{"id":968,"date":"2023-02-04T16:23:44","date_gmt":"2023-02-04T16:23:44","guid":{"rendered":"https:\/\/peterpodehl.com\/?page_id=968"},"modified":"2026-02-19T11:49:25","modified_gmt":"2026-02-19T11:49:25","slug":"peter-und-der-tod","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/webaid.it\/?page_id=968","title":{"rendered":"Peter und der Tod"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-text-align-center\">***<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading has-text-align-center\">Peter und der Tod<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">von<br>Claudia Podehl<br>\u00a9<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">***<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=1068\">Italiano<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Er starb, als der ihm genehme Moment gekommen war. Da h\u00f6rte er nur einfach auf zu atmen. Er liebte es, Irina und mich zu beobachten, wenn wir kleine Alltagsabenteuer erz\u00e4hlten. Oft war&#8217;s dann Italienisch, und er verstand nur sinngem\u00e4\u00df oder gar nicht, aber unsere Mimik gefiel ihm, Irina sei dann Charlotte so \u00e4hnlich, sagte er. Und so kam es, dass Gianni rauf nach Mandela gefahren war, um f\u00fcr alle F\u00e4lle eine Sauerstoffflasche bereit zu haben, und die beiden Pfleger, Vater und Sohn, mit mir warteten. Und ich begann, solche Geschichten zu erz\u00e4hlen. Von den fr\u00f6hlichen Spaghetti-Abendessen in der Aretinstra\u00dfe, wenn ich nach M\u00fcnchen kam. 12 Leute passten um den Tisch, ich telefonierte einfach los, wer Zeit hatte, kam, denn auf Spaghetti hatten alle immer Lust, und es ging immer lebhaft zu. Peter atmete schwer, beobachtete mich, wenn er ab und zu noch mal die Augen kurz aufmachte, h\u00f6rte mich reden, eine halbe Stunde zuvor hatte er Bruno und Daniel noch mit l\u00e4chelndem Winken begr\u00fc\u00dft. Als ich dann weiter von einem Kunden zu erz\u00e4hlen begann, der in Kalabrien ein Delfin-Therapiezentrum aufmachen wollte, an der latenten Mafia dort jedoch scheiterte, setzte das schwere Atmen pl\u00f6tzlich aus. Ich legte die Hand auf sein Herz: ein paar rasche wilde Schl\u00e4ge und aus.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Arzt kam, und das Bestattungsunternehmen mit dem \u00fcblichen italienischen Firlefanzkitsch. Am Abend beklagte ich mich bei Gianni \u00fcber deren gewisse Hudeligkeit. Da standen sie also am n\u00e4chsten Tag, am Rande der gro\u00dfen Wiese vor dem weiten Bergpanorama und warteten von Gianni ausgeschimpft etwas betreten auf die Erlaubnis, den Sarg zumachen und forttragen zu d\u00fcrfen. Aus der Veranda kamen Lachsalven. Peters Urenkel, Adriano, noch keine 2 Jahre, und Cousin Pietro, der gerade laufen gelernt hatte, trieben ihre kleinen Machtspielchen. Pietro hatte n\u00e4mlich entdeckt, dass er Adriano \u00e4rgern konnte, indem er ihm die Spielsachen wegnahm. Das f\u00fchrte dann zu Adrianos Aufheulen, was das schallende Gel\u00e4chter aller gebannt zuschauenden Erwachsenen zur Folge hatte, w\u00e4hrend in Peters Zimmer Neuank\u00f6mmlinge an seinem noch offenen Sarg Abschied nahmen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich glaube, er hat diese Szene genossen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem wunderlichen Gottesdienst in der kleinen katholischen Dorfkirche in Mandela f\u00fcr den evangelischen Peter, gehalten von einem s\u00fcdamerikanischen Indiopriester (Italien hat keine eigenen Priester mehr) mit wundervoll warmen H\u00e4nden, und dem endg\u00fcltigen Abschied, gingen wir dann alle im Kapuzinerkloster S. Cosimato essen. Die Italiener lassen keine Gelegenheit aus, um sich gesellig bei jeglicher Art von Essen mit Besteck oder auch nur mit Fingern zusammenzutun, aber nach einem Begr\u00e4bnis? Weshalb es dann dort zun\u00e4chst nicht ganz so lustig zuging, wie bei deutschen Leichenschm\u00e4usen. Die Italiener trauten sich nicht so recht. Aber die vielen kleinen Kinder, Peters Urenkel, unsere Neffen und Freunde unserer Kinder mit ihrem kleinen windelgef\u00fcllt duftenden Nachwuchs entspannten die Atmosph\u00e4re derma\u00dfen, dass Giordano, als der sonnige warme Oktobertag im Klosterhof zur Neige ging und man sich verabschiedete, sich bei mir f\u00fcr den sch\u00f6nen Tag bedank.., aber sogleich erschreckt die Hand vor den Mund hielt.<\/p>\n\n\n\n<p>Da h\u00f6rte ich Peter kichern.