{"id":963,"date":"2023-02-11T18:14:07","date_gmt":"2023-02-11T18:14:07","guid":{"rendered":"https:\/\/peterpodehl.com\/?page_id=963"},"modified":"2026-03-04T15:26:30","modified_gmt":"2026-03-04T15:26:30","slug":"peter-und-der-krieg","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/webaid.it\/?page_id=963","title":{"rendered":"Peter und der Krieg"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-text-align-center\">***<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading has-text-align-center\">Peter und der Krieg<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">***<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=965\">Italiano<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><em>Meine Gro\u00dfmutter wurde 1880 geboren. Sie war ein unabh\u00e4ngiger Geist, trug Reformkleider, also kein Korsett, studierte P\u00e4dagogik und auch Gesang, ging als Kinderm\u00e4dchen nach Odessa. Dort gingen ihr vor lauter Heimweh die Haare aus. Als sie zur\u00fcckkam, war sie der russischen Sprache m\u00e4chtig und brachte viele russische Lieder mit. Sie heiratete meinen 10 Jahre j\u00fcngeren Gro\u00dfvater und gebar 1922 ihren ersten und einzigen Sohn, da war sie 42. Peter Leonid &nbsp;wurde auf die damals revolution\u00e4re Steinerschule geschickt, zuhause gaben die Eltern Hauskonzerte, meine Gro\u00dfmutter sang, auch ihre sch\u00f6nen russischen Lieder, mein Gro\u00dfvater begleitete sie am Klavier. Als sie 63 war, wurde ihr Lebenswerk eingezogen. Er musste in den Krieg. Das war 1943, Peter war 21.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Sie durfte seine unversehrte R\u00fcckkehr 1945 erleben. Kaum ein Jahr sp\u00e4ter gab ihr Herz nach, wohl auch, weil das ihres Mannes von einer 20 Jahre j\u00fcngeren Frau erobert worden war. Wie viel Herz bei dieser Eroberung eine Rolle spielte, mag dahingestellt sein. So richtig gl\u00fccklich schien mir die Ehe zwischen den beiden jedenfalls nicht.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Das nachstehende \u201eTagebuch und Testament eines Unbekannten\u201c schenkte Peter 1947 Charlotte \u201eZum ersten gemeinsam verbrachten Geburtstag\u201c, zusammen mit drei anderen Erz\u00e4hlungen. Charlotte blieb bis zum Ende des Jahrtausends an seiner Seite. Aus den wenigen Berichten aus Peters Soldatenleben in Italien wei\u00df ich, dass es absolut authentisch ist.<\/em><\/p>\n\n\n\n<details class=\"wp-block-details is-layout-flow wp-block-details-is-layout-flow\"><summary><\/summary>\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-28f84493 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:100%\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"814\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/MoujiPortratTagliato_3892-2-814x1024.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4612\" srcset=\"https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/MoujiPortratTagliato_3892-2-814x1024.jpeg 814w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/MoujiPortratTagliato_3892-2-238x300.jpeg 238w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/MoujiPortratTagliato_3892-2-768x966.jpeg 768w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/MoujiPortratTagliato_3892-2-1221x1536.jpeg 1221w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/MoujiPortratTagliato_3892-2-1628x2048.jpeg 1628w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/MoujiPortratTagliato_3892-2.jpeg 1861w\" sizes=\"auto, (max-width: 814px) 100vw, 814px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/details>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text is-stacked-on-mobile\" style=\"grid-template-columns:15% auto\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"814\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/MoujiPortratTagliato_3892-2-814x1024.