sehr?<br>Welch ein fremdes, neues Leben!<br>Ich kenne dich nicht mehr.<br>Weg ist alles, was du liebtest,<br>Weg worum du dich betr\u00fcbtest,<br>Weg dein Flei\u00df und deine Ruh \u2013<br>Ach, wie kamst du nur dazu?<\/p>\n\n\n\n<p>Fesselt dich die Jugendbl\u00fcte,<br>Diese liebliche Gestalt,<br>Dieser Blick voll Treu und G\u00fcte<br>Mit unendlicher Gewalt?<br>Will ich rasch mich ihr entziehen,<br>Mich ermannen, ihr entfliehen,<br>F\u00fchret mich im Augenblick,<br>Ach mein Weg zu ihr zur\u00fcck?<\/p>\n\n\n\n<p>Und an diesem Zauberf\u00e4dchen,<br>Das sich nicht zerrei\u00dfen l\u00e4sst,<br>H\u00e4lt das liebe, lose M\u00e4dchen<br>Mich so wider Willen fest;<br>Muss in ihrem Zuckerkreise<br>Leben nun auf ihre Weise<br>Die Ver\u00e4ndrung, ach, wie gro\u00df!<br>Liebe! Liebe! Lass mich los!<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Peter:<\/em><\/strong><br>Auch von Lili Sch\u00f6nemann wollte er nicht in den Sack gesteckt werden, die er im Januar 1775 kennenlernt, mit der er sich zur Ostermesse 1775 verlobt, von der er sich zur Herbstmesse 1775 trennt. Auf Betreiben Cornelias. Wie hat er das verkraftet? Durch Arbeit, durch Dichten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Charlotte:<\/em><\/strong><br>O, wenn ich jetzt nicht Dramas schriebe, \u2013 ich ginge zugrund!<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Peter:<\/em><\/strong><br>Cornelia litt entsetzlich unter der Trennung, als sie ins Badische heiratete, und wurde psychisch krank. Als der Bruder sie einmal besuchte, verschwanden alle Symptome f\u00fcr kurze Zeit schlagartig. Dabei war ihr Mann, Johann Georg Schlosser, Beamter und Schriftsteller, Goethes Freund, ein prima Kerl, aber sie empfand die Eheschlie\u00dfung als Akt der Untreue gegen den Bruder. Als dieser Bruder zwei Jahre sp\u00e4ter auf ihre Briefe nach Weimar nicht antwortete, als ihr klar wurde, wie sehr der Bruder an diese Freifrau von Stein genistelt war \u2013 ein Ausdruck Goethes: an eine Frau genistelt sein \u2013 starb Cornelia nach ihrem zweiten Kindbett im Juni 1777. Goethe hat ein Leben lang unter ihrem Tod gelitten und sein Brief-Schweigen als schwere Schuld empfunden. Viele Jahre lang hatte er regelm\u00e4\u00dfig im Dezember Depressionen, dem Geburtsmonat der Schwester.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Juni starb sie, da war er schon fast zwei Jahre in Weimar. Wann kam er an? Anfang November 1775, um wenige Wochen versp\u00e4tet. Er war vom Herzog von Weimar eingeladen worden und sollte in Frankfurt abgeholt werden. Aber das klappte irgendwie nicht. Goethe hatte sich schon von allen Freunden und M\u00e4dchen verabschiedet, aber er fuhr nicht weg. Eine etwas peinliche Situation, er ging gar nicht mehr aus dem Hause und nutzte die Zeit zum Schreiben von Dramas. Und der republikanische Vater schimpfte auf die Unzuverl\u00e4ssigkeit der adeligen und h\u00f6chsten Herren. Schlie\u00dflich machte sich Goethe auf eigene Kappe s\u00fcdw\u00e4rts auf die Reise, Italien im Kopf. Aber in Heidelberg erwischt ihn des Herzogs Abgesandter und bringt ihn nach Weimar. Ein kurzer Besuch war geplant. Er blieb f\u00fcr den Rest seines Lebens, fast 60 Jahre lang. Schicksalsjahr 1775. Schicksal \u2013 was f\u00fcr ein m\u00e4chtiges Wort. Der Dichter hat auf eben dieser Reise Richtung Italien, die in Weimar endete, eine viel bescheidenere und umso bezauberndere Formulierung gefunden:<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Charlotte:<\/em><\/strong><br>Das liebe Ding, das den Plan zu meiner Reise gemacht hat, das liebe unsichtbare Ding, das mich leitet und schult.