{"id":837,"date":"2023-01-07T05:24:00","date_gmt":"2023-01-07T05:24:00","guid":{"rendered":"https:\/\/peterpodehl.com\/?page_id=837"},"modified":"2023-03-08T15:11:42","modified_gmt":"2023-03-08T15:11:42","slug":"die-caldera-des-kilimandscharo","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/webaid.it\/?page_id=837","title":{"rendered":"Die Caldera des Kilimandscharo"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">*<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-medium-font-size\"> <strong>Die Caldera des Kilimandscharo zerbarst in hunderttausend St\u00fccke<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">von<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">Claudia Podehl<\/p>\n\n\n\n<p>Das sch\u00f6ne prickelnde Leben, mit dem sie sich rundum umgeben hatte, war ins Stocken geraten. Und auch Gaia selbst war eingenickert. Doch eines Jahrhunderts erwachte sie mit einem Ruck aus dem Bauch und wunderte sich \u00fcber diesen narkotischen Schlaf. Was war denn los? Alles lief wie am Schn\u00fcrchen, absolut am Schn\u00fcrchen. Ein wahres, echtes geregeltes Beamtenleben war es. Haargenau jeden Tag das Gleiche, wie Mr. Brown in den Englisch-Schulb\u00fcchern: Gets up at half past six, shaves at twenty to seven, has breakfast at seven o&#8217;clock, catches the train at a quarter past seven, starts work at 8 o&#8217;clock, und so weiter. So etwas Langweiliges. Alle Kreaturen auf der Kruste lebten ihr sch\u00f6nes ruhiges Leben, machten Kinder nach Plan, zogen sie rasch gro\u00df, und wenn sie nicht dem Hunger einer anderen Kreatur zum Opfer fielen, fingen sie wieder von vorne an.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Vesuv verpaffte eine rabenschwarze Rauchwolke.<\/p>\n\n\n\n<p>Einen Unruhestifter brauche ich, dachte Gaia, einen Chaosgenerator, der wieder f\u00fcr Leben sorgt. So ein sch\u00f6nes globales Erdbeben oder vierzig bis f\u00fcnfzig Vulkanausbr\u00fcche?&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Das Rinnsal. &#8211; Gaia erschauderte von Neuem beim Gedanken daran, und die gesamte Kruste erzitterte in einem wiegensanften Erdenbeben.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Das Gef\u00fchl der Ber\u00fchrung durch den anderen, dem lebendigen eigenwilligen anderen, das sich unabh\u00e4ngig bewegt, auf eigenen Pfaden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Geysire von El Tatio schossen feuerwerksartige Font\u00e4nen, weshalb die Atakama-W\u00fcste fast vollkommen zugepl\u00e4tschert wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Die ganz junge Gaia war unz\u00e4hlige Male von riesigen kosmischen Geschossen bombardiert worden, die sich dann sogleich in Dampf aufl\u00f6sten. Bis eben eines Tages ein ganz kleines St\u00fcckchen davon auf einem m\u00e4chtigen und sehr widerborstigen, auf ihrer brodelnden Br\u00fche schwimmenden harten Krustenbrocken gelandet war.<\/p>\n\n\n\n<p>Und einfach weiter floss, schnurstracks auf ihr Herz zu.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war ein unglaublich kurzer Augenblick gewesen, aber er hatte ihr Leben f\u00fcr immer ver\u00e4ndert.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Mount St. Helen erhitzte sich sehr, der Schnee auf seinem Kratergipfel schmolz und sauste in die Schlackew\u00fcste unten im Tal.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Hunderte Millionen Jahre hatte Gaia denken, schuften, umdenken, bewegen, ihre allerbesten intellektuellen F\u00e4higkeiten entwickeln m\u00fcssen, nur um noch einmal ein solch herzbewegendes Rinnsal zu erleben. Ihre brodelnden Fluten hatten vor lauter Aufregung alle Krustenst\u00fccke auf nimmer Wiedersehen verschlungen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Also erstmal neue Kruste schaffen, also abk\u00fchlen, dann ihr Magnetfeld so ausrichten, dass m\u00f6glichst viele dieser Brocken zu ihr flogen und nicht an ihr vorbei, ohne auf ihr zu landen. Und zuletzt auch noch genau die richtige winzigkleine Temperaturspanne hervorkehren, in der diese knallharten Himmelsgescho\u00dfe sich nicht gleich in Gas aufl\u00f6sten. Bei den Temperaturen, die Gaia gew\u00f6hnlich so produzierte, war das alles andere als einfach und erforderte ein Feingef\u00fchl, das sie noch nie erprobt hatte. Als sie es geschafft hatte, war sie erwachsen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der \u00c4tna zischte ein paar tausend heftige Blitze in die Stratosph\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<p>Und Gaia gefiel dem Wasser.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Es kam. Viel. Und blieb.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Fl\u00fcssig sein, lebendig, kreativ. Man konnte sein Rauschen und Pl\u00e4tschern, Brausen und Tosen, Tropfen, Gurgeln und Blubbern bis zu den entferntesten schwarzen L\u00f6chern h\u00f6ren, die das sehr bewunderten.