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4612 size-full\" srcset=\"https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/MoujiPortratTagliato_3892-2-814x1024.jpeg 814w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/MoujiPortratTagliato_3892-2-238x300.jpeg 238w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/MoujiPortratTagliato_3892-2-768x966.jpeg 768w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/MoujiPortratTagliato_3892-2-1221x1536.jpeg 1221w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/MoujiPortratTagliato_3892-2-1628x2048.jpeg 1628w, https:\/\/webaid.it\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/MoujiPortratTagliato_3892-2.jpeg 1861w\" sizes=\"auto, (max-width: 814px) 100vw, 814px\" \/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p><em>Ich m\u00f6chte diese Ver\u00f6ffentlichung in Peter Podehls Internetarchiv meiner mir unbekannt gebliebenen Gro\u00dfmutter Bertha, \u201eMouji\u201c genannt, widmen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<p><em>Und noch 2 Dinge:<\/em><br><em>Die Frau auf dem Bild hie\u00df Sophie.<\/em> <em>Mit Kriegsende ging auch dieser Traum zu Ende.<\/em><br><em>Peter starb 66 Jahre nach dem Mozart und dem Schubert auf dem \u201eBechstein\u201c.&nbsp;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>Claudia Podehl<\/em><br>\u00a9<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">*<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><strong>Tagebuch und Testament eines Unbekannten<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Auf einer der sch\u00f6nen Stra\u00dfen in der Po-Ebene fand ich an einem hei\u00dfen Sommernachmittag ein blaues Buch. Als ich es \u00f6ffnete, fiel ein Blatt heraus. Das Buch enthielt die folgenden Tagebuchnotizen, auf dem Blatt stand, mit blauer Tinte fein geschrieben, das Testament, wie ich es wiedergegeben habe, ohne Punkt und Ende\u2026 Ich wei\u00df nichts vom Schicksal des Verfassers. Hat er das Buch beim Gehen oder vom fahrenden Lastwagen verloren? Ist es aus einem Tornister gefallen, der einem Verwundeten oder einem Gefallenen geh\u00f6rte? Lebt er noch? Seine Worte leben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">\u20aa&nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; \u20aa<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">\u20aa<\/p>\n\n\n\n<p><em>Melazzo, 9. September 1944<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Es scheint merkw\u00fcrdig und etwas \u00fcberfl\u00fcssig, zu Beginn des sechsten Kriegsjahres ein Tagebuch zu beginnen. Und hat doch seinen Grund.<\/p>\n\n\n\n<p>Das kommende Jahr bringt die vollkommene Umw\u00e4lzung alles bisher Gewesenen und Bekannten. Die Entscheidung wird allerdings auf keinen Fall in drei Wochen kommen, wie einige Kameraden behaupten, vielleicht erst lange nach Kriegsende.&nbsp; Aber sie kommt und bringt die Menschen dem Geistigen, ihrer Bestimmung nahe oder l\u00e4sst sie im Chaos verenden.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Melazzo, 10. September 1944<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Es sind zwei Empfindungen, die in meiner Seele in der letzten Zeit Platz gegriffen haben.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Das eine ist die Angst. Nicht wenn die Bomben in der N\u00e4he fallen oder ich die Bordwaffen rattern h\u00f6re; sondern wenn es still ist, dann \u00fcberkommt mich die Angst vor dem kommenden Grauen. Bei wirklicher Gefahr bin ich noch nerv\u00f6s, &#8211; das wird sich geben. Nein, oft den ganzen Vormittag lang, dann wieder nur momentweise geklemmt mich dieses Angstgef\u00fchl durch die Ruhe, mit der es \u00fcber meine Seele kriecht und lasten bleibt. Es ist \u2013 mehr eine Angst um alle. Ob sie t\u00f6richt ist, wei\u00df ich nicht.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Das andere Gef\u00fchl steht zu dieser Angst in krassem Gegensatz, wird sich mit ihr nie vereinen k\u00f6nnen und muss sie \u00fcberwinden. Es ist ein unbeschreibliches Gef\u00fchl der Sicherheit und Zuversicht. Es hat sich wirksam ausgel\u00f6st eigentlich durch die Arbeit an einem weitgespannten Zukunftsprojekt und war noch niemals so stark in mir.