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Peter:<\/em><\/strong><br>Der hochber\u00fchmte Verfasser des WERTHER erreicht also Weimar Anfang November. Der Dichter Christoph Martin Wieland schreibt Am 10. November an einen Freund:<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Peter:<\/em><\/strong><br>Der J\u00fcngling ist 27 Jahre alt! &#8211;<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Charlotte:<\/em><\/strong><br>Dienstag, den 7. des Monats, morgens um 5 Uhr ist Goethe in Weimar eingelangt. O bester Bruder, was soll ich dir sagen? Wie ganz der Mensch beim ersten Anblick nach meinem Herzen war! Wie verliebt ich in ihn wurde, da ich am n\u00e4mlichen Tag an der Seite des herrlichen J\u00fcnglings &#8211;<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Peter:<\/em><\/strong><br>Der gro\u00dfe Dichter wurde aber keineswegs von allen geliebt. Die Gegenstimme zu Wieland ist der Homer-\u00dcbersetzer Johann Heinrich Vo\u00df, der an seine Frau schreibt:<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Charlotte:<\/em><\/strong><br>&#8211; zu Tische sa\u00df! Seit dem heutige Morgen ist meine Seele so voll von Goethe, wie ein Tautropfen von der Morgensonne.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Charlotte:<\/em><\/strong><br>Es geht schrecklich zu. Der Herzog l\u00e4uft mit Goethen wie ein wilder Pursche auf den D\u00f6rfern herum; er bes\u00e4uft sich und genie\u00dft br\u00fcderlich einerlei M\u00e4dchen mit ihm.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Peter:<\/em><\/strong><br>Das stimmt ganz einfach nicht. Goethe hatte auch hier den gr\u00f6\u00dften Bammel, von einem Weibe in den Sack gesteckt zu werden, desgleichen allen Bammel vor Geschlechtskrankheiten. Der Herzog, ja, der ging trotz standesgem\u00e4\u00dfer Ehe den Miseln nicht aus dem Weg. Miseln, so nannten sie die M\u00e4dchen, denen der Herzog so manches Kind anh\u00e4ngte, f\u00fcr das er sp\u00e4ter pflichtschuldigst sorgte mit einer Anstellung im Forstdienst oder in der unteren Beamtenhierarchie. Er ist auch an andere Damen geraten und hat im Leben manche Syphilis auskurieren m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Herzog Karl-August von Sachsen-Weimar war Goethes Arbeitgeber, offiziell rangierte der sieben Jahre \u00e4ltere Goethe als Erzieher. Der Herzog war also sein Sch\u00fcler, aber eben auch sein Herr. Sie schlossen Freundschaft, die ein Leben lang hielt. Homosexualit\u00e4t? Wieder so ein schnelles Wort. Ja, wieso nicht? Nein, es gab da wohl doch keinerlei ernsthafte Ann\u00e4herung. Goethe nannte seinen Herren &#8220;Serenissimus&#8221;, sp\u00e4ter gar &#8220;Jupiter&#8221;. Der Herzog revanchierte sich in hohem Alter noch mit einem coolen &#8220;Na, altes Kamel?!&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p>Goethe war in Weimar zun\u00e4chst ein b\u00fcrgerlicher Au\u00dfenseiter, voller Einf\u00e4lle, Launen, Witzigkeiten. Er st\u00f6rt das Leben bei Hofe, die Etikette, das Protokoll, auf die das kleine Herzogtum gr\u00f6\u00dften Wert legte, er f\u00fchrt das Schlittschuhlaufen ein und das Ostereiersuchen. Er schockiert ganz Gotha, als er zu den dortigen Prinzens\u00f6hnen sagt:<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Charlotte:<\/em><\/strong><br>Na, ihr Semmelk\u00f6pfe!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\"><strong><em>Peter:<\/em><\/strong><br>Auf Weisung der jungen Herzogin darf der B\u00fcrgerliche nicht an der Hoftafel speisen, muss gegebenenfalls an einem separaten Tisch essen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Charlotte:<\/em><\/strong><br>Kr\u00f6ten und Basilisken &#8211;<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Peter:<\/em><\/strong><br>&#8211; nennt er die Hofleute. Man schwankt lange Zeit in seiner Beurteilung. Wenn es irgendwo auf dem Flur poltert, dann ruft man in den Salon:<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Charlotte:<\/em><\/strong><br>Das ist entweder der Teufel oder Goethe!