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Wasser durchdrang die Kruste, die weicher und freundlicher wurde. Und selbstverst\u00e4ndlich floss es, zu Gaias unendlichem Vergn\u00fcgen. Es formte Pf\u00fctzen und T\u00fcmpel, Lachen und Seen, es floss in Krater, die gerade schwiegen. Und formte Meere und Ozeane. Gaia kam aus dem Staunen und Vergn\u00fcgen \u00fcber all diese&nbsp; Bewegungen gar nicht mehr heraus, zuletzt formte sich sogar etwas Eis an den Kalotten, eine bisher vollkommen unbekannte Temperatur.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Bis eines Tages das Magma aus einem dieser mit dem wundervollen Nass gef\u00fcllten Kraterl\u00f6chern ganz vorsichtig in die H\u00f6he blubberte. Das in diesem Fall schon fast freundliche Zusammentreffen zwischen Magma und Wasser gab Ansto\u00df zu etwas noch Revolution\u00e4rerem.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu der Sache mit den Kreaturen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Stromboli knatterte und schmauchte in rascher Folge Rauchringe in die H\u00f6he.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie das alles zustande gekommen war, war Gaia anfangs gar nicht klar. Da war das Wasser-, Magma- Krusten-Kuddelmuddel, das irgendwann anfing zu kichern. Kichern? Ja, das vernahm Gaia.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Sie musste lange und genauestens studieren, bis sie begriff, dass da, wo Magma und Wasser aufeinander trafen, gegessen wurde! Was wiederum Repliken der Fresser generierte. Und die kicherten vor Vergn\u00fcgen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Das war ein Leben! Zun\u00e4chst hatte es in den wogenden Wassern immer mehr gewimmelt und gekribbelt, und Gaia liebte dieses Gewurle. Dann hatte sie diesen Kreaturen etwas Neugier eingepflanzt und die waren auf die trockene Kruste gekrabbelt, wo f\u00fcr das \u00dcberleben nun auch Anpassungsverm\u00f6gen gefragt war.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Try-And-Error-System hatten die Kreaturen gelernt, ihre Umgebung zu vermessen und sich anzupassen. Zum Lernen bedurfte es eines Speicherverm\u00f6gens, was auch wieder abgerufen werden konnte. Dieser lebhafte Prozess hatte unendlich vielen Kreaturen das Leben gekostet, aber Gaia war verschwenderisch, wenn eine Kreatur starb, dann gab es gleich Hunderttausend neue. Sie ist reich und hat Platz f\u00fcr alle.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Fumarolen in den Solfataren exhalierten schubweise Schwefelwasserstoff, w\u00e4hrend die eisummantelten Hornitos zus\u00e4tzlich auch ein wenig Schlacke verhusteten.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Kreaturen fra\u00dfen nicht nur Mineralien, sondern sie fra\u00dfen sich auch gegenseitig auf. Das sorgte f\u00fcr Ordnung und Sauberkeit. Alle Kreaturen mussten nicht nur die Nachkommen produzieren, die f\u00fcr das \u00dcberleben ihrer Spezies notwendig war, sondern auch als Futter f\u00fcr die anderen, was allerdings als sehr schmerzlich empfunden wurde. Sie erfanden die unglaublichsten Schutzvorrichtungen, Gifte, Gegengifte, Verstecke und Versteckaufsp\u00fcrmethoden, Verteidigungs- und Angriffsstrategien, Mimikri und Lauern, um zu fressen und nicht gefressen zu werden, was erst sehr lange Zeit nach Ende dieser Geschichte auch gelang. Aber das ist eine andere Geschichte.<\/p>\n\n\n\n<p>Gaia hatte die ganze Sache gleich auch noch weiter entwickelt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ein h\u00fcbsches Erdbeben f\u00fchrte nun sehr pl\u00f6tzlich zum Zusammenbruch des Schlackekegels auf dem Bambouto-Massiv in Kamerun und zahlreiche&nbsp; Tr\u00fcmmerlawinen kullerten hinab in alle Erdenrichtungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn bei einem sehr kraftvollen Magmamagengeb\u00f6llere war Gaia die gl\u00e4nzende Idee gekommen, Kreaturenverb\u00e4nde zu schaffen. Arbeitsteilung. Eine Zelle frisst und verdaut, die andere nutzt die N\u00e4hrstoffe und baut Repliken, nach dem eigenen Zellverbandschema, versteht sich. Das Au\u00dferordentliche an dieser Idee war gewesen, dass sie nicht zwei verschiedene Zellen brauchte, um diese Zellverb\u00e4nde zu schaffen. Nein, sie benutzte zwei vollkommen gleiche Zellen und schaltete nur einfach bestimmte Funktionen an, andere ab. Click, clack. Genial.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Beethoveninsel katapultierte zischende Lapilli im Dreiviertel-Takt in die L\u00fcfte, die klinkernd auf das Eis plumpsten, das schmolz, samt Lapilli bergab rauschte und in die eisigen Fluten des antarktischen Meeres klatschte.<\/p>\n\n\n\n<p>Je mehr das nun fast vollkommen in der Kruste eingeschlossene Magma krachte, desto gro\u00dfartiger waren Gaias Ideen. Dem Kombinationsreichtum dieses Click-Clack-Konzepts war kein Ende gesetzt, die Zellverb\u00e4nde selbst wurden erfinderisch und&nbsp; entwickelten sich zu immer neuen Kreaturen, immer mehr Zellen schlossen sich zusammen und spezialisierten sich. Gemeinsam konnten sie auch mehr lernen, speichern, abrufen, nachdenken, schaffen, neu gestalten, zusammenbrechen, weil die Kombinationen falsch geschaltet waren, und wieder neu anfangen, Farben wahrnehmen und neue schaffen, Geh\u00f6r. Eine unglaubliche Vielfalt an Leben kribbelte und krabbelte, h\u00fcpfte, sprang, st\u00fcrzte und zappelte nur so \u00fcber Gaias Kruste, ja die Kreaturen bohrten sich hinein und durchw\u00fchlte sie, gestalteten sie um, schufen eine Gash\u00fclle, die wiederum den Ansto\u00df zur Entstehung von v\u00f6llig neuen, umgekehrt-komplement\u00e4ren Lebensformen gab. Milliarden Jahre lang zitterte Gaia vor Vergn\u00fcgen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und nun? Es war alles irgendwie eingerastet. Totale Wellness. Statische planetarische Ruhe.