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Sie hat mir einen sch\u00f6nen Brief geschrieben\u2026<\/p>\n\n\n\n<p><em>San Romano, 13. September 1944<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ein Eisenhagel ist eben \u00fcber uns niedergegangen. Zwei Jagdbomber griffen unseren K\u00fcchenwagen an, der vor unserem Hause stand. Wie Schn\u00fcrlregen in Salzburg zog die Leuchtspur an den Fenstern vorbei. Man merkt, dass wir verlegt haben. 20 Kilometer ist die Front entfernt. Dort wird gestorben\u2026 Ein Kamerad ist gefallen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Und doch: als das Motorenger\u00e4usch weit weg war, habe ich mich ganz ehrlich nach meinem Gef\u00fchl gefragt. Und es sagte zuversichtlich trotz klopfendem Herzen: mit jedem Schuss \u2013 Ausdruck des alle Dinge und Menschen beherrschenden Hasses -, den ich h\u00f6re, wird meine Liebe zu allen Dingen und allen Menschen fester und st\u00e4rker. Und so soll es bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p><em>San Romano, 14. September 1944<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ja, wir sind an die Front ger\u00fcckt. Mitten hinein in den Appenin. \u00dcber die herrliche ligurische K\u00fcstenstra\u00dfe sind wir gefahren, \u00fcber Genua und La Spezia, an Gerhart Hauptmanns Villa vorbei. In Genua lagen die Obdachlosen und die, die vor den Bomben Angst haben, in den Stra\u00dfentunnels. Manchmal ber\u00fchrten unsere Reifen die Decken und die Laken der Schlafenden. \u00dcberall auf der Strecke warnen Schilder vor Tieffliegern und Partisanen. Fast alle Orte sind zerst\u00f6rt und evakuiert.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>All das stand in krassem Gegensatz zu dem unendlichen Reichtum und Glanz der Landschaft. Immer wieder habe ich in Italien das Gef\u00fchl, dass man diese volle Landschaft trinken und atmen muss, das Schauen gen\u00fcgt nicht. Ich m\u00f6chte sp\u00e4ter einmal mit ihr hierher fahren. Es ist ein \u201eLand f\u00fcr Hochzeitsreisen\u201c. Es mag an dem Gef\u00fchlsreichtum liegen, den es auszul\u00f6sen vermag. Es ist zu viel f\u00fcr zwei Augen: es will Wiederhall in zwei geliebten Augen!<\/p>\n\n\n\n<p><em>San Romano, 18. September 1944<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Wir sind wieder kurz vor dem Umzug, gehen etwas zur\u00fcck. Zuerst muss aber noch die partisanengef\u00e4hrdete Stra\u00dfe erkundet werden. Angeblich sind alle Br\u00fccken gesprengt. Wir haben gepackt und sitzen arbeitslos herum.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ihr Bild steht noch auf dem halb leeren, halb unordentlichen Schreibtisch, darunter das Rosenblatt aus ihrem Garten. Sie werden immer ganz zuletzt eingepackt.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich Oskar das Bild neulich zeigte, fand er es vergr\u00e4mt und zu ernst (er kennt sie nicht pers\u00f6nlich). Ich hatte das nie gefunden, und als ich es danach erstaunt betrachtete, musste ich ihm fast recht geben. Fast, &#8211; denn es ist etwas Merkw\u00fcrdiges um dieses Bild. Es sind viele Bilder \u00fcbereinander. Die Z\u00fcge ihres Gesichts scheinen in verschiedenen Empfindungen aufgezeichnet und hintereinander gegen das Licht gehalten. Es ist so wie eine Zusammenziehung ihres Wesens, und deshalb liebe ich es so.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Verh\u00e4ltnis zu ihr mag in der Zukunft auseinandergehen, mag sich festigen oder vergeistigen, &#8211; Tatsache und bedeutsam bleibt, dass es ihr Bild&nbsp; &#8211; nicht nur das auf dem Schreibtisch \u2013 war, das mich immer begleitete in der langen Zeit des Weltleidens und der Trennung von den Lieben.