{"id":934,"date":"2023-01-30T18:38:19","date_gmt":"2023-01-30T18:38:19","guid":{"rendered":"https:\/\/peterpodehl.com\/?page_id=934"},"modified":"2025-07-08T16:03:14","modified_gmt":"2025-07-08T16:03:14","slug":"unheimlich","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/webaid.it\/?page_id=934","title":{"rendered":"Unheimlich?"},"content":{"rendered":"\n<p>Peter Podehl antwortet auf den Brief einer Mutter<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\">\u00a9 Peter Podehl<\/p>\n\n\n\n<p>Stellungnahme zum Brief von Frau Viktoria von N. vom 6. Januar 1963<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe zwar bedauerlicherweise das MAGAZIN DER WOCHE am 6. Januar nicht gesehen, kann mir aber kaum vorstellen, dass darin f\u00fcr eine v\u00f6llige Eliminierung des Unheimlichen &#8211; dieses Wort von Frau N. stehe hier einmal f\u00fcr den fraglichen Komplex von Begriffen &#8211; aus allen Sendungen f\u00fcr Kinder und Jugendliche pl\u00e4diert wurde. Es st\u00fcnde bei einem solchen Purismus arg um die klassische und moderne Jugendliteratur von den alten M\u00e4rchen bis zu Erich K\u00e4stner und PETER PAN.<\/p>\n\n\n\n<p>Man kann nat\u00fcrlich auf dem Standpunkt stehen, dass Kindern jegliche Abbildung des Unheimlichen vorenthalten werden sollte. \u00dcber den Wert solcher Hygiene sind sich allerdings die Gelehrten ja wohl nicht einig; wenn ich recht unterrichtet bin, sind es die modernen Psychologen, die vor einer so rationalen, sterilen P\u00e4dagogik warnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Furcht und Mitleid zu erregen, ist seit Aristoteles das Programm des Dramas, auch des anspruchslosen, auch des Fernsehfilms f\u00fcr Kinder und Jugendliche. Vielleicht &#8211; auch weil Aristoteles dabei allein von der Trag\u00f6die ausging &#8211; sollte man die uns heute etwas pathetisch klingenden Vokabeln durch den Begriff der Anteilnahme ersetzen. Jeder Autor und Regisseur wird versuchen, sie im Beschauer zu wecken &#8211; durch Witz, Kampf, Tod, Liebe, Schrecken und andere Ingredenzien. Zu ihnen geh\u00f6rt als durchaus legitim, so will mir scheinen, auch das Unheimliche.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Unheimliche, das ein steter Begleiter unserer Existenz, auch der kindlichen, ist. Zum Beispiel bei jedem Verkehrsunfall, ja selbst bei jedem um Haaresbreite verhinderten Verkehrsunfall &#8211; und ich m\u00f6chte nicht z\u00e4hlen, wie viele es deren t\u00e4glich gibt, in die Kinder verwickelt oder eben zum Gl\u00fcck eben nicht verwickelt sind &#8211; sitzt es uns doch sp\u00fcrbar genug im Nacken, in den Haaren, die sich str\u00e4uben.<\/p>\n\n\n\n<p>Freilich l\u00e4sst sich mit dem Unheimlichen viel Schindluder in allen Kunst- und Kitschgattungen treiben, wie billige Krimis tausendfach beweisen.<\/p>\n\n\n\n<p>Jedoch: ein von seiner Einheit abgesprengter Landser, ohne Gep\u00e4ck, und gewiss nicht ohne Grund unrasiert, offensichtlich entwaffnet &#8211; denn Peter findet vor seinem Auftauchen eine heile Pistole ganz in der N\u00e4he seines Verstecks, &#8211; der von zwei Kindern mit Pfeil und Bogen bedroht wird, gehorsam die Arme hebt und seine Feldpostnummer stottert und so vom Unheimlichen zum Hilflosen, ja Armseligen wird, &#8211; auf solchen Mann und solchen Vorgang wollen mir die Worte &#8220;schrecklich, gr\u00e4sslich, v \u00f6 l l i g\u00a0 unangebracht, \u00fcberfl\u00fcssig und grundfalsch&#8221; absolut nicht passen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ob diese Angst, die dieser Landser wecken sollte und geweckt hat, nicht vielleicht heilsam ist und beitr\u00e4gt zur Verurteilung des Krieges als Vater solcher N\u00f6te und Gr\u00e4uel?<\/p>\n\n\n\n<p>Zur Frage der Modernisierung des Stoffes:<\/p>\n\n\n\n<p>Sonnleitners Buch spielt allerdings in unkriegerischer Zeit: 1683. Es ist jedoch zu unterstellen, dass der 35 Jahre vorher beendete Drei\u00dfigj\u00e4hrige Krieg durchaus noch nicht vergessen war. Auf Kriege pflegt h\u00f6chst selten ein Wunder wie dasjenige zu folgen, in dem wir gegenw\u00e4rtig leben d\u00fcrfen; ich meine das weniger ironisch, als es vielleicht klingen mag.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Anlass f\u00fcr die Flucht in den Heimlichen Grund ist im Buch jedenfalls nichts weniger als dramatisch, ja grausam: Evas Gro\u00dfmutter wird als Hexe verfolgt. Auf den ersten sieben Druckseiten z\u00e4hle ich die Worte Hexenprozess und Scheiterhaufen zweimal (letzteres einmal in Verbindung mit &#8220;brennen&#8221;), und je einmal die Worte Hexe, Hexerei, Martertod, Soldknechte, Fl\u00fcchtlinge, Verfolger und Gericht.<\/p>\n\n\n\n<p>Von Peter hei\u00dft es: &#8220;Seine Mutter, auch eine Fl\u00fcchtige, wie es damals viele im Lande gab, war im einsamen Bergwald bei der Geburt eines toten M\u00e4dchens in den Armen der ihr v\u00f6llig fremden alten Frau gestorben&#8230; Peter, der so viel B\u00f6ses erlebt hatte, war ein fr\u00fch gereifter, flei\u00dfiger Bub.&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p>Angesichts solcher Zitate scheint mir der Gedanke nicht sehr abwegig, das Buch f\u00fcr eine Verfilmung zu modernisieren, um jegliche M\u00f6glichkeit zu einer verniedlichenden oder gar m\u00e4rchenhaften Idylle auszuschalten. Wir suchten nach der Form, bei der wir mit der st\u00e4rksten und ernsthaftesten Anteilnahme der jugendlichen Zuschauer rechnen durften und wollten vermeiden, dass die in den 50er und 60er Jahren Heranwachsenden auf die Idee kommen k\u00f6nnten, dergleichen Dinge seien nur in finsteren, vergangenen Jahrhunderten geschehen, w\u00e4hrend doch das Fl\u00fcchtlingselend nicht lang vergangener Jahre den Vergleich mit dem siebzehnten Jahrhundert unseligerweise nicht zu scheuen braucht, und zynische und ernsthafte Propheten von einem m\u00f6glichen R\u00fcckfall unserer ganzen Zivilisation in die Steinzeit sprechen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\">Plp<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\">M\u00fcnchen, den 20. Januar 1963<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Peter Podehl antwortet auf den Brief einer Mutter \u00a9 Peter Podehl Stellungnahme zum Brief von Frau Viktoria von N. vom 6. Januar 1963 Ich habe zwar bedauerlicherweise das MAGAZIN DER WOCHE am 6. 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