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Unertr\u00e4glich.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Tajumulco in Guatemala schepperte global ohrenbet\u00e4ubend.<\/p>\n\n\n\n<p>Einen St\u00f6renfried brauche ich, aber einen gewaltigen, dachte Gaia. Der alles durcheinander bringt, die Ordnung und H\u00e4uslichkeit liebenden Kreaturen in Aufruhr versetzt, der nichts beim alten l\u00e4sst, Unordnung schafft, Krach, Verwirrung, Entweihung, Kuddelmuddel, Babylon, Anarchie und Chaos.<\/p>\n\n\n\n<p>Gaia sann einige Jahrtausende \u00fcber das Kribbeln und Krabbeln nach und \u00fcberlegte, wie dieses Leben wohl wieder in Schwung kommen k\u00f6nnte.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Nacheinander wachten alle Vulkane auf und schmauchten, die Geysire spritzten ihr hei\u00dfes Wasser je nach Gaias Gem\u00fctszustand sehr hoch oder gar nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Kontrast und Bewegung brauchen die Kreaturen, und Austausch, Multikulturelles, Waghalsigkeit, ich kann was, was du nicht kannst.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber die Kreaturen hatten mittlerweile alles so organisiert, dass ein perfektes Gleichgewicht herrschte. Die Tochterkreaturen passten sich dem vorprogrammierten Leben ihrer Kreaturenmutter einfach an, da das sehr praktisch war und ihnen auch gar nichts anderes einfiel.<\/p>\n\n\n\n<p>Rebellische Nachkommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ja eben: klein. Eine Winzlingsrevolution.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei dem Gedanken an rebellische Nachkommen erregte sich der Nevada Ruiz genau da besonders heftig, wo es eh schon ziemlich hei\u00df war, und spie vor lauter Aufregung ein spektakul\u00e4res Feuerwerk gl\u00fchender Lava so hoch, dass man es auch vom Mars aus sehen konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie soll ich denn rebellische Nachkommen erfinden? Die sind nun mal ihrer Mutterkreatur gleich.<\/p>\n\n\n\n<p>Und wieder versickerte alles Geysirspritzwasser in der Kruste, und der Nachschub blieb aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese einf\u00e4ltige absolutistische Macht, die Kinderkreaturen vorzuprogrammieren, die muss ich Ihnen f\u00fcr alle Ewigkeit nehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwei?<\/p>\n\n\n\n<p>Zwei Kreaturen f\u00fcr eine Vermehrung?<\/p>\n\n\n\n<p>Die Caldera des Kilimandscharo zerbarst in hunderttausend St\u00fccke.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus zwei mach eins: das ergibt ganz neue Lebensformen. Also: eine Elefantenkreatur und eine Grille: ergibt eine K\u00e4ngurukreatur. Gro\u00dfartig!<\/p>\n\n\n\n<p>Der Mayon auf den Philippinen produzierte einen mittelheftigen Gesteinshagel.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Polypenkreatur und eine Spinne? Ergibt eine tausendf\u00fc\u00dfige Kreatur. Herrlich!<\/p>\n\n\n\n<p>Der Stratovulkan Oraefajokull eruptierte und schleuderte Feuer und Flammen zielgenau in den Sternenhimmel.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Schwalbe und eine Stute? Das ergibt eine gefl\u00fcgelte Stute. Stell dir das mal vor!!!<\/p>\n\n\n\n<p>Der Galeras stie\u00df einen H\u00f6llenatem in die L\u00fcfte und w\u00fcrgte 1100 Grad hei\u00dfe Lava aus seinen Schl\u00fcnden.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ja aber, ihre eigenen physikalischen Regeln konnte Gaia nun doch nicht \u00e4ndern. Was soll eine Stute mit Fl\u00fcgeln? Zum Fliegen ist sie viel zu schwer.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kalotten froren ein und es blieb einige tausend Jahre eisig kalt.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber das Magma polterte weiter, denn ganz tief unten an der gl\u00fchendsten Stelle barg es das Gef\u00fchl, dass die Idee noch nicht ausgesch\u00f6pft war.<\/p>\n\n\n\n<p>Und wenn ich nun einfach zwei Kreaturen der gleichen Art nehme? Die eben doch nicht ganz gleich sind? Dualismus, das Prinzip meiner eigenen Existenz? Positiv und Negativ, Jin und Jang, Licht und Schatten?&nbsp; Feuer und Wasser. Mit der Kraft der Kopplung, der Wechselwirkung aus dem Widerspruch, Zusammenwirken der Divergenzen, Vereinigung des Auseinanderstrebenden? Und der gegenseitigen Zerst\u00f6rung, Niederschlagung, Zerstrahlung, Vernichtung zum Zwecke der Energiefreisetzung? Damit nichts ewig sein kann?<\/p>\n\n\n\n<p>Die sch\u00f6ne, klare G\u00f6ttin Aphrodite, der Inbegriff der Liebe, mit dem zerst\u00f6rerischen Kriegsgott Ares? Sie werden bekanntlich die Tochter Harmonia zeugen.