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch bin keine Strafe\u201c, sagt der Tod in Peters Theaterst\u00fcck \u201e<a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=3087\">Eupa und Ro<\/a>\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Magen macht Spirenzchen, ein Fall f\u00fcr meine Hom\u00f6opathin Antonita. Die staunt nicht schlecht, denn grunds\u00e4tzlich scheint alles ziemlich in Ordnung zu sein. Was soll ich dir da geben? Hm. Sie \u00fcberlegt eine Weile. Ich hab\u2019s: Ignatia.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich kaufe Ignatia, nehme nach Vorschrift zwei K\u00fcgelchen und dann rase ich wie eine Irre mit ebenso irren Kehrtwendungen um 190\u00b0 und wache h\u00f6chst verwirrt mitten in der Nacht auf.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Zwei N\u00e4chte sp\u00e4ter knalle ich mit der Faust auf den Tisch und schreie: Ich will jetzt endlich trockenes Wasser haben!!!<\/p>\n\n\n\n<p>Im Internet lese ich nach: Ignatia ist eines der widerspr\u00fcchlichsten Mittel der Materia medica. &#8211; Aha. &#8211; Woanders steht: Wenn ein Ignatia im Fluss ertrinkt, dann suche man die Leiche nicht flussabw\u00e4rts sondern flussaufw\u00e4rts.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Das gef\u00e4llt mir. Think different!&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich suche und finde Lesestoff \u00fcber Hom\u00f6opathie und Tr\u00e4ume, der mir die T\u00fcr in die wundervolle Jung\u2019sche Psychologie \u00f6ffnet. Kompliziert und faszinierend. Zwischen gro\u00dfm\u00fctterlicher B\u00e4uerchenf\u00f6rderung, Schnullerberuhigungsaktionen und Windelwechselei bei der derzeit j\u00fcngsten Enkelin brauche ich Monate, um mich da hineinzulesen und halbwegs verstehen zu k\u00f6nnen. In dem Buch tr\u00e4umt eine Frau, sie werde mit der ganzen Familie in einer Kapsel in den Weltraum geschossen. Ich denke an das \u201eGemini\u201c-Projekt von vor vielen Jahren, die Hom\u00f6opathin dagegen wundert sich \u00fcber das Wort \u201eKapsel\u201c und erkennt in ihrer Logik, dass es in der Materia Medica nur ein Mittel gibt, das aus einer Kapsel gewonnen wird, verschreibt es \u2013 selbstverst\u00e4ndlich nach eingehender Untersuchung des Falls und der Patientin, wie es sich in der Hom\u00f6opathie geh\u00f6rt &#8211; und diese wird von ihren Beschwerden befreit.<\/p>\n\n\n\n<p>Peter h\u00e4tte angesichts solch verschrobener Logik den rechten Arm um den Hinterkopf geschlungen, um dann die (rechte) Hand von links vor den Mund zu halten und in diese hineinzuh\u00fcsteln.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber wenn ein Ignatiakadaver flussaufw\u00e4rts treibt, dann ist eh schon alles verr\u00fcckt und mir soll&#8217;s recht sein. Lassen wir allen Blicken in solch verkehrte Welten freien Lauf.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Und einige Monate und Marie-Louise-von-Franz-Lekt\u00fcren weiter kommts dann noch viel heftiger: Tod, Feuer, Reichtum, Leere und Tag sind Archetypen, die z\u00e4hlen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich tr\u00e4ume nach sehr langer Zeit von Mani. Bin an einem mir im Traum bekannten Ort am Fu\u00dfe eines H\u00fcgels, es kommen viele mir ebenfalls im Traum bekannte Kinder, die ich erwartet hatte und wir gehen alle den H\u00fcgel rauf in interne R\u00e4umlichkeiten. Die Kinder in Winterbekleidung, obwohl die B\u00e4ume Sommerbelaubung tragen, toben wie \u00fcblich \u00fcberall rum und erkunden, und zuletzt kommen wir an eine T\u00fcr weit hinten, an die wir anklopfen. Mani \u00f6ffnet mit einem \u201eAch da seid ihr ja! kommt nur rein.\u201c Von der T\u00fcr aus geht es erst mal nach links, denn hinter der T\u00fcr ist eine wei\u00dfe Wand, wie in China, wo die Geister nicht um die Ecke rennen k\u00f6nnen und deshalb beim Versuch in das Haus einzudringen, an dieser Wand zur\u00fcckprallen. Was die mir voraus nach links abgebogenen Kinder dahinter gefunden haben, habe ich selbst im Traum nicht mehr erkundet.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMut zur Arbeit brauche ich, um angesichts des Sterbens im Nachbarhaus mit der Folge GESUNDHEIT zu beginnen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Das war Peters Anfang zu seinen Aufzeichnungen zur genannten <a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=2804\">Hallo-Spencer-Folge<\/a>. Mani starb 8 Tage sp\u00e4ter.