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, ihr Bild hat sogar heute meine Meinung \u00fcber das Kommende und das Kriegsende gefestigt. Diese ineinander verlaufenden Z\u00fcge aller menschlichen Tiefen weisen auf das kommende Grauen und wehe Erfahrungen, das fast unmerkliche L\u00e4cheln (Oskar bemerkte es gar nicht) auf das erste befreiende Atmen nach dem Krieg. Ihre Z\u00fcge wissen schon nichts mehr von Geschrei, von&nbsp; Waffentaten und Helden, nur noch M\u00fcdigkeit und Frieden und dem Beginn eines neuen Lebens.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieses Leben an ihrer Seite m\u00fcsste herrlich sein!<\/p>\n\n\n\n<p><em>Santo Stefano, 20. September 1944<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Hinter unserer Villa ist ein Weingarten, dessen Besitzer gefl\u00fcchtet ist. Die Fr\u00fcchte sind von unbeschreiblicher S\u00fc\u00dfe. Die Landschaft ist sch\u00f6n. Das letzte Tal vor der Meeresk\u00fcste, ganz breit, hinter den H\u00fcgeln ahnt man das Meer. Etwas Herbstliches macht die Gegend sehr still. Man k\u00f6nnte vergessen, man m\u00f6chte es\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Und manchmal vergisst man auch, um bald erschrocken wieder zu erwachen vor dem Gedanken an das Kommende.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Santo Stefano, 25. September 1944<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Oskar kommt zu einer anderen Einheit. Ich habe in ihm einen wirklichen Freund gefunden und nun geht er schon zum dritten Mal wieder weg. Wir sind uns gerade, seitdem die Front so laut geworden ist, so nahe gekommen und waren so gl\u00fccklich.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber vielleicht soll es auch so sein. Vielleicht sollen die Dingen aneinander zum Treiben und zum Bl\u00fchen gebracht werden, und dann in der Einsamkeit reifen. Ich muss immer an den Untertitel der \u201eWanderjahre\u201c, \u201eDie Entsagenden\u201c denken\u2026<\/p>\n\n\n\n<p><em>Santo Stefano, 26. September 1944<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Geistlichkeiten kann man vielleicht die Dinge nennen, die uns heute so viel wert sind, wie essen und trinken und mehr wert als Geld.<\/p>\n\n\n\n<p>Man wird stumpf den \u00e4u\u00dferen Dingen gegen\u00fcber. Ich schenke lieber meine Zigarette weg, als dass ich einen kurzen Weg gehe, um sie gegen Brauchbares einzutauschen \u2013 eben weil das Brauchbare heute etwas ist, was man nicht mit Zigaretten einhandeln kann. Es ist gut, dass diese Dinge unwichtig werden, vielleicht erkennt man auch mal die Unwichtigkeit von Kanonen.<\/p>\n\n\n\n<p>Briefe, die wir mit Andacht und klopfendem Herzen empfangen, in denen uns Worte im Innersten ansprechen; Briefe, die wir nach langer \u00dcberlegung oder aus der Intuition schreiben, wo wir uns Wort f\u00fcr Wort, oder Satz f\u00fcr Satz abringen \u2013 das sind Geistigkeiten. Es k\u00f6nnen klare Gedanken sein, zu denen uns Goethe anregt, es kann die W\u00e4rme eines Gef\u00fchls sein, das uns ein Sonnenuntergang einfl\u00f6\u00dft.<\/p>\n\n\n\n<p>Alle wirklichen \u201eDinge\u201c sind Geistigkeiten!<\/p>\n\n\n\n<p><em>Santo Stefano, 30. September 1944<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ich wei\u00df nicht, ob ich verwundet werde, ob ich fallen werde aus der Reihe der Lebendigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn ich fallen werde, werden einige Leute behaupten, dass der Umschwung zum Geistigen bei Beginn des sechsten Kriegsjahres (besonders dieses Tagebuch) das deutliche Anzeichen, das Ahnen des vom Tode Gezeichneten ist. Falle ich nicht, bin ich eben nur \u201esehr reif\u201c f\u00fcr das jugendliche Alter, wie mir neuerdings in vielen Briefen aus der Heimat gesagt wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich ahne den Tod nicht. Ich bin nicht reifer, als alle Menschen in meinem Alter sein k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>San Biagio, 4. Oktober 1944<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Gestern abend las ich im \u201eFaust\u201c die erste Scene. Da wollte ich \u00fcber Christus nachdenken. Aber ich kann ihn nicht fassen, &#8211; konnte ihn nie