<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Peter:<\/em><\/strong><br>Beides, sagen die, die diesem Originalgenie am wenigsten wohlwollen. Goethe hat sich aus dem h\u00f6fischen Welt immer mal wieder verdr\u00fcckt. Der Herzog liebte den Krieg und die Jagd, Goethe hasste beides. Er ging auf den Gickelhahn und schrieb ein Gedicht an die Wand, das hochber\u00fchmt werden sollte. Er verlie\u00df eine laute Jagdgesellschaft und ritt im Winter \u00fcber den Harz \u2013 damals ein ziemlich verwegenes Abenteuer. In Wernigerode besucht er inkognito einen jungen Mann, der ihm in einem Briefe seinen ganze Weltschmerz mitgeteilt hatte, seine Unf\u00e4higkeit, Seelenfrieden zu finden. In bewegenden Zeilen fragt Goethe:<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Charlotte:<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Aber abseits, wer ists?<br>Ins Geb\u00fcsch verliert sich sein Pfad.<br>Hinter ihm schlagen<br>Die Str\u00e4uche zusammen,<br>Das Gras steht wieder auf,<br>Die \u00d6de verschlingt ihn.<br>Ach, wer heilet die Schmerzen<br>Des, dem Balsam zu Gift wird?<br>Der sich Menschenhass<br>Aus der F\u00fclle der Liebe trank?<br>Erst verachtet, nun ein Ver\u00e4chter,<br>Zehrt er heimlich auf<br>Seinen eigenen Wert<br>In ungen\u00fcgender Selbstsucht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ist auf deinem Psalter,<br>Vater der Liebe, ein Ton<br>Seinem Ohre vernehmlich,<br>So erquicke sein Herz!<br>\u00d6ffne den umw\u00f6lkten Blick<br>\u00dcber die tausend Quellen<br>Neben dem Durstenden<br>In der W\u00fcste!<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Peter:<\/em><\/strong><br>Welch eine Liebe, wie viel Religion, die zur Dichtung wird. Das waren drei Verse aus der HARZREISE IM WINTER. Zur\u00fcck in Weimar hatte Goethe wieder seinen Dienst beim Herzog. Wenn die beiden ungest\u00f6rt sein wollten, gingen sie zu Charlotte.<\/p>\n\n\n\n<p>Charlotte von Stein, Hofdame, Ehefrau des Oberstallmeisters Josia von Stein, dem sie sieben Schwangerschaften verdankte, die sie allesamt pflichtschuldigst absolvierte. Sie ist sieben Jahre \u00e4lter als Goethe, und hat, als sie zusammentreffen, mit dem Thema Liebe, Leidenschaft, Sexualit\u00e4t, Sinnlichkeit abgeschlossen \u2013 wenn sie jemals \u00fcberhaupt damit begonnen hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Fr\u00fchling des Schicksalsjahres 1775 schon hat Goethe in Stra\u00dfburg ihre Silhouette betrachtet und spekuliert:<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Charlotte:<\/em><\/strong><br>Es w\u00e4re ein herrliches Schauspiel zu sehen, wie die Welt sich in dieser Seele spiegelt. Sie sieht die Welt, wie sie ist, und doch durch das Medium der Liebe. So ist auch Sanftheit der allgemeine Eindruck.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Peter:<\/em><\/strong><br>Es wird sich herausstellen, ob sie gar so sanft war. Wir schalten eine ziemlich grauslich enth\u00fcllende Anekdote aus ihrem sp\u00e4teren Leben dazwischen: ihr Ehemann war im Alter ernstlich behindert und von ihrer Pflege abh\u00e4ngig, die sie pflichtschuldig gew\u00e4hrte. Als sie aber mal ein dumpfes Ger\u00e4usch auf der Treppe hinter sich h\u00f6rte, wohl wissend, dass ihr Mann gefallen war, wandte sie sich nicht um, sondern zeigte r\u00fcckw\u00e4rts, w\u00e4hrend sie dem Diener zurief:<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Charlotte:<\/em><\/strong><br>Heb er dort mal auf.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Peter:<\/em><\/strong><br>Zur\u00fcck wieder ins Schicksalsjahr 1775, in dem Goethe und Frau von Stein einander im Sp\u00e4therbst von Angesicht zu Angesicht kennenlernen. Die gebildete Charlotte hat nat\u00fcrlich den WERTHER gelesen \u2013 mit dessen Selbstmordphilosophie sie sicher nicht ganz einverstanden war. Sie wusste also, wer da in Weimar ankam. \u00dcber zehn Jahre wird diese auf ihre Weise h\u00f6chst intensive Bindung Goethes Leben bestimmen und ver\u00e4ndern, eine sch\u00f6ne, reine, sehr r\u00e4tselhafte Liebesgeschichte zwischen dem Dichter des Sturm und Drang und der Freifrau von Stein. Nach wenigen Wochen schreibt sie an den gemeinsamen Freund Zimmermann, hin- und hergerissen zwischen Neigung und Angewidertsein \u00fcber die wilden Purschen, den Herzog, und Goethe in seinem Gefolge:<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Charlotte:<\/em><\/strong><br>Gewiss sind das seine Neigungen nicht, aber eine Weile muss er es so treiben, um den Herzog zu gewinnen und dann Gutes zu stiften, so denk ich davon.