<\/p>\n\n\n\n<p>Also: Tod, Feuer, Reichtum, Leere und Tag k\u00f6nnen z\u00e4hlen. Reichtum? Na klar, Dagobert Duck z\u00e4hlt andauernd sein Geld. Und alle Menschen z\u00e4hlen die Tage, b\u00fcndeln und unterteilen sie in Monate oder Milliarden Jahre und Stunden oder Nanosekunden. Was ich mir unter Letzteren vorzustellen h\u00e4tte, wei\u00df ich nicht, und als Enkel Adriano mir neulich erkl\u00e4rte, sein neuester Sowieso-Saurier aus Plastik habe vor 30 Millionen Jahren gelebt &#8211; drei\u00dfig Millionen Jahre unterstreicht er, in der Hoffnung, seine Gro\u00dfmutter k\u00f6nne ihm eine verst\u00e4ndliche Erkl\u00e4rung f\u00fcr diese Dimension geben &#8211; musste ich ihm leider die Antwort schuldig bleiben. Aber was \u2013 oder wie &#8211; um Himmels Willen z\u00e4hlt das Feuer? Und die Leere? Ich lese weiter: \u201cFeuer und Reichtum sind offensichtlich Symbole f\u00fcr die psychische Energie. Und dann denkt man auch an die alten Darstellungen der Todesgottheit, z.B. in der griechisch-r\u00f6mischen Religion, wo der Tod Jupiter oder der Zeus der Unterwelt ist. Der Gott der Unendlichkeit und der Schatzmeister. Das Totenreich ist wie ein Schatz und der Totengott wie ein W\u00e4chter dieses unermesslichen Schatzes, aus dem das Leben wieder erzeugt und in den die Sterbenden wieder zur\u00fcckgeholt werden.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Wie wunderbar! Das ist wahres Leben: Das Totenreich ist ein Schatz. Etwas wertvolles also. Der Tod ist kein Ende. Und auch keine Strafe. Aus dem Totenreich, aus dem Tod wird Leben generiert.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Tod z\u00e4hlt: \u201eEins, zwei, drei, vier, f\u00fcnf, sechs, sieben, eine alte Frau kocht R\u00fcben, eine alte Frau kocht Speck. Und du bist weg.\u201c Mani weg. <em>Her number was up<\/em>. Sie war dran. Da sind wir machtlos, und das hat f\u00fcr uns einen mit unserem armen, eingeschr\u00e4nkten menschlichen Denken nicht fassbaren Sinn.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWie viel Ungesagtes nehmen Sterbende mit in den Tod? Wir sterben mit vielem Ungesagten. Am wichtigsten ist im Angesicht des Todes, dass wir Liebe sagen und gesagt kriegen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Aus Peters Aufzeichnungen zum <a href=\"http:\/\/www.stadtroman.de\">Stadtroman<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p>Mani weg. Unfassbar, aus der F\u00fclle ihres Lebens herausgerissen. Der Tod hinterl\u00e4sst Schmerz, weil das Gespr\u00e4ch zu Ende ist, wir reden mit uns selber, geben uns Antworten, denen das unverzichtbare Anderssein des Anderen fehlt. Er ist ein Schock, ein Sto\u00df, Ansto\u00df, er hinterl\u00e4sst Leere, Freiraum, den die Lebenden neu f\u00fcllen. Und er schlie\u00dft das Erdenleben ab. Man res\u00fcmiert also.<\/p>\n\n\n\n<p>Was hat sie hinterlassen? Die 3j\u00e4hrige Verena und die 5 Monate alte Claudia. Wenn ich sie heute sehe, dann sind es sch\u00f6ne Frauen mitten in der F\u00fclle ihres Lebens. Uschi sei mein Dank ausgesprochen. Sie aus der Glibbermasse, aus dem unermesslich gro\u00dfen Seelenschatz herauszukristallisieren, ihre Menschwerdung war Manis Aufgabe. Sie hat sie erf\u00fcllt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Was war ihre gr\u00f6\u00dfte Sehnsucht? Den Mann ihres Lebens zu finden. Den hat sie sehr aktiv und sehr lange gesucht. Und gefunden. Sie wollte ein Leben lang von Ekke geliebt werden. Das hat sie erreicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Was hat ihr Tod bewirkt?&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Fast auf den Tag genau zwanzig Jahre nach ihrem Tod f\u00e4llt Ekke mitten in seinem engagierten Berufsleben um. Burn Out. Er wird sechs Monate brauchen, um so viel Energien zu regenerieren, dass er in das neue Leben, das ihn erwartet, hinaustreten kann: Nach vielen langen Jahren kann Ekke sich schlie\u00dflich erl\u00f6sen, das Stahlger\u00fcst sprengen, die unglaublichen Verstrickungen, in die er kaum geboren \u2013 und frei &#8211; hineingezwungen worden war.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Geschichte kann nur Ekke weiterschreiben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\">Claudia Podehl<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">***<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=2725\">Freud und Leid und zwei letzte Geschichten<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=2722\">Die Puppenspieler berichten<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=2685\">Peter an Charlotte<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=3746\">Antwort auf der Stra\u00dfe<\/a> aus <a href=\"https:\/\/webaid.it\/?page_id=958\">Peters kleinen Geschichten<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>*** Peter und der Tod vonClaudia Podehl\u00a9 *** Italiano Er starb, als der ihm genehme Moment gekommen war. 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