fassen, so oft ich \u00fcber ihn nachzudenken versuchte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ist er gro\u00df? Aber das wirklich Gro\u00dfe ist doch meistens auch das Allgemeinverst\u00e4ndliche (im besten Sinn). Ich kann immer die Idee vom \u201eGott in uns\u201c mit der Christusgestalt vereinen. Ich will im G\u00f6ttlichen das den Menschen Beherrschende sehen, zu dem wir uns entwickeln sollen, &#8211; wollen. Wenn das aber eine Gestalt au\u00dfer uns sein kann\u2026&nbsp; Vielleicht bin ich noch zu jung \u2013 prometheisch -, um den Christusgeist zu brauchen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>San Biagio, 7. Oktober 1944<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Es leben Dinge, die aller Not entbehren. Mit einem Autoschl\u00fcssel habe ich ein verkommenes, altes Klavier gestimmt und ihm meine Melodien entlockt. Es ist kein Bechstein geworden, aber es war Mozart und Schubert. Es sind Geistigkeiten.<\/p>\n\n\n\n<p><em>San Biagio, 9. Oktober 1944<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ich musste an das Wunder denken. Ich bin zwar in der biblischen Geschichte vollkommen unbewandert. Ich dachte an die Stelle, wo das auserw\u00e4hlte Volk durch das rote Meer schreitet.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist das Kriterium des Wunders und des Glaubens: das Vorbehaltlose. Das Meereswasser teilte sich und lie\u00df eine Furt, weil das Volk vorbehaltlos glaubte. Der erste, der hindurchschritt, durfte nicht probieren, ob das Wasser wirklich weichen w\u00fcrde, er hatte auch keine Furcht vor dem Ertrinken, ja keine Gedanken daran.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir d\u00fcrfen nicht glauben, weil wir Bonbons oder Pr\u00fcgel &#8211; in irgendeiner Form \u2013 erwarten, sondern vorbehaltlos und uneigenn\u00fctzig glauben, ohne \u201eweil\u201c, &#8211; das f\u00fchrt zu Gott.<\/p>\n\n\n\n<p><em>San Biagio, 15. Oktober 1944<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Wenn man so im Grase liegt (weniger wegen des Ruhens, als wegen der Deckung), dann werden Gr\u00e4ser und W\u00fcrmer, Pflanzen und Insekten so nah. Neulich dachte ich beim Betrachten der kleinen Welt, dass doch so eine Biene, die von Bl\u00fcte zu Bl\u00fcte summt, viel gl\u00fccklicher ist, als etwa ein als Soldat verkleideter Mensch. Aber weiterdenkend fand ich, dass es doch sch\u00f6ner ist, gerade jetzt nicht ein unbeteiligtes Naturwesen zu sein, sondern ein miterlebender Mensch. Ja, es ist eine Lust, jetzt Mensch zu sein, entgegen der furchtbaren und ersch\u00fctternden Behauptung eines Kameraden: \u201eIch w\u00fcnschte, ich w\u00e4re im Polenfeldzug gefallen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Diesen erbitterten, blo\u00dflegenden Kampf um die Daseinsberechtigung des menschlichen Geistes und Geschlechts, &#8211; an diesem Kampf teilhaben zu k\u00f6nnen, das ist eine Gnade.<\/p>\n\n\n\n<p><em>San Biagio, 23. Oktober 1944<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Auf der ganzen Erde herrscht das Grauen, Waffen und Hunger f\u00fchren die lauteste Sprache; nur wenige Menschen verm\u00f6gen noch ein halbwegs zivilisiertes Leben zu f\u00fchren. Die neuen Waffen werden auch diese Menschen das Grauen lehren.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann muss zwangsl\u00e4ufig die entscheidende Stunde der Menschheit kommen: das Verenden im Materialismus oder die Vollendung im Geistigen!<\/p>\n\n\n\n<p><em>San Biagio, 2. November 1944<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ich lebe ein Doppelleben. Allerdings kein kriminell verd\u00e4chtiges, sondern ein \u2013 modernes.<\/p>\n\n\n\n<p>Das eine Leben ist ausgef\u00fcllt mit Meldungen, \u00c4rger, Streitigkeiten, Befehlen, derben Sp\u00e4\u00dfen und Nichtigkeiten, Nichtigkeiten\u2026 Es ist eine Art Traumleben, dieses Soldatendasein, so komisch es klingt. Was wir treiben, ist eigentlich ein Kinderspiel. \u2013 Weil wir aber Erwachsene sind, wird es zu diesem grauenhaften Kriegsgeschehen. Die Natur l\u00e4sst nicht mit sich handeln: wer die Jugend hinter sich hat, muss erwachsen werden. Ich wei\u00df, es gibt noch gewichtigere und tiefere Hintergr\u00fcnde f\u00fcr das Massensterben als nur die Infantilit\u00e4t von Gener\u00e4len.