<\/p>\n\n\n\n<p>Er verteidigt sich mit wunderbaren Gr\u00fcnden, mir bliebs, als h\u00e4tt er Unrecht. Er war sehr gut gegen mich, nannte mich im Vertrauen seines Herzens Du, das verwies ich ihm mit dem sanftesten Ton der Welt, sichs nicht anzugew\u00f6hnen. Da springt er wild auf vom Kanapee, sagt, ich muss fort, l\u00e4uft ein paar mal auf und ab, um seinen Stock zu suchen, findt ihn nicht, rennt so zur T\u00fcr hinaus, ohne Abschied, ohne Gute Nacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Sehen Sie, lieber Zimmermann, so wars heute mit unserem Freund. Schon einige Male habe ich bitteren Verdruss um ihn gehabt. Das wei\u00df er nicht, und solls nicht wissen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich f\u00fchls, Goethe und ich werden niemals Freunde.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch seine Art mit unserem Geschlecht umzugehen, gef\u00e4llt mir nicht. Er ist eigentlich, was man kokett nett. Es ist nicht Achtung genug in seinem Umgang.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Peter:<\/em><\/strong><br>Vier Wochen sp\u00e4ter jubelt sie:<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Charlotte:<\/em><\/strong><br>Mit geht\u2019s mit Goethen wunderbar, nach acht Tagen, wie er mich so heftig verlassen hat, kommt er mit einem \u00dcberma\u00df an Liebe wieder. Ich hab zu mancherlei Betrachtungen durch Goethe Anlass genommen; je mehr ein Mensch fassen kann, so deucht mir, desto eher fehlt er den ruhigen Weg, gewiss hatten die gefallenen Engel mehr Verstand wie die \u00fcbrigen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Peter:<\/em><\/strong><br>Nat\u00fcrlich n\u00e4hrten sie jeglichen Klatsch im Residenzst\u00e4dtchen und immer wieder mal verbot sie ihm ihre Gegenwart. Einmal rannte er trotzdem in ihr Haus, nur um ihr Zimmer zu sehen, war aber ebenso schnell wieder weg, wie ein gehorsamer Junge, um nicht mit ihr zusammenzutreffen. Dennoch: nicht viel sp\u00e4ter f\u00e4ngt er an zu klagen, dass sie wie von Stein sei. Frigide? Noch einmal so ein schnelles Wort. Damit verpasst man Charlotte ein Etikett, das sie nur sehr unzul\u00e4nglich charakterisiert. Stolz ist sie, puritanisch, protestantisch, sittenstreng, hochmoralisch, adelig. Alles setzt sie dran, den b\u00fcrgerlichen Goethe zu erziehen, und da leistet sie viel, sehr viel. Er r\u00e4tselt \u00fcber diese Bindung in dem Gedicht WARUM GABST DU UNS DIE TIEFEN BLICKE? Die wesentlichen vier Zeilen daraus:<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Charlotte:<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Sag, was will das Schicksal uns bereiten?<br>Sag, wie band es uns so rein genau?<br>Ach, du warst in abgelebten Zeiten<br>Meine Schwester oder meine Frau.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Peter:<\/em><\/strong><br>Dazu stelle ich mir immer einen Kommentar aus Berlin vor: Na watdenn nu?<\/p>\n\n\n\n<p>Die Goethe-Forscher sind sich ziemlich einig: Goethe und Frau von Stein hatten nichts miteinander. Meine Frau Charlotte hat das seinerzeit b\u00fcndig zusammengefasst:<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Charlotte:<\/em><\/strong><br>Die Freifrau kriegte ihr Korsett nicht auf.