<\/p>\n\n\n\n<p>Gar nicht schlecht, schnalzte Gaia mit ihren Gedanken und der Krakatau schoss einen gewaltigen Lavapfropfen in die H\u00f6he und explodierte gleich darauf um 350\u00b0, dass es nur so donnerte und schepperte.<\/p>\n\n\n\n<p>Die beh\u00e4bigen Kreaturen, denen diese Unruhe &#8211; ganz nebenbei gesagt &#8211; eigentlich gar nicht behagte, br\u00e4uchten dann einen ebenb\u00fcrtig gegenteiligen Partner, ein Alter Ego, um Nachkommen zeugen zu k\u00f6nnen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Welch g\u00f6ttlicher Nervenkitzel.<\/p>\n\n\n\n<p>Also, wenn ich&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Gaia machte sich h\u00f6chstkonzentriert an die Arbeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war eine sehr komplizierte wissenschaftliche Arbeit, jeglicher Fehler, so winzig er auch sein mochte, zersprengte das ganze System, Monster entstanden, aber Gaia dachte an den pr\u00e4chtigen Chaosgenerator, den sie im Sinn hatte. Tausend und Abertausend mal begann sie von neuem, bis endlich die Erbinformationsspiralen der Kreaturen und der &#8220;Alter Egos&#8221; perfekt ineinander passten, wie die Teile eines Puzzles.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Gunung Agung applaudierte mit einem vulkanischen Gewitter erster Klasse.<\/p>\n\n\n\n<p>Und nun merkte Gaia, wie m\u00fcde sie war. Sie hatte Jahrmillionen geschuftet, get\u00fcftelt, kaum geschlafen, aber nun funktionierten die Teilungen und Verschmelzungen einfach gro\u00dfartig.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Es war nur noch die Frage, wie dieses gegens\u00e4tzliche Konvergenzwesen nun zur praktischen Anwendung verpackt werden sollte. Unbedacht ihrer M\u00fcdigkeit erfand Gaia rasch noch einen seinen Funktionen gerechten Erbinformationstr\u00e4ger mit dem starken Willen, diese so breit als m\u00f6glich zu verteilen und atmete auf, freute sich schon auf das vitale Chaos, das in K\u00fcrze ausbrechen w\u00fcrde. Sie schuf unz\u00e4hlige Repliken und lie\u00df sie alle auf die Kreaturen los.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber die selbstst\u00e4ndigen und selbstbewussten Kreaturen beachteten diese Objekte \u00fcberhaupt nicht, und die n\u00fcchternen und funktionsgerechten Erbinformationsverteiler blieben stehen und liegen wie nicht abgeholt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Gaia wurde nerv\u00f6s und der Raikokel schoss&nbsp; ein erhebliche Menge tiefroter Glutfanale aus seinen feurigen Schl\u00fcnden.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ach ja, die Zellteilungsfunktion muss ich abschalten, dachte die vollkommen \u00fcberm\u00fcdete Gaia. Clack, clack, clack. Aber da kam es noch schlimmer, denn die Kreaturen fra\u00dfen gierig weiter, ohne jedoch Nachkommen generieren zu k\u00f6nnen. Sie wurde unm\u00e4\u00dfig fett und zerplatzten, dass es nur so krachte.<\/p>\n\n\n\n<p>Milliarden von Kreaturen blieben ohne Nachkommen, die Kruste wurde g\u00e4hnend leer, aber die funktionsgerechten Erbinformationstr\u00e4ger produzierten und verstreuten weiterhin ihre wertvollen Informationen sinnlos und unbeachtet vor sich hin. Da zuletzt niemand mehr fra\u00df, stank es bald auch \u00fcberall h\u00f6llisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Vetriol\u00f6lsee oben im Himalaja trat gurgelnd und sch\u00e4umend \u00fcber die Ufer.<\/p>\n\n\n\n<p>Da wurde die vor M\u00fcdigkeit taumelnde Gaia ungeduldig und auch \u00e4rgerlich und kam auf die Idee, die n\u00fcchternen Informationsverteiler mit mehr Draufg\u00e4ngertum auszustatten. Und tats\u00e4chlich begannen die zweckm\u00e4\u00dfigen Erbinformationsverteiler sofort gegeneinander zu k\u00e4mpfen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Popokatepetl hustete siebenhundert Milliarden Tonnen Schwefeldioxid aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Nein, das hat keinen Sinn, dachte Gaia in einem letzten Anfall der Vernunft und gab noch ver\u00e4rgerter auf. Sie aktivierte die Zellteilungsfunktionen von neuem, click, click, click, denn sonst h\u00e4tte sie schlie\u00dflich mit der gesamten Lebensschaffung von vorne beginnen m\u00fcssen. Dann schaltete sie die kampfs\u00fcchtigen Erbinformationsverteiler vollkommen ab. Clack, clack, clack, clack, clack. Und dann dachte sie voller Wut an gar nichts mehr.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Pinatubo verqualmte eine letzte unglaublich schwere pechschwarze Rauchwolke, die die Kruste und Ozeane \u00fcberschattete, so dass die anderen Himmelsk\u00f6rper Gaia suchten, aber nur noch ihren treuen Mond sahen, der sie weiter umkreiste. Dann geschah nichts mehr.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Vulkane schwiegen, die Geysire spritzten lustlos ein wenig hei\u00dfes Wasser in die H\u00f6he, die Kruste nutzte die unerwartete Ruhe, um sich ein wenig zu festigen. Die Ozeane schaukelten freundlich, denn die Winde schwiegen und die Kreaturen erholten sich von den schweren Einbu\u00dfen nach der Abschaltung der Zellteilung. Das Leben war und blieb langweilig.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Gaia schlief.