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Das andere Leben ist wirklich. Es bewegt sich gleichsam auf einer h\u00f6heren, der lebenswerten Ebene. Ich lebe es in stillen Stunden, beim Zeichnen, Schreiben, wenn ich mich mit den Geistigkeiten befasse. Es ber\u00fchrt sich mit dem anderen Leben an keinem Punkt und das macht mein Doppelleben so interessant.<\/p>\n\n\n\n<p><em>San Biagio, 8. November 1944<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Manchmal wird das Leben furchtbar einfach. Da passen alle Menschen und Vorg\u00e4nge in irgend ein aufgestelltes Schema. Vielleicht ist es gar nicht unrichtig, wenn man die Menschen in Gef\u00fchls- und Kopfmenschen einteilt; man k\u00f6nnte sie auch nach Briefmarkensammlern und Nichtbriefmarkensammlern unterscheiden. Interessant und wiederum vollkommen undurchdringlich wird das Leben durch die \u00dcberschneidungen: sowohl unter den Kopf-, als auch unter den Gef\u00fchlsmenschen finden sich Sammler und Nichtsammler.<\/p>\n\n\n\n<p>Und manchmal findet man doch ganz einfache Worte, die sehr viel auszudr\u00fccken verm\u00f6gen. Sie stellen keineswegs die L\u00f6sung irgendwelcher Probleme dar, aber sie k\u00f6nnen als Richtschnur dienen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>So fand ich f\u00fcr mein Leben zwei Worte: Arbeit und Liebe. Liegt da nicht alles drin, was man zu erreichen vermag und auch alles, was Welt und Leben zu bieten verm\u00f6gen? Ich glaube, alles, was sich mit diesen Worten nicht vereinigen l\u00e4sst, hat keinen Wert.<\/p>\n\n\n\n<p>Da liegt eine sch\u00f6ne Klarheit in diesen Worten, mit ihnen kann man eine sch\u00f6nere Zukunft bauen, die frei ist von Unechtem und Unwesentlichem. Sie beschlie\u00dfen die Sch\u00f6nheit Gottes und der Welt in sich.<\/p>\n\n\n\n<p><em>San Biagio, 12. November 1944<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Es ist ein Gewitter. Das ist hier, wo die warmen L\u00fcfte des Meeres und die bereits kalten des Gebirges so direkt aufeinandersto\u00dfen, nichts Seltenes.<\/p>\n\n\n\n<p>Die eine Seite des Himmels ist undurchdringlich grau. Da regnet es. Auf der anderen Seite ist eine Sinfonie von Grau und Rosa. Zuweilen ist ein St\u00fcck Himmel tiefblau oder hellgelbblau und wolkenlos klar. Wie am Mittag eines Sommertages. Es ist sch\u00f6n wie eine Mozart-Melodie.<\/p>\n\n\n\n<p>Von der Regenseite das Auge \u00fcber die herbstfarbenen H\u00fcgel in diesen lichten Himmel schweifen lassen, &#8211; das ist wie ein Geschenk Gottes.<\/p>\n\n\n\n<p>Man m\u00f6chte knieen und beten\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4ter.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt ist es fast dunkel geworden. Unter den d\u00fcsteren Wolken ist ein feiner lichter Streifen, der untere Rand der Wolken golden. Irgendwo ist die Wolkendecke zerrissen. Von da wirft die Venus ihr Licht auf die Erde. Wie kam ich als kleines Kind zu der Angst vor diesem Stern?<\/p>\n\n\n\n<p>Und ich bete nicht. Bin ich so hart und verschlossen geworden? Oder ist der Weg zu Gott so weit?<\/p>\n\n\n\n<p>Wie erkl\u00e4rt sich das, dass man niederknien und beten m\u00f6chte, und es nicht tut, nicht kann? Auch abends manchmal m\u00f6chte ich die H\u00e4nde falten und bringe die Finger nicht zusammen, finde nicht zu Gott.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich sehe Gottes Sch\u00f6nheit und kann davon nicht zu ihm sprechen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4ter.<\/p>\n\n\n\n<p>Mondlos dunkel, klare Luft. Die Sterne schweigen \u2013 oder sprechen sie?<\/p>\n\n\n\n<p>Man muss vielleicht nur schweigen vor Gottes Sch\u00f6nheit. Nicht denken, nicht&nbsp; einmal f\u00fchlen,- Vielleicht findet man dann jenes Reich zwischen Nichts und All.