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Peter:<\/em><\/strong><br>Dennoch lebte sie in Zweifeln, ob nicht selbst das, was sie an liebevoller Freundschaft gew\u00e4hrte, \u2013 ob nicht das schon zu weit ging. Auf der R\u00fcckseite eines Briefes von ihm schrieb sie die etwas holprigen Verse:<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Charlotte:<\/em><\/strong><br>Obs Unrecht ist, was ich empfinde \u2013<br>Und ob ich b\u00fc\u00dfen muss die mir so liebe S\u00fcnde<br>Will mein Gewissen mir nicht sagen;<br>Vernicht\u2018 es Himmel du! Wenn michs je k\u00f6nnt anklagen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Peter:<\/em><\/strong><br>Auf einem noch viel sp\u00e4teren Brief hat Charlotte noch einmal was vermerkt. Jetzt springen wir wieder mit der Zeit um, bl\u00e4ttern zum Schlusskapitel dieser gro\u00dfen Liebesgeschichte. Darin stehen haupts\u00e4chlich gegenseitige Vorw\u00fcrfe. Goethe ist aus Italien zur\u00fcck. Er hat sich Christiane Vulpius zum Bettschatz genommen, die Charlotte g\u00e4nzlich grundlos und ganz b\u00f6se \u201eeine gemeine Hure\u201c nennt. Sie sagt:<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Charlotte:<\/em><\/strong><br>Goethe ist sinnlich geworden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Peter:<\/em><\/strong><br>Man sieht geradezu die angeekelt herabgezogenen Mundwinkel der Freifrau. Wir sagen: Na und? Und: Na endlich! Goethe hat ihr zwar noch aus Italien Kaffee geschickt, nichtsdestoweniger schreibt er ihr nicht viel sp\u00e4ter, als in den Briefen keine Rede mehr von idealer Liebe sein kann, sie m\u00f6ge das Kaffeetrinken aufgeben, vom Kaffe verschonte Nerven k\u00f6nnten zur Verbesserung ihres Verh\u00e4ltnisses beitragen. Lassen wir Charlotte von Stein noch einmal mit der Randbemerkung zu diesem sie sicher kr\u00e4nkenden Brief zu Worte kommen. Zu Worte? Es ist ein einziger Buchstabe:<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Charlotte:<\/em><\/strong><br>Oh!!!<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Peter:<\/em><\/strong><br>Drei Ausrufezeichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sprung zur\u00fcck in die Anfangs- und Glanzzeit dieser Bindung: Goethe hat Charlotte von Stein in den Jahren von 1775 bis 1786, bis zu seiner spektakul\u00e4ren Abreise nach Italien fast t\u00e4glich gesehen und ihr ann\u00e4hernd zweitausend Briefe geschrieben, zweitausend \u2013 in zehn Jahren, das sind rund 200 Briefe pro Jahr, das Jahr hat 365 Tage, \u2013 lange Briefe, von ausw\u00e4rts mit der Post bef\u00f6rdert, kleine Billets, von vertrauensw\u00fcrdigen Boten durch Weimar getragen. Charlotte hat ihre Briefe zur\u00fcckgefordert und vernichtet. Als die Briefe 1848 erschienen \u2013 der Verfasser war seit 18 Jahren tot, die Empf\u00e4ngerin seit 22 Jahren \u2013 war alle Welt doch h\u00f6chst erstaunt \u00fcber das Ausma\u00df dieser Liebe und ihrer Bekundungen. Ich kann \u2013 Pardon! \u2013 Goethes FAUST nicht so \u00fcberm\u00e4\u00dfig lieben, \u2013 der gr\u00f6\u00dfere Goethe ist f\u00fcr mich der Schreiber dieser Briefe. Ein paar Fetzen daraus:<\/p>\n\n\n\n<p>Am 22. Juli 1776 sitzt er und da und schreibt:<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Charlotte:<\/em><\/strong><br>Die Liebe gibt mir alles, und wo die nicht ist, dresch ich Stroh.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Peter:<\/em><\/strong><br>Im fernen Z\u00fcrich schreibt er am 30. November 1779 im einsamen Hotelzimmer:<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Charlotte:<\/em><\/strong><br>K\u00f6nnt ich euch malen, wie leer die Welt ist, man w\u00fcrde sich aneinander klammern und nicht voneinander lassen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Peter:<\/em><\/strong><br>Das Verh\u00e4ltnis zum Ehemann Stein war sehr gut. Gelegentlich hat er Goethes Post an sie bef\u00f6rdert. Wusste er ihn zu Hause, lie\u00df er ihn gr\u00fc\u00dfen. So am 17. Mai 1781:<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Charlotte:<\/em><\/strong><br>Adieu, gr\u00fc\u00dfen Sie Steinen und was mir gut ist.<br>Adieu, s\u00fc\u00dfe Unterhaltung meines innersten Herzens. Auf das Siegel dr\u00fccke ich einen Kuss und bin dein f\u00fcr ewig.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Peter:<\/em><\/strong><br>Am 15. Mai 1783 bekennt er:<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Charlotte:<\/em><\/strong><br>Wer dich gefunden hat, wei\u00df, warum er auf der Welt ist.