<\/p>\n\n\n\n<p>Als sie dann nach einigen Hunderttausend Jahren aus ihrem Erholungsschlaf aufwachte, erschien ihr alles sofort sehr logisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Schlie\u00dflich geschah die Fortpflanzung seit jeher aus Lebensfreude. Aber wenn die Kreaturen an dem funktionsgerechten, aber langweiligen&nbsp; Erbinformationsverteiler kein Interesse hatten, dann eben, weil er vollkommen uninteressant war und zum Aufnehmen einer Beziehung geh\u00f6ren zwei sich Beziehende. Ich h\u00e4tte ihn mit ein wenig charmantem Duft ausstatten sollen, dachte sie.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Kazamura blubberte, hustete ein wenig und musste auch mehrmals niesen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Schlie\u00dflich laufen die Kompatibilit\u00e4tsinformationen auch \u00fcber den olphaktiven Weg, denn Gehirn im Sinn von Lernen und Wissen und Denken haben bei der Empf\u00e4ngnis nichts zu sagen. Oh ja, einen wundersch\u00f6nen Duft, dachte Gaia schw\u00e4rmerisch, der benebelt und bet\u00f6rt. Dem man hinterherl\u00e4uft wie die Cartoons in den WaltDisneyFilmen, wenn sie etwas zu Essen riechen, und Lavendel, Jasmin, Knoblauch und Rosmarin, Kardamom, Moderduft und Zimt. Und au\u00dferdem k\u00f6nnte ich den Erbinformationstr\u00e4ger auch etwas aufpeppeln, indem ich ihm Kleider aus auffallenden, verf\u00fchrerisch schillernden Farben verpasse, die blenden, und wenn der sich dann bewegt, dann blinkt und funkelt und schimmert und glitzert es, dass einem ganz schwindlig wird, dachte Gaia, und ihr Magma begann verwirrt zu blubbern und zu b\u00f6llern.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wohlgestalte, aufregende Formen und Farben, Kreativit\u00e4t, Schnapsideen, Ausdruckskraft, Canova, van Gogh und Gl\u00fchw\u00fcrmchenblinken, schwelgte sie weiter. &#8220;Was ist denn ein Van Gogh?&#8221; fragte das Magma in einem unerwarteten Anfall der N\u00fcchternheit. &#8220;Das wei\u00df ich doch auch nicht, das werden wir schon sehen,&#8221; antwortete Gaia.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Und singen k\u00f6nnten sie auch, verlockend zwitschern, kr\u00e4chzen, schmettern, jodeln, tremolieren und kn\u00f6deln, fl\u00f6ten, trillern und tr\u00e4llern, Koloraturen, Gold werde ich ihnen in die Kehle legen, jubilierte Gaia, und wenn sie dann endlich verliebt sind, dann wird ihre Stimme bet\u00f6rend sinnlich und geschmeidig, und ihr selbst war es nun schon ganz schwummerig im Bauche. Musik, Harmonien, Melodien, Rhythmen, Mozart, Maracas und Callas. Tanzen!&nbsp; Eine kesse Sohle aufs Parkett legen und lautloser Spinnentango.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8220;Und wie ist das mit dem Magen,&#8221; fragte das Magma benebelt, &#8220;dem Gaumen?&#8221; Schmausen, schnabulieren und schlemmen, schl\u00fcrfen, schwipsen, Delikatessen, Leckerbissen, Aromen, W\u00fcrzen, Wohlgeschmack, Gaumenkitzel, Genuss, Basilikum wirft jede Jungfrau um, ein Curryhuhn, Lebkuchen und K\u00e4se mit W\u00fcrmern.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Gaias Erregung hatte sich auf die Kreaturen \u00fcbertragen, und die kribbelten und krabbelten nun hektisch, fahrig und tumultuarisch auf ihrer Kruste, im Wasser und in der Luft herum, was Gaia nur umso mehr in Fahrt brachte. Streicheln sollen sie sich, kraulen, z\u00e4rtlich zueinander sein, in die Augen sehen, sich beriechen, mit dem Schwanz wedeln, K\u00f6rpersprache, Tango, Flamenco und Bauchtanz, auf dem Vulkan, Rocken, dass die W\u00e4nde wackeln, Blues, schmiegen und wiegen, h\u00e4tscheln, herzen, umarmen, schmusen, lecken, beschlecken, schmecken, kraulen, kitzeln, k\u00fcssen, bezirzen, begehren, erobern, taumelig um die Finger gewickelt, bestrickend d\u00e4monisch, die Sinne bet\u00f6ren, bet\u00e4ubt in Saus und Braus,&nbsp; entfesselt und voller Rhythmus, Verlangen, Lust, Duft, Schwindel, Furie, Wut und Wonne. Keine Raison, keine Gedanken und kein Zur\u00fcck mehr.<\/p>\n\n\n\n<p>Gaia war bei all diesen Gedanken um die Lust derma\u00dfen ins Schwitzen geraten, dass der Nordpol vollkommen dahingeschmolzen und auch das wenige noch verbliebene Eis auf der Antarktis bedrohlich warm geworden war.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Um Himmels Willen!&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Das Wasser stand bis an den Himalaya, unz\u00e4hlige Kreaturen und langweilige Erbinformationsverteiler waren ertrunken, andere &#8211; wenige &#8211; hatten sich an das neue Leben im Wasser angepasst. Die Kruste war unter dem warmen Wasser ganz weich geworden, nur der Mount Everest und einige andere hohe Berge ragten noch heraus, und die vollkommen au\u00dfer Rand und Band geratenen Vulkane spieen ihre Lava alle unter Wasser und verursachten haarst\u00e4ubende Tsunami mit verheerenden Monsterwellen, w\u00e4hrend die kochende Lava in den brodelnden Fluten zu skurrilen Figuren erstarrte.