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">\u20aa&nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; \u20aa<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">\u20aa<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Testament.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich f\u00fchle mich in dieser Stunde, da ich aufschreibe, was die Umwelt nach meinem Tod \u00fcber mich wissen mag, mit allen guten Geistern dieser Welt vereint.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich benutze dieses Schriftst\u00fcck nicht, um mein Verm\u00f6gen zu vermachen \u2013 ich habe nichts -, sondern um meine Gedanken \u00fcber Leben und Tod aufzuzeichnen, um \u2013 so weit es m\u00f6glich ist \u2013 Klarheit zu bekommen \u00fcber die letzten Dinge. Ich schreibe nicht in der Ahnung des nahen Todes. Ich wei\u00df nicht, wann ich sterben werde. Ich m\u00f6chte noch lange leben.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>So ist dieses Testament eigentlich ein Bekenntnis, eine Rechenschaft \u00fcber mein Dasein, mein Denken. Ich bin sterblich, unsterblich bleibt mein Ich, mein geistiges Streben, das ich mit allen Menschen gemeinsam habe. Das Leben und die Erde haben mir unendlich viel geschenkt, ich liebe Leben und Erde. Ich wei\u00df um einen Gott\u2026 Ich liebe das Ewige in Mozarts Melodien, in Goethes Worten, ich bete es an in im Wesen einer geliebten Frau. Ich danke Eltern und Lehrern f\u00fcr die Worte und Gesten, mit denen sie mich besch\u00fctzt und geleitet haben. Ich habe von Eros\u2018 weitem Gl\u00fcck und seiner l\u00e4hmenden Tragik erfahren. Ich baue auf ein Lebenswerk und die fruchtbare Arbeit daran war oft der befriedigende Trost in matten Stunden.<\/p>\n\n\n\n<p>In den stillen Stunden, die mir der Krieg lie\u00df, habe ich erkannt, dass die letzten (man mag auch sagen: die ersten) Dinge von einer begl\u00fcckenden, g\u00f6ttlichen Einfachheit sind. Ich bin zu jung, um diese Behauptung stichhaltig unterbauen zu k\u00f6nnen. Es ist so: unendlich viele Stunden braucht man zu der Erkenntnis, dass wir nicht zu wenig, sondern viel zu viel wissen. Nicht in einer Sandw\u00fcste m\u00fcssen wir die Oasen des Geistes suchen, sondern in einem H\u00e4usermeer die einzige Wohnung, die den Geist beherbergt.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht im menschlichen Leben und im Leben der Welt um die Erkenntnis und die Anerkennung der Allmacht des Geistes. Der Geist ist das Regierende, das Unsterbliche, alle Natur und alles Menschliche in sich Beschlie\u00dfende. Diese Erkenntnis f\u00fchrt zu der Ruhe, die ein Religionsstifter empfinden mag, zu der Ruhe eines l\u00e4ndlichen Kindes oder etwa eines Baumes in seiner Sommermajest\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p>Alle wirklichen Probleme werden durch diese Erkenntnis zu einer \u2013 im w\u00f6rtlichen Sinne \u2013 unaussprechlich einfachen L\u00f6sung gef\u00fchrt. Der suchende, durch Wissenschaft und Materie gleichsam belastete Mensch mag es \u00fcberheblich finden oder diese L\u00f6sung als primitiv oder vertr\u00e4umt oder auswegartig oder zu pers\u00f6nlich ablehnen, &#8211; solange er nicht zu der gleichen Erkenntnis kommt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Weg zum Geist ist ein Kampf. Ein Kampf mit den irdischen M\u00e4chten etwa des Triebes und des Intellektes um den g\u00f6ttlichen Geist. Ein Kampf, den ich weder begonnen noch etwa beendet habe; den niemand beenden kann, es sei denn die geeinte Menschheit. Die geeinte Menschheit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\">\u00a9 Peter Podehl<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=1555\">Was Peter danach schrieb<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>*** Peter und der Krieg *** Italiano Meine Gro\u00dfmutter wurde 1880 geboren. 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