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Peter:<\/em><\/strong><br>Am 28. Mai 1783 bittet, ja fleht er:<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Charlotte:<\/em><\/strong><br>Liebe mich, denn das ist der Grund, worauf mein ganzes Schicksal gestickt ist.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Peter:<\/em><\/strong><br>Und dann der folgende Aufschrei vom 27. August 1782. Charlotte von Stein ist auf ihrem Landgut in Gro\u00df-Kochberg. Goethe erwacht am Morgen, und es wird ihm klar, dass der heutige Tag ohne Verabredung mit der Geliebten, ohne Begegnung von Angesicht zu Angesicht durchzustehen ist. Er schreit auf und schreibt:<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Charlotte:<\/em><\/strong><br>Liebe Lotte, komm zur\u00fcck! Ich wei\u00df bald nicht mehr, warum ich aufstehe!<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Peter:<\/em><\/strong><br>Auch wenn diese Liebe aller k\u00f6rperlichen Intimit\u00e4t entbehrte und den Weg ins Bett nie fand \u2013 es ist eine Liebe mit allem Auf und Ab, Krisen, Streits, N\u00f6ten und N\u00f6tigungen, Distanzierungen, Vers\u00f6hnungen. In einer mehr masochistischen Phase schreibt Goethe am 12. Dezember 1778:<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Charlotte:<\/em><\/strong><br>Zwar wollt ich heute wieder durchs Entbehren erfahren, wie lieb ich Sie habe. Ich denke doch aber, ists besser, Linsensuppe mit Ihnen aus Pastetenschalen zu essen, also komm ich um 12 Uhr.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Peter:<\/em><\/strong><br>Das Sie und Du spielt eine gro\u00dfe Rolle in dieser Liebesgeschichte. Offiziell und vor anderen gibt es nur das Sie. Im Geheimen aber kann Goethe das Du nicht unterdr\u00fccken. Sie gew\u00e4hrt es ihm nach einigem Z\u00f6gern und schreibt selber Du. Am 23. M\u00e4rz 1781 sitzt er da und schreibt:<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Charlotte:<\/em><\/strong><br>Sagen kann ich nicht, und darfs nicht begreifen, was Deine Liebe f\u00fcr ein Umkehrens in meinem Innern wirkt. Wer lernt aus in der Liebe. Adieu. Gott erhalte dich.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Peter:<\/em><\/strong><br>Am selben Tag etwas sp\u00e4ter, in einem weiteren Brief f\u00e4llt er selber ins Sie zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Charlotte:<\/em><\/strong><br>Zu Mittag schick ich Ihnen ein St\u00fcck Wildbretbraten, den ich gerne mit Ihnen verzehrt h\u00e4tte. Adieu.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Peter:<\/em><\/strong><br>Wir verstehen heutzutage diese Skrupel nicht und sind schnell zum Du bereit. Aber die damaligen Standesunterscheide erlaubten dergleichen Verwilderung der Sitten nicht. Am 12. Dezember 1781 schreibt sie wieder unerwarteterweise Sie und Ihnen. Goethe ist emp\u00f6rt!:<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Charlotte:<\/em><\/strong><br>Wie hoffte ich auf deinen Brief, ich mach ihn auf, und die I h n e n !, er mag nun erst liegen, ich muss &nbsp;d i c h &nbsp;erst aus diesen &nbsp;I h n e n &nbsp;wieder \u00fcbersetzen. Indes die andere Seite trocknet \u2013 die Tinte \u2013 , hab ich deinen Brief durchkorrigiert und alle &nbsp;I h n e n &nbsp;weggestrichen. Nun wird es erst ein Brief. Verzeih, dass ich die Kleinigkeit zu etwas mache. [\u2026] Lass zum letzten Mal sein und verzeih.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Peter:<\/em><\/strong><br>Charlotte gehorchte und schrieb wieder Du. Sie mit Du ansprechen zu d\u00fcrfen, das war f\u00fcr den b\u00fcrgerlichen Goethe \u2013 der \u00fcbrigens seine Eltern zeitlebens gesiezt hat \u2013 das war auch ein Sieg \u00fcber den Ehemann und die ganze h\u00f6fische Aristokratie.