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Gaia musste ihre Gedanken sofort aufs Eis legen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Rasch sog sie das Magma aus den Vulkanen zur\u00fcck und verschluckte sich dabei auch noch am Ozeanwasser, das gleich nachkam. Ihre Husterei brachte die gesamte Kruste ins Zittern und Wackeln. Dann schaltete sie die Klimafaktoren auf h\u00f6chste Tiefk\u00fchltemperatur und bat die Sonne und deren Winde um Hilfe und auch die gerade vorbeisausenden Weltallst\u00fcrme, die also eine k\u00fchlenden Runde um Gaia fegten. Gaia selbst war ganz mucksm\u00e4uschenstill, r\u00fchrte sich nicht mehr, zwang das Magma zur Ruhe und sehnte sich dabei unendlich nach dem lustvollen Kribbeln eines Lebens zu Zweit, das sie sich da ausgedacht hatte.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Als dann nach einigen Jahrhundertausenden wieder die ersten Eisw\u00fcrfel am Nordpol schwammen, atmete sie sehr vorsichtig auf und wartete weiter, bis das Wasser sich so weit abgek\u00fchlt hatte, dass der \u00e4thiopische Cuma wieder emportauchte. Und nun begann sie &#8211; sehr sanft &#8211; \u00fcber die turbulenten Ideen nachzudenken, an denen sie beinahe ertrunken w\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<p>Also, Nachkommen zeugen soll, sagen wir mal, &#8220;erfreulich&#8221; sein, dachte Gaia sehr vorsichtig und n\u00fcchtern und horchte auf die Reaktion des Nordpols. Der r\u00fchrte sich nicht.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Und das zweite Objekt, das eine Kreatur braucht, um Nachkommen zu zeugen, das Alter Ego, der Partner, braucht alle Sinnes- und Kommunikationsorgane, damit das &#8220;oben Beschriebene&#8221; zur Ausf\u00fchrung kommen kann. Gaia dr\u00fcckte sich so trocken wie m\u00f6glich aus, um sich &#8211; und damit das geliebte, aber eben doch nicht ganz ungef\u00e4hrliche Wasser rundum &#8211; nicht zu erhitzen. Und es muss so interessant sein, dass eine Kreatur Lust darauf bekommt. Aber die Erbinformationsteilungs- und -verschmelzungsfunktionen sind schlie\u00dflich perfekt, da brauche ich nichts zu \u00e4ndern. Und wenn ich sie ganz einfach&#8230;. hmmm,&nbsp; in ein den Matrixkreaturen ebenbildiges Alter Ego lade?&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Fuji Jama, der schon ein sch\u00f6nes St\u00fcck aus den sich abk\u00fchlenden Wassern emporgestiegen war, bekam kochendhei\u00dfen Schluckauf, und die Klimafaktoren wurden umso besorgter und n\u00e4herten sich dem absoluten Nullpunkt. Am Nordpol t\u00fcrmte sich ein riesiger Eisberg auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Also: ich nehme eine Matrixkreatur, schalte die Zellteilungsfunktion zum Zwecke der Selbstvermehrung ab. Clack. Aktiviere Spiralenteilung und -fusion zwecks Vermehrung. Click. \u00dcbertrage die Erbinformationen des Alter Ego, wohin? In die Eierst\u00f6cke. Erbinformationen der Kreatur raus, Erbinformationen des Alter-Ego-Partners rein. Gut. Schalte die Geb\u00e4rmutter ab. Clack. Funktioniere sie um zum Erbinformations-Projektionsinstrument, aber nicht drinnen, sondern drau\u00dfen. Nehme die Erbinformationsbeh\u00e4lter, sprich ehemalige Eierst\u00f6cke, gleich mit. Raus damit, an die frische Luft. M\u00fcssen im Ernstfall ja parat sein. Die Zizen? Braucht der Alter-Ego-Partner nicht, braucht nicht zu stillen, weg damit! Oh je, sieht aber scheu\u00dflich aus, lassen wir da, nur die Funktionen abschalten, nicht wachsen, kein Fett, keine Milch, kein Lustempfinden, clack, clack, clack, clack. Das hei\u00dft Lustempfinden, warum denn nicht? Click.<\/p>\n\n\n\n<p>Allerdings kann die zum Erbinformationsspritzinstrument umfunktionierte Geb\u00e4rmutter nat\u00fcrlich wenig ausrichten, wenn sie so schlabbrig rumh\u00e4ngt. Die muss zielorientiert schie\u00dfen. Verkn\u00f6chern?&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Dem Pel\u00e9e in der Karibik w\u00e4ren beinahe ein sehr langer Schlackepfropfen aus dem Schlot geschossen. Nein, dachte Gia, das ist unpraktisch, und die Schlotschlacke rutschte erstmal wieder runter.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht kann ich da was erfinden, sowas wie Sahnesteifschlagen, dachte Gaia behutsam. Nur nicht den Nordpol auf meine revolution\u00e4ren Machenschaften aufmerksam machen, aber der t\u00fcrmte bei Tiefsttemperaturen Eisberge auf, dass es eine reine Freude war.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Luftdruckpumpe. Lustaktiviert.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Gaia bekam G\u00e4nsehaut und heftigen Sch\u00fcttelfrost, dass die Ozeane zu schwabbeln begannen.<\/p>\n\n\n\n<p>Luft? Wo soll die denn herkommen? Und au\u00dferdem ist die zu trocken. Das muss alles laufen wie geschmiert, eine lustgesteuerte chemisch-physiologische Blutdruckpumpe. Das ist die L\u00f6sung. Gut.<\/p>\n\n\n\n<p>Und wieder t\u00fcftelte und schaltete Gaia &#8211; ganz still und leise&nbsp; &#8211; die Chemie, die Physik, die Energiestr\u00f6me, die Synapsen, programmierte das Wasser, baute bei Matrixkreatur und ihrem Partner-Alter-Ego Schmierorgane ein, dabei immer \u00e4u\u00dferst bed\u00e4chtig und ein Auge auf den Nord- und S\u00fcdpol orientiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Die beiden waren begeistert von den sch\u00f6nen Eisbergen, die sie geschaffen hatten und bemerkten \u00fcberhaupt nichts, auch nicht den weit entfernten Kilauea, der sich aufbl\u00e4hte, wie ein Luftballon, da sich seine unterirdischen Kammern kr\u00e4ftig mit knallroter Lava f\u00fcllten.