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Liebe konnte nicht ewig halten, so sehr sich Charlotte von Stein auch auch darum bem\u00fchte, den Idealfall \u00fcber Jahrzehnte zu exerzieren. Goethe nannte diese Liebe denn auch einmal \u201edie anhaltende Resignation\u201c. Er sehnte sich nach Kindern und also auch nach deren Zeugung. Zuweilen \u00fcbernachtete Charlottes j\u00fcngster Sohn Fritz bei ihm. So auch in der Silvesternacht 1778 auf 1779. Fritz ist acht Jahre alt. Der falsche Vater schreibt an die Mutter:<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Charlotte:<\/em><\/strong><br>Fritz hat mich vor vieren geweckt und das neue Jahr herbeigeg\u00e4ckelt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Peter:<\/em><\/strong><br>Und Mitte Januar schreibt er:<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Charlotte:<\/em><\/strong><br>Dank lieber Engel f\u00fcr Frizzen. Der Umgang mit Kindern macht mich jung und froh.<br>Ich habe Sie in Frizzen aufs herzlichste umarmt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Peter:<\/em><\/strong><br>Und eine Weile hat der zw\u00f6lfj\u00e4hrige Fritz regelrecht bei Goethe gewohnt und ist mit ihm auf Reisen gegangen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Charlotte:<\/em><\/strong><br>Meine Liebste, ich habe mich auf der Reise immer mit dir unterhalten und dir in deinem Knaben Gutes und Liebes erzeigt. Ich habe ihn gew\u00e4rmt und weich gelegt, mich an ihm erg\u00f6tzt und seiner Bildung nachgedacht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Peter:<\/em><\/strong><br>Hier ganz besonders scheint mir das Wort Homosexualit\u00e4t ein viel zu schnelles und falsches Wort. Goethe ist ganz gewiss kein solcher Verf\u00fchrer. Bleiben wir dabei und reden wir weiterhin von Liebe!<\/p>\n\n\n\n<p>1782 wird Goethe in den Adelsstand erhoben. Seitdem erschien auch Herzogin Louise gelegentlich an seiner Tafel. Damit ist ein Wunschtraum in Erf\u00fcllung gegangen, genauer: Goethe hatte als J\u00fcngling die Vorstellung, das illegitime Kind eines Aristokraten zu sein. Randbemerkung: Auch Rainer Maria Rilke tr\u00e4umte zeitlebens davon, von adeliger Geburt zu sein. Goethe ist nun zum Wirklichen Geheimen Rat ernannt worden und hat seine vielen Amtsgesch\u00e4fte sehr ernst genommen. Er wurde schlie\u00dflich der Finanzminister des Herzogtums, Finanzminister mit allen Rechten und Pflichten und Verantwortlichkeiten. Es stand nicht gut um die Finanzen des Landes. Er schafft viel, wenn auch weniger als er wollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Weitere Gesch\u00e4fte, au\u00dfer dem Finanzministerium: Rund 500 Sitzungen des Geheimen Rates, rund 23.000 Akten durchgearbeitet und erledigt. Nur die Sache mit den Ruhlaer Rauchh\u00fchnern kam nicht voran. Kennen Sie nicht? H\u00f6ren Sie, womit sich unser gro\u00dfer Goethe rumschlagen musste: Ruhlaer Rauchh\u00fchner, das war eine Naturalsteuer in Form von H\u00fchnern aus dem St\u00e4dtchen Ruhla und ihre Bewertung in Geld. Es ging um l\u00e4cherliche Betr\u00e4ge: 3 Taler, 23 Groschen und 10 Pfennige; das dazugeh\u00f6rige Aktenb\u00fcndel schwoll auf 200 Seiten an, \u2013 200 Seiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Goethen unterstehen die Bergwerks- und Kriegskommission, er erarbeitet Vorschriften zur Brandversicherung und Feuerverh\u00fctung \u2013 Abschaffung der Strohd\u00e4cher, er greift bei L\u00f6scharbeiten kr\u00e4ftig zu, er ist verantwortlich f\u00fcr Wege- und Wasserbau. Schwer zu ertragen ist es, dass das Todesurteil gegen eine Kindsm\u00f6rderin auch die Unterschrift des Geheimrats von Goethe tr\u00e4gt. Er hat Wetterberichte geschrieben und Rekruten ausgehoben. Er nennt es &#8211;<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Charlotte:<\/em><\/strong><br>&#8211; ein unangenehmes, verhasstes und schamvolles Gesch\u00e4ft.