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8220;Und wenn die Kreaturen und die Alter Egos dann nicht miteinander auskommen?&#8221;, fragte das Magma.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8220;Wir kommen schlie\u00dflich auch miteinander aus. Ich brauche deine Hitze und du brauchst meine Intelligenz. Und auch sonst noch einiges.&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p>Das Magma knirschte mit seinen feurigen Z\u00e4hnen, dass die gesamte Erdkruste hin- und herschwankte und die Eisberge heftig ins Schaukeln gerieten.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8220;Und was ist mit dem Mutterinstinkt?&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8220;Was soll mit dem denn sein? Den brauchen die Nachkommen schlie\u00dflich!&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8220;Braucht das Alter Ego aber nicht! Also abschalten!! Die Milchproduktion hast du eh schon abgeschaltet.&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p>Diesmal knirschte Gaia mit den Z\u00e4hnen, denn \u00fcber solche Fragen hatte sie noch gar nicht nachgedacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Da sie nicht gleich weiter wusste, putzte sie sich erstmal die Z\u00e4hne, weshalb alle Geysire der Erde pl\u00f6tzlich hochaktiv wurden. &#8220;Mit sauberen Z\u00e4hnen kann ich besser denken&#8221;, erkl\u00e4rte sie dem Magma, das allerdings nichts von Z\u00e4hneputzen wissen wollte. Gott sei Dank, denn eine planetarische Geysir-\/Magmazahn-Interaktion h\u00e4tte wahrhaft unvorstellbare Folgen gehabt.<\/p>\n\n\n\n<p>Also, Kinder gro\u00df ziehen? Aber klar doch, das tut die Kreatur, denn die ist seit jeher daf\u00fcr programmiert. Beim alteregoistischen Partner wird alle Restm\u00fctterlichkeit abgeschaltet. Punkt.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8220;Soll der denn nun gar nichts k\u00f6nnen, nichts sehen, nichts erleben?&#8221;, fragte das Magma, traurig und beleidigt. &#8220;Dieses wundervolle Liebesspiel zwischen Eltern und Kind \u00fcberhaupt nicht erleben? Das Wachsen, die Tollpatschigkeit, das Krabbeln, das Aufstehen und das Gehen? Fliegen? Du wolltest doch einen ebenbildigen UND ebenb\u00fcrtigen Partner schaffen?&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p>Nun knirschten beide mit den Z\u00e4hnen und die von den Geysiren schon geh\u00f6rig gewaschene Erdkruste kam ins Schleudern und bekam Risse. Die Eisberge krachten aneinander.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8220;Gut&#8221;, lenkte Gaia ein, &#8220;du hast ja recht.&#8221; Alles Leben und alle Entwicklung war nach dem Prinzip des Life-Long-Learning gewachsen, und nun sollte eine Kreatur oder deren Alter-Ego-Partner etwas nicht k\u00f6nnen? Nein, das w\u00e4re lebenswidrig.<\/p>\n\n\n\n<p>Also, wir m\u00fcssen auch die Aufgabenverteilung programmieren. Zumindest ein bisschen, den Rest m\u00fcssen die dann schon selber regeln, denn sonst wird&#8217;s wieder langweilig. Auf jeden Fall muss die Logik des ein-bisschen-Jin-im-Jang-und-umgekehrt-Prinzip gewahrt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ging turbulent zu zwischen Gaia und dem Magma, das in diesem Fall die Interessen des Alter Ego vertreten wollte.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Viel Mutterinstinkt verblieb in den Kreaturen aktiv und wenig im Alter-Ego-Partner. Die so entstandene Leere wurde mit gr\u00f6\u00dferer Muskelkraft und Schie\u00dff\u00e4higkeiten gef\u00fcllt. Beide verga\u00dfen die Aggressivit\u00e4t, die Gaia ihm seinerzeit verpasst hatte. Bei der Liebesf\u00e4higkeit einigten sie sich auf grunds\u00e4tzliches Gleichgewicht, wenngleich mit unendlich vielen Schattierungen. Beim Machtprinzip ging es sehr hoch her, denn sie hatten h\u00f6chst unterschiedliche Vorstellungen von Macht. Keiner gewann.<\/p>\n\n\n\n<p>Und zuletzt war es so, dass eigentlich alles m\u00f6glich war, nur das Prinzip der Eiproduktion durch die Kreatur und die Besamung durch das Alter Ego blieb bestehen, aber ansonsten behielt der Alter-Ego-Partner auch ein wenig Mutterinstinkt, weshalb durchaus denkbar war, dass es diesen so potenzieren konnte, dass es die Kleinen allein gro\u00dfzieht, w\u00e4hrend die Kreaturenmutter ihnen allen den R\u00fccken kehrt und andere Wege geht. Oder dass eine Kreatur auf die Jagd geht und f\u00fcr das Fressen f\u00fcr alle sorgt, w\u00e4hrend der Alter-Ego-Vater nur rumkommandiert, weil er k\u00f6rperlich st\u00e4rker ist, aber nicht genug K\u00f6pfchen f\u00fcrs Jagen und eine gerechte Fressensverteilung aufbringen kann. Oder will.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend der langen Diskussion waren die Erdplatten je nach Diskussionsstand viel hin- und hergerutscht und fanden sich nun in einer vollkommen neuen Konformation wieder.