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Peter:<\/em><\/strong><br>Er hat dabei auf dem Tisch das Manuskript seines Schauspiels IPHIGENIE, an dem er augenblicksweise arbeitet. Und dabei wird ihm doch klar, dass er mit seinem dichterischen Pfunde zu wenig gewuchert hat. Von einer solche Rekrutenaushebung im th\u00fcringischen Buttst\u00e4dt schreibt er am 8. M\u00e4rz 1779 an seinen Herzog:<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Charlotte:<\/em><\/strong><br>Indes die Purschen gemessen und besichtigt werden, will ich Ihnen ein paar Worte schreiben. \u00dcbrigens lasse ich mir von Allerlei erz\u00e4hlen, und alsdenn steig ich in meine alte Burg der Poesie und koche an meinem T\u00f6chtergen, &#8211;<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Peter:<\/em><\/strong><br>Das T\u00f6chtergen hei\u00dft Iphigenie, die erste, die Prosafassung des Dramas, die Versfassung entsteht erst in Rom.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Charlotte:<\/em><\/strong><br>&#8211; Bei dieser Gelegenheit sehe ich doch auch, dass ich diese gute Gabe der Himmlischen ein wenig zu kavalier behandle &#8211;<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Peter:<\/em><\/strong><br>\u2026 \u201ekavalier\u201c kleingeschrieben als Eigenschaftswort habe ich vergebens in allen W\u00f6rterb\u00fcchern gesucht. Es soll wohl hei\u00dfen, dass er mit seiner dichterischen Begabung zu ritterlich, zu h\u00f6flich umgeht, da sie doch vom Autor alle Leidenschaft und Konzentration einfordert.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Charlotte:<\/em><\/strong><br>&#8211; diese gute Gabe der Himmlischen zu kavalier behandle und ich habe wirklich Zeit, wieder h\u00e4uslicher mit meinem Talent zu werden, wenn ich noch etwas hervorbringen will-<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Peter:<\/em><\/strong><br>Goethe hat die herzogliche Armee von 571 Mann reduziert auf 323 Mann, alles mit vollem Einsatz, so dass er im Tagebuch st\u00f6hnt:<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Charlotte:<\/em><\/strong><br>Es wei\u00df kein Mensch, was ich tue und mit wie vielen Feinden ich k\u00e4mpfe, um das Wenige hervorzubringen. Bei meinem Streben und Streiten und Bem\u00fchen bitte ich euch nicht zu lachen \u2013 zuschauende G\u00f6tter.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Peter:<\/em><\/strong><br>An anderer Stelle spricht er etwas derber vom \u201eSchei\u00dfigen\u201c der Weimarer Verh\u00e4ltnisse. Goethe schafft es als Finanzminister den H\u00f6flingen ein beachtliches Privileg zu streichen: sie k\u00f6nnen nicht mehr damit rechnen, bei Hofe verk\u00f6stigt zu werden, die t\u00e4glichen Mahlzeiten bei Hofe einzunehmen. Das spart Geld aus der mager gef\u00fcllten Staatsschatulle. Nun speist auch Oberstallmeister von Stein viel \u00f6fter bei Charlotten und beschneidet so die Zeit, die Goethe mit ihr allein zubringen k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ist da vielleicht ein bisschen Absicht dabei? Ein ganz kleines Bisschen? Die Freundschaft und Liebe der beiden franst aus, leiert \u00fcber weite Strecken in Routinen, Goethe will wieder dichten. Charlotte hat unendlich viel f\u00fcr ihn getan, seine Muse war sie nicht! Die literarische Produktion hat in den ersten zehn Weimarer Jahren gelitten. Charlotte hat ihn nicht in den Sack gesteckt, aber fest ins Geschirr genommen. Das ist wohl abgearbeitet.<\/p>\n\n\n\n<p>Zauberwort \u2013 Zauberort: Italien.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=78\">Goethe, wie er nie im Schulbuch stand &#8211; Teil 2<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>* Goethe, wie er nie im Schulbuch stand Teil 1 Goethe, wie er nie im Schulbuch stand &#8211; Teil 2 Charlotte:Lieben belebt! Peter:Zwei Worte, ein Goethe, Weimar, den 28. August 1830, des Dichters 81. Geburtstag, auf ein Bl\u00e4ttchen notiert, 10\u00d714 Zentimeter \u2013 das ist ungef\u00e4hr Postkartengr\u00f6\u00dfe \u2013, umr\u00e4ndert mit einer Eichenlaubbord\u00fcre. Empf\u00e4nger unbekannt. 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