<\/p>\n\n\n\n<p>Zuletzt tobte sich der Tolbatschik in Kamtschatka aus, mit kraftvollen Donnerschl\u00e4gen schoss er gigantische, zischende und dampfende Lavabrocken in den ewigen Schnee, brachte alles Eis zum Schmelzen, dann verschluckte er den ganzen riesigen See, der sich in seinen Kratern gebildet hatte, weshalb das Magma da ganz tief unten feurig mit dem Wasser zusammenstie\u00df. Das verdampfte schlagartig und sprengte alles Erdreich dar\u00fcber in die Luft, das Hunderte Kilometer entfernt wieder auf die Kruste niederprasselte. Der Tolbatschik verschwand vollkommen und hinterlie\u00df sein Gegenst\u00fcck: einen riesigen unermesslich tiefen Trichter.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Elefantenkreatur Ermenegilda stand vor einer sch\u00f6nen Magnolie und betrachtete sie, gen\u00fcsslich \u00fcberlegend, von welcher Seite sie nun die Verspeisung derselben beginnen sollte. Erst die ganz zarten Bl\u00e4tter ganz oben? Und dann sch\u00f6n langsam runter? Oder erst die kr\u00e4ftigeren unten, um dann sch\u00f6n langsam aufzusteigen und das Mahl mit den saftigen zarten ganz oben abzuschlie\u00dfen und den herrlichen Geschmack noch lange nachhallen lassen zu k\u00f6nnen?&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Sie \u00fcberlegte allerdings auch, dass die Magnolie ihre Verteidigungsgifte aktivieren w\u00fcrde, weshalb sie beschloss, von links unten nach oben und auf der rechten Seite wieder nach unten zu fressen. Dann k\u00f6nnte sie von allem etwas durch ihren l\u00fcsternen Gaumen passieren lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ahh&#8230;.<\/p>\n\n\n\n<p>Nur, ein Elefanten-Alter-Ego namens Moritz hatte diese \u00dcberlegungen aus einer gewissen Entfernung am Schwanzwedeln der Kreatur nachverfolgt, und diese Wedelei (in Wahrheit war es nat\u00fcrlich eher Ermenegildas subliminal wirkender, m\u00e4chtig bet\u00f6rlicher Duft &#8211; und auch ein bisschen die Popowackelei) hatte ihn so aufgeschaukelt, dass er gerade in diesem Moment der Entscheidung losst\u00fcrmte. Es gab einen heftigen Kampf, mit R\u00fcsselohrfeigen, Fu\u00dftritten, Trompeterei, Gequietsche und Geschnaufe, K\u00fcsschen und ein rhythmisches Sto\u00dfzahn-Klick-Klack. Der Chaosgenerator hatte zugeschlagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Magnolie atmete erst mal auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Tatsache ist, dass ein Elefanten-Alteregochen namens Max, das niemand sah, an diesem Lustkampf nicht unbeteiligt war. Der schrie, stampfte und trompetete mehr als seine Eltern zusammen, denn seine zuk\u00fcnftige materielle Existenz hing schlie\u00dflich von Moritzens \u00dcberzeugungsk\u00fcnsten und der daraus folgenden Zustimmung Ermenegildas ab. Ja, der kleine Max fl\u00fcsterte ihm die sch\u00f6nsten Liebkosungen ins Ohr, der sinnes\u00fcberw\u00e4ltigte Moritz wunderte sich \u00fcber die Einf\u00e4lle, die ihm da kamen, und probierte sie aus. Zu guter Letzt gab es noch ein langes, unendlich z\u00e4rtliches R\u00fcsselgeschn\u00fcffel. Die D\u00fcfte stimmten. Max beruhigte sich und lie\u00df die Augenlider sinken.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>G\u00f6ttlicher Nervenkitzel.<\/p>\n\n\n\n<p>Und rebellische Nachkommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein wundervolles L\u00e4cheln breitete sich \u00fcber Gaia aus, sie lehnte sich gl\u00fccklich zur\u00fcck und strahlte in das Weltall.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\">\u00a9&nbsp;Claudia  Podehl<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>* Die Caldera des Kilimandscharo zerbarst in hunderttausend St\u00fccke von Claudia Podehl Das sch\u00f6ne prickelnde Leben, mit dem sie sich rundum umgeben hatte, war ins Stocken geraten. Und auch Gaia selbst war eingenickert. Doch eines Jahrhunderts erwachte sie mit einem Ruck aus dem Bauch und wunderte sich \u00fcber diesen narkotischen Schlaf. Was war denn los? [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":492,"menu_order":2,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-837","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/webaid.it\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/837","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/webaid.it\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/webaid.it\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/webaid.it\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/webaid.it\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=837"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/webaid.it\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/837\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1267,"href":"https:\/\/webaid.it\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/837\/revisions\/1267"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/webaid.it\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/492"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/webaid.it\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=837"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}